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Nehalennia: Die Göttin, die über die Nordsee wachte

Folklore & Glaube Nehalennia: Die Göttin, die über die Nordsee wachte

Nehalennia war eine Göttin der Scheldemündung im heutigen Zeeland, der römische Händler vor der Überfahrt nach Britannien sichere Fahrt und heile Ware gelobten – und der sie nach der Rückkehr steinerne Altäre setzten. Bekannt ist sie fast nur aus diesen Steinen: aus einem Tempelfund am Strand von Domburg 1647 und aus Hunderten Bruchstücken, die Fischer ab 1970 bei Colijnsplaat aus der Oosterschelde zogen. Wir zeigen dir, was die Altäre verraten, wer sie stiftete und was an ihrem Namen bis heute umstritten ist.

Ein Wintersturm legt eine Göttin frei

Am 5. Januar 1647 tobte über Walcheren ein schwerer Sturm. Als er abgezogen war, gingen Bewohner von Domburg an den Strand – und fanden dort, wo die Brandung die Dünen angefressen hatte, behauene Steine, Mauerreste, Bruchstücke von Statuen. Auf vielen Steinen standen lateinische Inschriften. Und immer wieder ein Name, den niemand kannte: Nehalennia.

So beginnt die Wiederentdeckung einer Göttin, über die kein einziger antiker Schriftsteller ein Wort verliert. Keine Sage erzählt von ihr, kein Lied, keine Edda. Was wir über Nehalennia wissen, steht auf Altären, die römische Kaufleute, Schiffer und ein paar Soldaten im 2. und frühen 3. Jahrhundert n. Chr. an der Mündung der Schelde aufstellen ließen. Das ist wenig und doch viel: Kaum eine regionale Gottheit Nordwesteuropas hat so viele beschriftete Weihesteine hinterlassen.

Das Zeeuws Museum in Middelburg spricht von „ruim twintig“ Altarsteinen aus dem Domburger Fund, die meisten der Nehalennia geweiht. Fachliteratur zählt rund 40 Steindenkmäler, davon etwa 30 mit Inschrift, dazu Statuenreste und Baumaterial eines Tempels. Die Zahlen schwanken, weil im 17. Jahrhundert niemand sauber katalogisierte und manches sofort verschwand. Unter den Funden waren auch Statuen der Siegesgöttin Victoria und des Meeresgottes Neptun – ein erster Hinweis darauf, wie sehr dieser Ort mit dem Meer zu tun hatte.

Gesicherter Befund: Nach dem Sturm vom 5. Januar 1647 kamen am Strand von Domburg (Walcheren) Reste eines römischen Heiligtums mit mehreren Dutzend Altären und Statuen zutage. Die Mehrzahl der Inschriften nennt die Göttin Nehalennia. In manchen älteren Darstellungen findet sich auch 1645 als Fundjahr; das Zeeuws Museum nennt 1647.

Noch im selben Jahr veröffentlichte der Leidener Professor Marcus Zuerius van Boxhorn eine Schrift über die rätselhafte Göttin und versuchte, ihren Namen aus dem „Skythischen“ abzuleiten – eine typische Idee des 17. Jahrhunderts, als man die Ursprünge der Niederländer gern in fernen Steppenvölkern suchte.

Der Brand von 1848 – und warum Zeichnungen uns retten

Die Domburger Steine wurden in die reformierte Kirche des Ortes gebracht. Dort standen sie zwei Jahrhunderte lang, wurden gezeichnet, beschrieben, in Stichwerken wie der „Zelandia Illustrata“ abgebildet. Dann kam 1848 ein Brand in dieser Kirche – und der größte Teil der Votivsteine ging verloren oder wurde schwer beschädigt.

Nur wenige Stücke überstanden das Feuer halbwegs. Eines davon gehört heute zur Sammlung des Zeeuws Genootschap und ist im Zeeuws Museum in Middelburg zu sehen: ein Kalksteinaltar, gestiftet von einem Mann namens Ingenuinius Ianuarius, datiert in die Zeit zwischen etwa 150 und 250 n. Chr. Weitere Überlebende liegen in Brüssel. Dass wir trotzdem wissen, wie die verlorenen Steine aussahen, verdanken wir den Zeichnern des 17. und 18. Jahrhunderts.

Ein Domburger Stein ist besonders bekannt geworden, weil er den Handel nach Britannien beim Namen nennt. Ein gewisser Marcus Secundinius Silvanus dankt der Göttin darin „ob merces recte conservatas“ – sinngemäß „weil die Waren wohlbehalten geblieben sind“. Er bezeichnet sich als negotiator cretarius Britannicianus, also als Händler mit Töpferwaren im Britannien-Geschäft.

Fischernetze voller Altäre: Colijnsplaat 1970

Gut drei Jahrhunderte nach Domburg wiederholte sich die Geschichte, diesmal auf dem Wasser. Am 14. April 1970 holte der Schiffer K. J. Bout aus Tholen beim Fischen in der Oosterschelde nahe Colijnsplaat (Noord-Beveland) vier Steinbrocken mit seinen Netzen herauf. Nico Stuart, Konservator am Rijksmuseum van Oudheden in Leiden, erkannte darin Teile zweier römischer Altäre – und auf den Inschriftresten den Namen Nehalennia.

Was dann folgte, ist eine der ungewöhnlichsten Bergungen der niederländischen Archäologie. Mit dem Fischkutter „Tholen 6 Johanna Cornelia“ wurden in weniger als vier Wochen über hundert Altäre und Bruchstücke geborgen, dazu Dachziegel, Tuffsteinblöcke und anderes Baumaterial. Weitere gezielte Suchaktionen folgten 1971 und 1974. Am Ende lagen in Leiden Reste von deutlich mehr Altären, als Domburg je geliefert hatte.

Das Leidener Museum spricht von insgesamt etwa 200 Altären, davon rund 80 (nahezu) vollständig. Der wissenschaftliche Katalog von P. Stuart und J. E. Bogaers (2001) verzeichnet 83 Altäre mit und 111 ohne Götterbild. Andere Übersichten zählen jedes Fragment einzeln und kommen auf über 300 Denkmäler. Sie zählen schlicht Verschiedenes.

Mythos-Check: „Über 300 Weihesteine für Nehalennia“ liest man oft. Das ist nicht falsch, aber missverständlich. Gemeint sind meist Reste und Bruchstücke. Vollständig erhaltene Altäre sind es deutlich weniger – in Leiden rund 80.

Was im Klei steckte, blieb gut erhalten; was herausragte, haben Strömung und Meerestiere angenagt. Deshalb sind manche Gesichter verwaschen, während Inschriften scharf blieben.

Ganuenta: der Hafen, den das Meer verschluckt hat

Zu einem Heiligtum gehört ein Ort. Für Colijnsplaat liefern die Altäre selbst den Namen. Ein bildloser Altar nennt einen Stifter namens Gimio mit dem Zusatz Ganuentae consistens – „ansässig in Ganuenta“. Das ist der einzige Beleg für diesen Ortsnamen. Seitdem gilt Ganuenta als wahrscheinlicher Name der Siedlung am Heiligtum; der niederländische Archäologe J. E. Bogaers hat diese Deutung stark gemacht. Ganz sicher ist sie nicht, auch andere Lokalisierungen sind erwogen worden.

Wichtig für das Verständnis: Die Landschaft sah damals völlig anders aus. Die Schelde mündete in der Römerzeit nördlich von Colijnsplaat ins Meer, und das Heiligtum lag an ihrem Ufer – an einer Stelle, von der aus Schiffe den Fluss verließen und Kurs auf die Themse nahmen.

Ob Ganuenta eher zum Gebiet der Menapier oder zu dem der Frisiavonen gehörte, ist in der Forschung offen. Klar ist: Hier trafen Kaufleute aus Gallien und Germanien zusammen, warteten auf Wind, luden um, beteten. Einen Eindruck vom Leben in diesem Küstenland bekommst du in unseren Beiträgen über die Menapier und die Cananefaten.

Wer die Steine stiftete: Salz, Fischsauce und Töpferware

Jetzt wird es richtig konkret. Viele Nehalennia-Altäre nennen nicht nur den Namen des Stifters, sondern auch seinen Beruf und seine Heimat. Für Colijnsplaat hat der Althistoriker Wolfgang Spickermann die Berufe ausgezählt: drei negotiatores allecarii, vier negotiatores salarii, einen negotiator cretarius, zwölf Händler ohne nähere Angabe, dazu drei nautae (Schiffer), einen actor navis (eine Art Schiffsführer oder Verwalter) und einen Gehilfen eines Geschäftsführers. Soldaten tauchen nur auf drei Steinen auf.

Was handelten diese Leute?

Zwei Weinhändler erschließt die Forschung nur indirekt aus dem Bildschmuck der Steine, etwa Weinfässern auf den Seitenflächen – das ist Deutung, keine Inschrift.

Ein Name steht stellvertretend für diese Welt: Marcus Exgingius Agricola. Auf seinem Altar nennt er sich Bürger von Trier (civis Treverensis, auf dem Stein in der Form cives Trever) und Salzhändler in Köln (negotiator salarius C. C. A. A., der Abkürzung für die Colonia Claudia Ara Agrippinensium). Ein Trierer, der in Köln mit Salz handelt und an der Schelde einer Küstengöttin dankt – die Grenzprovinz im Kleinformat.

Und Agricola war kein Einzelfall. Die meisten Stifter kamen aus Köln, andere aus Trier, aus Nijmegen und Dormagen, aus dem Gebiet der Rauriker um Augst bei Basel, der Sequaner um Besançon und der Veliocasser um Rouen. Ein Stifter, Quintus Phoebius Hilarius, war Ratsherr (decurio) des Municipium Batavorum, also des römischen Nijmegen – Hintergrund dazu in unserem Artikel über die Bataver.

Auffällig ist, wer fehlt. Frauen und Familien tauchen unter den Stiftern praktisch nicht auf. Nehalennia war offenbar keine Göttin für Haus und Kinderwunsch, sondern eine Göttin für Geschäftsreisende. Spickermann nennt sie zugespitzt eine „Funktionsgöttin“ der Britannienfahrer. Die Heiligtümer waren eher Raststätten am Rand des Meeres als Wallfahrtsorte.

Die Formel des Dankes: Gelübde in Stein

Um die Altäre zu verstehen, musst du wissen, wie römische Frömmigkeit funktionierte. Das Prinzip hieß votum, Gelübde. Vor der Reise versprach man der Gottheit eine Gabe, falls alles gut ging. Kam man heil zurück und war die Ladung nicht verdorben oder über Bord gegangen, löste man das Versprechen ein. Die Standardformel am Ende fast jeder Inschrift lautet v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito): „hat sein Gelübde gern und nach Gebühr eingelöst“.

Auf den Nehalennia-Steinen gibt es zwei typische Begründungen. Die eine dankt ob merces bene conservatas, für gut erhaltene Waren. Die andere bittet pro mercibus bene conservandis, für Waren, die gut erhalten bleiben sollen – also vor der Fahrt. Einige Stifter betonen außerdem, sie hätten auf Geheiß der Göttin gehandelt: ex imperio erscheint fünfmal, je einmal ex iussu und ex praecepto. Ob dahinter ein Traum oder ein Orakel stand, verraten die Steine nicht.

Einige Altäre tragen Konsulndatierungen und lassen sich deshalb aufs Jahr genau festlegen: 188, 193, 223 und 227 n. Chr. Insgesamt datieren die Denkmäler in die Zeit von etwa 150 bis 250 n. Chr.

Spannend ist noch ein Detail: Viele Altäre sehen sich stilistisch so ähnlich, dass die Forschung eine Steinmetzwerkstatt am Ort vermutet, die für Domburg und Colijnsplaat gleichermaßen arbeitete. Mühlsteine aus dem Fundgebiet deuten zudem auf gemeinsame Kultmahlzeiten. Das Heiligtum war also eher belebter Umschlagplatz als stiller Tempel. Ganz ähnliche Gelübde-Altäre kennen wir aus dem Rheinland – mehr dazu im Beitrag über germanische Opfer und Heiligtümer.

Hund, Apfelkorb, Schiffsbug: So sieht Nehalennia aus

Die Bildsprache der Altäre ist erstaunlich einheitlich. Meist sitzt Nehalennia auf einem Thron in einer kleinen Nische zwischen zwei Säulen, einer sogenannten Aedicula (einem tempelartigen Rahmen). Sie trägt ein langes Gewand und darüber einen kurzen Schulterumhang, der auf vielen Steinen gut zu erkennen ist.

Ihre Begleiter und Attribute:

Auf den Seitenflächen der Altäre erscheinen weitere Gestalten: Neptun auf elf Steinen, Hercules auf acht, dazu Jupiter, Oceanus und sogar einmal eine Dreiergruppe von Matronen.

Was bedeuten diese Zeichen? Hier beginnt die Deutung. Der Korb mit Früchten steht in der römischen Bildsprache für Fruchtbarkeit und Fülle – für Kaufleute gut übersetzbar als Gewinn und Wohlstand. Das Schiff verweist auf die Seefahrt. Beim Hund gehen die Meinungen auseinander. Für die einen ist er schlicht ein Wächter, Schützer von Haus und Gut. Andere sehen in ihm einen Begleiter der Seelen und damit einen Hinweis darauf, dass Nehalennia auch mit Tod und Übergang zu tun hatte – auf See keine abwegige Sorge. Belegen lässt sich keine der beiden Lesarten.

Mythos-Check: Nehalennias Äpfel werden gern mit den Äpfeln der Idun aus der nordischen Mythologie verbunden. Eine Verbindung ist nicht nachweisbar: Zwischen den Altären an der Schelde und der Überlieferung zu Idun und den Äpfeln der Jugend liegen rund tausend Jahre und Hunderte Kilometer. Früchtekörbe gehören zudem zum Standardrepertoire römischer Göttinnenbilder.

Ein bemerkenswerter Parallelfall steht bei Tacitus. In der „Germania“ (Kap. 9, 98 n. Chr.) schreibt er, ein Teil der Sueben opfere auch der Isis; ihr Kultbild sei nach Art einer Liburne geformt, eines leichten Kriegsschiffs. Daraus schließt Tacitus selbst, der Kult sei von außen gekommen. Diese „Isis mit dem Schiff“ wurde gelegentlich mit Nehalennia verbunden – aber Tacitus spricht von Sueben, nicht von Küstenbewohnern an der Schelde. Wie römische Autoren fremde Götter mit eigenen Namen belegten, erklären wir im Beitrag zur Interpretatio Romana.

Germanisch oder keltisch? Der Streit um den Namen

Der Name Nehalennia ist auf den Steinen in mehreren Schreibweisen überliefert: Nehalennia ist weitaus am häufigsten, daneben Nehalenia und Nehalaennia. Auf einem Altar aus Colijnsplaat steht Nechalenia, auf zwei weiteren ist das H in einer halbierten Sonderform gemeißelt. Offenbar suchte man ein Zeichen für einen gehauchten Kehllaut, den das Lateinische nicht kannte.

Was der Name bedeutet, ist seit fast vierhundert Jahren umstritten. Die wichtigsten Vorschläge:

Hinter dem Wortstreit steckt eine größere Frage: Zu welchem Volk gehörte diese Göttin? Die Scheldemündung lag in der Römerzeit in einem Grenzraum. Südlich lebten Stämme, die man gemeinhin zu den Kelten rechnet, nördlich und östlich germanischsprachige Gruppen, und alle standen seit Generationen unter römischer Herrschaft. Ehrlicher ist: Nehalennia ist eine einheimische Gottheit des Küstenraums, deren Name vermutlich älter ist als die Altäre und deren Bild ganz römisch gestaltet wurde. Zum Hintergrund lohnt sich ein Blick in unsere Artikel über die germanische Religion und die keltische Religion.

Mythos-Check: Nehalennia war keine „Wikingergöttin“. Die Altäre entstanden zwischen etwa 150 und 250 n. Chr., also rund sechs Jahrhunderte vor der ersten Wikingerfahrt. In Edda und Sagas kommt sie nicht vor.

Nehalennia und die Matronen: Schwestern im Stein

Wer bei uns im Rheinland lebt, erkennt die Nehalennia-Altäre sofort wieder. Die Aedicula-Form mit der thronenden Göttin in der Säulennische, die Weiheformeln, die gestaffelte Inschrift – das alles kennen wir von den Weihesteinen der Matronen, die zwischen Köln, Bonn und der Eifel zu Hunderten gefunden wurden. Der älteste datierte Aedicula-Altar dieser Art stammt aus Iversheim in der Eifel und gehört in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts.

Die Verwandtschaft ist kein Zufall. Viele Stifter in Colijnsplaat kamen aus Köln, wo der Matronenkult blühte. Nach Spickermann ist Nehalennia in Niedergermanien nach den Matronen die am häufigsten dargestellte Gottheit. Und einmal tauchen die Matronen sogar direkt auf einem Nehalennia-Stein auf, als Dreiergruppe auf der Seitenfläche.

Aus Köln selbst sind übrigens zwei Weihesteine für Nehalennia bekannt, gefunden im heutigen Stadtteil Deutz. Die Göttin hatte also Anhänger auch dort, wo die Händler zu Hause waren. Ein Unterschied bleibt: Die Matronen erscheinen stets zu dritt und meist mit großen Hauben, Nehalennia tritt allein auf und trägt ihre maritimen Zeichen. Den Hintergrund zu den germanischen Stämmen am Rhein findest du in unserem Artikel Germanen im Rheinland.

Das Ende des Kults: Wasser, Salztorf und ein Missionar

Nach 227 gibt es keinen datierten Nehalennia-Altar mehr. Aus der Spätantike ist in der Gegend um Colijnsplaat fast nichts gefunden worden. Das spricht dafür, dass Siedlung und Heiligtum um die Mitte des 3. Jahrhunderts aufgegeben wurden und später im Wasser verschwanden.

Lange erklärte man das mit einer großen Meeresüberflutung, der sogenannten „Dünkirchen-II-Transgression“. Diese Theorie gilt heute als überholt. Wahrscheinlicher ist, dass Menschen selbst nachgeholfen haben: An der Küste stach man salzhaltigen Torf, um daraus Salz zu gewinnen. Damit trug man ausgerechnet die natürliche Schutzschicht ab, die das Land vor dem Meer bewahrte. Eine bittere Pointe – das Salz, mit dem Nehalennias Händler ihr Geld verdienten, könnte am Ende ihren Tempel versenkt haben. Dazu kamen die Krisen des 3. Jahrhunderts.

Ob der Glaube an die Göttin danach ganz erlosch, wissen wir nicht. Gut 450 Jahre später berichtet Alkuin in seiner Lebensbeschreibung des Missionars Willibrord, dieser habe auf Walcheren ein Götzenbild zerschlagen und sei dafür vom Wächter des Heiligtums mit dem Schwert angegriffen worden. Wem dieses Bild gehörte, sagt Alkuin nicht. Manche Forscher halten es für denkbar, dass hier ein später Rest des Nehalennia-Kultes gemeint ist. Das ist eine reizvolle Vermutung, mehr nicht.

Der Küstenhandel selbst lebte weiter. Im frühen Mittelalter übernahmen friesische Kaufleute die Routen zwischen Rhein und Britannien, und Handelsplätze wie Dorestad blühten auf, nur wenige Tagesreisen von den versunkenen Altären entfernt. Die Händler beteten nun zu einem anderen Gott, aber das Wasser war dasselbe geblieben. Mehr über die Küstenbewohner jener Zeit erzählen wir im Artikel über die Friesen.

Wo du Nehalennia heute begegnest

Wenn du die Göttin mit eigenen Augen sehen willst, hast du drei gute Anlaufstellen.

Rijksmuseum van Oudheden, Leiden: Hier liegt der Großteil der Altäre aus der Oosterschelde. Das Museum zählt einen Nehalennia-Altar zu seinen Spitzenstücken – den Stein des Schiffers aus Besançon, auf dem die Göttin ihren Fuß auf den Schiffsbug setzt, den Fruchtkorb auf dem Schenkel, den Hund an ihrer Seite.

Zeeuws Museum, Middelburg: Hier ist einer der wenigen Domburger Steine zu sehen, die den Brand von 1848 überstanden haben – der Altar des Ingenuinius Ianuarius aus der Sammlung des Zeeuws Genootschap.

Nehalennia-Tempel, Colijnsplaat: Im Jachthafen von Colijnsplaat, rund 500 Meter vom ursprünglichen Fundort entfernt, steht seit 2005 ein nachgebauter Tempel. Der Bau orientiert sich an Funden vor Ort und an Studien gallischer und germanischer Umgangstempel und verwendet so weit wie möglich traditionelle Materialien und Techniken. Er ist eine Erinnerungsstätte, keine exakte Rekonstruktion. Betreut wird er von der Stichting Nehalennia; Besuche sind in der Regel nach Absprache möglich.

Unser Tipp aus der Werkstatt in Alsdorf: Schau dir die Altäre von der Seite an. Auf den Schmalseiten verstecken sich Neptun, Hercules und Füllhörner – Details, die auf Fotos meist fehlen.

Was wir wissen – und was nicht

Belegt: Kultplätze der Nehalennia bei Domburg (Fund 1647) und Colijnsplaat (Bergungen 1970–1974), dazu zwei Weihesteine aus Köln-Deutz. Die Altäre stammen aus der Zeit von etwa 150 bis 250 n. Chr.; datierte Stücke von 188 bis 227. Stifter waren überwiegend Händler und Schiffer aus Köln, Trier und Gallien, darunter Salz-, Fischsaucen- und Töpferwarenhändler. Bildattribute: Hund, Fruchtkorb, Schiffsbug, Ruder, Füllhorn.

Nicht belegt sind dagegen Mythen, Geschichten, Familienbeziehungen oder Feste der Göttin. Wir wissen nicht, wie die Einheimischen sie vor der Römerzeit darstellten oder wer das Heiligtum betreute. Alles, was über eine Schutzgöttin der Händler und Seefahrer hinausgeht, ist Deutung aus Bildern.

Gerade das macht Nehalennia so ehrlich: keine Figur späterer Dichter, sondern eine Macht, der man vor der Fahrt vertraute und der man danach, mit heiler Ware im Laderaum, in Stein dankte. Eine verwandte Gestalt aus einer ganz anderen Quelle – Tacitus statt Altarstein – ist Nerthus, die Mutter Erde.

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Häufige Fragen

Wer war Nehalennia? Nehalennia war eine regionale Göttin an der Scheldemündung im heutigen Zeeland (Niederlande). Händler und Schiffer baten sie in römischer Zeit um sichere Überfahrt nach Britannien und dankten ihr mit Weihealtären.

Wo wurden die Nehalennia-Altäre gefunden? Zuerst 1647 nach einem Sturm am Strand von Domburg auf Walcheren, dann ab 1970 in der Oosterschelde bei Colijnsplaat, wo Fischer sie in ihren Netzen fanden. Zwei weitere Steine stammen aus Köln-Deutz.

Wo kann man die Nehalennia-Altäre heute sehen? Die meisten stehen im Rijksmuseum van Oudheden in Leiden. Ein Domburger Altar ist im Zeeuws Museum in Middelburg zu sehen, und in Colijnsplaat gibt es seit 2005 einen nachgebauten Tempel.

Was bedeutet der Hund bei Nehalennia? Das ist nicht überliefert. Er wird meist als Wächter und Beschützer gedeutet; manche Forscher sehen in ihm auch einen Seelenbegleiter.

War Nehalennia germanisch oder keltisch? Das ist umstritten. Ältere Deutungen suchten germanische Wurzeln, eine neuere Deutung liest den Namen keltisch als „die am Meer“. Sicher ist nur, dass sie eine einheimische Gottheit des Küstenraums war.

Was ist Ganuenta? So hieß wahrscheinlich die römerzeitliche Siedlung beim Heiligtum von Colijnsplaat. Der Name ist nur auf einem einzigen Altar überliefert und liegt heute unter der Oosterschelde.

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