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Die Jahreskreisfeste

Germanisch, nordisch, keltisch – drei Völker, drei Festkalender. Was ist wirklich belegt, wo überschneiden sie sich, und warum feiern heute so viele ein „Jahresrad", das es in der alten Welt so nie gab? Ein großer, ehrlicher Vergleich.

Wissen · Feste & Kalender

„Der alte Jahreskreis" – das klingt nach einem uralten, überall gleichen Rad aus acht Festen. Doch so einfach ist es nicht. Germanen, Nordleute und Kelten hatten je eigene Feste, eigene Kalender, eigene Götter. Manches ähnelt sich verblüffend, vieles nicht. Und das runde „Jahresrad", das man heute in jedem Kalender findet, ist jünger, als die meisten glauben. Hier trennen wir die drei Traditionen sauber, stellen sie nebeneinander und zeigen, wo sie sich in der Neuzeit vermischt haben – belegt aus den Quellen, ehrlich getrennt von der Deutung.

Spielregeln vorab. Wir stützen uns auf die echten Quellen: Beda (De temporum ratione, um 725) für die angelsächsischen Feste, die Ynglinga saga und Hákonar saga góða (Snorri, um 1230) fürs Nordische, das irische Sanas Cormaic und den Coligny-Kalender fürs Keltische. Wo Forschung nötig ist, nennen wir sie: Ronald Hutton (Stations of the Sun 1996, Triumph of the Moon 1999), Andreas Nordberg (2006), Philip Shaw (2011). Wir trennen wie immer Beleg von Deutung – und sagen offen, was modern hinzugedichtet wurde.

Drei Völker, drei Kalender

Bevor wir die Feste einzeln ansehen, ein wichtiger Grundgedanke: Diese Feste waren keine Freizeitkalender, sondern das Gerüst des Arbeitsjahres. Wann das Vieh auf die Weide kam, wann geschlachtet wurde, wann Erntedank war – daran hängten sich die heiligen Tage. Und beinahe alle diese Kalender waren mondgebunden (lunisolar): Die Feste lagen nicht auf einem starren Datum, sondern am Voll- oder Neumond nahe einer Jahreszeitenwende. Ein „Fest am 21. Dezember" ist modernes Denken.

Monatsbild Februar aus den Très Riches Heures des Herzogs von Berry – Bauern am winterlichen Hof
Das Fest war das Arbeitsjahr: Bauern im Winter, aus dem berühmten Stundenbuch Très Riches Heures (Februar). Solche „Monatsarbeiten" zeigen, woran die alten Feste hingen – Weide, Schlacht, Ernte, Ruhe. Gebrüder Limburg, um 1416, gemeinfrei · Wikimedia Commons

1. Die germanischen Feste

Die beste Quelle für das germanische (genauer: angelsächsische) Festjahr ist ein einziger Text: Beda Venerabilis, De temporum ratione, Kapitel 15, um 725 geschrieben. Beda beschreibt einen Mondkalender, dessen Monate nach dem Mond heißen. Aus ihm kennen wir die echten Namen: Giuli (Jul, der Doppelmonat um die Wintersonnenwende), Solmónath („Kuchenmonat", in dem man den Göttern Gebäck opferte – nicht „Sonnenmonat"), Éosturmónath und Hréþmónath (nach den Göttinnen Éostre und Hreða), Winterfylleth („Winter-Vollmond", Winterbeginn im Oktober) und Blótmónath, den „Opfermonat".

Der Blótmónath im November ist das klarste Fest von allen: Beda sagt ausdrücklich, in ihm hätten sie „das Vieh, das sie schlachten wollten, den Göttern geweiht". Schlachtzeit und Opferzeit fielen zusammen – ein Erntedank in Blut und Fleisch, bevor der Winter kam. Und die Módraniht, die „Nacht der Mütter" zum Jahresbeginn an Mittwinter, ist eines der geheimnisvollsten Feste des Nordens:

„Die Nacht, die uns die heiligste ist, nannten sie in ihrer Sprache Módraniht, das heißt ‚Nacht der Mütter' – wegen der Zeremonien, die sie in jener Nacht hindurch wachend begingen."Beda, De temporum ratione, Kap. 15 (um 725) · eigene Übersetzung aus dem Lateinischen (Original gemeinfrei)

Wer diese „Mütter" waren? Vermutlich Ahninnen und Schutzgöttinnen – und hier schlägt eine Brücke direkt in unsere Heimat: die Matronen des Rheinlands.

Römerzeitlicher Matronenaltar aus Bonn im Rheinischen Landesmuseum
Ein Matronenaltar aus Bonn: drei sitzende Muttergottheiten, wie sie im Rheinland zu Hunderten geweiht wurden (1.–3. Jh.). Der Forscher Philip Shaw verbindet Bedas Göttin Éostre mit genau solchen lokalen Matronenkulten – etwa den Matronae Austriahenae vom Niederrhein. Foto: Kleon3, CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons
Mythos-Check: Ostara mit Hase und Ei. Die Göttin Éostre ist ganze ein Mal bezeugt – in diesem einen Satz Bedas. Die populäre „Ostara, germanische Frühlings- und Fruchtbarkeitsgöttin mit Hasen und bunten Eiern" ist dagegen ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts: Jacob Grimm erschloss sie 1835 in seiner Deutschen Mythologie aus Bedas Éostre und taufte sie „Ostara". Grimm ist damit keine Quelle, sondern Rezeptionsgeschichte – er hat die Göttin rekonstruiert, nicht belegt. Philip Shaw (2011) hält Éostre eher für eine lokale Gottheit (Raum Kent), nach dem Muster der Matronen, nicht für eine große pangermanische Frühlingsgöttin. Mehr dazu im Blog.

Das germanische Festjahr, Monat für Monat

Weil Beda die Monate einzeln erklärt, lässt sich das angelsächsische Jahr fast wie ein Kalender lesen. Auf den doppelten Giuli (Jul) folgte der Solmónath mit seinen Opferkuchen, dann Hréþmónath und Éosturmónath, die Monate der Göttinnen Hreða und Éostre. Der Þrimilchi („dreimal melken") im Mai zeigt, wie fett die Weide nun war; der doppelte Líða lag um den Hochsommer, der Wéodmónath („Unkrautmonat") im August, der Háligmónath („heiliger Monat") im September – wohl die Zeit des Erntedanks. Dann kippte das Jahr: Winterfylleth, der Winter-Vollmond im Oktober, eröffnete die dunkle Hälfte, und der Blótmónath im November war die große Schlacht- und Opferzeit. Ein Jahr, das nicht an der Sonne hing, sondern an Milch, Ernte und Schlacht.

Vom Festland selbst ist weniger überliefert, aber es gibt Splitter. Tacitus beschreibt schon um 98 den Umzug der Erdgöttin Nerthus, deren verhüllter Wagen von Rindern über die Insel gezogen wurde – ein Frühlings- oder Fruchtbarkeitsfest, in dem die Waffen ruhten, gefolgt von einer geheimen Waschung im See. Und ein fränkischer Verbotskatalog des 8. Jahrhunderts, der Indiculus superstitionum, zählt die heidnischen Bräuche auf, die man ausrotten wollte: Feuer, die man aus reibendem Holz entzündete (das „Notfeuer"), Feste an Quellen, Bäumen und Steinen, Umzüge mit vermummten Gestalten. Solche Verbotslisten sind das Negativ eines Fotos – sie zeigen, was noch lebendig war.

2. Die nordischen (wikingerzeitlichen) Feste

Im hohen Norden kennen wir das Festjahr vor allem aus Snorri Sturlusons Ynglinga saga. Dort stehen die drei großen Blóts des Jahres – knapp und klar:

„Man sollte gegen den Winter opfern für ein gutes Jahr, zur Mittwinterzeit für Wachstum, das dritte zu Sommerbeginn – das war das Siegesopfer."Snorri, Ynglinga saga 8 (altnord. „…til árs … til gróðrar … þat var sigrblót") · Übers. nach Felix Niedner (Thule-Sammlung), gemeinfrei

Diese drei Punkte gliedern das nordische Jahr: Vetrnætr, die Winternächte im Oktober (til árs, für ein gutes Jahr) – oft verbunden mit dem Dísablót für die weiblichen Schutzgeister und dem häuslichen Álfablót für die Ahnen und Alben. Dann Jól, das Mittwinterfest (til gróðrar, für Wachstum). Und schließlich das Sigrblót oder Sumarmál zu Sommerbeginn im April (til sigrs, für den Sieg).

Am besten belegt ist das Álfablót sogar zeitgenössisch: Der Skalde Sigvatr wird um 1019 an einem Hof in Schweden abgewiesen, weil dort gerade dieses Fest gefeiert wird – ein privates, häusliches Fest, von den Frauen geleitet. Und Jól beschreibt die Hákonar saga góða ausführlich: Trinkhörner gingen reihum, mit dem minni, dem Gedächtnistrunk auf die Ahnen, und dem full auf Óðinn, Njörðr und Freyr „für ein gutes Jahr und Frieden". König Hákon der Gute legte als Christ das heidnische Jól auf den 25. Dezember – und schob es damit an Weihnachten heran.

Jól ist nicht die Wintersonnenwende. Ein oft übersehener Punkt: Der vorchristliche nordische Kalender war lunisolar. Nach Andreas Nordberg (Jul, disting och förkyrklig tideräkning, 2006) lag Jól am ersten Vollmond nach dem ersten Neumond nach der Wintersonnenwende – es konnte also von Ende Dezember bis Ende Januar wandern. Die Gleichung „Jul = 21. Dezember, Sonnenwende" ist modern. Genau deshalb rechnet unser germanischer Mondkalender die Feste am Mond aus, nicht am Sonnenstand.

Das große Blót, das Sumbel – und Þorrablót

Wie ein Blót ablief, schildert am farbigsten die Hákonar saga góða: Man kochte das Fleisch der geopferten Tiere in großen Kesseln, fing das Blut (hlaut) in Schalen auf und besprengte damit Altar, Wände und Menschen. Dann ging das Trinkgelage reihum. Das erste volle Horn galt Óðinn „für Sieg und Macht des Königs", die weiteren Njörðr und Freyr „für ein gutes Jahr und Frieden" (til árs ok friðar); zuletzt kam das minni, der Gedächtnistrunk auf die verstorbenen Verwandten. Zum Fest gehörte auch das sumbel, das feierliche Trinken mit Reden und Gelübden, und die heitstrenging – große Schwüre, die man zu Jul über dem Eber sonargöltr ablegte.

Die berühmteste Beschreibung eines großen Opferfestes stammt allerdings von einem Gegner: Adam von Bremen erzählt um 1075 vom Tempel in Uppsala, wo alle neun Jahre ein riesiges Blót mit vielen Opfern stattgefunden habe. Man muss das mit Vorsicht lesen – Adam war ein christlicher Kirchenmann, der das Heidentum in den schwärzesten Farben malte und Uppsala nie selbst gesehen hat. Es ist eine feindliche Außensicht, kein Augenzeugenbericht.

Mythos-Check: Þorrablót. Das isländische Þorrablót im Hochwinter wird gern als uralter Wikingerbrauch verkauft. Der Monatsname Þorri ist zwar alt, das Fest in seiner heutigen Form wurde jedoch erst 1873 von isländischen Studenten in Kopenhagen wiederbelebt; das typische Trog-Essen (þorramatur) mit gesäuerten Widderhoden und fermentiertem Hai ist sogar eine Erfindung der 1950er Jahre. Ein schönes Fest – aber kein Kalenderdatum der Wikinger. Mehr im Blog.

3. Die keltischen Feste

Die Kelten hatten ein ganz anderes Gerüst: die vier Feuerfeste, jeweils zwischen den Sonnenpunkten (die „Vierteltage"). Samhain (1. November) war Sommerende und Jahreswende, die Nacht, in der die Anderswelt offen stand. Imbolc (1. Februar) fiel mit dem Einsetzen der Schafmilch zusammen, dem ersten Zeichen des Frühlings. Beltane (1. Mai) trieb das Vieh auf die Weide. Lughnasadh (1. August) eröffnete die Ernte mit großen Versammlungen und Spielen zu Ehren des Gottes Lug.

Den schönsten Einzelbeleg liefert das irische Sanas Cormaic („Cormacs Glossar", 9./10. Jahrhundert) zum Feuerfest Beltane:

„Beltane, das ist ein glückbringendes Feuer, das heißt: zwei Feuer, welche die Druiden mit großen Beschwörungen entzündeten; und sie trieben das Vieh zum Schutz gegen die Krankheiten des Jahres zwischen diese beiden Feuer hindurch."Sanas Cormaic („Cormacs Glossar"), 9./10. Jh. · nach der gemeinfreien Übersetzung von John O'Donovan & Whitley Stokes, 1868
Der Coligny-Kalender – bronzene Fragmente eines gallischen Mondkalenders
Der Coligny-Kalender (Bronze, 2. Jh. n. Chr., gefunden 1897 in Coligny/Frankreich): der beste Beweis, dass die Kelten einen ausgeklügelten lunisolaren Kalender hatten. Er nennt den Monat Samonios und die „drei Nächte des Samonios" – ob das aber den Jahresanfang oder Samhain meint, ist bis heute umstritten. Museum Lugdunum, Lyon · gemeinfrei · Wikimedia Commons
Mythos-Check: keltische Sonnwendfeste & „Newgrange". Die vier Feuerfeste sind irisch gut bezeugt – die Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen aber spielen in den keltischen Festkalendern keine belegte Rolle. Und das berühmte Newgrange, dessen Gang sich zur Wintersonnenwende mit Licht füllt, ist neolithisch (um 3200 v. Chr.) – rund 2500 Jahre älter als die Kelten. Es ist also kein „keltisches" Sonnwendheiligtum. Auch die Vorstellung eines einheitlichen, pan-keltischen Vier-Feste-Jahres ist teils schon eine gelehrte Konstruktion des 18./19. Jahrhunderts (Hutton).
Der reich verzierte Eingangsstein von Newgrange in Irland
Der Eingangsstein von Newgrange mit seinen Spiralen. Die Anlage ist neolithisch (um 3200 v. Chr.) und älter als Stonehenge – ihr berühmtes Sonnwendlicht gehört den Erbauern der Steinzeit, nicht den Kelten. Foto: Alan Bruce, CC BY 2.0 · Wikimedia Commons

Die vier Feuerfeste im Einzelnen

Samhain (1. November) war das größte: das Ende des Sommers und der Weidezeit, wenn das Vieh von den Höhen geholt und geschlachtet wurde. In den irischen Sagen ist Samhain die Nacht, in der die Hügel der Anderswelt offenstehen und sich Menschen, Götter und Tote begegnen; an ihr fanden große Versammlungen und Königsrituale statt, etwa auf dem heiligen Hügel von Tara. Imbolc (1. Februar) fiel mit dem Einsetzen der Schafmilch zusammen, dem ersten Lebenszeichen des neuen Jahres; später wurde daraus der Tag der heiligen Brigid, die eine ältere Göttin überlagert. Beltane (1. Mai) trieb das Vieh mit Reinigungsfeuern auf die Weide. Und Lughnasadh (1. August) eröffnete die Ernte mit den Óenach, großen Versammlungen mit Wettkämpfen und Pferderennen zu Ehren des Gottes Lug – der Sage nach ein Totenfest, das Lug für seine Ziehmutter Tailtiu stiftete.

Auffällig ist, was fehlt: Alle vier liegen zwischen den Sonnenpunkten, nicht auf ihnen. Der keltische Festkalender folgte dem Rhythmus der Herden und Felder, nicht dem Stand der Sonne. Der bronzene Coligny-Kalender bestätigt das gelehrte Fundament dahinter – ein fein gerechnetes Mond-Sonnen-Jahr –, aber er nennt kein einziges Sonnwendfest.

4. Die Gegenüberstellung

Legt man die drei Kalender nebeneinander, zeigen sich echte Parallelen – und ebenso echte Unterschiede. Am stärksten überschneiden sie sich am Winterbeginn (Sommerende, Schlachtzeit, Ahnen) und am Sommerbeginn. Beim Mittwinter/Jul ziehen Germanen und Nordleute an einem Strang, die Kelten kennen es nicht. Und die Sonnenwenden sind bei keiner der drei Traditionen als eigenes Hauptfest gesichert – sie sind genau das, was die Neuzeit später ergänzt hat (letzte Spalte).

JahreszeitGermanisch (Beda)NordischKeltischModernes Jahresrad
Winterbeginn / Ahnen
~Okt./1. Nov.
Winterfylleth · Blótmónath (Schlacht- & Opfermonat)Vetrnætr · Dísablót · ÁlfablótSamhain (1. Nov.)Samhain
Mittwinter
Dez/Jan
Módraniht · Giuli (Jul)Jól (Vollmond n. Sonnenwende)Yule
Frühlingsbeginn
~1. Feb.
Solmónath (Kuchenopfer)Imbolc (1. Feb.)Imbolc
Frühlings-Tagundnachtgleiche
~21. März
Éosturmónath / Hréþmónath (Göttinnen-Monate, kein Sonnenfest)Ostara
Sommerbeginn
~Apr./1. Mai
Þrimilchi (Weidebeginn, Mai)Sigrblót / SumarmálBeltane (1. Mai)Beltane
Mittsommer
~21. Juni
Líða (Doppelmonat)(Mittsommer-Blót, schwach belegt)Litha
Erntebeginn
~1. Aug.
Wéodmónath(Erntedank, kaum benannt)Lughnasadh (1. Aug.)Lughnasadh / Lammas
Herbst-Tagundnachtgleiche
~23. Sep.
Háligmónath („heiliger Monat")Mabon

Man sieht: Jede Tradition hat ihren eigenen Schwerpunkt. Die Germanen zählten nach Vollmonden und Schlachtzeiten, die Nordleute nach drei großen Blóts, die Kelten nach vier Feuerfesten. Ein gemeinsames „achtfaches Rad" ergibt sich erst, wenn man alle Spalten übereinanderlegt – und genau das ist eine moderne Idee.

Monatsbild Mai aus den Très Riches Heures – höfischer Maien-Ausritt
Der Mai-Ausritt aus den Très Riches Heures: der Sommerbeginn war überall im alten Europa ein Freudenfest – nordisch das Sigrblót, keltisch Beltane, im Volksbrauch die Maienzeit. Hier überschneiden sich die Traditionen wirklich. Gebrüder Limburg, um 1416, gemeinfrei · Wikimedia Commons

5. Die erste Vermischung: wie die alten Feste ins Christentum übergingen

Lange bevor das moderne „Jahresrad" entstand, gab es schon eine Vermischung – nur andersherum. Als das Christentum kam, wurden die alten Termine nicht einfach gelöscht, sondern überlagert. Papst Gregor riet seinen Missionaren im Jahr 601 ausdrücklich, heidnische Tempel nicht zu zerstören, sondern zu weihen, und die gewohnten Opferfeste in christliche Feiertage umzuwandeln, „damit das Volk seine gewohnten Orte in gewohnter Freude aufsuche". Genau das geschah:

Altes FestChristliche ÜberlagerungWas gesichert ist
Jul / Giuli (Mittwinter)Weihnachten (25. Dez.)König Hákon legte Jól selbst auf den 25.12.; der Name „Jul" lebt in ganz Skandinavien bis heute als Wort für Weihnachten.
ÉosturmónathOstern / engl. „Easter"Nur im Deutschen und Englischen heißt das Fest nach dem alten Monatsnamen; in fast allen anderen Sprachen heißt es „Pascha". Belegt ist der Name, nicht ein direkter Ritus.
Samhain (1. Nov.)Allerheiligen / HalloweenAllerheiligen wurde im 8./9. Jh. auf den 1. November gelegt; „Halloween" ist sein Vorabend (All Hallows' Eve). Der Toten-Bezug beider Feste passt zusammen.
Imbolc (1. Feb.)Lichtmess / St. BrigidGöttin und Heilige Brigid verschmelzen; Lichtmess (2. Feb.) übernimmt das Lichtmotiv.
Lughnasadh (1. Aug.)Lammas („Laibmesse")Das angelsächsische hlāfmæsse, die Messe des ersten Brotlaibs, liegt am selben Erntetermin.
Mythos-Check: „Weihnachten ist bloß die Sonnenwende / Sol Invictus." Dass Weihnachten direkt das römische Fest des Sonnengottes Sol Invictus (25. Dez.) ersetzt habe, ist eine beliebte, aber umstrittene These – der christliche Termin lässt sich ebenso aus einer Berechnung ab dem Empfängnisdatum herleiten. Sicher ist nur: Mittwinter war überall im alten Europa eine Zeit des Lichts und der Feste, und das Christentum baute darauf auf. Das gilt für fast alle diese Überlagerungen – die Übernahme des Termins ist belegt, die genaue Herleitung jedes einzelnen Brauchs oft nicht.

Auch bei uns leben Reste dieser alten Feste weiter, kaum jemand nennt sie noch „heidnisch": die Rauhnächte zwischen den Jahren, die Walpurgisnacht zum 1. Mai, die Oster- und Sonnwendfeuer, der Erntedank im Herbst, die Martinsfeuer im November. In ihnen sitzt, verkleidet und halb vergessen, der alte Jahreskreis.

6. Die zweite Vermischung: das moderne „Jahresrad"

Wer heute vom „keltischen Jahresrad" oder „dem alten Jahreskreis" spricht, meint fast immer die acht Sabbats des modernen Neuheidentums: Yule, Imbolc, Ostara, Beltane, Litha, Lughnasadh (Lammas), Mabon und Samhain – die vier Sonnenpunkte und die vier Feuerfeste, sauber im Achtelkreis verteilt. Ein schönes, rundes System. Nur: Es ist keine 60 Jahre alt.

Zusammengesetzt wurde es um 1958 im englischen Bricket-Wood-Coven um Gerald Gardner (den Begründer der Wicca) im Austausch mit seinem Freund Ross Nichols (dem späteren Gründer eines Druidenordens). Gardner brachte die vier Sonnenpunkte ein (die germanisch-nordisch inspirierten Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen), Nichols die vier keltischen Feuerfeste. Der Kompromiss: alle acht. Der Name „Wheel of the Year" wurde erst in den 1960ern gebräuchlich.

Sogar einzelne Festnamen sind erst danach entstanden. Der US-Wicca-Autor Aidan Kelly gab um 1974 den Sonnenpunkten ihre heutigen Namen: Ostara (aus Grimms Éostre-Rekonstruktion), Litha (aus Bedas Monatsnamen Líða) – und Mabon für das Herbst-Äquinoktium, benannt nach einer walisischen Sagenfigur. Ein „altes Mabon-Fest" hat es nie gegeben; der Name ist eine Erfindung der 1970er.

Der Begriff „Wheel of the Year" selbst wurde erst in den 1960er Jahren gebräuchlich; die Wicca-Priesterin Doreen Valiente und andere prägten die heutige Namensreihe mit. Besonders schief ist die verbreitete Rede vom „keltischen Jahresrad": Von den acht Festen sind nur vier keltisch, zwei tragen germanisch-angelsächsische Namen (Yule, Litha), und Ostara wie Mabon sind neuzeitliche Schöpfungen. Ein „keltisches Achtrad" hat es nie gegeben.

Mythos-Check: „So haben die Alten gefeiert." Kein einziges vorchristliches Volk feierte alle acht Feste. Germanen und Nordleute kannten Jul, Winternächte und Sommerbeginn (mondgebunden); die Kelten ihre vier Feuerfeste (ohne Sonnwendfeste). Das geschlossene achtfache Jahresrad ist eine moderne Synthese des 20. Jahrhunderts (Gardner & Nichols, 1958), mehrere Namen sogar aus den 1970ern. Das macht es für heutige Feiernde nicht weniger schön oder sinnvoll – aber man sollte es nicht als „den uralten Kalender der Wikinger oder Kelten" ausgeben. Der Historiker Ronald Hutton hat genau das gründlich nachgezeichnet.

7. Und heute? Ehrlich feiern

Wie feiert man dann „richtig"? Es gibt kein Falsch. Moderne heidnische Gemeinschaften – etwa der Eldaring oder die Heidnische Gemeinschaft – gehen den quellenkritischen Weg: Sie berufen sich bewusst auf die belegten Feste (Winternächte, Jól, Sigrblót/Sumarmál), rekonstruieren Ritus und Termin so ehrlich wie möglich und trennen die Wikingerzeit vom neuzeitlichen Brauch. Viele nutzen dafür lieber den alten Mondrhythmus als das feste Datum – und genau da setzen unsere Werkzeuge an.

Wer den alten Jahreskreis am eigenen Leib nachvollziehen will, findet bei uns zwei Hilfen: den Blót-Kalender mit den nordischen Festen und ihren Terminen, und den germanischen Mondkalender, der Jól, Winternächte und Sommeranfang nach dem echten Mond ausrechnet – so, wie es die Alten taten. Und wer ein Fest greifbar machen möchte, dem gravieren wir Namen, Datum oder einen Vers in Windlicht, Schiefer oder Holz. Ein Licht für die dunkle Zeit, ein Zeichen für den hellen Anfang.

Quellen & Weiterlesen

Primär: Beda, De temporum ratione Kap. 15 (um 725); Snorri, Ynglinga saga 8 & Hákonar saga góða 13–14 (Heimskringla, um 1230); Sigvatr, Austrfaravísur (~1019); Sanas Cormaic (9./10. Jh.); Coligny-Kalender (2. Jh.); Tacitus, Germania. Forschung: R. Hutton, The Stations of the Sun (1996) & The Triumph of the Moon (1999); A. Nordberg, Jul, disting och förkyrklig tideräkning (2006); P. A. Shaw, Pagan Goddesses in the Early Germanic World (2011); B. Maier, Die Religion der Kelten (2001). Übersetzungen gemeinfrei (Niedner/Thule, O'Donovan & Stokes 1868); Beda-Zitate eigene Übersetzung aus dem Lateinischen. Alle Deutungen oben als solche gekennzeichnet.

Bildnachweis: Très Riches Heures (Februar, Mai) – Gebrüder Limburg, um 1416, gemeinfrei. Matronenaltar Bonn – Foto Kleon3, CC BY-SA 4.0. Coligny-Kalender – gemeinfrei (Museum Lugdunum). Newgrange-Eingangsstein – Foto Alan Bruce, CC BY 2.0. Alle über Wikimedia Commons.

Passende Vertiefungen bei uns: Die germanischen Feste · Jul – das Julfest · Ostara & Frühjahr · Die Sonnenwendfeiern · Der alte Jahreskreis · Vergessene Monatsnamen · Blót-Kalender · Mondkalender.

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