Von den Göttern der Wikinger wissen wir aus der Edda. Doch wie kennen wir die Götter der Germanen am Rhein, tausend Jahre früher? Meist durch römische Augen – und unter römischen Namen. Das nennt man interpretatio romana, und es ist der Schlüssel zum ältesten germanischen Glauben.
Die Germanen der Kaiserzeit haben ihre Götter nicht selbst aufgeschrieben. Was wir über sie wissen, verdanken wir zum großen Teil den Römern – und deren Gewohnheit, fremde Götter mit den eigenen gleichzusetzen. Ein römischer Autor sah einen germanischen Gott, erkannte in ihm „einen wie Merkur“ und nannte ihn auch so. Diese Übersetzung von Göttern nennt man interpretatio romana.
Am klarsten fasst es Tacitus. Von den Göttern verehrten die Germanen am meisten „Merkur“ – gemeint ist der Gott, den wir später als Wodan/Odin kennen. Daneben „Herkules“ – der Donnergott, unser Donar/Thor – und „Mars“, der Kriegsgott Tiwaz/Ziu. Diese Gleichsetzungen sind kein Zufall: Sie leben bis heute in den Wochentagen fort. Der Mittwoch war der Merkurs- und Wodanstag (englisch Wednesday), der Donnerstag Donars Tag (Thursday), der Freitag der Tag der Göttin (Frigg/Freyja), der Dienstag der des Ziu/Tiwaz (Tuesday).
Manchmal stehen auf den Weihesteinen aber auch die einheimischen Namen – und dann wird es spannend. Am Hadrianswall weihten friesische Soldaten dem Mars Thingsus, dem Gott des Things, der Volksversammlung. In den Niederlanden und im Rheinland verehrte man Hercules Magusanus, den Hauptgott der Bataver. An der Küste, wo der Rhein ins Meer mündete, stand das große Heiligtum der Nehalennia, einer Schutzgöttin der Seehändler, mit Hund und Füllhorn. Und Tacitus nennt die Alcis, ein göttliches Brüderpaar. Diese Namen sind kein Nordisch – aber sie sind der echte, festländische Götterhimmel, aus dem später auch die nordische Welt erwuchs.
Von den Göttern verehren sie am meisten Merkur … daneben Herkules und Mars besänftigen sie mit erlaubten Opfertieren.Tacitus, Germania 9, eigene Übersetzung nach dem gemeinfreien Text
Ohne die interpretatio romana wüssten wir über den frühen germanischen Glauben fast nichts. Sie ist aber auch eine Falle: Ein römischer Name ist immer schon eine Deutung. „Merkur“ betont Wodans Rolle als Seelenführer und Gott der Fahrenden – seine Seiten als Kriegs- und Weisheitsgott gehen dabei fast unter. Wir sehen die germanischen Götter durch römische Brille. Und doch: Ohne diese Steine am Rhein und am Hadrianswall wäre der Weg von Tiwaz zu Tyr, von Wodan zu Odin, von Donar zu Thor für uns dunkel geblieben.

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