Die Huldra (norwegisch, auch hulder) und ihre schwedische Schwester, das Skogsrå, sind Gestalten des skandinavischen Volksglaubens der Neuzeit: von vorn eine auffallend schöne Frau, von hinten verraten durch einen Kuhschwanz oder einen hohlen Rücken wie ein morscher Baum. Sie lockt Männer in den Wald, hütet Vieh und Almen, heiratet manchmal einen Menschen und verliert dabei ihren Schwanz. Mit den Wikingern hat sie weniger zu tun, als oft behauptet wird. Wir trennen die Zeitschichten.
Stell dir eine norwegische Alm im Spätsommer vor, irgendwann im 19. Jahrhundert. Die Kühe sind gemolken, die Butter ist gestampft, die Sennerin sitzt allein vor der Hütte. Unten im Tal ist der Hof, Stunden entfernt. Und dann hört sie es: einen Lockruf vom Hang gegenüber, Glocken von Vieh, das nicht ihres ist, vielleicht eine Melodie, die kein Mensch so spielen kann. Wer da oben lange genug allein war, wusste, wer das ist. Die Huldra treibt ihre Herde vorbei.
Heute begegnet dir dieselbe Gestalt auf Postkarten, in Fantasy-Romanen und – ganz real – als Tänzerin in rotem Kleid vor einem Wasserfall an der Flåmsbahn. Dazwischen liegen Jahrhunderte, und bei kaum einem Wesen des Nordens vermischen sich Volksglaube, Gelehrtenvermutung und Tourismus so gründlich wie bei ihr. Deshalb gehen wir sauber vor: erst, was die Leute tatsächlich erzählten, dann, was Forscher daraus schließen, und zuletzt, was Dichter und Fremdenverkehr daraus gemacht haben.
Zur Orientierung vorab, damit nichts durcheinandergerät:
In den Sagen, wie sie im 19. und frühen 20. Jahrhundert aufgezeichnet wurden, ist die Huldra eine junge Frau, schöner und stärker als jede Bäuerin im Dorf. Oft hat sie langes, helles Haar, manchmal in einem dicken Zopf. Sie erscheint plötzlich am Waldrand oder auf der Alm, häufig mit Kühen oder Schafen, und verschwindet ebenso plötzlich wieder. Ihre Stimme ist betörend. Wer ihrem Gesang oder Lockruf folgt, läuft Gefahr, „bergtatt“ zu werden – in den Berg genommen, festgehalten im Reich der Unsichtbaren.
Ihr Makel sitzt hinten. In Norwegen ist es meist ein Kuhschwanz, den sie unter dem Rock zu verbergen sucht. In anderen Fassungen, besonders beim schwedischen Skogsrå, ist ihr Rücken hohl wie ein ausgefaulter Baumstamm oder mit Rinde bedeckt. Beides erfüllt denselben Zweck: Die Gestalt wirkt menschlich, ist es aber nicht ganz. Das Detail ist der Prüfstein. Wer genau hinsieht, erkennt, mit wem er es zu tun hat.
Dazu gehört eine feine Regel der Höflichkeit: Den Schwanz spricht man nicht an. In einer oft erzählten Geschichte tanzt ein Bursche mit einer fremden, sehr schönen Frau, bemerkt den Schwanz – und sagt nur freundlich, ihr Strumpfband oder ihr Zopf hänge herab. Er wird dafür belohnt. Wer dagegen spottet, hat Unglück im Stall oder Schlimmeres. Darin steckt das Grundmuster fast aller Huldra-Sagen: Die Begegnung ist nicht von vornherein böse. Es kommt darauf an, wie du dich benimmst.
Die Huldra hat auch ein männliches Gegenstück, den Huldrekall oder Huldermann. Er ist weniger berühmt, in manchen Sagen hässlich und langnasig, und er wirbt nicht selten um Menschenfrauen – besonders um Sennerinnen, die allein auf der Alm sind.
„Hulder“ und „Huldra“ (die bestimmte Form, „die Hulder“) gehen nach dem Store norske leksikon auf das altnordische Verb hylja zurück, „verhüllen, verbergen“. Das Partizip lautet huldr, „verborgen“. Die Huldra ist also wörtlich „die Verborgene“, und das Huldrefolk ist „das verborgene Volk“. Das passt genau zum Kern des Glaubens: Diese Wesen leben neben uns, aber man sieht sie nicht, solange sie es nicht wollen.
Verwirrung stiftet ein Wort, das im Dänischen und Norwegischen gleich klingt: huld im Sinn von „hold, gnädig, gewogen“, verwandt mit unserem deutschen „hold“. Das ist ein anderes Wort mit anderer Herkunft. Die naheliegende Deutung „die Holde“ für die Huldra ist deshalb eine Volksetymologie – sie klingt hübsch, trägt aber nicht. Richtig ist die Spur zum Verbergen.
Hinter dem Namen steckt vermutlich auch Vorsicht. Wer Unsichtbare nicht beim „richtigen“ Namen nennen will, umschreibt sie: die Verborgenen, die Unterirdischen, die guten Leute. Solche Tabu- und Ersatznamen kennt man aus vielen Kulturen, und sie sind ein Hinweis darauf, wie ernst man diese Nachbarn nahm.
Wer über die Huldra schreibt, landet schnell beim schwedischen Skogsrå. Das Wort heißt „Waldrå“. Ein rå ist ein waltender Geist, eine Art Hüter eines Ortes; die Herleitung führt über schwedisch råda, „walten, herrschen“, zu altnordisch ráða. Es gibt entsprechend auch das Sjörå im See und das Bergsrå in Berg und Grube. Andere Namen für die Waldfrau sind Skogsfru oder Skogsnuva.
Hulder und Skogsrå überschneiden sich stark, sind aber nicht deckungsgleich. Die norwegische Huldra ist vor allem mit Alm, Vieh und den unterirdischen Höfen ihres Volkes verbunden. Das Skogsrå ist stärker die Herrin des Waldes und des Wildes, und ihre Geschichten spielen bei Köhlern und Jägern. Der Köhler, der wochenlang neben seinem schwelenden Meiler wachen musste, war der klassische Zeuge: Das Skogsrå soll den Meiler gehütet haben, während er schlief, und er ließ ihr dafür Essen da. Dem Jäger, der ihr treu blieb, schenkte sie Jagdglück; wer sie betrog, ging leer aus oder verunglückte.
Freikommen konnte man durch Tricks: die Jacke verkehrt herum anziehen, mit einer Silberkugel schießen oder ihr ein Heilmittel entlocken. In einer schwedischen Sage soll der Köhler dreimal an eine Kiefer klopfen, bevor er zu ihr kommt. Er vergisst es eines Tages, sieht sie in ihrer wahren Gestalt – und ist sie los.
Diese Akten sind wertvoll, weil sie zeigen, dass der Glaube an die Waldfrau lange vor den romantischen Sammlern existierte – und dass er für einfache Leute handfeste Folgen haben konnte. Sie zeigen aber auch die Brille der Zeit: Die Richter sahen keine Naturgeister, sondern Dämonen.
Um die norwegische Huldra zu verstehen, musst du die Seter kennen. So heißen die Sommeralmen, auf die man das Vieh im Sommer trieb. Meist waren es junge Frauen und Mädchen, die dort oben wochenlang melkten, Butter und Käse machten und die Tiere hüteten. Einsamkeit, Dämmerung, fremde Geräusche im Fjell: ein idealer Ort für Begegnungen mit dem Unsichtbaren.
Nach dem Volksglauben hatte das Huldrefolk eigene Höfe und eigenes Vieh, und die Huldra-Kühe waren größer, fetter und schöner als die der Menschen. Die Unsichtbaren nutzten auch die Almen selbst. Deshalb bat man, so berichtet es das Store norske leksikon, beim Einzug auf die Seter um Erlaubnis, dort sein zu dürfen. Mancherorts hielt man sogar einen Stallplatz für eine Huldra-Kuh frei. Und wer im Herbst zu lange blieb, über den festen Abtriebstag hinaus, störte die Huldrefolk, die die Alm nun für sich beanspruchten.
Gute Nachbarschaft lohnte sich: Wer mit den Verborgenen auskam, dem gelangen Butter und Käse besonders gut. Wer sie verärgerte, dessen Kühe gaben weniger Milch, oder die Milch verdarb. In diese Welt gehört auch die Musik. In Norwegen kursieren Fiedelstücke, sogenannte huldreslåttar, die ein Spielmann angeblich von den Unterirdischen gelernt hatte. Und die Lockrufe der Sennerinnen, mit denen sie ihr Vieh riefen, haben in den Sagen ein unheimliches Echo in den Rufen der Huldra selbst.
Wenn du so willst, ist die Huldra eine Spiegelfigur der Sennerin. Sie tut dasselbe – melken, hüten, singen –, nur reicher, schöner und ungebunden. Für junge Männer war sie ein Wunschbild und eine Warnung zugleich, für die Sennerinnen eine Konkurrentin, mit der man rechnen musste.
Die Huldra ist kein Einzelwesen, sondern die bekannteste Vertreterin eines ganzen Volkes. Das Huldrefolk lebt wie Menschen, aber unter der Erde, in Hügeln und Bergen. Es hat Höfe, Vieh, Feste, Hochzeiten. In Norwegen heißen diese Nachbarn auch de underjordiske, die Unterirdischen, oder regional tusser. In Island entspricht ihnen das huldufólk, das bis heute sprichwörtlich ist, in Dänemark das Ellefolk.
Über ihre Herkunft erzählte man christliche Ursprungssagen. Eine Fassung macht sie zu gefallenen Engeln, die beim Sturz aus dem Himmel in Berge und Gewässer fielen. Eine andere, besonders aus Island bekannt, erzählt von Kindern Evas, die sie vor Gott versteckte, weil sie noch nicht gewaschen waren. Was vor Gott verborgen wurde, soll auch vor den Menschen verborgen bleiben. Beide Geschichten erklären nachträglich, warum es diese Wesen gibt – und ordnen sie in ein christliches Weltbild ein, ohne sie zu Teufeln zu machen.
Verwandte findest du im Norden viele. Die Alben der altnordischen Literatur sind eine ältere, aber nicht gleichzusetzende Schicht. Der Hausgeist Nisse oder Tomte teilt mit der Huldra den Hof als Lebensraum und die Empfindlichkeit gegenüber schlechtem Benehmen. Die Trolle der Volkssage leben ebenfalls in Bergen, sind aber in der Regel plumper, gefährlicher und weniger menschlich. Und die isländischen Landvaettir zeigen, dass die Vorstellung beseelter Orte schon im Mittelalter Gestalt hatte. Die Grenzen zwischen diesen Wesen sind in den Sagen übrigens fließend; dieselbe Geschichte kann in einem Tal von der Huldra, im nächsten von Trollen erzählt werden.
Drei Erzählmuster tauchen immer wieder auf. Das erste ist die Verführung. Ein Hirte, Holzfäller oder Jäger trifft die schöne Fremde und folgt ihr. Manche kehren nach Tagen verwirrt zurück, manche nie. Gegen das Bergtatt-Werden halfen Gebete, das Kreuzzeichen und Erde vom Kirchhof. Verschwundene suchte man mit Kirchenglocken, deren Klang sie aus dem Berg zurückholen sollte. Auch Stahl galt als wirksam: Wer Stahl über eine Huldra warf oder sie damit berührte, brach ihre Macht oder band sie an die Menschenwelt.
Das zweite Muster ist die Heirat. Ein Bursche gewinnt eine Huldra zur Frau, und sie folgt ihm auf seinen Hof. Nach norwegischen Sagen verliert sie ihren Schwanz, wenn sie in der Kirche getraut wird; andere Fassungen verbinden das mit der Taufe. Ab da ist sie äußerlich ein Mensch und kann Kinder bekommen. Aber sie behält ihre übermenschliche Kraft. Die bekannteste Episode: Ein Mann, der seine Frau schlecht behandelt oder ständig vertröstet, sieht zu, wie sie ein glühendes Hufeisen mit bloßen Händen geradebiegt. Die Botschaft ist unmissverständlich. Diese Ehe funktioniert, solange er sie anständig behandelt.
Das dritte Muster ist die Gegenseitigkeit. Wer der Huldra oder ihrem Volk hilft, etwa als Hebamme bei einer Geburt im Berg, wird belohnt. Wer sie verspottet oder ihre Herde stört, büßt dafür. Dazu gehören auch die Wechselbalg-Geschichten: Ein kränkelndes Kind galt mancherorts als untergeschobenes Kind der Unterirdischen. Hier wird es düster, denn solche Vorstellungen konnten für kranke Kinder in der Wirklichkeit sehr grausam ausgehen.
Jetzt wird es heikel, denn hier wurde gerade im Internet viel behauptet. Fangen wir bei dem an, was sicher ist: In der Lieder-Edda, in Snorris Edda und in den Isländersagas gibt es keine Waldfrau mit Kuhschwanz. Auch auf Runensteinen und Bildsteinen findet sich nichts, was man ihr eindeutig zuordnen könnte. Die Huldra, wie wir sie kennen, ist eine Gestalt der neuzeitlichen Volksüberlieferung.
Es gibt allerdings einen Namen, der Forscher seit dem 19. Jahrhundert beschäftigt. In der Ynglinga saga, die Snorri Sturluson um 1230 schrieb, tritt eine Huld auf, eine Zauberin, eine seiðkona. Drífa, die verlassene Frau des Schwedenkönigs Vanlandi, heuert sie an, um ihren Mann zurückzuzaubern oder ihn zu töten. Vanlandi stirbt im Schlaf, erdrückt von einer Mahr. Später lässt Huld sich erneut anwerben und weissagt der Sippe Verwandtenmord. Snorri stützt diese Passage auf das ältere Gedicht Ynglingatal, doch die Figur Huld selbst ist erst bei ihm greifbar. Wie Zauberinnen dieses Typs arbeiteten, erfährst du in unserem Artikel über Seiðr.
Dazu kommt eine verlorene Geschichte. Nach dem Sturlu þáttr, einem Abschnitt der Sturlunga saga, erzählte der Isländer Sturla Þórðarson im Jahr 1263 an Bord des Schiffes von König Magnús Hákonarson eine „Huldar saga“, die Saga von Huld, einer großen Trollfrau. Die Königin hörte zu, der König ließ ihn danach zu sich rufen, und Sturla gewann die Gunst des Hofes. Der Text der Huldar saga ist nicht erhalten. Ob er mit Snorris Huld zu tun hatte, ist offen.
Schließlich verknüpfen manche Forscher die Huldra mit der deutschen Holda (Frau Holle) und anderen verhüllten, verborgenen Frauengestalten Mitteleuropas. Das ist reizvoll, aber methodisch wacklig: Für Holda wird auch eine Herleitung von „hold“ diskutiert, und eine Linie von einer mittelalterlichen Zauberin zu einer Almgeist-Sage des 19. Jahrhunderts lässt sich nicht lückenlos nachweisen.
Was dagegen gut begründet ist: Die Grundidee, dass Landschaft bewohnt ist und dass man Hügeln, Wäldern und unsichtbaren Nachbarn mit Respekt begegnen muss, hat im Norden tiefe Wurzeln. Altnordische Texte kennen Opfer an die Alben, Landgeister, die man nicht vergrämen durfte, und Riesinnen im Fels. Die Huldra ist kein Überbleibsel einer bestimmten Göttin, aber sie steht in einer langen Tradition des Zusammenlebens mit dem Unsichtbaren. Mehr zu den Bewohnern der Felsen findest du bei den Riesen und den Zwergen.
Dass die Huldra heute weltweit bekannt ist, verdankt sie vor allem dem 19. Jahrhundert. Der Zoologe und Volkskundler Peter Christen Asbjørnsen veröffentlichte 1845 und 1847 die zwei Bände der Norske Huldre-Eventyr og Folkesagn, „Norwegische Huldra-Märchen und Volkssagen“. Anders als die berühmten Norske Folkeeventyr schrieb er dieses Werk ohne seinen Partner Jørgen Moe. Er verpackte die Sagen in Rahmengeschichten: Der Erzähler wandert, angelt oder jagt, sitzt mit Einheimischen zusammen und hört ihre Berichte über Huldra, Nøkk und Unterirdische. Diese Rahmen sind literarisch gestaltet, die eingebetteten Sagen gehen aber auf echte Erzählüberlieferung zurück.
Aus diesen Bänden schöpfte Henrik Ibsen. Für sein Versdrama Peer Gynt (gedruckt 1867) übernahm er Stoff aus Asbjørnsens Fjellgeschichten, darunter den Sagenhelden Peer Gynt selbst und die Bockreiter-Episode. Im zweiten Akt trifft Peer auf drei Sennerinnen, die nach Trollen rufen, und dann auf die „Grønnkledte“, die Frau in Grün. Sie gibt sich als Tochter des Dovregubben aus, des Bergkönigs. Wichtig: Bei Ibsen ist sie eine Trollprinzessin, keine Huldra im engeren Sinn. Aber die Szene speist sich deutlich aus der Huldra-Welt: verführerische Schöne im Wald, Alm, Berg, ein Reich, in das man nicht ungestraft hineingerät. Um Schwiegersohn zu werden, soll Peer trollische Sitten annehmen – bis hin zu einem angebundenen Schwanz.
Zur Uraufführung 1876 in Christiania schrieb Edvard Grieg die Bühnenmusik. „In der Halle des Bergkönigs“ kennst du garantiert, auch wenn du nie im Theater warst. Damit war das Bild endgültig gesetzt: Norwegische Berge, dunkle Hallen, schöne und gefährliche Frauen. Wer heute „Huldra“ hört, hat oft unbewusst Griegs Bläser im Ohr.
Auch andere Autoren griffen die Gestalt auf. Der Dichter Aasmund Olavsson Vinje etwa erzählt in seinen Reiseerinnerungen von 1861 von einem Besuch auf einer Alm, wo eine Sennerin scherzhaft „Huldra“ genannt wird. Die Huldra wurde Teil des nationalen Selbstbilds: wild, schön, ein wenig unheimlich, eng mit der Landschaft verbunden.
Wer heute mit der Flåmsbahn fährt, begegnet ihr leibhaftig. Die rund 20 Kilometer lange Strecke zwischen Myrdal und Flåm wurde 1940 fertiggestellt und gilt als eine der steilsten Normalspurbahnen der Welt. Am Wasserfall Kjosfossen, dessen freier Fall nach Angaben des Bahnbetreibers 93 Meter misst, hält der Zug für etwa fünf Minuten. In der Sommersaison erscheint dann oben am Hang eine Frau in rotem Kleid, tanzt zu Musik aus Lautsprechern und verschwindet wieder zwischen den Felsen. Die Huldra-Show.
Das ist inszenierter Tourismus, und niemand dort behauptet etwas anderes. Bemerkenswert ist er trotzdem. Die Darbietung greift genau die alten Motive auf: Erscheinen und Verschwinden, Musik, Lockruf, die Schöne am Berg. Für viele Reisende aus aller Welt ist das die erste und einzige Begegnung mit der Huldra. Wir finden: Solange man weiß, dass es ein Schauspiel ist, ist es ein schöner Gruß aus einer lebendigen Erzählwelt. Für Historienkitsch über „Wikingergöttinnen“ gibt es dagegen keinen Grund.
Sagen sind keine Tatsachenberichte, aber sie sind ehrliche Zeugnisse. Die Huldra erzählt viel über die Menschen, die von ihr sprachen. Über junge Männer, die allein im Wald arbeiteten und an Frauen dachten. Über Sennerinnen, die nachts im Fjell Stimmen hörten. Über Bauern, die wussten, dass eine Almsaison an Wetter, Gras und Glück hing, und die dieses Glück lieber mit unsichtbaren Nachbarn teilten, als es zu verspielen. Und über eine christliche Gesellschaft, die das Fremde nicht ausrottete, sondern einordnete: Mit der Trauung wird aus der Huldra eine Ehefrau.
Uns gefällt an ihr vor allem die Moral, die unter allen Varianten liegt: Behandle das Land und seine Bewohner anständig. Sag nichts über den Schwanz. Bleib nicht zu lange, wenn die Zeit vorbei ist. Das ist keine schlechte Regel für jemanden, der aus einem Stück Schiefer oder Holz etwas Bleibendes macht. Wenn du die Huldra als Motiv möchtest, empfehlen wir übrigens, sie als das zu zeigen, was sie ist: eine Gestalt der Volkssage, nicht eine „Göttin der Wikinger“. Ein Kiefernwald, eine Alm, ein Kuhschwanz unter dem Rock – mehr braucht es nicht. Einen verwandten Schutzgedanken aus derselben Erzählwelt findest du beim Troll-Kreuz, und eine isländische Verwandte mit eher unappetitlichen Gewohnheiten beim Tilberi.

Was ist eine Huldra? Eine weibliche Gestalt des norwegischen Volksglaubens: eine schöne Frau mit Kuhschwanz oder hohlem Rücken, die im Wald und auf der Alm erscheint, Vieh besitzt und Männer verführen kann. In Schweden entspricht ihr weitgehend das Skogsrå.
Was bedeutet der Name Huldra? Er geht auf altnordisch hylja, „verbergen“, zurück und bedeutet „die Verborgene“. Die Deutung als „die Holde“ beruht auf einem gleich klingenden, aber anderen Wort.
Warum hat die Huldra einen Kuhschwanz? Der Schwanz oder der hohle Rücken ist das Erkennungszeichen, das sie trotz menschlicher Schönheit als nichtmenschlich verrät. In den Sagen verliert sie ihn, wenn sie in der Kirche getraut oder getauft wird.
Kommt die Huldra in der Edda vor? Nein. Es gibt bei Snorri eine Zauberin namens Huld und eine verlorene Huldar saga aus dem 13. Jahrhundert. Ob sie mit der späteren Huldra zusammenhängen, ist eine unbewiesene These.
Was ist der Unterschied zwischen Huldra und Skogsrå? Beide sind schöne Waldfrauen mit verräterischer Rückseite. Die norwegische Huldra ist stärker mit Alm, Vieh und dem Huldrefolk verbunden, das schwedische Skogsrå mit Wald, Wild, Jägern und Köhlern.
Wo sieht man die Huldra an der Flåmsbahn? Am Wasserfall Kjosfossen, wo der Zug kurz hält. In der Sommersaison tanzt dort eine Darstellerin als Huldra – eine touristische Inszenierung, keine alte Tradition.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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