Das germanische Jahr kannte keinen Frühling – nur Sommer und Winter. Und seine Feste folgten dem Rhythmus von Feld und Krieg. Snorri nennt drei große Blóts; dazu kommen Jul, die Winternächte und die Disenopfer. Ein ehrlicher Überblick über den echten germanischen Festkalender – und was daran modern hinzuerfunden ist.
Das germanische Fest heißt Blót – wörtlich „Opfer", tatsächlich aber Opfer und Fest in einem. Das Blut der Opfertiere wurde auf Altar und Teilnehmer gesprengt, das Fleisch gemeinsam verzehrt, und beim Minnetrinken galten die Becher den Göttern und den Ahnen. Feiern hieß: die Gemeinschaft mit Göttern, Toten und Sippe erneuern.
Die klarste Quelle ist Snorris Ynglinga saga. Sie nennt drei feste Opferzeiten im Jahr:
„Man soll opfern zum Winteranfang für ein gutes Jahr, zur Mitte des Winters für gutes Wachstum, und zum dritten Mal zum Sommeranfang – das Siegopfer.“— nach Snorri, Ynglinga saga 8 (gemeinfrei)
Der Winter beginnt mit den Winternächten (Vetrnætr) im Oktober – Erntedank und Beginn des dunklen Halbjahres. In diese Zeit fällt das Álfablót, ein privates Hofopfer für die Alben/Ahnen, zu dem Fremde ausgeschlossen blieben, und das Disablót für die schützenden weiblichen Ahnengeister (Disen). Höhepunkt ist Jól (Julfest) zur Mittwinterzeit: das große Fest der zwölf Nächte, mit Schwüren, Met und der Wilden Jagd Odins am Nachthimmel.
Zum Sommeranfang steht das Sigrblót – das Siegfest über die winterlichen Reif- und Eisriesen. Jetzt rückt Odin in den Mittelpunkt, dazu Thor, der die Frostriesen bezwingt, sowie Freyr und Freyja. Man bat um Sieg und Gedeihen für die Unternehmungen des Sommers – in alter Zeit auch für die kommenden Kriegszüge.
Zwischen Winter und Sommer liegt zur Tag-und-Nachtgleiche das Várblót, das Fruchtbarkeitsfest der Wanen – ausführlich behandelt in unserem Artikel zu Ostara, Varblot & Sigrblot. Und die helle Zeit krönen die Sonnenwendfeiern zu Mittsommer.
Blót-Kalender 2026/27 · Ostara, Varblot & Sigrblot · Sonnenwendfeiern · Sunna / Sól.
Snorri Sturluson, Heimskringla (Ynglinga saga, Hákonar saga góða). Sigvatr Þórðarson, Austrfararvísur. A. E. Zautner, Der gebundene Mondkalender der Germanen. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Jan de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte; Walter Baetke, Die Religion der Germanen in Quellenzeugnissen.