Sie tauchen in den alten Texten fast beilaeufig auf und sind doch ueberall: die Disir, weibliche Geister, die ueber einer Sippe wachen. Mal schuetzend, mal warnend, mal ein dunkles Vorzeichen. Wer sie waren, laesst sich nicht in einen Satz pressen - und genau das macht sie so interessant.
Das altnordische Wort dis (Plural disir) bezeichnet weibliche uebermenschliche Wesen, die eng mit einer Familie, einem Hof oder einem Menschen verbunden sind. Sie sind keine grossen Goettinnen mit eigenem Kult in ganz Skandinavien, sondern etwas Naeheres, Haeuslicheres: Geister, die zur eigenen Blutlinie gehoeren. Man koennte sie die weibliche Ahnen- und Schutzmacht der Sippe nennen, auch wenn schon dieser Begriff mehr ordnet, als die Quellen es tun.
Die Disir handeln selten mit grosser Geste. Sie stehen im Hintergrund, sie begleiten, sie wenden Unheil ab oder kuendigen es an. Wer ihre Gunst hat, dem geht es gut. Wer sie erzuernt oder wessen Zeit gekommen ist, der sieht sie in einer dunklen Stunde. Diese Doppelnatur - Schutz und Drohung zugleich - zieht sich durch fast jeden Beleg.
In der Sigrdrifumal, wo die erwachte Walkuere dem jungen Sigurd Runen- und Lebensweisheit mitgibt, werden die Disir unter den maechtigen Wesen genannt, die man um Beistand anrufen kann. In der Grimnismal erscheinen sie im Umfeld der schicksalswirkenden Frauengestalten. Und in der Atlamal, einem der Heldenlieder, traeumt eine Frau von den spadisir, den "prophezeienden Disir", die den nahenden Tod ankuendigen. Hier zeigt sich ihr zweites Gesicht besonders deutlich: Sie sind Boten des Schicksals, nicht nur milde Beschuetzerinnen.
Diese wenigen Stellen haben es in sich. Sie verbinden die Disir mit dem grossen Thema der nordischen Dichtung - dem Schicksal, das kommt, ob man will oder nicht. Wer sich fuer die weiblichen Schicksalsmaechte interessiert, findet in den Nornen die grossen Schwestern dieses Gedankens.
Anders als viele germanische Wesen haben die Disir einen bezeugten Kult: das Disablot. Die Ynglinga saga und andere Quellen berichten von einem Opferfest zu ihren Ehren, das im Herbst oder Fruehwinter begangen wurde, wenn die dunkle Jahreszeit begann. In Schweden war es mit dem grossen Markt und Thing von Uppsala verbunden, dem disting, dessen Name noch die Disir traegt.
Das Disablot war ein Fest im kleinen wie im grossen Kreis. Auf dem Hof ehrte man die weiblichen Schutzgeister der eigenen Sippe; im Reich hing es an Koenigtum und Gemeinwohl. Dass ein solches Fest gerade an der Schwelle zur harten Jahreszeit stand, passt zur Rolle der Disir: Man suchte den Beistand der eigenen Toten und Schutzmaechte, bevor der Winter kam. Aehnliche Gedanken finden sich in der Ahnenverehrung zu Jul, wenn die Familie ihrer Vorfahren gedenkt.
Ich lehre dich Runen, o Koenigssohn, / Siegrunen sollst du wissen, / willst du Sieg gewinnen; / auf dem Griff des Schwertes grabe sie ein / und rufe zweimal Tyr.
nach Sigrdrifumal, Simrock 1851
Eine der eindringlichsten Szenen steht im Thidranda thattr, einer kurzen Erzaehlung aus dem Umfeld der Islaendersagas. Der junge Thidrandi geht in der Nacht vor die Tuer, obwohl man ihn gewarnt hat. Da reiten neun Frauen in schwarzer Kleidung mit gezueckten Schwertern heran, und neun weitere in weisser Kleidung. Die schwarzen holen ihn; er wird verwundet und stirbt. Ein weiser Mann deutet es spaeter: Die Disir der Familie, die den alten Goettern verbunden sind, nehmen ein letztes Opfer, weil das Land bald zum neuen Glauben uebertreten wird.
Die Szene ist Literatur, kein Ritualbericht, und sie ist christlich gefaerbt. Trotzdem bewahrt sie eine sehr alte Vorstellung: dass die Schutzgeister einer Sippe zugleich ihre Schicksalsboten sind, in Schwarz und in Weiss, in Segen und in Untergang. Die Disir sind nie nur nett. Sie gehoeren zur Familie - mit allem, was das heisst.
Wer sich in die Quellen vertieft, merkt schnell: Die Disir grenzen sich kaum sauber von anderen weiblichen Geistern ab. Die Fylgja, der persoenliche Folgegeist, erscheint oft als Frauengestalt und wird gelegentlich selbst dis genannt. Die Nornen weben das Schicksal und stehen den spadisir nahe. Und die Walkueren, Odins Schlachtjungfrauen, teilen mit den Disir das Motiv der bewaffneten Frau, die ueber Leben und Tod entscheidet - in der Dichtung werden die Begriffe manchmal fast synonym gebraucht.
Diese Unschaerfe ist kein Fehler der Ueberlieferung, sie ist ihr Wesen. Die alten Menschen dachten nicht in sauberen Kategorien mit klaren Grenzen. Sie kannten ein Feld weiblicher Schutz- und Schicksalsmaechte, aus dem je nach Erzaehlung mal die eine, mal die andere Gestalt hervortrat. Erst die moderne Forschung hat versucht, Ordnung hineinzubringen - und dabei manches getrennt, was ursprünglich fliessend war.
Die Disir sind in Edda-Liedern (Sigrdrifumal, Grimnismal, Atlamal mit den spadisir) und in Sagas belegt. Das Disablot als Opferfest zu ihren Ehren im Herbst oder Fruehwinter ist mehrfach bezeugt, in Schweden verbunden mit dem disting von Uppsala. Der Thidranda thattr ueberliefert die Szene der neun schwarzen und neun weissen Frauen. Die Disir gelten durchgehend als weibliche, an Familie und Hof gebundene Schutz- und Schicksalsgeister mit doppeltem Gesicht.
"Disir" ist eine unscharfe Sammelkategorie, keine klar umrissene Geisterart. Die Grenzen zu Fylgja, Norne und Walkuere sind in den Quellen fliessend; die Begriffe ueberlappen und werden teils synonym gebraucht. Die saeuberliche Trennung in vier verschiedene Wesen ist grossenteils moderne Systematisierung. Auch der Thidranda thattr ist erzaehlende, christlich gefaerbte Literatur, kein Protokoll eines heidnischen Rituals.

Die Nornen · Draumar – Träume als Vorzeichen · Fylgja & Hamingja · Seiðr – die Zauberkunst · Ahnenverehrung zu Jul.