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Die Matronen – die Muttergöttinnen des Rheinlands zwischen Bonn, Eifel und Jülicher Land

Folklore & Glaube Die Matronen – die Muttergöttinnen des Rheinlands zwischen Bonn, Eifel und Jülicher Land

Die Matronen waren drei mütterliche Schutzgöttinnen, die vom späten 1. bis ins 4. Jahrhundert vor allem im römischen Rheinland verehrt wurden – belegt durch weit über tausend Weihesteine mit lateinischen Inschriften und einheimischen Beinamen. Man stellte sie als drei sitzende Frauen dar, zwei davon mit riesigen Hauben, und dankte ihnen für Schutz, Gesundheit und Gelingen. Ihr Kernland liegt zwischen Köln, Bonn, der Nordeifel und dem Jülicher Land, also fast vor unserer Werkstatttür in Alsdorf. Hier erfährst du, was die Steine wirklich zeigen, woher die rätselhaften Namen stammen und wie viel an der Verwandtschaft mit Disen und Nornen dran ist.

Ein Kult vor unserer Haustür

Wer nach der Religion der alten Germanen sucht, schaut meistens nach Norden: nach Island, nach Uppsala, in die Edda. Dabei liegt einer der dichtesten Glaubensbefunde Europas fast vor unserer Tür. Fahr von Alsdorf eine Viertelstunde Richtung Südosten, und du bist in Eschweiler-Fronhoven, wo Altäre für die Matronae Amfratninae gefunden wurden. Noch ein Stück weiter liegen Jülich, Zülpich, Lechenich und Rödingen, alles Fundorte von Matronensteinen. Und hinter Zülpich beginnt die Nordeifel mit den großen Heiligtümern von Pesch und Nettersheim.

Die Matronen sind keine Göttinnen aus einem Heldenlied. Niemand hat ihre Geschichten aufgeschrieben, es gibt keinen Mythos, keine Edda-Strophe, keine Saga. Was wir haben, ist etwas anderes und in gewisser Weise Ehrlicheres: Stein. Hunderte Männer und Frauen haben im römischen Rheinland Geld ausgegeben, einen Steinmetz bezahlt und einen Altar aufstellen lassen, weil sie glaubten, dass drei Mütter ihnen geholfen hatten. Für uns als Gravurwerkstatt haben sie noch einen besonderen Reiz: Es sind beschriftete Steine, deren Buchstaben nach fast zweitausend Jahren noch scharf genug sind, um sie zu lesen.

Wie viele Matronensteine gibt es?

Die Zahl schwankt je nach Zählweise, und das sollte man offen sagen. Insgesamt sind für die Matres und Matronae im ganzen Römischen Reich über 1.100 Inschriften und Denkmäler bekannt. Viele davon stammen aus der römischen Provinz Niedergermanien (Germania inferior), also dem linksrheinischen Gebiet zwischen Nordsee und etwa Remagen. Allein dort wurden über 800 Matronensteine gefunden. Neuere Auswertungen aller Weihungen aus Niedergermanien kommen auf rund 1.600 Dedikationen an Gottheiten insgesamt, von denen etwas mehr als die Hälfte an die Matronen gerichtet ist.

Zeitlich liegt der Kult zwischen dem späten 1. und dem 4. Jahrhundert. Die frühesten datierten Weihungen stammen aus dem Raum Andernach und dem Brohltal, gesetzt von Soldaten in der Zeit Kaiser Domitians (81–96 n. Chr.), noch ohne Beinamen, einfach an „ihre Mütter“ (matribus suis). Die bildlichen Darstellungen der drei Frauen setzen erst um 160 n. Chr. ein. Die große Blüte liegt zwischen etwa 150 und 250/260 n. Chr., also in der ruhigen Phase des römischen Rheinlands vor den Frankeneinfällen. Danach werden die Steine seltener, die Heiligtümer bestehen aber teils weiter: Der Tempelbezirk von Pesch wurde im 4. Jahrhundert noch großzügig umgebaut.

Gesicherter Befund: Weit über tausend Inschriften und Reliefs für Matres und Matronae sind bekannt, der dichteste Schwerpunkt liegt im südlichen Niedergermanien zwischen Köln, Bonn, Eifel und Jülicher Land. Die meisten datieren ins 2. und 3. Jahrhundert n. Chr.

Drei Frauen, zwei Hauben

Das Bild ist so eingängig, dass man es nach dem dritten Stein nicht mehr vergisst: Drei Frauen sitzen nebeneinander auf einer Bank, frontal zum Betrachter, oft in einer kleinen Nische, die wie ein Tempelchen gestaltet ist. Auf dem Schoß halten sie Körbe mit Obst. Die beiden äußeren tragen gewaltige, fast kreisrunde Hauben, die den Kopf wie eine Scheibe umrahmen. Die mittlere Frau dagegen hat offenes, schulterlanges Haar, manchmal mit einem Stirnband.

Diese Hauben sind keine Fantasie des Steinmetzen. Sie entsprechen der Tracht, die auch auf Grabsteinen verheirateter Frauen aus dem Gebiet der Ubier rund um Köln erscheint. Offenes Haar trug dagegen die unverheiratete junge Frau. Die Forschung liest die Dreiergruppe deshalb oft als Lebensalter: junges Mädchen in der Mitte, flankiert von Mutter und Großmutter, oder allgemeiner von zwei verheirateten Frauen. Klar ist: Die Göttinnen trugen die Kleider der Frauen, die sie verehrten. Sie sahen aus wie die eigene Familie.

Die schönste und bekannteste Fassung dieser Bildformel steht im LVR-LandesMuseum Bonn. Der Altar wurde von Quintus Vettius Severus gestiftet, Quästor, also Finanzbeamter, der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, des römischen Köln. Er ist durch die Nennung der Konsuln Macrinus und Celsus genau auf das Jahr 164 n. Chr. datiert. Der Stein zeigt die drei Frauen in einer Nische, die Seiten sind mit Pflanzen und Opferszenen geschmückt.

Die Nebenseiten vieler Altäre lohnen den zweiten Blick. Dort sieht man Opferdiener mit Schweinen, Schalen mit Früchten, Weihrauchkästchen, Bäume und Ranken. Auf manchen Steinen tauchen Schlangen auf, die sich um einen Baum winden. Der Wiener Religionshistoriker Rudolf Simek deutet die Schlangen vorsichtig als Bezug zur Unterwelt oder zu den Toten, Kinder und Windeln auf manchen Darstellungen als Hinweis auf eine Rolle bei Geburt und Kinderschutz. Aber sie passen zum Gesamtbild: Diese Göttinnen waren für das Gedeihen zuständig, für Familie, Feld und Nachwuchs.

Wer die Steine stiftete

Der gängige Satz „Die Matronen waren die Göttinnen der einfachen Landbevölkerung“ hält einer genauen Prüfung nicht stand. Wer sich einen Altar mit Relief leisten konnte, war nicht arm. Unter den Stiftern finden sich auffallend viele Soldaten und Beamte: Legionäre, Matrosen der römischen Rheinflotte, und immer wieder beneficiarii, also Soldaten, die vom normalen Dienst befreit und für Verwaltungs- und Kontrollaufgaben abgestellt waren, etwa an Straßenstationen. Dazu kommen städtische Amtsträger wie Vettius Severus, wohlhabende Gutsbesitzer und Pächter, Handwerker und Händler.

Ihre Namen erzählen eine eigene Geschichte. Viele Stifter tragen römische Bürgernamen mit drei Teilen, andere einheimische keltische oder germanische Namen, die ins Lateinische übertragen wurden. Oft trägt der Vater noch einen einheimischen Namen, der Sohn schon einen römischen. Man kann in diesen Inschriften förmlich zusehen, wie aus Ubiern rheinische Römer wurden, ohne dass sie ihre Mütter vergaßen.

Die Inschriften folgen fast immer demselben Muster: Name der Göttinnen im Dativ, Name des Stifters, dann die Schlussformel V·S·L·M, ausgeschrieben votum solvit libens merito. Dahinter steckt die römische Logik des Gelübdes: Man bittet um etwas, verspricht für den Fall der Erfüllung eine Gabe, und wenn es geklappt hat, löst man das Versprechen ein.

Den aufanischen Matronen. Quintus Vettius Severus, Quästor der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, hat sein Gelübde gern und nach Gebühr eingelöst, im Konsulatsjahr des Macrinus und des Celsus.Weihealtar aus Bonn, 164 n. Chr., LVR-LandesMuseum Bonn (eigene Übertragung)

Worum genau gebeten wurde, steht fast nie da. Manche Stifter weihen „für sich und die Ihren“, manche „für das Wohl des Kaisers“. Über die gesunde Geburt, die gute Ernte oder die heile Rückkehr von der Grenze schweigen die Steine.

Aufaniae, Vacallinehae und Co.: was die Beinamen verraten

Das eigentlich Faszinierende an den Matronen sind ihre Beinamen. Die Göttinnen heißen nie nur „Matronen“, sondern fast immer „die Matronen von …“ oder „die …ischen Matronen“. Bekannt sind mehrere Dutzend solcher Beinamen. Manche sind nur einmal belegt, andere auf Dutzenden Steinen. Sprachlich sind sie ein Glücksfall, denn sie gehören zu den ältesten Zeugnissen einheimischer Sprachen am Rhein, eingeritzt mit lateinischen Buchstaben, Jahrhunderte vor den ersten althochdeutschen Texten.

Germanische Namen. Eine große Gruppe trägt die Endung -ehae oder -ahenae (im Dativ -ehis, -ahenis). Diese Endung gilt als germanisches Ableitungssuffix, das einem gallischen -ik- entspricht. Beispiele: Vacallinehae, Austriahenae, Albiahenae, Rumanehae. Andere Namen lassen sich über germanische Wortstämme deuten: Die Gabiae und Alagabiae gehören wohl zur Wurzel von „geben“, also „die Gebenden“ oder „die alles Gebenden“. Die Aufaniae verbindet man mit gotisch ufjō, „Überfluss“, sinngemäß also „die Freigebigen“. Gesichert ist diese Deutung nicht, sie gilt aber als die wahrscheinlichste. Besonders spannend für Sprachforscher sind einige seltene Formen auf -ims, etwa Vatvims oder Aflims: Sie werden als sehr frühe germanische Dativ-Plural-Endungen gelesen.

Orts- und Stammesnamen. Viele Beinamen bezeichnen offenbar einen Ort, einen Fluss oder eine Gemeinschaft. Die Albiahenae bringt man mit Elvenich bei Zülpich zusammen, das auf ein römisches Albiniacum zurückgehen dürfte. Die Renahenae aus Bonn tragen den Rhein im Namen. Die Hamavehae gehören zu den Chamaven, die Hiannanefatae wahrscheinlich zu den Cananefaten im Rheindelta. Bei den Vacallinehae denkt man an eine Sippe oder Siedlungsgemeinschaft namens „Vacalli“, auch eine Verbindung zum Ortsnamen Wachendorf wurde vorgeschlagen. Beides bleibt unsicher.

Keltische und gemischte Namen. Ein Teil der Beinamen ist keltisch. Die Suleviae etwa sind in Gallien, Britannien und sogar in Rom belegt. Bei den Ambiomarcae aus Remagen mischt man keltische und germanische Elemente, die Deutung „die beiderseits der Grenze Wohnenden“ ist ein Vorschlag, kein Ergebnis. Der Rahmen schließlich ist lateinisch: das Wort matronae, die Formeln, die Schrift.

Diese Dreisprachigkeit ist der Schlüssel zum Verständnis. Die Matronen sind kein rein germanischer Kult, den die Römer zufällig aufgeschrieben haben. Sie sind ein Produkt der Grenzregion, in der keltische, germanische und römische Traditionen ineinander flossen. Wie die Römer fremde Götter einordneten, haben wir im Beitrag zur Interpretatio Romana beschrieben. Bei den Matronen geschah aber eher das Gegenteil: Die einheimischen Namen blieben erhalten, nur die Form wurde römisch.

Bonn: das Heiligtum unter dem Münster

Die Matronae Aufaniae gehören zu den am häufigsten bezeugten Matronen überhaupt. Zwei Kultzentren sind bekannt: Bonn und Nettersheim. Einzelne Weihungen an die Aufaniae kamen sogar in Lyon und in Südspanien zum Vorschein, wohl von Menschen aus dem Rheinland, die ihre Göttinnen mitnahmen.

In Bonn liegt der Schwerpunkt dort, wo heute das Münster steht. Bei Ausgrabungen in diesem Bereich kamen weit über hundert Steindenkmäler zutage, viele davon für die Aufaniae. Die Blütezeit dieses Kultzentrums lag in den Jahrzehnten um 200 n. Chr. Die Steine wurden teils in jüngeren Bauten wiederverwendet, was für Archäologen ein Glück ist, denn so blieben sie erhalten.

Besonders spannend ist, was danach kam. Unter der Krypta des Bonner Münsters fand man eine cella memoriae aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts, einen kleinen Gedächtnisbau für Totenmähler an Gräbern, die später als Märtyrergräber verehrt wurden. Um 400 entstand dort ein erster Kirchenraum. Der Ort, an dem man den Müttern Altäre setzte, wurde zum Ort christlicher Heiligenverehrung. Ob man daraus eine bewusste Übernahme lesen darf, ist offen. Auffällig ist die Kontinuität des Platzes allemal.

Pesch und die Görresburg: Tempel in der Eifel

Wer die Matronen nicht nur im Museum sehen will, fährt in die Nordeifel. Zwei Heiligtümer sind dort ausgegraben und zugänglich. Kleine Korrektur zu vielen Darstellungen, auch zu unserer früheren Fassung dieses Artikels: Die beiden Plätze gehören unterschiedlichen Matronen.

Der „Heidentempel“ bei Pesch liegt bei Nöthen auf dem Gebiet von Bad Münstereifel. Er war ausschließlich den Matronae Vacallinehae geweiht, deren Verehrung sich weitgehend auf das Gebiet zwischen Rhein und Maas beschränkte. Der Bonner Archäologe Hans Lehner grub die Anlage zwischen 1913 und 1918 aus. Die ältesten Steinbauten stammen aus dem 1. Jahrhundert. Zur Anlage gehörten ein Umgangstempel mit fast quadratischer Cella, ein offener Hof, in dem die Stifter ihre Weihesteine aufstellten, eine dreischiffige Versammlungshalle mit Bänken und eine rund 120 Meter lange Wandelhalle, die den Festplatz begrenzte. Gefunden wurden nur Bruchstücke von Weihesteinen, die heute aufgestellten Altäre sind Repliken. Im 4. Jahrhundert wurde der Tempelbezirk noch einmal großzügig umgestaltet, spätestens im 5. Jahrhundert endete er durch Brand und Zerstörung.

Die Görresburg bei Nettersheim liegt auf einer Bergzunge zwischen Urft und Schleifbach. Hier verehrte man die Aufaniae. Der Tempelbezirk mit mehreren ziegelgedeckten Steingebäuden wurde Anfang des 20. Jahrhunderts ausgegraben. Zwei Stifter sind gut bekannt, und beide passen ins Bild: Marcus Pettronius Patroclus, ein beneficiarius, stiftete gegen Ende des 2. Jahrhunderts einen Altar in Form eines Tempelchens mit den drei sitzenden Frauen. Ein anderer beneficiarius consularis namens Marcus Aurelius Agrippinus löste sein Gelübde „für das Wohl des Kaisers“ ein. Beamte an einer Straßenstation, die bei den einheimischen Müttern um Schutz bitten: So sah Religion im römischen Rheinland aus.

Morken-Harff: ein Damm aus Göttinnen

Einer der merkwürdigsten Funde kam 1958 im rheinischen Braunkohlerevier bei Morken-Harff (heute Bedburg) ans Licht. Bei Abbauarbeiten stieß man auf eine Dammschüttung, die zu großen Teilen aus zerschlagenen Weihesteinen bestand. Nach Angaben aus der Fachliteratur waren es weit über tausend Bruchstücke, die zu mehreren hundert Denkmälern gehörten. Fast alle waren den Matronae Austriahenae geweiht, die sonst nirgends belegt sind. Hans-Georg Kolbe veröffentlichte den Fund 1960 in den Bonner Jahrbüchern.

Zwei Lehren lassen sich daraus ziehen. Erstens: Manche Matronen waren sehr lokal, an einen einzigen Kultplatz gebunden, und hatten dort trotzdem Hunderte Verehrer. Zweitens: Irgendwann waren die Steine für jemanden nur noch Baumaterial.

Mythos-Check: Immer wieder liest man, die Austriahenae seien mit der angelsächsischen Göttin Eostre verwandt, von der Beda berichtet, und damit mit Ostern. Der Gleichklang ist da, der Beweis nicht. Die Bedeutung von Austriahenae ist unbekannt, wahrscheinlich steckt ein Ortsname dahinter. Mehr zur dünnen Quellenlage um Eostre findest du in unserem Artikel über Ostara.

Woher kommt der Kult? Kelten, Germanen, Römer

Muttergöttinnen in Dreiergruppen gab es nicht nur am Rhein. Die ältesten Weihungen an Matres stammen aus Südgallien, aus der Mitte des 1. Jahrhunderts. Wenig später finden sie sich in Norditalien, wo sie meist ohne Beinamen erscheinen. Kleinere Gruppen sind aus Spanien und Portugal bekannt, etwa die Matres Gallaicae, die „galicischen Mütter“, und aus Britannien. Ins Rheinland kam die Bildform also wohl über die keltisch-römische Welt. Die Germanen der Region, allen voran die Ubier, haben sie aufgegriffen und mit eigenen Namen gefüllt.

Das klingt nüchterner, als es ist. Denn dass die Form übernommen wurde, heißt nicht, dass auch der Glaube importiert war. Wahrscheinlicher ist, dass ältere einheimische Vorstellungen von schützenden weiblichen Mächten eine neue, römische Ausdrucksform fanden: den beschrifteten Steinaltar. Ähnliches sieht man bei der Göttin Nehalennia an der Scheldemündung, deren Altäre stilistisch mit den Matronensteinen verwandt sind. Zum keltischen Hintergrund lohnt sich ein Blick in unseren Beitrag zur keltischen Religion.

Wichtig ist auch, wer den Kult verbreitete. Germanische Soldaten in römischen Diensten trugen ihre Mütter an andere Orte des Reiches. So erklärt sich, dass rheinische Beinamen in Lyon oder Spanien auftauchen. Die Matronen waren also gleichzeitig ganz lokal, an ein Dorf, einen Bach, eine Sippe gebunden, und mobil, wenn ihre Verehrer weiterzogen.

Modranecht: die Nacht der Mütter

Damit kommen wir zu den Spuren, die über die Römerzeit hinausweisen könnten. Die wichtigste stammt aus England. Der angelsächsische Gelehrte Beda Venerabilis beschreibt in seiner Schrift De temporum ratione („Über die Zeitrechnung“, 725) den alten Kalender seines Volkes. Das Jahr begann demnach am 25. Dezember, und die Nacht davor hatte einen eigenen Namen:

Et ipsam noctem nunc nobis sacrosanctam, tunc gentili vocabulo Modranicht, id est matrum noctem appellabant. (Und eben diese Nacht, die uns heute hochheilig ist, nannten sie damals mit heidnischem Namen Modranecht, das heißt Nacht der Mütter.)Beda Venerabilis, De temporum ratione, Kap. 15 (725); Übersetzung eigene Übertragung

Beda schreibt „der Mütter“, im Plural. Was die Angelsachsen in dieser Nacht taten, verrät er nicht. Vieles spricht aber dafür, dass hier eine verwandte Vorstellung von kollektiven Müttern greifbar wird, rund 400 Jahre nach den letzten rheinischen Matronensteinen und auf der anderen Seite der Nordsee. Rudolf Simek sieht in der Modranecht ein Verbindungsglied zwischen dem westgermanischen Matronenkult und den skandinavischen Dísablót. Der Anglist Philip A. Shaw hat darauf hingewiesen, dass die rheinischen Matroneninschriften Bedas Angaben indirekt stützen: Kollektive Muttergöttinnen bei germanischsprachigen Völkern gab es wirklich.

Wie die Mütternacht später mit den Zwölften und dem Jahreswechsel verschmolz, erzählen wir im Artikel über Rauhnächte und Mütternacht.

Disen, Idisi, Nornen: Verwandte oder Wunschdenken?

Seit dem 19. Jahrhundert vergleicht die Forschung die Matronen mit anderen weiblichen Kollektiven, besonders mit den Disen und den Nornen.

Die Disen. In der altnordischen Überlieferung sind die dísir weibliche Schutzgeister, eng mit Sippe und Familie verbunden. In Schweden gab es ein Dísablót, ein Opferfest für sie, und in Uppsala einen Markt namens Disting. Der Vergleich liegt nahe: weibliche Kollektive, die über eine Familie oder Gemeinschaft wachen und ein Opferfest bekommen. Ausführlich behandeln wir sie im Beitrag über die Disir. Verwandt ist auch die Vorstellung von Fylgja und Hamingja, dem Folgegeist und dem Sippenglück.

Die Idisi. Im ersten der Merseburger Zaubersprüche, aufgezeichnet im 10. Jahrhundert, setzen sich idisi nieder, „hierhin und dorthin“, und hemmen ein feindliches Heer. Das Wort ist wohl mit altnordisch dís verwandt. Auch hier erscheinen Frauen als Gruppe, die eingreift. Eine Gleichsetzung mit den Matronen ist trotzdem nicht belegt, sondern eine Vermutung.

Die Nornen. Die drei Nornen Urd, Verdandi und Skuld der Völuspá sind die bekannteste weibliche Dreiergruppe des Nordens. Der Vergleich mit den Matronen beruht vor allem auf der Dreizahl und auf der Nähe zu Geburt und Schicksal. Doch Vorsicht: Die Dreiheit der Nornen ist in der Überlieferung nicht überall fest, an anderen Stellen der Edda gibt es viele Nornen. Und zwischen den rheinischen Altären des 2. Jahrhunderts und der isländischen Niederschrift des 13. Jahrhunderts liegen rund tausend Jahre, zwei Religionswechsel und mehrere hundert Kilometer See.

Mythos-Check: „Die Matronen sind die Nornen des Rheinlands“ ist ein schöner Satz, aber keine belegte Tatsache. Es gibt keinen durchgehenden Kult, der sich von Bonn bis Island verfolgen ließe. Was es gibt, ist eine gemeinsame Grundidee: Weibliche Mächte, oft in der Mehrzahl, wachen über Sippe, Geburt und Glück. Diese Idee taucht in verschiedenen Zeiten und Formen auf. Ob sie auf eine gemeinsame Wurzel zurückgeht oder mehrfach entstanden ist, lässt sich mit den Quellen nicht entscheiden.

Wie der Kult endete und was blieb

Das Ende des Matronenkults verlief nicht mit einem Schlag. Ab dem späteren 3. Jahrhundert werden neue Steine seltener. Gleichzeitig breitete sich das Christentum aus, besonders in den Städten. In Bonn wurde, wie gesehen, schon im 3. Jahrhundert an Gräbern gebetet, aus denen später das Münster hervorging. Auf dem Land hielten sich die Heiligtümer länger, Pesch wurde noch im 4. Jahrhundert umgebaut. Im 5. Jahrhundert verschwinden die Spuren.

Ob danach noch etwas weiterlebte, ist eine der reizvollsten und zugleich unsichersten Fragen der rheinischen Religionsgeschichte. Im westlichen Rheinland gibt es Sagen von „Juffern“, geheimnisvollen Jungfrauen, die an bestimmten Orten erscheinen. Manche Volkskundler halten sie für einen fernen Nachklang der Matronen. Ähnliches wird für Verehrungen „drei heiliger Jungfrauen“ in Süddeutschland und Tirol vermutet. Belegen lässt sich eine direkte Linie nicht. Es kann ebenso gut sein, dass Menschen in verschiedenen Jahrhunderten unabhängig voneinander auf das Bild dreier helfender Frauen kamen. Wie solche Vorstellungen in Gestalten wie Frau Holle weiterwirken könnten, ist ebenfalls eher Spurensuche als Beweis.

Was sicher blieb, sind die Steine selbst. Sie wurden verbaut, vergraben, in Dämme geschüttet, und genau deshalb haben sie überlebt. Heute kannst du sie im LVR-LandesMuseum Bonn, im Römisch-Germanischen Museum Köln und an den rekonstruierten Plätzen in Pesch und Nettersheim besuchen. Ein Name in Stein ist eine Bitte, die nicht vergessen werden will.

Für unsere Werkstatt in Alsdorf sind die Matronen deshalb mehr als ein Kapitel Religionsgeschichte. Sie sind regionale Geschichte. Die Menschen, die diese Steine setzten, lebten auf demselben Lössboden, an denselben Bächen, unter demselben grauen Rheinlandhimmel wie wir. Sie haben ihren Dank in Stein schlagen lassen, wir lasern ihn in Schiefer.

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Häufige Fragen

Was sind Matronen? Matronen sind mütterliche Schutzgöttinnen, die vor allem im römischen Rheinland vom späten 1. bis ins 4. Jahrhundert verehrt wurden. Sie erscheinen meist als drei sitzende Frauen und tragen lateinisch geschriebene, aber oft germanische oder keltische Beinamen.

Wie viele Matronensteine gibt es? Insgesamt sind über 1.100 Inschriften und Denkmäler für Matres und Matronae bekannt. Allein in Niedergermanien wurden über 800 Matronensteine gefunden, die meisten im südlichen Rheinland.

Wo kann man Matronensteine sehen? Die bedeutendsten Stücke zeigt das LVR-LandesMuseum Bonn, weitere das Römisch-Germanische Museum Köln. In der Eifel kannst du die Heiligtümer von Pesch bei Bad Münstereifel und die Görresburg bei Nettersheim mit Nachbildungen der Altäre besuchen.

Warum tragen die Matronen Hauben? Die großen runden Hauben entsprechen der Tracht verheirateter Frauen im Gebiet der Ubier. Die mittlere Figur mit offenem Haar gilt als junge, unverheiratete Frau.

Sind die Matronen germanisch oder keltisch? Beides und römisch dazu. Die Bildform kam wohl aus der gallo-römischen Welt, viele Beinamen sind germanisch, einige keltisch, die Inschriften lateinisch.

Haben die Matronen etwas mit den Nornen zu tun? Das ist eine verbreitete These, die sich auf die Dreizahl und die Nähe zu Geburt und Schicksal stützt. Ein direkter, durchgehender Zusammenhang ist aber nicht belegt.

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Nerthus – die Erdgöttin · Interpretatio Romana · Wie die Germanen ihre Toten ehrten · Der Hain der Semnonen · Die germanischen Feste.

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