Die alten Nordleute dachten den Menschen nicht als abgeschlossenes Ich in einer Haut. Zu einem Leben gehoerten mehr Kraefte: ein Geist, der einem folgte, und ein Glueck, das man erben und weitergeben konnte. Fylgja und Hamingja heissen diese beiden - und sie erzaehlen viel darueber, wie man damals ueber Schicksal und Selbst dachte.
Das Wort fylgja haengt mit dem Verb "folgen" zusammen. Die Fylgja ist ein persoenlicher Folgegeist, der einen Menschen sein Leben lang begleitet. In den Sagas erscheint sie in zwei Hauptgestalten. Zum einen als Tier: ein Baer fuer den maechtigen Haeuptling, ein Fuchs fuer den Listigen, ein Wolf fuer den Kaempfer, ein Eber, ein Adler. Das Tier spiegelt den Charakter oder das Wesen seines Menschen. Zum anderen als Frauengestalt, die haeufig ueber eine ganze Sippe wacht und dann kaum von einer Dis zu unterscheiden ist.
Das Eigentuemliche: Die eigene Fylgja bekommt man in der Regel gar nicht zu sehen. Andere traeumen von ihr, oder ein Hellsichtiger erblickt sie. Und wenn ein Mensch seine Fylgja mit eigenen Augen sieht, ist das meist ein boeses Zeichen - der nahe Tod. In der Njals saga traeumt einer von Woelfen, die ein Ungluecksheer ankuendigen; in der Gisla saga begleiten Traumfrauen den Geaechteten durch seine letzten Jahre. Der Folgegeist ist also nicht nur ein huebsches Beiwerk, sondern eng mit Schicksal und Tod verwoben.
Die Tierfylgja gehoert zum einzelnen Menschen und zeigt sein Innerstes. In der Vatnsdaela saga und anderswo erkennt ein kundiger Traeumer am Tier, mit welcher Art Mann er es zu tun bekommt, noch bevor dieser den Hof betritt. Die Frauenfylgja dagegen ist oft groesser gedacht: Sie ist an eine Familie gebunden und kann beim Tod ihres Menschen auf einen Nachkommen uebergehen, so wie in manchen Erzaehlungen eine Schutzfrau von Generation zu Generation weiterreicht.
Damit ruecken Fylgja und Dis dicht zusammen. Die Frauengestalt, die eine Sippe begleitet, warnt und schuetzt, traegt beide Namen - je nach Text und Zusammenhang. Wieder zeigt sich, dass die alten Begriffe keine sauber getrennten Schubladen sind, sondern ineinander uebergehen. Wer die weiblichen Schutzmaechte vertiefen will, findet bei den Nornen die grossen Schicksalsweberinnen im Hintergrund.
Noch fremder fuer heutige Ohren ist die Hamingja. Sie ist das Glueck eines Menschen oder einer Sippe - aber nicht als Zufall gedacht, sondern als eine Art personifizierte Kraft, die einem Menschen anhaftet. Ein Mann mit grosser Hamingja gewinnt seine Kaempfe, seine Ernten geraten, seine Plaene gluecken. Wichtiger noch: Dieses Glueck ist vererbbar und uebertragbar. Es gehoert nicht nur dem Einzelnen, sondern der ganzen Linie.
In den Koenigssagas verleiht ein maechtiger Herr seinem Gefolgsmann ausdruecklich sein Glueck. Ein Koenig sagt zu einem, der eine gefaehrliche Fahrt antritt, er gebe ihm seine Hamingja mit auf den Weg - und das ist keine hoefliche Floskel, sondern eine wirkliche Gabe. Die Hamingja kann uebergehen, sich sammeln, verloren gehen. Sie ist Kapital eigener Art, das ueber Generationen wandert.
Vieh stirbt, / die Verwandten sterben, / du selbst stirbst wie sie; / eins weiss ich, / das ewig lebt: / des Toten Tatenruhm.
nach Havamal, Simrock 1851
Fylgja und Hamingja gehoeren zu einer Vorstellung, in der der Mensch kein festes, in sich geschlossenes Ich war. Zum Leben gehoerten mehrere Kraefte und Huellen, die zusammenwirkten, aber auch fuer sich stehen konnten. Neben Folgegeist und Glueck kannte man den hamr, die Gestalt oder Huelle, die ein Zauberkundiger wechseln konnte, und den hugr, den Sinn oder Gedankengeist, der sich vom Koerper loesen und andere erreichen konnte. Diese offene, gestufte Sicht auf das Selbst haben wir an anderer Stelle ausfuehrlicher beschrieben - im Beitrag zum nordischen Weltbild.
Fuer den Alltag hiess das: Man stand nie allein da. Der Mensch trug den Charakter seines Tierbegleiters, das Glueck seiner Vorfahren, den Beistand seiner Schutzfrau. Wer eine grosse Tat vollbrachte, mehrte nicht nur seinen eigenen Ruhm, sondern das Glueck seiner Sippe. Und wer sein eigenes Tier am Himmel oder im Traum erblickte, wusste, dass sich sein Faden dem Ende naeherte.
In Buechern und im Netz begegnet man oft einem ordentlichen "Vier-Seelen-Modell": hamr, hugr, fylgja und hamingja als vier klar getrennte Bestandteile des nordischen Menschen. Das ist eine schoene Merkhilfe - aber es ist eine moderne Ordnung, keine Lehre der alten Texte. In den Sagas schillern die Begriffe, ueberlappen sich, meinen mal dasselbe, mal Verschiedenes. Fylgja und Dis fliessen ineinander, Hamingja und Fylgja werden verwechselt, hamr und hugr sind nicht immer sauber zu trennen. Die Wahrheit ist unordentlicher und zugleich reicher als das Schaubild - und gerade das macht diese Vorstellungswelt so lebendig.
Fylgja und Hamingja sind vielfach in den Islaendersagas und Koenigssagas belegt (u. a. Njals saga, Gisla saga, Vatnsdaela saga, Koenigssagas). Die Fylgja erscheint als charakterspiegelndes Tier oder als Frauengestalt; die eigene Fylgja zu sehen gilt als Todeszeichen. Die Hamingja ist das personifizierte, vererb- und uebertragbare Glueck eines Menschen oder einer Sippe; dass ein Herr sein Glueck verleiht, ist mehrfach bezeugt.
Das aufgeraeumte "Vier-Seelen-Modell" aus hamr, hugr, fylgja und hamingja ist eine moderne Systematisierung. In den Quellen selbst schillern und ueberlappen die Begriffe: Fylgja und Dis gehen ineinander ueber, Hamingja und Fylgja werden verwechselt. Man sollte die Vorstellung als offenes Feld verstehen, nicht als festes Baukastensystem der "nordischen Seele".

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