Ihr Haar war aus purem Gold – und dieses Haar stieß eine der folgenreichsten Geschichten der ganzen Mythologie an. Sif, die Gemahlin des Donnergottes Thor, ist auf den ersten Blick eine stille Göttin. Ihr goldenes Haar aber verbindet Himmel, Zwergenschmiede und die Kornfelder der Erde.
Sif (altnord. Sif, „Verwandtschaft, Sippe, Band“) ist eine Asin und Thors Frau. Snorri hebt vor allem eines hervor: ihr wunderschönes, langes Haar aus Gold. Genau dieses Haar macht sie zur Schlüsselfigur – nicht durch eigene Taten, sondern durch das, was ein böser Streich auslöst.
Aus reiner Bosheit schneidet Loki der schlafenden Sif ihr goldenes Haar ab. Als Thor das entdeckt, ist sein Zorn so groß, dass Loki um sein Leben fürchtet und Ersatz beschaffen muss. Er geht zu den Zwergen, den Söhnen Ivaldis, und lässt neues, echtes Goldhaar schmieden, das wie natürliches Haar wächst, sobald es Sifs Kopf berührt.
Doch dabei bleibt es nicht: Im selben Zug entstehen weitere Wunderwerke, und aus Lokis übermütiger Wette mit den Zwergen Brokkr und Sindri werden schließlich die größten Kleinode der Götter geboren – darunter Odins Speer Gungnir, der Ring Draupnir und Thors Hammer Mjöllnir selbst. So steht Sifs abgeschnittenes Haar am Anfang der gesamten Schatzsage des Nordens.
Warum ausgerechnet goldenes Haar? Viele Forscher deuten Sif als Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin: Ihr wallendes Goldhaar ist ein altes Bild für die reifen, goldgelben Kornfelder im Spätsommer. Dass ausgerechnet Loki – oft eine Chaos- und Feuergestalt – ihr das Haar „abmäht“ und es nachwächst, passt zum Kreislauf von Ernte und Wiederkehr. An Sifs Seite steht mit Thor der Gott, dessen Gewitterregen die Felder überhaupt erst wachsen lässt. Ein stimmiges Paar: Donner und Ernte.
„Ihr Haar war aus Gold,
fein gesponnen und lebendig gewachsen.“
— Bild nach Snorris Skáldskaparmál (Sinn nach Simrock, gemeinfrei)

Thor (Donar) · Die Schätze der Götter · Mjöllnir · Loki · Frigg.
Lieder-Edda: Lokasenna, Hárbarðsljóð. Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Skáldskaparmál: Sifs Haar und die Schätze; Gylfaginning), um 1220. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001).