Zwischen Bonn und der Eifel steht der Ursprung eines der eigenwilligsten Kulte des alten Europa: die Matronen, drei würdevolle Frauen mit Fruchtkörben, denen die Menschen des Rheinlands über Jahrhunderte hunderte Weihesteine setzten. Ein Kult direkt vor unserer Haustür.
Wer die germanische Religion sucht, muss nicht immer nach Island schauen. Manches liegt viel näher – im Rheinland, in Stein gehauen. Die Matronae, die „Matronen“, gehören zu den am besten belegten Gottheiten des germanisch-römischen Grenzraums. Und ihr Kernland ist unsere Region.
Die Matronen erscheinen fast immer zu dritt: drei sitzende Frauen, meist mit übervollen Fruchtkörben im Schoß, die beiden äußeren mit gewaltigen runden Hauben, die mittlere oft mit offenem Haar. Diese Bildformel wiederholt sich auf hunderten von Weihesteinen. Sie waren Schutz- und Muttergottheiten: zuständig für Fruchtbarkeit, Familie, Sippe und Wohlergehen. Wer ein Gelübde einlöste, weil ein Kind gesund geboren wurde oder eine Reise gut ausging, ließ den Matronen einen Altar setzen.
Das Zentrum des Kultes lag am Niederrhein und in der Eifel. In Bonn verehrte man die Matronae Aufaniae, deren Altäre sogar unter dem Bonner Münster gefunden wurden. Bei Nettersheim und am Heidentempel von Pesch in der Eifel stand ein großes Heiligtum der Matronae Vacallinehae. Weitere Beinamen füllen ganze Listen – oft nach Orten, Sippen oder Stämmen benannt. Die Inschriften sind lateinisch, die Namen aber überwiegend germanisch (teils keltisch): Hier verschmolzen römische Schreibkunst und einheimischer Glaube.
Den Matronae Aufaniae hat NN sein Gelübde gern und nach Gebühr eingelöst.Formel einer rheinischen Matronen-Weihung (gemeinfreie Inschrift), sinngemäß
Weil die Matronen als machtvolle Frauen zu dritt auftreten und über das Geschick der Menschen wachen, hat man sie früh mit den nordischen Nornen und den Disir verglichen – jenen Schicksals- und Schutzfrauen der viel späteren Edda. Der Gedanke ist verlockend: eine Linie von den rheinischen Müttern des 2. Jahrhunderts zu den Schicksalsweberinnen des Nordens. Sicher belegt ist diese Verbindung aber nicht. Sie ist eine Deutung, die vor allem auf der auffälligen Dreizahl und der Zuständigkeit fürs Schicksal beruht – kein durchgehender Kult, den man über tausend Jahre verfolgen könnte.
Was bleibt, ist eindrucksvoll genug: Direkt in unserer Region, zwischen Bonn und der Eifel, beteten Menschen über Jahrhunderte zu drei mütterlichen Göttinnen – und hinterließen uns ihre Namen in Stein.

Nerthus – die Erdgöttin · Interpretatio Romana · Wie die Germanen ihre Toten ehrten · Der Hain der Semnonen · Die germanischen Feste.
Zwischen den Jahren liegt eine Zeit, die anders tickt: die Rauhnächte, die Zwölf Nächte um die Wintersonnenwende. Die …
Weiterlesen →Kaiser Barbarossa sitzt im Kyffhäuser, das Haupt auf den Tisch gestützt, der Bart durch die Steinplatte gewachsen, und …
Weiterlesen →Die Sommersonnenwende ist der längste Tag des Jahres – und war eines der großen Feste des heidnischen Europa. Germanen …
Weiterlesen →Die Wikinger hatten keine Hauptstädte, aber sie hatten Orte der Macht: Plätze, an denen man Recht sprach, opferte und …
Weiterlesen →