Die Dísir (Singular dís) sind in der nordischen Überlieferung weibliche übermenschliche Mächte, die an eine Familie, einen Hof oder einen einzelnen Menschen gebunden sind: Sie helfen bei der Geburt, schützen in Gefahr, kündigen den Tod an – und können selbst töten. Man ehrte sie beim Dísablót, einem Opferfest, das mehrere Sagas erwähnen, und ihr Name steckt bis heute im Disting, dem alten Wintermarkt von Uppsala. Wir zeigen dir, was die Quellen wirklich sagen, wo die Grenzen zu Walküren, Nornen und Fylgjur verschwimmen und was von der Gleichsetzung mit den Idisen zu halten ist.
Ein Hof in Ostisland, Herbst, die Winternächte haben begonnen. Drinnen sitzen die Gäste beim Fest, draußen tobt das Wetter. Ein Seher hat gewarnt: Heute Nacht geht niemand vor die Tür. Es klopft dreimal. Der junge Þiðrandi, achtzehn Jahre alt und zu stolz, um Gäste warten zu lassen, nimmt sein Schwert und tritt hinaus. Aus dem Norden reiten neun Frauen in Schwarz heran, die Schwerter gezogen. Aus dem Süden kommen neun in hellen Kleidern auf weißen Pferden. Die schwarzen sind schneller. Am Morgen ist Þiðrandi tot.
Die Frauen aus dieser Geschichte sind Dísir. Sie gehören zu den rätselhaftesten Gestalten der nordischen Überlieferung: kaum je beschrieben, oft nur in einem Halbvers genannt, und doch überall dort, wo es um Geburt, Kampf, Schicksal und Tod geht. Ihre Spur führt durch Eddalieder, Isländersagas, einen schwedischen Markt und einen Zauberspruch aus Merseburg – und wir sagen dir jeweils, wo der Beleg aufhört und die Deutung anfängt.
Das altnordische Wort dís (Plural dísir, eingedeutscht oft „Disen“) heißt in der Dichtung zunächst schlicht „Frau“, gern mit einem feierlichen Unterton: „Dame“, „Herrin“. Daneben steht die zweite, engere Bedeutung, um die es hier geht: weibliche Wesen jenseits der Menschenwelt, die über einzelnen Menschen oder ganzen Sippen stehen.
Wie alt das Wort ist und woher es kommt, ist nicht geklärt. Eine ältere Herleitung, die Jan de Vries aufgegriffen hat, verbindet dís mit einer indogermanischen Wurzel für „säugen, nähren“ – die Dísir wären dann ursprünglich „die Nährenden“. Andere Forscher vergleichen das altindische dhiṣaṇā, eine Bezeichnung für eine göttliche Frau. Beide Thesen sind möglich, keine ist bewiesen. Ähnlich offen ist das Verhältnis zu den westgermanischen Wörtern itis (althochdeutsch), idis (altsächsisch) und ides (altenglisch), die alle „Frau“ bedeuten. Ob sie mit dís wirklich urverwandt sind, ist umstritten, weil sich der Wegfall des anlautenden Vokals im Nordischen nicht sauber erklären lässt.
Spannend ist die Spur in den Personennamen. Þórdís, Ásdís, Hjördís, Vigdís, Halldís, Freydís: Das Element -dís steckt in einer ganzen Reihe altnordischer Frauennamen, und viele davon leben in Skandinavien bis heute. Ob Eltern im 10. Jahrhundert dabei an Schutzgeister dachten oder einfach an „Frau, Herrin“, wissen wir nicht. Mehr dazu in unserem Bereich zu nordischen Namen.
Die Lieder-Edda, aufgeschrieben im 13. Jahrhundert im Codex Regius, aber mit teils älterem Stoff, nennt die Dísir an einer Handvoll Stellen. Keine erklärt, wer sie sind, doch jede zeigt ein anderes Gesicht.
Geburtshelferinnen. In den Sigrdrífumál belehrt die erweckte Walküre den jungen Sigurd über verschiedene Runenarten. Strophe 9 handelt von den bjargrúnar, den „Bergungsrunen“, die einer Frau bei der Geburt helfen sollen:
Bjargrúnar skaltu kunna, ef þú bjarga vilt / ok leysa kind frá konum … / ok biðja þá dísir duga.Sigrdrífumál 9, Auszug; sinngemäß: „Bergrunen sollst du kennen, willst du helfen und das Kind von der Frau lösen … und dann die Dísir bitten, beizustehen.“ (eigene Übertragung)
Hier sind die Dísir eindeutig wohlwollend. Man ruft sie an, wenn es um Leben und Tod in der Wochenstube geht. Mehr zu den Runenstrophen dieses Liedes findest du in unserer zweisprachigen Sigrdrífumál.
Zornige Mächte. Ganz anders die Grímnismál. Odin sitzt, als Grímnir verkleidet, gefoltert zwischen zwei Feuern in der Halle des Königs Geirröðr und offenbart sich am Ende. In Strophe 53 heißt es: úfar ro dísir – „die Dísir sind dir feindlich gesinnt“ oder „zornig“. Kurz darauf stürzt Geirröðr in sein eigenes Schwert. Hier wirken sie wie ein Schicksalsurteil.
Trügerische Begleiterinnen. In den Reginsmál gibt der Gott Hnikarr, ein Odinsname, Sigurd Ratschläge für den Kampf. Strophe 24 warnt: tálar dísir standa þér á tvær hliðar – „trügerische Dísir stehen dir zu beiden Seiten“, und sie wollen dich verwundet sehen.
Anstifterinnen. Am Ende der Heldenlieder stehen die Hamðismál. Die Brüder Hamðir und Sörli haben unterwegs ihren Halbbruder Erpr erschlagen und erkennen zu spät, dass ihnen genau seine Hilfe fehlt. Sörli sagt in Strophe 28 sinngemäß: Die Dísir haben uns dazu getrieben – hvöttumk at dísir.
Tote Frauen. Die vielleicht dunkelste Stelle steht in den Atlamál (je nach Ausgabe Strophe 26 oder 28). Glaumvör, die Frau Gunnars, erzählt von einem Traum: Tote Frauen seien in der Nacht gekommen, schlecht gekleidet, und hätten ihren Mann zu sich holen wollen. Ihre Deutung: Seine Dísir seien kraftlos geworden. Ahnenfrauen, Schutzgeister und Todesbotinnen fallen hier in einem Bild zusammen. Wie ernst man solche Träume nahm, zeigt unser Beitrag über Träume als Vorzeichen.
Dazu kommen Stellen, an denen dís klar Walküren meint. In der ersten Guðrúnarkviða (Str. 19) werden Walküren nach Simeks Lexikon als Herjans dísir bezeichnet, „Dísir Odins“. Und die Walküre Sigrún wird in der ersten Helgakviða als „südliche Dís“ angesprochen. Die Edda kennt also kein fest umrissenes Wesen „Dís“, sondern ein Wort für Schutz, Zorn, Kampf und Tod.
Anders als viele Wesen der „niederen Mythologie“ hatten die Dísir einen Kult mit eigenem Namen: das Dísablót, das „Opfer für die Dísir“. Blót ist das allgemeine altnordische Wort für eine Opferhandlung mit Festmahl (mehr dazu in unserem Überblick über germanische Feste). Kein Text beschreibt seinen Ablauf; wir kennen es aus Nebensätzen, in denen es nur Kulisse ist – was diese Nebensätze eher glaubwürdiger macht.
Víga-Glúms saga, Kapitel 6. Der junge Isländer Glúmr besucht seinen Großvater Vigfúss in Voss in Westnorwegen. Dort heißt es: Zu den Winternächten wurde ein Fest vorbereitet und ein Dísablót gehalten, und alle sollten daran teilnehmen. Der Rahmen: ein Herbstfest auf einem großen Hof zu Winterbeginn, mit Gästen von außerhalb.
Egils saga, Kapitel 44. Auch Egill Skallagrímsson gerät in ein Dísablót, und zwar in ein gefährliches. Auf der Insel Atley in Norwegen richtet der königliche Verwalter Bárðr für König Eiríkr Blutaxt und Königin Gunnhildr ein Fest aus: ok skyldi þar vera dísablót, „und dort sollte ein Dísablót sein“, mit bestem Gastmahl und viel Trinken in der Stube. Man reicht Egill ein Horn mit vergiftetem Trank. Egill ritzt Runen ins Horn, färbt sie mit seinem Blut, und das Horn zerspringt. Am Ende des Abends liegt Bárðr tot da. Mehr über den Dichter erzählt unser Beitrag über Egill Skallagrímsson.
Ynglinga saga. Snorri Sturluson erzählt im ersten Teil seiner Heimskringla (um 1225) vom Tod des Schwedenkönigs Aðils: Der König war bei einem Dísablót und ritt um den dísarsalr, den „Saal der Dísir“, als sein Pferd strauchelte. Aðils stürzte, schlug mit dem Kopf auf einen Stein und starb. Das Kapitel hat in den gängigen isländischen Ausgaben die Nummer 29, in älteren Übersetzungen eine andere Zählung. Snorri stützt sich auf das Skaldengedicht Ynglingatal, das den tödlichen Sturz vom Pferd erwähnt. Den Ort und den Anlass, Dísablót und Dísensaal, liefert nach unserem Kenntnisstand erst Snorris Prosa.
Hervarar saga. Eine Fornaldarsaga, also eine Saga über die sagenhafte Vorzeit, nennt das Fest gleich zweimal. Álfhildr, die Tochter eines Königs Álfr, wird bei einem nächtlichen Dísablót entführt, während sie einen hörgr rötet, einen Steinaltar. Und an anderer Stelle erhängt sich eine Königin nach dem Tod ihres Vaters im dísarsalr. Die Saga ist literarisch stark überformt und zeigt eher die Bilder des 13. Jahrhunderts.
Der Begriff dísarsalr taucht nur in Sagas auf, nicht in Inschriften, und nirgends wird beschrieben, wie so ein Saal aussah. War es ein eigener Kultbau, ein Raum in der Halle, ein umzäunter Platz? Die Archäologie kann dazu nichts Sicheres sagen. Ausgegrabene Kultgebäude wie in Uppåkra in Schonen lassen sich keinem bestimmten Kult wie dem der Dísir zuordnen. Wer sich für solche Orte interessiert, findet in unserem Beitrag über Hörgr, Hof und Kulthalle den Stand der Forschung.
Einige Forscher haben Aðils’ tödlichen Umritt als verschleiertes Königsopfer gedeutet. Das ist eine Deutung, kein Befund; Snorri erzählt es als Unfall.
In der Saga Olafs des Heiligen (Heimskringla, Kapitel 77 der gängigen Zählung) hält Snorri eine Beobachtung über Schweden fest. Sinngemäß: In Schweden war es alter Landesbrauch, solange das Heidentum herrschte, dass das Hauptopfer in Uppsala im Monat Gói stattfinden sollte, also etwa Mitte Februar bis Mitte März. Man opferte für Frieden und Sieg des Königs, und Menschen aus dem ganzen Schwedenreich kamen dorthin. Zugleich fand das Thing aller Schweden statt, dazu ein Markt, der eine Woche dauerte. Nach der Christianisierung, als die Könige nicht mehr in Uppsala residierten, verlegte man den Markt auf Lichtmess (2. Februar) und verkürzte ihn auf drei Tage.
Wichtig für ehrliche Leser: In genau dieser Passage nennt Snorri das Fest ein höfuðblót, ein „Hauptopfer“, nicht ausdrücklich Dísablót. Die Verbindung zu den Dísir stellt der Name her, unter dem der Markt in Schweden bekannt war und ist: Disting, aus dísaþing, „Thing der Dísir“. Die Form ist nach gängiger Angabe schon im Upplandslag von 1296 belegt. Dass Thing, Markt und Dísenkult in Uppsala zusammengehörten, ist also eine gut begründete Schlussfolgerung aus Name und Snorris Bericht, aber keine Aussage, die eine Quelle in einem Satz macht. Mehr über den Ort mit seinen Königshügeln liest du in unserem Beitrag über Alt-Uppsala, über die Versammlung selbst im Beitrag zum Thing.
Auffällig ist die Terminfrage: Die Sagas setzen das Dísablót in den Herbst, Uppsala in den Spätwinter. Regionale Unterschiede oder zwei verschiedene Feste? Die Quellen reichen nicht aus, das zu entscheiden.
Was den Markt so besonders macht, ist seine Zähigkeit. Der Disting überlebte die Christianisierung, die Verlegung auf Lichtmess und Jahrhunderte städtischer Umbauten. 1611 ließ der Gelehrte Johannes Messenius in Uppsala zum Disting sein Stück Disa aufführen, ein frühes schwedischsprachiges Drama über ein kluges Mädchen namens Disa, das König und Versammlung dazu bringt, einen grausamen Brauch gegen Schwache und Alte aufzugeben. Die Disa-Sage ist spätmittelalterlich und hat mit den Dísir der Edda höchstens den Namen gemein. Offiziell wurde der Markt Ende des 19. Jahrhunderts abgeschafft, lebte aber weiter und wird nach Darstellungen zur Stadtgeschichte bis heute Anfang Februar in Uppsala abgehalten.
Zurück zu der Szene vom Anfang. Sie steht im Þiðranda þáttr ok Þórhalls, einer kurzen Erzählung (þáttr, „Strang, Erzählstück“), die in der Flateyjarbók überliefert ist, einer großen isländischen Sammelhandschrift aus dem späten 14. Jahrhundert, eingebettet in die lange Saga Olaf Tryggvasons. Þiðrandi ist der Sohn des historischen Häuptlings Hallr von Síða, der später zu den führenden Befürwortern des Christentums in Island gehörte.
Der Ablauf ist kurz erzählt. Beim Winternachtsfest warnt Hallrs Freund Þórhallr, ein Seher: In dieser Nacht soll niemand hinausgehen. Þiðrandi folgt dem dritten Klopfen, sieht die neun schwarzen Reiterinnen aus dem Norden und die neun hellen aus dem Süden, wird von den schwarzen tödlich verwundet, kann am Morgen noch berichten, was er gesehen hat, und stirbt. Þórhallr deutet es: Das seien die fylgjur der Familie gewesen, ihre Dísir. Die schwarzen, den alten Göttern verbundenen, hätten gewusst, dass die Sippe bald den neuen Glauben annehmen und sich von ihnen abwenden werde, und sich vorher noch ihren Anteil geholt. Die hellen hätten helfen wollen, seien aber noch nicht stark genug gewesen.
Aufgeschrieben haben diese Erzählung Christen, als Teil einer Bekehrungsgeschichte. Die Botschaft ist deutlich: Die alten Mächte sind gefährlich und am Ende machtlos, die neuen kommen aus dem lichten Süden. Jan de Vries nannte die Erzählung ein Beispiel aus einer Zeit, in der die alten Vorstellungen bereits verschwommen waren. Und doch bewahrt sie etwas Altes: die Vorstellung, dass Schutzgeister an eine Familie gebunden sind, dass sie mit ihr verbunden bleiben wollen und dass ein Bruch mit ihnen einen Preis hat.
Walküren. Die Überschneidung ist offensichtlich. Walküren sind die „Wählerinnen der Gefallenen“, Odins Kampfjungfrauen (ausführlich in unserem Beitrag über die Walküren). Wenn die Edda sie Herjans dísir nennt, ist dís der Oberbegriff, Walküre eine besondere Ausprägung. In der späten Dichtung, etwa im Sterbelied Krákumál, das Ragnar Loðbrók in den Mund gelegt wird, heißt es sinngemäß „die Dísir laden mich heim“ – gemeint sind Walküren, die den Helden nach Walhall holen.
Nornen. Die Nornen bestimmen das Schicksal bei der Geburt. Wenn die Dísir in den Sigrdrífumál bei der Geburt helfen und in den Grímnismál das Ende eines Königs besiegeln, rücken sie nah an die Nornen heran. Henry Adams Bellows übersetzte dísir in den Hamðismál deshalb sogar mit „norns“.
Fylgjur. Am engsten ist die Verbindung zur fylgja, der „Folgerin“, einem Schutzgeist, der einen Menschen oder eine Familie begleitet. Im Þiðranda þáttr verwendet der Seher beide Wörter für dieselben Frauen. Trotzdem lohnt die Unterscheidung. Die Fylgja ist meist persönlich, erscheint oft in Tiergestalt und im Traum, und sie ist eng mit der hamingja verbunden, dem Glück und Geschick eines Menschen. Die Dísir dagegen treten fast immer als Gruppe auf, als weibliche Mehrzahl, und sie haben ein Fest. Den Folgegeist und das Sippenglück erklären wir ausführlich in unserem Beitrag Fylgja & Hamingja.
Matronen. Rudolf Simek und andere haben die Dísir in eine Linie mit den Matronen gestellt, den Mütter-Gottheiten, die in römischer Zeit am Niederrhein auf Hunderten von Weihesteinen verewigt sind, oft als Dreiergruppe (mehr in unserem Beitrag über die Matronen). Dazu passt eine Notiz des angelsächsischen Gelehrten Beda Venerabilis aus dem frühen 8. Jahrhundert: Die heidnischen Angelsachsen hätten die Nacht vor dem Jahreswechsel Modranecht genannt, „Nacht der Mütter“. Gabriel Turville-Petre hat diese Mütternacht mit dem Dísablót verglichen. Eine anregende Brücke, aber eine Forschungsthese.
Die meisten Fachleute neigen heute zu einem pragmatischen Schluss: „Dísir“ war ein weiter Sammelbegriff für weibliche übermenschliche Mächte, innerhalb dessen Walküren, Nornen und Fylgjur je nach Erzählung hervortreten konnten. Die saubere Trennung in Schubladen ist eher ein Werk moderner Handbücher als der Quellen selbst.
Vermutlich im 10. Jahrhundert schrieb jemand zwei heidnische Zaubersprüche auf das Vorsatzblatt einer geistlichen Handschrift, die heute in Merseburg liegt. Der erste beginnt so:
Eiris sazun idisi, sazun hera duoder, / suma hapt heptidun, suma heri lezidun, / suma clubodun umbi cuoniouuidi: / insprinc haptbandun, inuar uigandun.Erster Merseburger Zauberspruch, althochdeutsch; sinngemäß: „Einst setzten sich Idisi, setzten sich hierhin und dorthin. Einige hefteten Fesseln, einige hemmten das Heer, einige zerrten an den Banden: Entspring den Fesseln, entfliehe den Feinden!“ (eigene Übertragung, Einzelwörter in der Forschung umstritten)
Die idisi greifen ins Kampfgeschehen ein, lösen und binden Fesseln. Das erinnert sofort an Walküren, und seit Jacob Grimm werden sie gern mit den nordischen Dísir gleichgesetzt. Grimm las auch den Namen Idistaviso, das Schlachtfeld an der Weser, auf dem Germanicus im Jahr 16 n. Chr. laut Tacitus gegen Arminius kämpfte, als *idisiaviso, „Wiese der Idisen“. Auch das ist eine gelehrte Textverbesserung, keine gesicherte Lesart.
Wie belastbar ist die Gleichung Idisi gleich Dísir? Sprachlich hängt alles an der Frage, ob dís und idis dasselbe Wort sind. Das ist möglich, aber wegen des fehlenden Anlautvokals im Nordischen nicht gesichert. Inhaltlich passt das Bild der kampfeingreifenden Frauen gut, aber ebenso zu Walküren allgemein. Die Idisi von Merseburg und die Dísir des Nordens gehören wahrscheinlich in einen gemeinsamen germanischen Vorstellungskreis weiblicher Schicksals- und Kampfmächte. Dass sie „dieselben Wesen“ sind, ist eine Forschungsthese mit guten Argumenten, keine Tatsache. Mehr zu Fundort, Handschrift und zum zweiten Spruch mit Phol und Wodan liest du in unserem Beitrag über die Merseburger Zaubersprüche.
Im Altenglischen heißt ides einfach „Frau, Dame“; im Beowulf ist Königin Wealhtheow die ides Scyldinga (Vers 1168), was Grimm mit dís Skjöldunga in der zweiten Helgakviða verglich – ein ähnliches Ehrenwort, kein Beweis.
Wo Menschen etwas verehrten, hinterließen sie oft Namen in der Landschaft. Für die Dísir werden in der Literatur mehrere solcher Namen genannt: das norwegische Disin, gedeutet als altnordisch Dísavin, „Weide der Dísir“, sowie schwedische Namen wie Disevid („Wald der Dísir“) und Bildungen mit Dis- wie Diseberg oder Disåsen.
Hier ist Vorsicht nötig: Ortsnamendeutung ist ein schwieriges Geschäft. Ein Vorderglied Dis- kann auf dís zurückgehen, aber ebenso gut auf andere Wörter oder auf einen Personennamen. Nicht jeder Hof namens Disen war ein Kultplatz. Ob ein bestimmter Disen-Ort wirklich ein Dísenheiligtum war, kann nur die Namenforschung im Einzelfall beurteilen. Was sich sagen lässt: Die Dísir haben in der skandinavischen Namenlandschaft wahrscheinlich Spuren hinterlassen, wenn auch weniger klare als Odin, Thor oder Freyr.
Die Welt der Wikingerzeit war nicht nur von großen Göttern wie Odin, Thor und Freyja bevölkert. Darunter lag eine dichte Schicht von Mächten nah am Alltag: Landgeister wie die Landvættir, die Toten im Hügel und eben die Dísir. Auffällig ist, wie oft Geburt, Schicksal und Tod in der Schlacht mit weiblichen Gestalten verbunden werden. Und die Dísir waren zweischneidig: Sie halfen in der Wochenstube und lauerten im Kampf, sie schützten die Sippe und holten sich am Ende Þiðrandi. Sie sind so, wie Familie oft ist, tragend und fordernd zugleich. Dass ihr Fest an den Übergängen des Jahres lag, passt dazu; ähnliche Gedanken findest du in unserem Beitrag über die Ahnenverehrung zu Jul.

Was sind Dísir in der nordischen Mythologie? Dísir sind weibliche übermenschliche Wesen, die an eine Familie, einen Hof oder eine Person gebunden sind. Sie helfen bei der Geburt, schützen, kündigen den Tod an und können in der Dichtung auch feindlich oder tödlich sein.
Was ist ein Dísablót? Ein Opferfest zu Ehren der Dísir, belegt in Víga-Glúms saga, Egils saga, Ynglinga saga und Hervarar saga. In Island und Norwegen lag es nach den Sagas im Herbst zu den Winternächten; einen genauen Ablauf beschreibt keine Quelle.
Was hat der Disting in Uppsala mit den Dísir zu tun? Der Name des Marktes geht auf dísaþing zurück, „Thing der Dísir“. Snorri berichtet von einem großen Opfer, einem Thing und einem Markt in Uppsala im Monat Gói; der Markt besteht bis heute Anfang Februar.
Sind Dísir und Walküren dasselbe? Nicht ganz. Walküren werden in der Edda auch Dísir genannt, aber dís ist der weitere Begriff, der auch Schutzgeister, Geburtshelferinnen und schicksalhafte Mächte umfasst.
Sind die Idisi aus dem Merseburger Zauberspruch die Dísir? Das ist eine verbreitete, aber unbewiesene Forschungsthese. Beide sind kampfeingreifende Frauengestalten, doch ob die Wörter idis und dís sprachlich zusammengehören, ist umstritten.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Die Nornen · Draumar – Träume als Vorzeichen · Fylgja & Hamingja · Seiðr – die Zauberkunst · Ahnenverehrung zu Jul.
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