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Nisse & Tomte: Der kleine Hüter von Haus und Hof – vom gefürchteten Hofgeist zum Weihnachtswichtel

Wesen Nisse & Tomte: Der kleine Hüter von Haus und Hof – vom gefürchteten Hofgeist zum Weihnachtswichtel

Nisse (Dänemark, Norwegen) und Tomte (Schweden) sind derselbe Hofgeist des skandinavischen Volksglaubens: ein kleiner, alter Mann, der unsichtbar Stall und Haus versorgt, an Weihnachten seine Schale Grütze mit Butter verlangt und bitterböse wird, wenn man ihn vergisst. Belegt ist er seit dem Spätmittelalter, richtig greifbar erst in der Neuzeit. Zum freundlichen Geschenkbringer mit roter Mütze wurde er im 19. Jahrhundert – durch Maler, Dichter und Weihnachtskarten. Wir sortieren die Zeitschichten.

Stell dir eine Winternacht auf einem Hof in Småland oder Jütland vor, irgendwann um 1850. Das Feuer ist heruntergebrannt, die Kühe atmen im Stall, draußen knackt der Frost. Und irgendwo zwischen Heuboden und Pferdekrippe, so glaubten die Leute, geht einer seine Runde, den keiner sieht: der Tomte, der Nisse. Er prüft, ob das Pferd Heu statt Stroh bekommen hat. Er merkt sich, wer am Sonntag gearbeitet und wer im Stall geflucht hat. Und er erinnert sich sehr genau daran, ob am Heiligabend seine Grütze bereitstand.

Heute begegnet dir dieselbe Gestalt als Filzwichtel auf dem Fensterbrett. Dazwischen liegen Jahrhunderte, und beim Nisse vermischt sich ständig, was belegt ist, was Volkskundler vermutet und was Romantiker gern geglaubt hätten. Wir gehen deshalb Schicht für Schicht vor.

Die Zeitschichten auf einen Blick

Zur Orientierung vorab:

Wer der Nisse im Volksglauben war

Im Volksglauben, wie ihn die Sammler des 19. Jahrhunderts aufzeichneten, ist der Nisse oder Tomte ein einzelner Geist pro Hof. Er wohnt meist auf dem Heuboden, unter der Stallschwelle oder in einem Winkel der Scheune. Er ist klein – oft wird die Größe eines Kindes genannt –, dabei aber unglaublich stark und schnell. Er trägt die Kleidung eines Bauern seiner Zeit: graues Wollzeug, Kniebundhosen, eine rote Mütze. Die schwedischen Aufzeichnungen sprechen von einem alten Mann mit runzeligem Gesicht; der Däne Axel Olrik betonte dagegen, dass der ältere dänische Nisse eher bartlos war. Der volle weiße Rauschebart ist demnach spätere Zutat.

Meist bleibt er unsichtbar. Man erkennt ihn an seinem Werk: Das Vieh ist morgens gestriegelt, das Pferd glänzt, im Getreidespeicher liegt mehr Korn, als man eingefahren hat. Der Hofgeist ist vor allem ein Geist des Gedeihens. Er bringt dem Hof „Glück“ im ganz konkreten Sinn: gesunde Tiere, volle Scheunen. Manche Sagen erzählen, dass er dieses Glück den Nachbarn wegschleppt – Korn Halm für Halm über die Felder getragen.

Die Namen wechseln von Landschaft zu Landschaft. In Schweden heißt er tomte oder tomtegubbe („Tomtealter“), in Schonen, Halland und Blekinge goanisse, in Uppland ist von gårdsrå die Rede, dem „Hofwalter“. In Norwegen gibt es neben nisse auch tuftekall („Hofstättenkerl“), tunkall („Hofplatzmann“), gardvord („Hofwächter“) und haugkall oder haugbonde, den „Hügelmann“ oder „Hügelbauern“. In Finnland entspricht ihm der tonttu. Island fällt aus der Reihe: Dort gibt es keinen Nisse, dafür die dreizehn Weihnachtskerle, die Jólasveinar mit ihrer Mutter Grýla – eine eigene, deutlich rauere Tradition.

Woher die Namen kommen: tomte, tomtegubbe und nisse

Der schwedische Name ist der durchsichtigere. Tomte gehört zu tomt, dem „Bauplatz, Hofgrund“, altschwedisch tompt, altnordisch topt oder tupt – dasselbe Wort steckt im norwegischen tuft und damit im tuftekall. Der Tomte ist also wörtlich „der von der Hofstatt“, der Geist des Grundstücks. Die Grundbedeutung „Platzgeist“ ist unstrittig; der Däne Henning Frederik Feilberg legte 1918 mit „Nissens historie“ die erste große Monografie über ihn vor. Tomtegubbe ist schlicht „der alte Tomte“; weibliche Tomtar oder Tomte-Kinder kommen in den älteren Aufzeichnungen kaum vor.

Nisse ist dagegen ein Personenname. Nach heute herrschender Meinung ist es eine Koseform von Niels beziehungsweise Nils, also letztlich von Nikolaus. Die Dänen nannten ihren Hausgeist „lille Niels“, den kleinen Niels. Schon Jacob Grimm sah es so. Auch deutsche Kobolde tragen solche Allerweltsnamen, etwa Hinzelmann.

Wann der Name aufkam, ist umstritten: Falk und Torp dachten an einen Import aus Deutschland nach der Reformation, Egil Birkeli an das 13. oder 14. Jahrhundert. Nach Store norske leksikon wanderte das Wort von Dänemark nach Norwegen. Eine Herleitung aus altnordisch niðsi, „lieber kleiner Verwandter“, hat sich nicht durchgesetzt.

Mythos-Check: Der Nisse ist kein „heidnischer Gott mit christlichem Tarnnamen“. Der Name ist ausgerechnet christlich: Er geht auf einen Heiligen zurück. Ob ein älteres Wesen diesen Namen später nur übergestreift bekam, ist genau die offene Frage, um die es weiter unten geht.

Die frühesten Belege: Tomtengötter, Teufelchen und ein Holzschnitt

Die älteste schriftliche Spur führt ins Schweden des 14. Jahrhunderts. In altschwedischen Texten aus dem Umfeld der heiligen Birgitta (gest. 1373) ist von tompta gudhi die Rede, den „Göttern der Hofstatt“, denen man nicht opfern solle – die Geistlichen verbieten es. Das ist bemerkenswert: Der erste Beleg ist ein Verbot, und er spricht ausdrücklich von Göttern, nicht von harmlosen Hausgeistern. Was die Bauern damals genau verehrten, sagt der Text nicht. Er zeigt aber, dass es im Spätmittelalter einen Kult an den Hof gebundener Wesen gab, den die Kirche als heidnisch empfand.

Das nächste große Zeugnis stammt von Olaus Magnus, dem letzten katholischen Erzbischof von Uppsala, der nach der Reformation in Rom lebte. Auf seiner berühmten Karte des Nordens, der Carta Marina von 1539, und dann in seiner „Historia de gentibus septentrionalibus“ (Geschichte der nördlichen Völker, Rom 1555) zeigt er kleine Geister, die im Stall die Pferde versorgen und fegen. Olaus nennt sie dämonische Hausgeister, lateinisch spiritus familiares. Dass damit der Tomte gemeint ist, ist sehr wahrscheinlich, auch wenn der Name nicht fällt.

In Dänemark-Norwegen taucht der Name nisse im späten 16. Jahrhundert auf. Der Volkskundler Tommy Kuusela nennt die dänische „Sjælebog“ des Hans Lauritsen von 1587, die den Hausgeist puge nennt – verwandt mit „Puck“ und dem schwedischen puke – und zugleich das Wort nisse bringt. Für den lutherischen Autor ist der Nisse nichts anderes als ein kleiner Teufel. Ein norwegischer Rechtstext um 1600 spricht von „Nisse pugen“. Auch in Finnland nennt der Reformator Mikael Agricola im 16. Jahrhundert einen tonttu unter den Wesen, die die Finnen verehrten.

Durch die frühe Neuzeit zieht sich dieselbe Linie: Olaus Swebilius’ Katechismus von 1689 zählt tomtegubbar neben Trollen und Wassergeistern zu den verbotenen Gegenständen abergläubischer Verehrung. Solche Verbote machten den Glauben vermutlich eher bekannt, als dass sie ihn auslöschten.

Gesichert: Hofgebundene Geister mit Opfergaben sind in Schweden seit dem 14. Jahrhundert belegt (als kirchliches Verbot), im Bild seit 1539/1555 bei Olaus Magnus, der Name „nisse“ seit dem späten 16. Jahrhundert. Die reiche Erzähltradition kennen wir fast ausschließlich aus Sammlungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Älter als der Name? Hausgeister, Hügelbauern und der gardvord

Jetzt kommt der spannende, aber unsichere Teil. Viele Forscher seit dem 19. Jahrhundert haben im Nisse den Nachfahren eines viel älteren Wesens gesehen: des Ahnen, der den Hof gerodet hat, im Hügel auf dem Hofgrund begraben liegt und von dort über seine Nachkommen wacht. Die norwegischen Namen haugbonde („Hügelbauer“) und gardvord („Hofwächter“) scheinen genau das zu sagen. Store norske leksikon formuliert es so: Der Nisse habe in der norwegischen Tradition den gardvord abgelöst, den Gründer und Roder des Hofes, der oft in einem Grabhügel auf dem Hof bestattet war und dem man an den großen Festen, vor allem zu Weihnachten, Essen und Bier opferte.

Gibt es für diese Ahnen-Vorstellung Stützen in alten Quellen? Ein paar, ja – aber keine, die den Nisse selbst nennt:

Grabhügel auf dem Hof: Archäologisch ist gut belegt, dass Hügelgräber der Eisen- und Wikingerzeit oft direkt beim Hof lagen, sichtbar für jede Generation. Der Hof und seine Toten gehörten zusammen. Mehr dazu, wie diese Höfe aussahen, erfährst du bei uns im Artikel über das Langhaus der Wikinger.

Der König im Hügel: Der „Óláfs þáttr Geirstaðaálfs“, eine kurze Erzählung in der Flateyjarbók (spätes 14. Jahrhundert), erzählt vom Kleinkönig Óláfr, der nach seinem Tod im Hügel bei Geirstaðir als álfr, als Albe, verehrt wurde: Die Leute opferten ihm für gute Ernten. Ein Toter im Hügel, der dem Land Gedeihen bringt – das ist die Struktur, die man im Hofgeist wiederfindet. Die Quelle ist aber christlich, spät und literarisch.

Das Albenopfer: Der Skalde Sigvatr Þórðarson berichtet in seinen „Austrfararvísur“ (um 1019), wie er auf einer Reise durch Götaland abends an Hoftüren abgewiesen wurde, weil drinnen ein álfablót gefeiert wurde, ein Opfer an die Alben, zu dem Fremde nicht zugelassen waren. Das ist ein zeitgenössischer Beleg für häuslichen Kult an Wesen, die mit Gedeihen und Ahnen verbunden sind. Was die Alben genau waren, haben wir im Beitrag über die Alben (Elfen) ausführlich besprochen.

Dazu kommen verwandte Vorstellungen, die wir in eigenen Artikeln behandelt haben: die Landvættir als Geister ganzer Landstriche, die Dísir als weibliche Schutzmächte der Sippe, Fylgja und Hamingja als persönliches und familiäres Glück, und die Ahnenverehrung zu Jul, bei der die Toten zum Mittwinterfest heimkehren.

Mythos-Check: „Der Nisse ist der Wikinger-Ahn im Hügel“ ist eine These, kein Befund. Zwischen den Ahnen- und Albenkulten der Wikingerzeit und dem ersten Beleg der „Tomtengötter“ im 14. Jahrhundert liegen Jahrhunderte, zwischen ihnen und dem Nisse der Sagensammlungen fast ein Jahrtausend. Eine lückenlose Kette lässt sich nicht zeigen. Der schwedische Folklorist Carl Wilhelm von Sydow hat solche Kontinuitätsannahmen grundsätzlich kritisiert; der Finne Gunnar Landtman (1922) und Feilberg dagegen sahen im Hausgeist eine Verschmelzung aus Naturgeist und dem Geist des ersten Siedlers. Ehrlich gesagt: Die Ähnlichkeit ist auffällig, der Beweis fehlt.

Auffällig ist, dass die Volksüberlieferung selbst mehrere Erklärungen anbietet. In schwedischen Aufzeichnungen heißt es mal, der Tomte sei der Geist dessen, der den Platz als Erster besiedelt habe, mal der Geist dessen, der im Haus zuerst Feuer machte, mal – deutlich weniger ehrwürdig – ein Mensch, der zu Lebzeiten Grenzsteine verrückt hatte und dafür nach dem Tod keine Ruhe fand. Ein geschlossenes System war der Volksglaube nie. Auch mit Trollen, Zwergen und Unterirdischen hat der Hofgeist Züge gemeinsam; vergleiche unsere Beiträge zu den Trollen und den Zwergen.

Die Grütze an Weihnachten

Kein Motiv ist so fest mit dem Nisse verbunden wie seine Grütze. Am Heiligabend, so der Brauch, stellte man ihm eine Schale Brei in den Stall oder auf den Heuboden, mit einem kräftigen Klecks Butter obenauf – dem „Butterauge“, norwegisch smørøye. In Norwegen war das traditionell rømmegrøt, Sauerrahmbrei; heute steht dort meist Milchreis. Das dänische Lexikon nennt zusätzlich süße Grütze an jedem Samstagabend und vor Feiertagen.

Wichtig ist der Charakter dieser Gabe. Sie ist kein Geschenk aus Freundlichkeit, sondern Lohn: Der Hofgeist arbeitet das ganze Jahr, also steht ihm wie einem Knecht sein Anteil zu. Bleibt die Bezahlung aus, kündigt er – oder er rächt sich.

Die bekannteste Geschichte dazu ist in vielen Fassungen überliefert. Ein Knecht oder Bauer will dem Nisse einen Streich spielen und versteckt die Butter unten in der Schale. Der Nisse sieht keine Butter, gerät außer sich und erschlägt die beste Kuh im Stall. Dann isst er trotzdem, stößt auf die Butter am Boden – und bereut. In manchen Fassungen schleppt er in derselben Nacht vom Nachbarhof eine gleich aussehende Kuh herüber, um den Schaden gutzumachen. Komisch und brutal zugleich – das ist der Hofgeist: jähzornig, aber dem Hof verpflichtet.

Gesichert: Die Grütze an Weihnachten gehört zum Kernbestand der aufgezeichneten Nisse-Überlieferung in Dänemark, Norwegen und Schweden. Ob sie direkt auf vorchristliche Julopfer zurückgeht, ist dagegen Deutung. Den Hintergrund des Festes findest du in unserem Artikel über Jul, das Fest der langen Nächte.

Hilfreich und rachsüchtig: der Charakter des Hofgeists

Kuuselas Formulierung trifft es: Der Tomte ist ein Spiegelbild des fleißigen Bauern. Er liebt Ordnung, Fleiß, Ruhe, saubere Ställe und gut gefütterte Tiere, besonders Pferde. Er hasst Lärm, Fluchen, Kartenspiel, Trunkenheit, Sonntagsarbeit und Faulheit. Wer am Heiligabend nicht fegt oder das Vieh hungern lässt, bekommt es mit ihm zu tun.

Seine Strafen reichen vom Lausbubenstreich bis zur Katastrophe. Er flicht dem Vieh die Schwänze zusammen, lässt die Sahne sauer werden, verschüttet Milch, zerreißt das Geschirr der Pferde, ohrfeigt den Knecht im Schlaf. Im Ernstfall tötet er Tiere. Und die schlimmste Drohung: Er verlässt den Hof und nimmt das Glück mit. Ein Hof ohne Nisse ist in dieser Logik ein Hof, auf dem es bergab geht.

Gleichzeitig ist er treu bis zur Selbstaufgabe. Es gibt Geschichten von Tomtar, die beim Korntragen eine Pause machen und dabei von Wölfen gefressen werden, oder von Nissen, die beim Umzug der Familie mit auf den Wagen springen.

Wer ihn je gesehen haben will, beschreibt ihn als alten Mann, mal mit einem Auge, mal mit glühenden Augen; er kann sich in Tiere verwandeln, in Katze, Ziege oder Pferd, und sein Lachen klingt manchen Erzählern zufolge wie ein Wiehern. Kuusela betont zudem, dass sein Moralkodex hervorragend zur lutherischen Arbeitsethik der Neuzeit passt. Das ist ein wichtiger Punkt: Der Hofgeist, den wir aus den Sammlungen kennen, ist ein Geschöpf der frühneuzeitlichen Agrargesellschaft mit Knechten, Mägden, Sonntagsruhe und Stallarbeit. Wer ihn eins zu eins in die Wikingerzeit verlegt, überspringt diese Schicht.

Wie der Hofgeist zum Weihnachtswichtel wurde: Dänemark

Den ersten großen Schritt machten die Dänen. Just Mathias Thiele sammelte ab 1818 die „Danske Folkesagn“ (erschienen bis 1823) und machte den Hofnisse dem städtischen Lesepublikum bekannt. Die Künstler des Goldenen Zeitalters griffen das auf. Das dänische Lexikon lex.dk nennt als frühesten Beleg eines eigenen Weihnachtsnisse eine Darstellung von Constantin Hansen aus dem Jahr 1836. In den 1840er Jahren zeichnete Johan Thomas Lundbye seine einflussreichen Nisser; ein Holzschnitt nach seiner Vorlage von 1842 zeigt den Nisse, wie er ein weißes Pferd füttert. Um 1850 bekam der Nisse in Bildern sogar eine Frau, die nissekone – im alten Volksglauben war er ein Junggeselle.

Damit war der julenisse geboren: ein kleiner Hausgeist, der nur noch zu Weihnachten auftritt und den Kindern Geschenke bringt. Später im 19. Jahrhundert kam der große, bärtige julemand nach dem Vorbild von Father Christmas und Santa Claus dazu. Um 1900 nannte man in Dänemark beide einfach „Nisser“.

Viktor Rydberg und das Gedicht „Tomten“ (1881)

In Schweden gab ein Gedicht den Ausschlag. Viktor Rydberg (1828–1895), Schriftsteller, Religionshistoriker und selbst Verfasser einer umfangreichen germanischen Mythologie, veröffentlichte 1881 in der Zeitschrift „Ny Illustrerad Tidning“ das Gedicht „Tomten“. Es beginnt mit Zeilen, die in Schweden bis heute fast jedes Kind kennt:

„Midvinternattens köld är hård, / stjärnorna gnistra och glimma. / Alla sova i enslig gård / djupt under midnattstimma.“Viktor Rydberg, Tomten (1881), Anfang, gemeinfrei. Sinngemäß: Hart ist die Kälte der Mittwinternacht, die Sterne funkeln und glimmen. Alle schlafen auf dem einsamen Hof, tief in der Mitternachtsstunde.

Nur einer ist wach: der Tomte. Er geht durch die stille Nacht, schaut nach Kühen und Pferd, nach den Schafen und dem Hund, tritt an die Betten der schlafenden Kinder. Und dann tut er etwas, was der Hofgeist der Sagen nie getan hat: Er grübelt. Über das ewige Rätsel, woher die Generationen kommen und wohin sie gehen, die er auf diesem Hof hat kommen und vergehen sehen. Antwort findet er keine. Am Ende kehrt das Gedicht zu seinem Anfang zurück – Kälte, Sterne, Schlaf, und der Tomte, der wacht.

Das ist ein großer Bruch mit der Tradition. Rydbergs Tomte ist nicht jähzornig, er erschlägt keine Kühe. Er ist ein stiller, fast melancholischer Wächter über die Kette der Generationen – und damit ausgerechnet eine poetische Ausformung jener Ahnen-These, die Gelehrte wie Rydberg selbst vertraten. Der Tomte als Hüter der Sippe von Generation zu Generation ist hier Literatur, kein Volksglaube. Astrid Lindgren hat das Gedicht 1960 in eine Bilderbuch-Prosafassung gebracht, illustriert von Harald Wiberg; so wurde es auch international bekannt.

Jenny Nyström: die „Mutter“ des Jultomte

Die Bilder zum schwedischen Weihnachtstomte stammen von Jenny Nyström (1854–1946) aus Kalmar. Schon mit 17 zeichnete sie Illustrationen zu Rydbergs Weihnachtserzählung „Lille Viggs äfventyr på julafton“, die 1875 als Buch erschien; 1881 illustrierte sie auch „Tomten“. Das Kalmar läns museum schreibt ihr zu, den Tomte statt des Julbocks, des Weihnachtsziegenbocks, als Geschenkbringer für die Kinder vorgeschlagen zu haben. Zeitlebens malte sie nach Angaben des Museums sechs- bis siebentausend Tomtar, für Weihnachtszeitschriften wie „Jultomten“ (ab 1891) und ab 1911 vertraglich für den Kartenverlag Axel Eliasson. Ihre Karten werden bis heute nachgedruckt.

Folkloristen sahen die Verwandlung kritisch: Carl Wilhelm von Sydow vermutete den Einfluss englischer Father-Christmas-Karten, Gunnar Landtman beklagte 1922 die idealisierte Vereinfachung. Das Nationalmuseum in Stockholm würdigt Nyström als diejenige, die dem Jultomte sein Aussehen und seinen Charakter gab. Beides stimmt: Sie hat ihn erfunden, und sie hat ihn entschärft.

Mythos-Check: „Der Weihnachtswichtel ist ein uralter nordischer Brauch.“ Nein. Der Hofgeist ist alt, die Grütze an Weihnachten ist mindestens neuzeitlich, aber der Wichtel, der Kindern Geschenke bringt, ist eine Schöpfung der 1830er bis 1880er Jahre – dänische Maler, Rydberg, Nyström, die Weihnachtspresse.

Julenisse und Jultomte heute

In Norwegen zeichnete Wilhelm Larsen 1883 die erste norwegische Julenisse-Karte. Seitdem hat sich die Figur in alle Richtungen entwickelt. Der heutige norwegische Julenisse ist oft ein runder Weihnachtsmann nach amerikanischem Vorbild, während daneben der kleine, schlanke Hofnisse weiterlebt. Store norske leksikon betont übrigens, dass der Julenisse und der alte Hofnisse ursprünglich nichts miteinander zu tun haben: Der Geschenkbringer leitet sich vom heiligen Nikolaus ab, beide teilen nur den Namen – der ja selbst auf Nikolaus zurückgeht.

Weltweit ist der skandinavische „Gnome“ mit der Zipfelmütze über dem Gesicht ein Deko-Renner – ein freundlicher Enkel von Nyströms Tomte, mit dem kuhmordenden Hofgeist kaum noch verwandt.

Was davon führt wirklich zu den Wikingern?

Ziehen wir die Linien zusammen. Belegt ist: Die Menschen der Wikingerzeit lebten auf Höfen, an denen die Hügel der Vorfahren lagen; sie opferten in den Häusern den Alben; sie kannten Schutzgeister von Land, Sippe und Person; und Jul war die Zeit, in der die Toten nahe waren. Ebenfalls belegt ist: Im 14. Jahrhundert verbietet die Kirche in Schweden Opfer an „Hofstattgötter“, im 16. Jahrhundert zeigt Olaus Magnus Stallgeister, und ab dem späten 16. Jahrhundert heißt der Hausgeist in Dänemark-Norwegen „Nisse“. Nicht belegt ist die Brücke dazwischen. Dass der Nisse der Erbe des wikingerzeitlichen Ahnengeists ist, bleibt eine gut begründete, aber unbeweisbare Annahme.

Für uns ist das kein Makel. Wenn wir Motive für Weihnachten gravieren, versuchen wir, die Ebenen nicht zu vermischen: Ein Rydberg-Vers gehört ins 19. Jahrhundert, ein Albenopfer in die Wikingerzeit. Beides darf nebeneinander auf dem Tisch stehen, nur eben mit dem richtigen Datum.

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Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Nisse und Tomte? Im Grunde keiner. Nisse ist der dänische und norwegische Name, Tomte der schwedische für denselben Hofgeist; in Südschweden heißt er auch Goanisse.

Woher kommt der Name Nisse? Nach herrschender Meinung ist Nisse eine Koseform von Niels oder Nils, also von Nikolaus. Tomte dagegen kommt von tomt, „Hofgrund, Bauplatz“.

Warum bekommt der Nisse Grütze an Weihnachten? Die Grütze mit Butter ist sein Lohn für die Arbeit des Jahres. Bleibt sie aus oder fehlt die Butter, rächt er sich der Überlieferung nach mit Streichen oder Schaden am Vieh.

Gab es den Nisse schon bei den Wikingern? In wikingerzeitlichen Quellen kommt er nicht vor. Es gab verwandte Vorstellungen von Ahnen im Hügel, Alben und Landgeistern; dass der Nisse direkt daraus entstand, ist eine These.

Wer hat den Weihnachtswichtel erfunden? In Dänemark ab den 1830er Jahren Maler wie Constantin Hansen und Johan Thomas Lundbye, in Schweden vor allem Viktor Rydbergs Gedicht „Tomten“ (1881) und die Bilder von Jenny Nyström.

Ist der Nisse gut oder böse? Beides. Er ist fleißig und treu, solange man ihn und das Vieh anständig behandelt, wird aber jähzornig und rachsüchtig, wenn man ihn kränkt.

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