Ein Leben hat seine großen Schwellen: die Ankunft eines Kindes, das Zusammenfinden zweier Menschen, der Abschied von einem geliebten Menschen. Das heidnische Denken hat für jede dieser Schwellen ein Fest – denn ein Blót markiert immer einen Übergang, das Ende einer alten und den Beginn einer neuen Zeit. Ein Blick auf die Lebensfeiern von der Wiege bis zum Grabhügel.
Nicht nur der Jahreskreis kennt seine Wenden, auch das Leben selbst. Heidnische Gemeinschaften feiern deshalb bis heute die Übergänge im Leben mit einem Blót: die Namensweihe für ein neugeborenes Kind, die Eheschließung, den Abschied von einem Verstorbenen. Der Gedanke ist immer derselbe: Man begeht die Schwelle bewusst, im Kreis derer, die einen tragen, mit einem Wort, das bleibt.
„Mit Waffen und Gewändern sollen Freunde sich freuen … Geben und Wiedergeben erhält am längsten die Freundschaft." Hávamál 41/42 (nach Simrock, gemeinfrei)
Am Anfang steht die Namensgebung. In der alten Überlieferung wurde das Kind mit Wasser begossen – ausa vatni – und erhielt seinen Namen, oft verbunden mit einem Namensgeschenk (nafnfestr). Mit dem Namen trat der kleine Mensch in die Gemeinschaft der Sippe ein und wurde zu einem eigenen Wesen mit eigenem Weg. Das Wassergießen ist ausdrücklich schon für die vorchristliche Zeit bezeugt; das Namensgeschenk machte den Tag greifbar – ein Gegenstand, der ein Leben lang an diesen ersten Schritt erinnert.
Die Ehe war ein feierlicher Bund, besiegelt mit Handschlag (handsal) und oft mit einem Ring – dem alten Symbol für Bindung und Unendlichkeit. Man rief die Mächte an, die über Liebe und Eid wachten; die Göttin Vár galt als Hüterin der Gelübde zwischen Mann und Frau. Ein Bund, der halten soll, will benannt und bezeugt sein – bis heute schenkt man sich zur Hochzeit ein Zeichen, das die Namen und das Datum trägt.
Und am Ende steht der würdige Abschied. Die Ahnen bleiben Teil der Gemeinschaft; man ehrt sie, trinkt ihr Andenken und setzt ihnen ein Zeichen – so wie einst die Bautasteine am Weg. Vergänglich ist fast alles, doch was ein Mensch war, bleibt in der Erinnerung der Seinen. Genau darin liegt der Sinn jeder Lebensfeier: dem Übergang ein bleibendes Zeichen zu geben.
Diese drei Schwellen begleiten wir mit unserer Arbeit. Für die Hochzeit ein graviertes Zeichen mit Namen und Datum, für Geburt und Namensfest ein Willkommensgruß, für den Abschied eine schlichte, dauerhafte Tafel. Kein lauter Verkauf, sondern das, worum es bei den Lebensfeiern immer ging: dem Moment ein Zeichen zu geben, das ihn überdauert.
Das Begießen des Kindes mit Wasser (ausa vatni) samt Namensgebung und Namensgeschenk (nafnfestr) ist in der altnordischen Überlieferung bezeugt; darauf spielt auch die Hávamál an. Die Eheschließung per Handschlag (handsal) und die Bedeutung des Rings als Bindungssymbol sind belegt; Vár erscheint bei Snorri als Göttin der Eide zwischen Mann und Frau. Dass Übergänge im Leben mit einem Blót begangen werden, ist die dokumentierte Praxis heutiger Gemeinschaften (Eldaring e.V.: u. a. Namensweihe, Eheschließung).
Die heutigen heidnischen Lebensfeiern sind in ihrer konkreten Form modern gestaltet – Rituale werden von den Gruppen selbst erarbeitet, nicht aus einem überlieferten Ablauf abgelesen. Auch das Wassergießen (ausa vatni) ist zwar bezeugt, seine genaue Deutung (vorchristlicher Ritus oder christlich beeinflusst) aber umstritten. Belegt ist der Kern: Namensgebung mit Geschenk, Ehebund mit Handschlag und Ring, Totengedenken. Wer heute so feiert, knüpft ehrlich an Altes an und gestaltet es neu.

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