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Die Landvaettir - die Geister des Landes

Folklore & Glaube Die Landvaettir - die Geister des Landes

Bevor ein Wikingerschiff der Heimat entgegenglitt, nahm die Mannschaft die geschnitzten Drachenkoepfe vom Bug. Nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Ruecksicht - man wollte die Geister des Landes nicht erschrecken. Die Landvaettir, die Wesen des Bodens, waren fuer die alten Nordleute so selbstverstaendlich wie Wind und Wetter.

Wer sind die Landvaettir?

Landvaettir heisst woertlich "Landgeister" oder "Landwesen". Es sind ortsgebundene Geister, die an einem Berg, einem Fluss, einem Wasserfall, einem Huegel oder einem ganzen Landstrich hausen. Sie gehoeren nicht zu den grossen Goettern und haben keinen Namen in den Mythen - sie sind die stillen Herren des Bodens, auf dem man lebt. Wer ihre Gunst hat, dessen Vieh gedeiht, dessen Felder tragen, dessen Fischgruende sind reich. Wer sie erzuernt, dem verdorrt das Glueck.

Der Umgang mit ihnen war praktisch und alltaeglich. Man achtete heilige Orte, man liess bestimmte Steine und Haine in Ruhe, man brachte kleine Gaben dar. Es gibt Berichte, dass Familien einen Stein oder Huegel als Wohnsitz ihres Hausgeistes verehrten und ihm Speise hinstellten. Diese Landgeister sind eng verwandt mit den Wesen, die spaeter als Elfen und verborgenes Volk weiterlebten - dazu mehr im Beitrag ueber die Alben und Elfen.

Die Drachenkoepfe der Schiffe

Der bekannteste Beleg steht in den alten norwegischen Rechtstexten. In der Ueberlieferung des Ulfljot-Gesetzes, das die erste islaendische Rechtsordnung praegte, findet sich die Vorschrift, dass Schiffe mit aufgerichteten Drachen- oder Tierkoepfen sich dem Land nicht naehern durften. Sah ein Schiff Kueste, so musste die Mannschaft die klaffenden Koepfe abnehmen, damit die Landvaettir nicht erschraken und in die Flucht geschlagen wurden.

Das ist ein bemerkenswert konkreter Einblick. Die drohenden Schnitzbilder am Bug waren also nicht nur Schmuck oder Kriegssymbol, sondern hatten eine geistige Wirkung, mit der man rechnete. Die Geister des eigenen Landes zu schuetzen war so wichtig, dass es in Gesetzesrang stand. Wer sich fuer die Schiffe und ihre Drachenkoepfe interessiert, findet mehr im Beitrag ueber die Langschiffe.

Die Neidstange gegen einen Koenig

Wie ernst die Landvaettir genommen wurden, zeigt eine beruehmte Szene aus der Egils saga. Der Dichter und Kaempfer Egil Skallagrimsson, im Streit mit dem norwegischen Koenig Eirik Blutaxt und seiner Frau Gunnhild, errichtet an der Kueste eine nidstong, eine Neidstange: einen Pfahl, auf den er einen Pferdekopf steckt. Dann spricht er einen Fluch und ruft ausdruecklich die Landvaettir des Landes an, sie sollten ruhelos umherirren, bis sie Koenig und Koenigin aus dem Land getrieben haetten.

Egil wendet sich also nicht an die grossen Goetter, sondern an die Geister des Bodens selbst. Sie sind die eigentlichen Herren des Landes, maechtig genug, einen Koenig zu vertreiben. Der Fluch ist ein magischer Rechtsakt, der die unsichtbaren Bewohner gegen die sichtbaren Herrscher aufbringt. Kaum ein Text zeigt deutlicher, wie real und wirkmaechtig diese Geister im Denken der Zeit waren.

Ich stelle hier eine Neidstange auf und wende diese Schmach gegen Koenig Eirik und Koenigin Gunnhild; ich wende sie auch gegen die Landgeister, die dieses Land bewohnen, dass sie alle irre gehen und keiner sein Haus finde, bis sie Koenig Eirik und Gunnhild aus dem Lande getrieben haben.
nach der Egils saga, gemeinfreie Uebersetzungstradition

Islands vier grosse Schutzwesen

Die beruehmteste Erzaehlung ueber Landvaettir steht in Snorris Heimskringla. Ein daenischer Koenig will Island angreifen und schickt einen Zauberer voraus, der in Gestalt eines Wals die Kuesten auskundschaftet. Doch an jeder Himmelsrichtung stellt sich ihm ein gewaltiges Schutzwesen entgegen: im Osten ein Drache mit einem Schwarm giftiger Schlangen, im Norden ein riesiger Vogel, im Westen ein gewaltiger Stier, im Sueden ein Bergriese mit einer Eisenstange. Der Zauberer findet keinen Zugang, und der Angriff unterbleibt.

Diese vier Wesen - Drache, Vogel, Stier und Bergriese - sind bis heute lebendig: Sie zieren das islaendische Staatswappen und stehen fuer die vier Landesviertel. Aus einer Sagengeschichte ist ein nationales Sinnbild geworden. Doch man sollte den grossen Schutzgeistern der Snorri-Erzaehlung nicht den alltaeglichen Landvaettir-Glauben ueberstuelpen. Beides gehoert zusammen, ist aber nicht dasselbe.

Ein Glaube, der weiterlebt

Der Respekt vor den Geistern des Landes ist einer der langlebigsten Zuege der nordischen Volksfroemmigkeit. Er hat die Christianisierung ueberdauert und lebt in Island bis heute in der Ruecksicht auf die huldufolk, das verborgene Volk, fort - manchmal sogar in geaenderten Bauplaenen, wenn ein Fels als Wohnort eines Landgeistes gilt. Was als heidnische Verehrung ortsgebundener Maechte begann, wurde zu einer stillen Achtung vor der Landschaft, die sich erstaunlich zaeh gehalten hat.

Was gesichert ist

Die Landvaettir sind mehrfach belegt: in der Ueberlieferung des Ulfljot-Gesetzes die Vorschrift, die Drachenkoepfe der Schiffe vor der Kueste abzunehmen; in der Egils saga die Neidstange, die die Landgeister gegen Koenig Eirik anruft; in Snorris Heimskringla die vier grossen Schutzwesen Islands. Der Glaube an ortsgebundene, zu achtende Geister ist breit bezeugt und lebt in der islaendischen Volksfroemmigkeit fort.

Mythos-Check

Die vier grossen Wettir Islands (Drache, Vogel, Stier, Bergriese) sind Snorris literarische Erzaehlung und heute Staatssymbol - sie sind nicht dasselbe wie der alltaegliche Landvaettir-Glaube, der eine breite, gut bezeugte Volksfroemmigkeit war. Beides sauber zu unterscheiden lohnt sich: der eine Strang ist grosse Sage und Nationalsymbol, der andere gelebte, ortsgebundene Verehrung.

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