Sæhrímnir ist das Tier, von dessen Fleisch die Einherjer in Walhall leben: Der Koch Andhrímnir siedet es im Kessel Eldhrímnir, und nach Snorri Sturluson wird es jeden Tag gekocht und ist am Abend wieder heil. Das Lied der Edda nennt es nur „das beste Schweinefleisch“, erst Snorri macht daraus ausdrücklich einen Eber. Wir zeigen dir, was wirklich in den Quellen steht, was der rätselhafte Name bedeuten könnte, welche Verwandten der Braten in Mythos und Saga hat – und was in echten Hallen der Wikingerzeit tatsächlich im Kessel lag.
Jeder Hallenherr der Wikingerzeit kannte die eine Frage, die über Ansehen und Gefolgschaft entschied: Reicht das Essen? Wer Krieger um sich sammeln wollte, musste sie satt machen, Winter für Winter, Fest für Fest. Und genau dieses Problem löst die nordische Mythologie für Odins Halle mit einem einzigen, wunderbar trockenen Bild: einem Tier, das nie alle wird.
Das klingt nach Schlaraffenland. Doch die Quellen sind viel dünner, als die meisten Nacherzählungen vermuten lassen – also der Reihe nach: Lied, Snorri, Namen, Verwandte, Knochen.
Die älteste Erwähnung steht im Grímnismál, dem „Lied von Grímnir“, einem Götterlied der Lieder-Edda. Überliefert ist es im Codex Regius, einer isländischen Handschrift aus der Zeit um 1270; wie alt das Lied selbst ist, lässt sich nicht genau sagen. Die Rahmenhandlung ist grimmig genug: Odin sitzt unerkannt als Grímnir („der Maskierte“) zwischen zwei Feuern gefesselt in der Halle des Königs Geirrøðr und beginnt im Fieber der Hitze, von den Wohnsitzen der Götter zu erzählen. Mitten in dieser Aufzählung, bei der Beschreibung von Walhall, steht die Strophe 18:
Andhrímnir lætr í Eldhrímni
Sæhrímni soðinn,
fleska bezt;
en þat fáir vitu,
við hvat einherjar alask.– Grímnismál 18, altnordischer Text
Karl Simrock hat die Strophe 1851 so übertragen:
Andhrimnir läßt in Eldhrimnir
Sährimnir sieden,
Das beste Fleisch; doch erfahren Wenige,
Was die Einherier eßen.– Karl Simrock, Die Edda (1851, gemeinfrei)
Etwas näher am Wortlaut, als eigene Übertragung: „Andhrímnir lässt in Eldhrímnir Sæhrímnir sieden, das beste Schweinefleisch; doch wenige wissen, wovon die Einherjer sich nähren.“
Das ist alles. Ein Koch, ein Kessel, ein Stück Fleisch – und ein Schlusssatz, der das Bild sofort wieder ins Geheimnisvolle zieht. Von einem Tier, das geschlachtet wird und wieder aufsteht, sagt das Lied kein Wort.
Direkt danach folgt Strophe 19: Odin füttert seine Wölfe Geri und Freki und lebt selbst „von Wein allein“. Strophe 20 bringt die Raben Huginn und Muninn. Henry Adams Bellows merkte in seiner Übersetzung von 1923 an, die Strophen 18 bis 20 könnten ein späterer Einschub sein; sicher ist das nicht.
Das Verb am Schluss, alask, bedeutet „sich nähren, aufgezogen werden“. Die Einherjer – die im Kampf gefallenen Krieger, die Odin um sich sammelt – „nähren sich“ also von etwas, das nur wenige kennen.
Rund ein halbes Jahrhundert vor der Niederschrift des Codex Regius, um 1220/1225, schrieb der isländische Gelehrte Snorri Sturluson seine Edda. Im Teil Gylfaginning („Gylfis Täuschung“) lässt er den schwedischen König Gylfi als Fragesteller Gangleri drei rätselhafte Gestalten befragen: Hár, Jafnhár und Þriði. In Kapitel 38 (in der heute üblichen Zählung nach Anthony Faulkes) geht es ums Essen.
Gangleri stellt eine nüchterne Rechenaufgabe: Wenn alle Männer, die seit Anbeginn der Welt im Kampf gefallen sind, bei Odin in Walhall sind – was gibt er ihnen dann zu essen? Hár bestätigt, dass dort eine gewaltige Menge sei und noch viel mehr hinzukommen werde; und doch werde sie zu klein erscheinen, wenn der Wolf kommt. Damit steckt Ragnarök schon in der Küchenfrage.
Dann folgt die Antwort, im Altnordischen: aldri er svá mikill mannfjölði í Valhöll, at eigi má þeim endast flesk galtar þess, er Sæhrímnir heitir. Als eigene Übertragung:
Niemals ist die Menschenmenge in Walhall so groß, dass ihnen das Fleisch des Ebers nicht reichte, der Sæhrímnir heißt. Er wird jeden Tag gekocht und ist am Abend wieder heil.– Snorri Sturluson, Gylfaginning 38, eigene Übertragung
Snorri zitiert anschließend die Strophe aus dem Grímnismál als Beleg. Und Hár fügt einen Satz hinzu, der fast wie eine Fußnote zur Strophe klingt: Gerade bei dieser Frage, meint er, seien wohl nur wenige so weise, darüber die Wahrheit sagen zu können. Snorri greift das fáir vitu des Liedes also auf – und gibt im selben Atemzug doch eine sehr konkrete Antwort.
Auf Gangleris Nachfrage, ob Odin dieselbe Speise esse, erklärt Hár, Odin gebe sein Essen den beiden Wölfen und brauche selbst keine Speise: Wein sei ihm Trank und Nahrung zugleich.
Zwei Dinge sind bei Snorri neu. Erstens das Wort göltr (Genitiv galtar), „Eber“, also ein männliches Schwein – im Lied stand nur flesk. Zweitens die Erneuerung: hann er soðinn hvern dag ok heill at aptni, „er wird jeden Tag gekocht und ist am Abend heil“. Das Wunder, das heute in jeder Nacherzählung im Mittelpunkt steht, ist also Snorris Beitrag.
Auffällig ist der Klang. Andhrímnir ist der Koch, Eldhrímnir der Kessel, Sæhrímnir das Fleisch. Alle drei teilen das Element -hrímnir, und das ist kein Zufall, sondern Dichterhandwerk: Die Strophe lebt vom Gleichklang.
Das altnordische hrím bedeutet zunächst „Reif, Raureif“ – dasselbe Wort steckt in den Reifriesen, den hrímþursar. Es kann aber auch den schwarzen Belag bezeichnen, der sich am Kessel über dem Feuer bildet: Ruß. Das Wörterbuch von Cleasby und Vigfusson führt beide Bedeutungen. Für eine Küche liegt der Ruß deutlich näher.
Bei Eldhrímnir ist die Sache am klarsten: eldr heißt „Feuer“, der Kessel ist also „der vom Feuer Berußte“. Andhrímnir wird meist mit „der Rußgesichtige“ oder „der dem Ruß Ausgesetzte“ wiedergegeben; Bellows übersetzte „Sooty-Faced“. Das and- bedeutet „gegen, entgegen“ – der Koch hält sein Gesicht in den Rauch. Ganz sicher ist auch diese Deutung nicht, aber sie passt.
Bei Sæhrímnir wird es schwierig. Das sæ- lässt sich am einfachsten zu sær, „See, Meer“, stellen. Daraus ergibt sich die in Handbüchern verbreitete Deutung „rußiges Meertier“ – Rudolf Simek setzt sie in seinem Lexikon mit Fragezeichen an, und das Fragezeichen ist ehrlich. Denn ein Meertier passt schlecht zu einem Schwein. Ein zweiter Vorschlag verbindet den Namen mit sjóða, „sieden, kochen“, und dem davon abgeleiteten seyðir, einer Kochgrube, in der Fleisch mit heißen Steinen gegart wurde. Dann wäre Sæhrímnir schlicht „der Gesottene, Berußte“ – sprachlich nicht ohne Probleme, inhaltlich aber erstaunlich passend.
Ein kleiner, oft übersehener Befund hilft weiter: In den Nafnaþulur, den Namenslisten im Anhang von Snorris Skáldskaparmál, steht Sæhrímnir unter den dichterischen Bezeichnungen für Schweine. Im 13. Jahrhundert verstand man den Namen in Island also eindeutig als Schweinenamen – was auch immer er ursprünglich bedeutet haben mag.
Die Frage klingt kleinlich, ist es aber nicht. Das Lied sagt fleska bezt. Flesk ist im Altisländischen das Wort für Schweinefleisch, oft für Speck; im heutigen Norwegischen und Schwedischen lebt es als flesk beziehungsweise fläsk weiter, und wer in Skandinavien Schweinebauch kauft, kauft genau das. Dass es um Schwein geht, ist also klar. Ob um ein lebendes Tier, ein bestimmtes Tier oder einfach um den besten Schweinebraten, den man sich vorstellen kann, lässt die Strophe offen.
Die Übersetzer haben das unterschiedlich gelöst. Lee M. Hollander schrieb ausdrücklich „the boar“ in seine Fassung des Liedes; Benjamin Thorpe, Bellows und Anthony Faulkes legen sich auf keine Tierart fest. Simrock schrieb „das beste Fleisch“ und ließ das Schwein ganz weg. Wer also irgendwo liest, die Edda nenne Sæhrímnir einen Eber, liest eigentlich Snorri – oder einen Übersetzer, der Snorri schon mitgedacht hat.
Rudolf Simek hält die Unterschiede für bezeichnend. Er sieht in Snorris Ausgestaltung eine Ausschmückung, die eher Züge eines mittelalterlichen Paradieses trägt – einer Welt, in der die Speise nie ausgeht – als eine alte, eigenständige Überlieferung. Das ist eine Deutung, kein Beweis – aber sie passt zu Snorri, der systematisierte und Lücken schloss, manchmal mit eigener Erfindung.
Unser Fazit: Gekochtes Schweinefleisch in Walhall ist alt belegt, der sich täglich erneuernde Eber ist Snorris Fassung. Erzähl ruhig beides – aber wisse, welches.
Ein Tier, das gegessen wird und wiederkommt, steht in der nordischen Überlieferung nicht allein. Das berühmteste Gegenstück sind Thors Ziegenböcke Tanngrisnir und Tanngnjóstr. Snorri erzählt in Gylfaginning 44 von Thors Fahrt zu Útgarða-Loki: Thor kehrt mit Loki bei einem Bauern ein, schlachtet abends seine beiden Böcke, und dann heißt es: Eftir þat váru þeir flegnir ok bornir til ketils – „danach wurden sie abgezogen und zum Kessel getragen“. Auch hier also Kessel, auch hier gekochtes Fleisch.
Thor breitet die Felle neben dem Feuer aus und lässt die Knochen darauf werfen. Am Morgen hebt er seinen Hammer Mjöllnir, weiht die Bockshäute – und die Böcke stehen wieder auf. Einer allerdings hinkt am Hinterbein, weil Þjálfi, der Sohn des Bauern, einen Oberschenkelknochen gespalten hatte, um an das Mark zu kommen. Als Buße nimmt Thor die Kinder des Bauern, Þjálfi und Röskva, in seinen Dienst.
Die Parallele ist eng: Fleisch, Kessel, Erneuerung. Simek vermutet hinter dem Motiv des sich erneuernden Tieres alte Opfer- und Jagdvorstellungen, wie sie aus schamanistisch geprägten Kulturen bekannt sind – etwa den Brauch, Knochen unversehrt zu bewahren, damit es wiederkehrt. Thors hinkender Bock zeigt genau diese Logik. Ob dahinter ein konkreter Ritus steht, lässt sich aus den Texten allein nicht beweisen.
Ein zweiter Verwandter kommt aus Irland. In der irischen Überlieferung besitzt der Meeresgott Manannán mac Lir Schweine, die geschlachtet und gegessen werden und am nächsten Tag wieder leben; wer von ihrem Fleisch isst, bleibt von Alter und Tod verschont. Lady Gregory hat die Erzählung 1904 in Gods and Fighting Men nacherzählt: Manannán gibt seine Schweine den Tuatha Dé Danann für ihr „Fest des Alters“. Eine direkte Verbindung ist nicht nachweisbar; auffällig ist die Ähnlichkeit trotzdem – zumal ein Meeresgott die Schweine hält.
Sæhrímnir ist nur die eine Hälfte des Speiseplans. Die andere steht auf dem Dach. Im Grímnismál (Strophe 25) heißt es, die Ziege Heiðrún stehe auf der Halle und fresse von den Zweigen des Baumes Læraðr; sie fülle ein Gefäß mit klarem Met. Daneben steht der Hirsch Eikþyrnir, von dessen Geweih Tropfen in die Quelle Hvergelmir fallen, aus der alle Flüsse kommen.
Snorri baut auch das aus. In Gylfaginning 39 fragt Gangleri, ob die Einherjer etwa Wasser trinken. Natürlich nicht: Aus Heiðrúns Zitzen fließt Met, mit dem sie jeden Tag ein skapker füllt, ein großes Mischgefäß, so groß, dass alle Einherjer davon voll betrunken werden. Kein Umweg über Milch, die irgendwann zu Met würde – es ist Met, direkt aus dem Euter. Die Vorstellung ist absurd, und genau das ist ihr Witz.
Wer serviert? Laut Grímnismál 36 tragen die Walküren den Einherjern Bier auf. Und wie viele sind es? Strophe 23 nennt 540 Tore in Walhall, durch die jeweils 800 Einherjer zugleich hinausziehen. Das sind über 400.000 Krieger. Wer jemals ein Dorffest mit 300 Gästen versorgt hat, versteht, warum es dafür ein Wunder braucht.
Warum ausgerechnet ein Schwein? Weil der Eber im Norden ein Tier mit Rang war. Der Gott Freyr besitzt den goldborstigen Eber Gullinbursti, den die Zwerge geschmiedet haben; Freyja reitet im Lied Hyndluljóð auf dem Eber Hildisvíni („Kampfschwein“). Mehr über die Symbolik findest du in unserem Artikel über den Eber in der nordischen Welt.
Auch auf Helmen saß der Eber. Der angelsächsische Helm von Benty Grange in Derbyshire aus dem 7. Jahrhundert trägt eine vollständige Eberfigur auf dem Scheitel, ebenso der Helm von Wollaston in Northamptonshire. Das altenglische Epos Beowulf beschreibt Krieger, über deren Wangen Eberbilder glänzen.
Am deutlichsten wird der Eber als Festtier aber beim sónargöltr. In der Prosa der Helgakviða Hjörvarðssonar, eines Heldenlieds der Lieder-Edda, kehrt Heðinn am Julabend aus dem Wald heim. Dann heißt es:
Um kveldit váru heitstrengingar. Var fram leiddr sónargöltr. Lögðu menn þar á hendr sínar ok strengðu menn þá heit at bragarfulli.– Helgakviða Hjörvarðssonar, Prosa; eigene Übertragung: „Am Abend wurden Gelübde abgelegt. Der sónargöltr wurde hereingeführt. Die Männer legten ihre Hände auf ihn und legten dann beim Bragarfull ihre Gelübde ab.“
Das bragarfull ist der Becher, über dem man feierliche Versprechen ablegte. Heðinn schwört in dieser Nacht, Sváfa zu gewinnen, die Geliebte seines Bruders Helgi – und bereut es sofort bitter. Ein Eid über dem Eber war bindend, auch wenn er im Rausch gesprochen war.
Die Hervarar saga ok Heiðreks kennt einen ähnlichen Brauch. König Heiðrekr hält einen gewaltigen Eber, der Freyr geweiht ist; in einer der Handschriftenfassungen heißt er sónargöltr und wird am Julabend vor den König in die Halle geführt, wo man die Hände auf seine Borsten legt und Gelübde ablegt.
Was sónar- bedeutet, ist umstritten. Früher las man „Sühne-“ oder „Opfer-Eber“; seit Eduard Sievers (1892) deutet man es oft als „Herdeneber“, gestützt durch das langobardische sonorpair im Edikt des Rothari, einen Eber, der alle anderen der Herde besiegt.
Eine zeitgenössische Stimme gibt es trotzdem. Der Reisende Ibrāhīm ibn Yaʿqūb, der Haithabu um 965 besuchte und dessen Bericht in einem arabischen Werk des 13. Jahrhunderts erhalten ist, schreibt von einem Fest zu Ehren ihres Gottes: Wer ein Opfertier schlachtet – ein Rind, einen Widder, einen Ziegenbock oder ein Schwein –, hängt es an Stangen vor seinem Hof auf, damit die Leute sehen, dass er opfert. Das Schwein steht hier also ganz selbstverständlich in der Reihe der Opfertiere, als Beobachtung eines Fremden. Mehr dazu in unserem Beitrag über Ibrāhīm ibn Yaʿqūb in Haithabu.
Spätere Volksbräuche bieten sich als Echo an. Olaus Verelius beschrieb 1672 einen schwedischen julagalt, von dem ein Teil bis zur Frühjahrssaat aufbewahrt wurde, und der Julschinken gehört bis heute auf den skandinavischen Festtisch. Ob das alles in ungebrochener Linie auf den sónargöltr zurückgeht, ist nicht belegt. Wahrscheinlicher blieb das Schwein einfach das Festtier des Winters, weil man es vor dem Futtermangel im Spätherbst schlachtete. Wie das Julfest insgesamt aussah, erzählen wir im Artikel über Jul.
Jetzt zu den Knochen. Das Schwein hatte auf einem Hof der Wikingerzeit eine besondere Rolle: Das Nationalmuseet in Kopenhagen weist darauf hin, dass es das einzige Haustier war, das ausschließlich für Fleisch gehalten wurde. Sie waren Allesfresser, kamen mit Küchenabfällen, Waldweide und Eicheln zurecht, vermehrten sich schnell und lieferten Fett, das man einsalzen und lagern konnte. Für ein Fest war das ideal.
Wie die Versorgung einer frühen Stadt aussah, zeigen Isotopenanalysen. Für Birka im Mälarsee untersuchte ein Team um Nina Schjerven 2024 Tierknochen mit mehreren Isotopenverfahren (Kohlenstoff, Stickstoff, Schwefel, Strontium). Ergebnis: Die Schweine und die Schafe oder Ziegen wurden offenbar im näheren Umland aufgezogen, ihre Strontiumwerte passen zur Region. Die Rinder dagegen trugen fremde Signaturen und kamen wohl aus größerer Entfernung – vermutlich auf eigenen Beinen, als „wandelnde Ware“, und wurden erst vor Ort geschlachtet. Die meisten Schweine starben jung, als halbwüchsige oder junge ausgewachsene Tiere, wie es für städtische Siedlungen typisch ist.
Schwein war also das Fleisch aus der Nachbarschaft, Rind das Fleisch, das man heranführen musste. Für Haithabu liegen Hunderttausende Tierknochen vor. Rind und Schwein gehören dort zu den wichtigsten Fleischlieferanten, während der Reisende Ibrāhīm ibn Yaʿqūb notierte, die Leute äßen vor allem Fisch, der reichlich vorhanden sei. Beides schließt sich nicht aus: Fisch war Alltag, Fleisch das, was auf den Tisch kam, wenn es etwas zu feiern gab. Einen Überblick über den Speiseplan gibt unser Artikel über Speisen und Getränke der Wikinger.
Spannend ist der Blick nach Island. Die Siedler brachten Schweine mit, und Ortsnamen wie Svínafell oder Svínavatn halten die Erinnerung daran fest. Später ging die Schweinehaltung dort stark zurück. Beim großen Fest setzten isländische Häuptlinge offenbar auf etwas anderes: Davide Zori, Jesse Byock und Kollegen zeigten 2013 am Häuptlingshof Hrísbrú im Mosfellstal, dass dort Rindfleisch und Gerste – also Bier – die wichtigsten Zutaten des Festmahls waren.
Und gekocht wurde tatsächlich meist im Kessel. Eiserne Kessel, Kessel aus Speckstein und Kochgruben mit erhitzten Steinen gehören zum gut belegten Küchengerät der Wikingerzeit. Gesottenes Fleisch war die Regel, der Braten am Spieß eher die Ausnahme. Wenn das Grímnismál den Koch Andhrímnir sein Fleisch in Eldhrímnir sieden lässt, beschreibt es also genau das, was in den Hallen der Menschen geschah – nur ohne Ende.
Vor diesem Hintergrund wird Sæhrímnir beinahe nüchtern. Walhall ist die Halle eines Fürsten, nur größer als jede irdische. Odin ist der Gastgeber, der seine Gefolgschaft unterhalten muss, und er tut es wie jeder Hallenherr: mit Fleisch aus dem Kessel und Met im Horn. Der Unterschied liegt allein darin, dass seine Vorräte nie zur Neige gehen.
Gleichzeitig ist der unerschöpfliche Braten kein Zeichen von Überfluss um seiner selbst willen. Er hält ein System am Laufen, das auf einen einzigen Tag hin angelegt ist: den Tag, an dem der Wolf kommt. Hárs Satz bei Snorri, die riesige Menge werde dann trotzdem zu klein erscheinen, macht das klar. Die Einherjer werden genährt, damit sie bereit sind – nicht, damit sie es sich gut gehen lassen.
In unserer Werkstatt in Alsdorf fragen uns Kunden oft nach Motiven für die Küche, den Grill oder den Festtisch – und Sæhrímnir ist dafür fast zu gut. Ein Schneidebrett oder eine Baumscheibe aus Holz mit einem Eber im nordischen Tierstil, darunter fleska bezt, „das beste Schweinefleisch“: Das ist ein Edda-Zitat, das tatsächlich in der Strophe steht, und gleichzeitig ein Versprechen an jeden Gast.
Auf Schiefer wirkt die ganze Strophe in Altnordisch besonders stark, gern mit Kessel und Feuer als Bildmotiv. Wer es schlichter mag, nimmt nur die drei Namen untereinander: Andhrímnir, Eldhrímnir, Sæhrímnir. Hörnerhelme und Fantasie-Runen lassen wir weg; unser Eber bekommt Borsten, Hauer und die Linienführung der alten Tierstile.

Was ist Sæhrímnir in der nordischen Mythologie? Sæhrímnir ist das Tier, dessen Fleisch die Einherjer in Walhall essen. Im Grímnismál 18 wird es vom Koch Andhrímnir im Kessel Eldhrímnir gesotten; Snorri nennt es einen Eber, der jeden Tag gekocht wird und abends wieder heil ist.
Ist Sæhrímnir ein Eber? Bei Snorri ja, er nennt ihn göltr, Eber. Das ältere Eddalied sagt nur fleska bezt, „das beste Schweinefleisch“, und legt sich auf kein bestimmtes Tier fest.
Was bedeutet der Name Sæhrímnir? Sicher ist das nicht. Häufig wird „rußiges Meertier“ vorgeschlagen, alternativ eine Verbindung zu sjóða, „sieden“. Das Element -hrímnir bezieht sich wohl auf den Ruß am Kochkessel.
Was trinken die Einherjer in Walhall? Met aus den Zitzen der Ziege Heiðrún, die auf dem Dach von Walhall steht. Odin selbst trinkt nach der Edda nur Wein und gibt sein Essen den Wölfen Geri und Freki.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Walhall – Die Einherjer – Gullinbursti – Freyr – Tissø – Germanische Feste.
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