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Germanische Feste und heidnische Feiertage – was die Quellen über Jul, Blót und Winternächte wirklich sagen

Feste & Bräuche Germanische Feste und heidnische Feiertage – was die Quellen über Jul, Blót und Winternächte wirklich sagen

Die germanischen Feste, die wirklich belegt sind, lassen sich an einer Hand abzählen: ein Opfer zu Winterbeginn, das Julfest zur Mitte des Winters und ein Siegopfer zum Sommeranfang – so überliefert es Snorri in der Ynglinga saga. Dazu kommen das Dísablót, die Winternächte, Bedas angelsächsische „Mütternacht“ und die großen Neunjahresfeste von Lejre und Uppsala. Was fehlt: Ostara, Litha und Mabon als altes Achterrad. Das ist eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts. Hier bekommst du den ehrlichen Festkalender, Quelle für Quelle.

Such im Netz nach „germanischen Festen“, und du bekommst ein sauberes Rad mit acht Speichen: Jul, Imbolc, Ostara, Beltane, Litha, Lughnasadh, Mabon, Samhain. Hübsch gezeichnet, gleichmäßig verteilt, mit Kerzen und Kräuterkranz. Das Problem: Kein Wikinger und kein Sachse hätte dieses Rad erkannt. Die echten Quellen sind spröder, lückenhafter und genau deshalb viel spannender. Sie erzählen von Blut in Kesseln, von Bauern, die ihren König zwingen, Pferdeleber zu essen, von Türen, die man einem Dichter vor der Nase zuschlägt, und von einem Jahr, das nur zwei Jahreszeiten kannte.

Woher wir überhaupt etwas wissen

Die germanischsprachigen Völker haben ihren Festkalender nicht selbst aufgeschrieben. Was wir wissen, stammt aus drei Schichten, die man auseinanderhalten muss.

Die erste Schicht sind Beobachter von außen, die zur Zeit des Heidentums oder kurz danach schrieben: der Römer Tacitus um 98 n. Chr., der angelsächsische Mönch Beda 725, der sächsische Bischof Thietmar von Merseburg zwischen 1012 und 1018, der Bremer Domherr Adam um 1075. Sie sind zeitlich nah dran, aber Christen, oft auf Hörensagen angewiesen.

Die zweite Schicht ist die Skaldendichtung: Strophen, die schon zur Wikingerzeit an Fürstenhöfen vorgetragen und später in Sagas zitiert wurden.

Die dritte und ausführlichste Schicht sind die isländischen Sagas und Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert. Snorri schrieb über 200 Jahre nach der Christianisierung Islands. Er war gut informiert, systematisierte aber, wo die Wirklichkeit vermutlich bunter war. Mehr zu ihm findest du in unserem Porträt von Snorri Sturluson.

Die Archäologie zeigt, dass gefeiert und geopfert wurde, verrät aber selten, an welchem Tag. Zu den Orten selbst siehe Blót-Orten: Hörgr, Hof und Kulthalle.

Ein Jahr aus zwei Hälften

Bevor wir über einzelne Feste sprechen, müssen wir das Jahr selbst neu denken. Im Norden bestand es aus zwei Halbjahren, altnordisch misseri: Sommer und Winter. Frühling und Herbst als eigene Jahreszeiten kannte man nicht. Alter wurde in Wintern gezählt, und noch in den isländischen Sagas ist ein Junge „zwölf Winter alt“.

Das ist kein nordisches Sondergut. Beda schreibt in De temporum ratione (Kapitel 15), die heidnischen Angelsachsen hätten das Jahr ursprünglich in zwei Zeiten geteilt, Sommer und Winter: Die sechs Monate mit längeren Tagen waren Sommer, die übrigen sechs Winter. Und schon Tacitus bemerkt in der Germania (Kapitel 11), die Germanen zählten nicht nach Tagen, sondern nach Nächten. Das klingt im englischen fortnight („vierzehn Nächte“) bis heute nach.

Gerechnet wurde in Mondmonaten. Damit sie zum Sonnenjahr passten, schoben die Angelsachsen laut Beda manchmal einen dreizehnten Monat in den Sommer ein. Feste hingen also an Mondphasen und Jahreszeiten, nicht an festen Daten. Wie die Isländer daraus ein festes Wochensystem machten, zeigt unser altnordischer Kalender.

Was ist ein Blót?

Das altnordische Wort blót bedeutet „Opfer“, meint aber immer zugleich das Fest. Es gab keine Predigt und kein heiliges Buch. Religion war gemeinsames Tun: Ein Tier wurde geschlachtet, sein Blut aufgefangen, das Fleisch gekocht und gemeinsam gegessen, die Hörner gingen reihum.

Die genaueste Beschreibung steht in Snorris Hákonar saga góða, der Saga von Hákon dem Guten in der Heimskringla, im Abschnitt über die Opferbräuche (je nach Ausgabe Kapitel 14 bis 16). Dort heißt es sinngemäß: Bei einem Blót kamen alle Bauern zum Tempel und brachten mit, was sie für das Fest brauchten, vor allem Bier. Man schlachtete Vieh und Pferde. Das Blut hieß hlaut, die Schalen dafür hlautbollar, und mit Zweigen, den hlautteinar, bespritzte man Altäre, Tempelwände und Menschen. Das Fleisch kochte in Kesseln über Feuern mitten im Raum.

Dann folgten die Trinkrunden. Der Leiter des Festes segnete den Becher. Zuerst trank man Óðins full für Sieg und Macht des Königs, dann Njarðar full und Freys full „til árs ok friðar“, für ein gutes Jahr und Frieden. Danach tranken viele den bragafull, und schließlich das minni, das Gedenken an die verstorbenen Verwandten in ihren Hügeln. Auf Hlaðir bei Trondheim, so Snorri, trug Jarl Sigurðr die Kosten der großen Opferfeste.

Gesicherter Kern: Opfertier, Blut, gemeinsames Mahl und Trinkrunden für Götter und Ahnen sind in mehreren unabhängigen Quellen bezeugt. Die genaue Reihenfolge der Becher kennen wir aber nur aus Snorri, also aus dem 13. Jahrhundert.

Mehr dazu in Wikinger Bräuche & Rituale.

Die drei Opferzeiten der Ynglinga saga

Der wichtigste Einzelsatz zum nordischen Festjahr steht in Kapitel 8 der Ynglinga saga. Snorri lässt dort Odin selbst die Gesetze für sein Volk festlegen, darunter diese:

Þá skyldi blóta í móti vetri til árs, en at miðjum vetri blóta til gróðrar, it þriðja at sumri, þat var sigrblót.Snorri Sturluson, Ynglinga saga, Kap. 8. Eigene Übertragung: „Man sollte opfern gegen den Winter hin für ein gutes Jahr, zur Mitte des Winters für das Wachstum, zum dritten Mal zum Sommer hin, das war das Siegopfer.“

Drei Termine also. Erstens „í móti vetri“, dem Winter entgegen, also zum Winteranfang im Oktober, für ár: eine gute Ernte, ein gutes Jahr. Zweitens „at miðjum vetri“, zur Wintermitte, für gróðr, das Wachsen der kommenden Saat. Drittens „at sumri“, zum Sommerbeginn im April, das sigrblót, das Siegopfer für das Kriegs- und Fahrtenjahr.

Bemerkenswert ist, was fehlt: keine Sonnenwenden, keine Tagundnachtgleichen, kein Fest im Hochsommer. Das Gerüst folgt den Halbjahren und der Arbeit: Schlachtzeit, dunkelste Zeit, Aufbruch der Schiffe.

Ein Vorbehalt bleibt: Snorri schreibt einen Ursprungsmythos mit Odin als eingewandertem König. Das Dreierschema ist sein Ordnungsversuch, ein brauchbarer Kern, weil Einzelfeste aus anderen Quellen dazu passen, aber kein überall gültiges Gesetz.

Vetrnætr: Wenn der Winter beginnt

Die Winternächte, altnordisch vetrnætr, markierten den Beginn des Winterhalbjahres. Im isländischen Kalender fallen sie bis heute auf die Tage vor dem fyrsti vetrardagur, dem ersten Wintertag, einem Samstag in der zweiten Oktoberhälfte. Nach der Ernte wurde Vieh geschlachtet, das man nicht durch den Winter füttern konnte. Fleisch und Bier gab es reichlich.

Mehrere Sagas verbinden Opfer mit diesem Zeitpunkt. In der Gísla saga will Þorgrímr zu den Winternächten ein Herbstgelage halten, den Winter begrüßen und dem Gott Freyr opfern. In der Víga-Glúms saga veranstaltet Glúms Großvater Vigfúss in Norwegen zu den Winternächten ein Dísablót. Und Snorris berühmteste Opferszene, das Herbstfest in Hlaðir, spielt ebenfalls „at vetrnóttum“.

Auf den Britischen Inseln findet sich ein Echo bei Beda: Den Oktober nennt er Winterfilleth, „Winter-Vollmond“, weil der Winter mit dem Vollmond dieses Monats begann. Den November nennt er Blodmonath, „Opfermonat“, weil man dann das Vieh, das geschlachtet werden sollte, den Göttern weihte.

Álfablót: Die Tür bleibt zu

Eines der schönsten Zeugnisse stammt von einem Augenzeugen. Der isländische Skalde Sigvatr Þórðarson reiste um 1019 im Auftrag des norwegischen Königs Óláfr Haraldsson nach Schweden. In seinen Austrfararvísur, den „Ostfahrtstrophen“, beklagt er sich: Auf einem Hof in Götaland wurde er abgewiesen, weil man drinnen ein álfablót feierte, ein Opfer für die Alben. Eine Frau verwehrte ihm den Eintritt, sie fürchteten den Zorn Odins. Auch an weiteren Höfen fand er keine Aufnahme.

Ein Datum nennen die Strophen nicht, sie deuten auf den Herbst. Sie zeigen: Neben den großen öffentlichen Opfern gab es private Hausfeste, bei denen Fremde unerwünscht waren. Wer die Alben waren und warum man ihnen opferte, erklärt unser Beitrag zu den Alben.

Hlaðir: Ein König zwischen Kreuz und Hammer

Kaum eine Quelle zeigt so plastisch, wie ein Blót im 10. Jahrhundert politisch funktionierte, wie die Saga von Hákon dem Guten. Hákon war am englischen Hof christlich erzogen worden und wollte in Norwegen das Christentum einführen. Die Bauern von Trøndelag wollten davon nichts wissen und bestanden darauf, dass ihr König die alten Opfer mitfeierte.

Im Herbst, zu den Winternächten, fand in Hlaðir ein großes Opferfest statt, und der König kam. Als ihm der erste Becher gereicht wurde, Odin geweiht, machte er das Kreuzzeichen darüber. Jarl Sigurðr rettete die Lage mit einer schnellen Umdeutung: Der König habe das Zeichen von Thors Hammer gemacht, wie jeder, der auf seine Kraft vertraue.

Beim nächsten Fest, zu Jól in Mære, ließen sich die Bauern nicht mehr beschwichtigen. Hákon musste von allen Bechern trinken und ein paar Bissen Pferdeleber essen, ohne das Kreuz zu schlagen. Die Episode belegt, dass Herbst- und Julfest getrennte Termine waren und die Teilnahme des Herrschers erwartet wurde.

Jól: Drei Nächte zur Mitte des Winters

Das bekannteste germanische Fest ist zugleich das am besten belegte. Schon um 900 dichtet Þorbjǫrn hornklofi in den Haraldskvæði über König Haraldr Schönhaar, er wolle „draußen Jul trinken“, also auf See. „Jul trinken“ heißt hier schlicht: Jul feiern. Das Wort ist damit für die Wikingerzeit gesichert, lange bevor Snorri schrieb.

Die wichtigste Datierungsstelle steht wieder in der Hákonar saga. Hákon, so Snorri, erließ ein Gesetz, das Julfest zur selben Zeit zu beginnen wie die Christen ihr Weihnachten. Jeder sollte dazu eine bestimmte Menge Bier brauen und das Fest halten, solange das Bier reichte. Vorher aber habe man Jól in der hǫkunótt begonnen, der „Mittwinternacht“, und drei Nächte lang gefeiert.

Was genau die hǫkunótt war, ist ungeklärt. Der Name ist sprachlich dunkel. Fest steht nur: Jól lag nicht automatisch auf der Wintersonnenwende, und es wurde erst durch Hákons Gesetz auf das christliche Weihnachtsdatum gelegt. Der schwedische Religionshistoriker Andreas Nordberg hat 2006 in einer viel beachteten Studie vorgeschlagen, Jól am Vollmond des ersten Mondmonats nach der Wintersonnenwende zu verorten. Damit konnte es irgendwo zwischen Anfang Januar und Anfang Februar fallen. Gut begründet, aber eine Rekonstruktion.

Mythos-Check: „Jul war das Fest der Wintersonnenwende am 21. Dezember.“ Belegt ist das nicht. Snorri spricht von der Mittwinternacht, nicht von der Sonnenwende, und die Germanen rechneten in Mondmonaten. Bedas Monatsname Giuli für Dezember und Januar meint eine Jahreszeit um die Sonnenwende, keinen fixierten Festtag.

Was beim Julfest geschah, verrät die Quelle nur in Umrissen: Bier, Opfer, Trinkrunden, das Gedenken an die Toten. Vieles „Uralte“, vom Julbock bis zum Julklotz, ist erst in neuzeitlicher Volkskultur fassbar. Wie die Ahnen in die Mittwinterzeit hineinspielen, zeigt unser Beitrag zur Ahnenverehrung zu Jul, das Fest selbst ausführlich der Artikel Jul – das Fest der langen Nächte.

Beda und die Mütternacht

Für die festländischen und englischen Germanen ist Beda der Kronzeuge. Im Jahr 725 erklärt der Mönch aus Jarrow in De temporum ratione, Kapitel 15, die alten Monatsnamen seines Volkes. Ihm ging es um Zeitrechnung, nicht um Heidentum.

Das Jahr der heidnischen Angelsachsen, schreibt er, habe am 25. Dezember begonnen, „wo wir jetzt die Geburt des Herrn feiern“. Die Nacht davor hießen sie Modranecht, „Nacht der Mütter“, wegen der Zeremonien, die sie in dieser Nacht durchführten. Welche das waren, verrät Beda nicht. Verbindungen zu den Matronen oder den nordischen Dísen sind plausibel, aber Deutung, nicht Befund. Mehr dazu in unserem Beitrag Rauhnächte und Mütternacht.

Bedas Monatsliste ist ein kleiner Schatz. Dezember und Januar heißen Giuli, also Julmonate. Februar heißt Solmonath, „Kuchenmonat“, weil man den Göttern Kuchen opferte. Der März heißt Hrethmonath nach einer Göttin Hretha, der April Eosturmonath nach einer Göttin Eostre, denen man in diesen Monaten opferte. September ist Halegmonath, „Monat der heiligen Riten“, November der schon erwähnte Blutmonat.

Hretha und Eostre kennen wir nur aus diesem einen Satz Bedas. Aus Eostre erschloss Jacob Grimm 1835 eine althochdeutsche „Ostara“, die in keiner Quelle steht. Was das für das heutige Osterfest bedeutet, zeigt unser Artikel Ostara, Várblót & Sigrblót.

Dísablót und Disting in Uppsala

Die dísir, die Dísen, waren weibliche Schutzmächte, oft mit Familie, Schicksal und Geburt verbunden. Ihr Opfer, das dísablót, ist in mehreren Sagas belegt, aber zu unterschiedlichen Zeiten. In Norwegen erscheint es zu den Winternächten, etwa in der Víga-Glúms saga und in der Egils saga, wo Egill bei einem Dísablót auf dem Hof Atley nur knapp einem vergifteten Trunk entgeht.

In Schweden lag es dagegen im Spätwinter. Snorri berichtet in der Saga von Óláfr dem Heiligen, es sei in Schweden alte Landessitte gewesen, dass das Hauptopfer in Uppsala im Monat Gói stattfand, für Frieden und Sieg des Königs. Dazu kamen Leute aus ganz Schweden, es gab ein Thing aller Schweden und einen Markt, der eine Woche dauerte. Snorri war 1219 selbst in Schweden.

Dieses Uppsala-Treffen lebt als Disting weiter, ein Markt, dessen Name auf Dísaþing, „Dísen-Thing“, zurückgeführt wird. Nach der Christianisierung wanderte der Markttermin auf Lichtmess am 2. Februar. Trotz offizieller Abschaffung 1895 findet er in Uppsala bis heute Anfang Februar statt.

Schon die Ynglinga saga erwähnt einen dísarsalr, einen Dísensaal, in Uppsala: König Aðils soll bei einem Dísablót gestorben sein, als sein Pferd beim Ritt um diesen Saal stürzte. Das ist Sagengeschichte. Mehr zum Ort in unserem Beitrag über Alt-Uppsala.

Alle neun Jahre: Lejre und Uppsala

Zwei christliche Autoren berichten unabhängig voneinander von Festen, die nur alle neun Jahre stattfanden, beide näher dran als Snorri, beide aus zweiter Hand.

Thietmar von Merseburg schreibt in seiner Chronik (Buch I, Kapitel 17), der Hauptort des dänischen Reiches sei ein Ort namens Lederun auf Seeland gewesen, das heutige Lejre. Dort seien alle neun Jahre im Januar, nach der Zeit, in der Christen Epiphanias feiern, alle zusammengekommen und hätten ihren Göttern 99 Menschen geopfert, dazu ebenso viele Pferde, Hunde und Hähne, letztere anstelle von Habichten. Thietmar schildert das als vergangenen Brauch.

Adam von Bremen beschreibt um 1075 im vierten Buch seiner Hamburgischen Kirchengeschichte den Tempel von Uppsala mit Statuen von Thor, Wodan und Fricco. Alle neun Jahre, so Adam, finde dort ein gemeinsames Fest aller Provinzen Schwedens statt. Von jedem männlichen Lebewesen würden neun geopfert und ihre Körper im Hain neben dem Tempel aufgehängt, Menschen, Pferde, Hunde. Ein Christ habe ihm erzählt, er habe die Körper selbst gesehen. Eine Randnotiz ergänzt, das Fest dauere neun Tage und falle in die Zeit um die Frühlings-Tagundnachtgleiche.

Wie viel davon stimmt? Die Archäologie bestätigt, dass Lejre und Uppsala Machtzentren mit großen Hallen waren. In Lejre wurden Hallen von 50 Metern Länge und mehr ausgegraben, und von dort stammt auch die kleine Silberfigur von Lejre. Massengräber mit 99 Menschen fand man dagegen nicht. Die Zahlen rund um die heilige Neun wirken stilisiert, und Adam schrieb für die Mission. Den Kern, große Opferfeste an Königsorten in längeren Abständen, halten viele Forschende für glaubwürdig, die Details für übertrieben. Wie Adam arbeitete, beleuchtet unser Beitrag Adam von Bremen.

Sigrblót: Der Sommer beginnt

Das dritte Opfer der Ynglinga saga, das sigrblót zum Sommerbeginn, ist am dünnsten belegt. Außer Snorris Satz gibt es wenig, was es konkret beschreibt. Plausibel ist der Zusammenhang: Mit dem Sommer begann die Zeit der Fahrten, des Handels und der Kriegszüge.

Bemerkenswert ist, wie zäh der Sommeranfang als Termin überlebt hat. In Island ist der sumardagurinn fyrsti, der erste Sommertag, bis heute ein gesetzlicher Feiertag. Er fällt auf einen Donnerstag zwischen dem 19. und 25. April, ein Rest des alten Zwei-Halbjahre-Rhythmus.

Der isländische Kalender: Þorri, Góa und ihre Nachfahren

Der isländische Kalender, das misseristal, rechnete in Wochen und zwölf Monaten zu 30 Tagen plus Zusatztagen. Er ist erst im christlichen Mittelalter schriftlich fassbar, bewahrt aber alte Namen. Zwei davon sind für Feste wichtig. Þorri beginnt an einem Freitag zwischen dem 19. und 25. Januar, Góa an einem Sonntag zwischen dem 18. und 24. Februar. Snorris Uppsala-Opfer „at gói“ fällt also in diese Spätwinterzeit.

Das heute in Island populäre Þorrablót mit Sauerhai und Widderhoden wirkt uralt. Tatsächlich nennen mittelalterliche Texte einen sagenhaften König Þorri, dem man zur Mittwinterzeit geopfert habe. Das moderne Fest aber wurde im 19. Jahrhundert von isländischen Studenten wiederbelebt und im 20. Jahrhundert zum Volksfest. Die ganze Geschichte erzählen wir in Þorri und Þorrablót, die Monatsnamen samt Umrechnung findest du im altnordischen Kalender.

Und Mittsommer?

Hier wird es unbequem. Sonnwendfeuer, Mittsommerstange, Johannisfeuer: All das ist in Nord- und Mitteleuropa seit dem Mittelalter reich belegt, vor allem rund um das christliche Johannisfest am 24. Juni. Ein heidnisches Mittsommer-Blót nennt aber weder Snorri noch Beda noch Adam. Bedas Monat Litha für Juni und Juli deutet Beda selbst als „mild“ oder „schiffbar“ und erwähnt kein Fest.

Das heißt nicht, dass niemand die hellste Zeit des Jahres gefeiert hätte. Es heißt nur: Wir wissen es nicht.

Das Jahresrad mit acht Festen ist modern

Damit sind wir beim Rad mit den acht Speichen. Es verbindet die vier Sonnenstationen, also Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen, mit vier irischen Jahreszeitenfesten: Imbolc, Beltane, Lughnasadh und Samhain. Diese Kombination entstand in der Mitte des 20. Jahrhunderts im Umfeld des britischen Wicca um Gerald Gardner. Der Ausdruck „Wheel of the Year“ war ab den 1960er-Jahren geläufig.

Die Namen Ostara, Litha und Mabon kamen noch später. Sie gehen auf den amerikanischen Neuheiden Aidan Kelly zurück, der sie Anfang der 1970er-Jahre vergab. Ostara stammt aus Grimms Rekonstruktion, Litha aus Bedas Monatsliste, Mabon aus der walisischen Sagenwelt, in der Mabon ein Held ist, kein Herbstfest.

Mythos-Check: „Die Germanen feierten acht Jahreskreisfeste.“ Nein. Kein antiker oder mittelalterlicher Text kennt ein solches System, weder bei Germanen noch bei Kelten. Belegt sind für den Norden die drei Opferzeiten der Ynglinga saga mit Jól in der Mitte, dazu regionale Feste wie Dísablót und Álfablót. Das Achterrad stammt aus dem modernen Wicca und ist erst etwa siebzig Jahre alt.

Wer das Rad mag, darf es feiern, nur nicht als „altgermanisch“. Die keltische Seite, also das, was an Samhain, Beltane und Co. tatsächlich belegt ist, haben wir in Die vier keltischen Feste auseinandergenommen.

Auf dem Festland: Nerthus und verbotene Bräuche

Für die festländischen Germanen ist die Quellenlage noch karger. Die älteste Festbeschreibung überhaupt liefert Tacitus in der Germania (Kapitel 40): den Umzug der Göttin Nerthus. Ihr verhüllter Wagen wurde von Kühen durchs Land gezogen, und solange die Göttin unterwegs war, ruhten die Waffen. Danach wusch man Wagen und Bild in einem See, die helfenden Sklaven wurden ertränkt. Einen Termin nennt Tacitus nicht.

Aus der Missionszeit stammen Verbotslisten wie der Indiculus superstitionum (8. Jahrhundert), der etwa „de spurcalibus in Februario“ nennt, unreine Bräuche im Februar, ohne sie zu erklären. Ein festländischer Festkalender lässt sich daraus nicht rekonstruieren.

Feiern heute, ehrlich

Was bleibt für alle, die heute feiern wollen? Die Winternächte im Oktober, Jól zur Wintermitte, ein Opfer- und Marktfest im Spätwinter, der Sommeranfang im April, dazu das Gedenken an die Ahnen im minni: ein stimmiger Rhythmus auf echtem Quellengrund.

Unseren Blót-Kalender haben wir genau dafür gebaut: Er trennt die belegten Termine von moderner Ausdeutung und zeigt, wo Mondphasen ins Spiel kommen. Gravieren können wir vieles. Erfinden wollen wir nichts.

Häufige Fragen

Welche germanischen Feste sind wirklich belegt? Am sichersten sind Jól zur Wintermitte, ein Opfer zu Winterbeginn (Winternächte) und ein Siegopfer zum Sommerbeginn, wie es die Ynglinga saga in Kapitel 8 nennt. Dazu kommen Dísablót, Álfablót, Bedas Modranecht und die Neunjahresfeste von Lejre und Uppsala.

Wann wurde das Julfest ursprünglich gefeiert? Nach der Hákonar saga begann Jól in der hǫkunótt, der Mittwinternacht, und dauerte drei Nächte. Ein festes Datum ist nicht überliefert. Andreas Nordberg setzt es an den Vollmond nach der Wintersonnenwende, also zwischen Anfang Januar und Anfang Februar.

Ist Ostara ein germanisches Fest? Nicht nachweisbar. Beda nennt nur einen Monat Eosturmonath und eine Göttin Eostre. „Ostara“ ist eine Rekonstruktion Jacob Grimms, das Fest Ostara im Jahresrad eine Namensgebung der 1970er-Jahre.

Woher kommt das Jahresrad mit acht Festen? Aus dem modernen Wicca. Es entstand in der Mitte des 20. Jahrhunderts, die Namen Ostara, Litha und Mabon prägte Aidan Kelly Anfang der 1970er-Jahre. Mit altgermanischer Religion hat das System nichts zu tun.

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Blót-Kalender 2026/27 · Ostara, Varblot & Sigrblot · Sonnenwendfeiern · Sunna / Sól.

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