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Sif – Thors Frau mit dem goldenen Haar

Götter & Göttinnen Sif – Thors Frau mit dem goldenen Haar

Thors Frau heißt Sif. Sie ist die Gemahlin des Donnergottes, eine Göttin aus dem Geschlecht der Asen, und berühmt für ihr Haar aus Gold. Als Loki es ihr im Schlaf abschneidet, beginnt die Geschichte, an deren Ende Mjöllnir, Gungnir und die übrigen Schätze der Götter stehen. Daneben nennt Snorri noch eine zweite Partnerin Thors: die Riesin Járnsaxa, Mutter seines Sohnes Magni. Ehefrau im eigentlichen Sinn ist aber nur Sif – Járnsaxa heißt in den Quellen ausdrücklich ihre Nebenbuhlerin.

Für eine Göttin, deren Haar die gesamte Bewaffnung Asgards ausgelöst hat, spricht Sif erstaunlich wenig. In den Quellen sagt sie genau eine Strophe. Und trotzdem kannten die Dichter des Nordens ihren Namen so gut, dass sie ihn wie eine Vokabel benutzten: Wer „Sifs Haar“ sagte, meinte Gold, und wer „Sifs Mann“ sagte, meinte Thor.

Wie heißt Thors Frau? Sif – und die Sache mit Járnsaxa

Die kurze Antwort lautet: Sif. In der Prosa-Edda des Isländers Snorri Sturluson (um 1220) ist sie ohne jeden Zweifel Thors Ehefrau. Die Lieder-Edda, die ältere Sammlung von Götter- und Heldenliedern, bestätigt das auf ihre Weise: Im Hymiskviða heißt Thor dreimal schlicht Sifjar verr, „Sifs Mann“ (Strophen 3, 15 und 34). Wer nach der Gemahlin Thors sucht, ist bei ihr richtig.

Die längere Antwort braucht einen zweiten Namen. Snorri erzählt in seinem Dichterlehrbuch Skáldskaparmál vom Zweikampf Thors mit dem Steinriesen Hrungnir. Am Ende liegt Thor unter dem Bein des toten Riesen, und keiner der Götter kann es anheben. Dann kommt Magni, „Sohn Thors und der Járnsaxa“, gerade drei Nächte alt, und wirft das Bein beiseite. Járnsaxa – der Name bedeutet etwa „Eisenmesser“ oder „die mit dem Eisenschwert“ – ist eine Riesin. Mehr erfahren wir über sie an dieser Stelle nicht.

Wie verhält sie sich zu Sif? Snorri beantwortet das selbst, in seiner Liste, wie man Sif in Dichtung umschreiben darf: Man nenne sie „Thors Frau, Ullrs Mutter, die schönhaarige Göttin, elja der Járnsaxa, Mutter der Þrúðr“. Das altnordische elja bezeichnet die Nebenfrau oder Rivalin, also eine Frau, mit der man denselben Mann teilt. Sif ist demnach die Ehefrau, Járnsaxa die Geliebte, von der Thor ein Kind hat.

Beleg: Snorri, Skáldskaparmál (Umschreibungen für Sif: „kona Þórs, móðir Ullar, … elja Járnsöxu, móðir Þrúðar“; Magni als Sohn Thors und der Járnsaxa in der Hrungnir-Erzählung). Die Ehe mit Sif bestätigt unabhängig davon die Lieder-Edda (Hymiskviða 3, 15, 34). Ob die Járnsaxa unter den neun Müttern Heimdalls im Hyndluljóð dieselbe Figur meint, ist unklar.

Mehr zu Thors Söhnen steht im Artikel über Magni und Modi.

Ihr Name bedeutet Verschwägerung

Altnordisch Sif ist die Einzahl zu sifjar, einem Wort für die Verwandtschaft durch Heirat, die Schwägerschaft. Es gehört zu einer gemeingermanischen Wortfamilie: gotisch sibja, althochdeutsch sippa, unser heutiges „Sippe“, altenglisch sibb. Das altenglische Wort bedeutete nicht nur Verwandtschaft, sondern auch Frieden und Eintracht. Das englische sibling („Geschwister“) ist eine späte Neubildung aus derselben Wurzel.

Die Fachlexika übersetzen den Götternamen entsprechend: Rudolf Simek mit „Verwandtschaft durch Heirat“, John Lindow mit „angeheiratete Verwandtschaft“. Thors Frau heißt also, frei gesagt, „die Verschwägerung“ – das Band, das durch eine Hochzeit zwei Familien zu einer macht.

Eine reizvolle Parallele kommt aus England. Im Beowulf wird Königin Wealhtheow, die in der Halle den Met reicht und Streit schlichtet, friðusibb folca genannt, „Friedensband der Völker“. Mehrere Forscher, beginnend mit dem Norweger Magnus Olsen, haben sie mit Sif verglichen, die im Lokasenna ebenfalls Met reicht, um Frieden zu stiften. Ob dahinter eine gemeinsame alte Vorstellung steht, ist offen. Die Ähnlichkeit ist aber da.

Beleg: an. sif, Plural sifjar „Schwägerschaft“; got. sibja, ahd. sippa, ae. sibb. Die Verbindung des Götternamens mit dieser Wortgruppe ist in der Forschung unstrittig. Was die Menschen der Wikingerzeit beim Namen mitdachten, ist Deutung.

Der Haarraub: Was Snorri erzählt

Die berühmteste Geschichte über Sif steht in einem Kapitel des Skáldskaparmál, das mit einer Lehrbuchfrage beginnt: Warum nennt man Gold „Sifs Haar“? Snorri antwortet mit einer Erzählung (in der Zählung nach Anthony Faulkes Kapitel 35, andere Ausgaben zählen abweichend).

Der Anfang ist knapp. Loki Laufeyjarson, heißt es, schnitt Sif aus reiner Tücke das ganze Haar ab. Kein Grund, kein Streit, keine Vorgeschichte. Als Thor davon erfährt, packt er Loki und will ihm alle Knochen brechen. Loki schwört, er werde von den Schwarzalben – den Zwergen – Haar aus Gold beschaffen, das wachsen werde wie anderes Haar.

Er geht zu den Zwergen, die Ivaldis Söhne heißen. Sie schmieden das Haar, und gleich dazu das Schiff Skíðblaðnir, das immer günstigen Wind hat, sobald man das Segel setzt, und sich zusammenfalten lässt wie ein Tuch. Als drittes Stück entsteht der Speer Gungnir, den später Odin trägt.

Die Wette um Lokis Kopf

Loki wettet mit dem Zwerg Brokkr um seinen eigenen Kopf, dass Brokkrs Bruder keine drei Kleinode schmieden könne, die so gut seien wie diese. Der Bruder heißt in den meisten Ausgaben Sindri, in einer Handschriftengruppe Eitri. Der Schmied legt ein Schweinsfell in die Esse und befiehlt Brokkr, den Blasebalg nicht anzuhalten, bis er das Stück wieder herausnimmt.

Kaum ist er draußen, setzt sich eine Fliege auf Brokkrs Hand und sticht ihn. Snorri sagt es nicht ausdrücklich, aber jeder Hörer wusste, wer da summte. Brokkr bläst weiter, und aus der Esse kommt ein Eber mit goldenen Borsten – Gullinbursti, der später Freyr gehört. Beim zweiten Stück, Gold in der Esse, sticht die Fliege in den Hals, doppelt so fest. Es entsteht der Ring Draupnir, von dem jede neunte Nacht acht gleich schwere Ringe abtropfen.

Beim dritten Stück, Eisen, sticht die Fliege Brokkr zwischen die Augen, das Blut läuft ihm in die Lider, und er nimmt für einen Augenblick die Hand vom Blasebalg, um die Fliege zu verscheuchen. Heraus kommt ein Hammer: Mjöllnir. Er trifft alles, wonach er geworfen wird, kehrt in die Hand zurück und lässt sich klein machen. Sein einziger Fehler ist der Stiel, der etwas zu kurz geraten ist. Die Fliege hatte also beinahe Erfolg.

Odin, Thor und Freyr sitzen zu Gericht und entscheiden: Der Hammer ist das Beste, denn mit ihm kann man die Riesen abwehren. Loki hat seinen Kopf verloren. Er rettet sich mit einem Juristenkniff – den Kopf ja, den Hals aber nicht. Brokkr nimmt Ahle und Riemen und näht ihm stattdessen die Lippen zusammen.

Beleg: Snorri Sturluson, Skáldskaparmál (Prosa-Edda, um 1220): Haarraub, Ivaldis Söhne, Wette mit Brokkr, sechs Kleinode (Goldhaar, Skíðblaðnir, Gungnir, Gullinbursti, Draupnir, Mjöllnir). Die Lieder-Edda erzählt die Episode nicht; Ivaldis Söhne als Erbauer Skíðblaðnirs kennt allerdings auch das Grímnismál (Str. 43).

Sif steht am Anfang dieser Kette, tritt darin aber nicht auf. Sie schläft, verliert ihr Haar, bekommt neues. Mehr verlangt die Erzählung nicht von ihr.

Sif mit ihrem goldenen Haar
„Sif“, John Charles Dollman, 1909. gemeinfrei.

Warum ausgerechnet das Haar?

Für moderne Leser wirkt der Haarschnitt wie ein Dummejungenstreich. Für die Hörer der Geschichte war er etwas anderes, und Thors Wut ist kein Zeichen von Eitelkeit.

Haar war in den germanischen Gesellschaften ein Zeichen von Rang und Ehre. Das Frankenreich liefert das bekannteste Beispiel: Die Merowingerkönige trugen ihr Haar lang und ungeschnitten, es galt als Merkmal ihres Königtums. Als Pippin 751 den letzten Merowinger Childerich III. absetzte, ließ er ihn scheren und ins Kloster stecken. Wer das Haar verlor, verlor den Anspruch.

Für Frauen ist eine noch ältere Stelle aufschlussreich. Der römische Historiker Tacitus berichtet um 98 n. Chr. in seiner Germania (Kap. 19), bei den Germanen werde eine Ehebrecherin vom Ehemann vor den Verwandten geschoren und nackt aus dem Haus getrieben. Das liegt rund 700 Jahre vor der Wikingerzeit, und Tacitus schreibt als Außenstehender mit eigener Absicht. Aber es zeigt, welches Bild ein abgeschnittener Frauenkopf in diesem Kulturraum aufrufen konnte: das der öffentlich bestraften, entehrten Frau.

Vor diesem Hintergrund bekommt Lokis Streich eine böse Pointe. Er tut der Frau des stärksten Gottes heimlich an, was sonst eine Strafe für Untreue war, und macht sie vor aller Augen zu etwas, das sie nicht ist. Ob Snorri oder seine Gewährsleute das so mitgedacht haben, wissen wir nicht. Loki behauptet im Lokasenna jedenfalls ausgerechnet, er habe mit Sif geschlafen – dazu gleich mehr.

Haar in der Wikingerzeit: Was die Funde zeigen

In den Siedlungen der Wikingerzeit – Haithabu, Birka, York, Dublin – gehört der Kamm zu den häufigsten Fundstücken überhaupt. Er wurde aus Geweih gearbeitet, aus mehreren Platten zusammengenietet, oft mit Ritzmustern verziert, und steckte häufig in einem eigenen Futteral. Man trug ihn am Gürtel wie heute das Handy. Wie diese Kämme entstanden, zeigt unser Artikel über die Kammmacher; wie die Leute damit ihr Haar richteten, steht im Beitrag über Kamm, Bad und Wikinger-Frisuren.

Dazu kommen Stimmen von außen. Eine englische Chronik aus dem 13. Jahrhundert, die John of Wallingford zugeschrieben wird, behauptet, die Dänen hätten sich täglich gekämmt, samstags gebadet und oft die Kleider gewechselt – und damit den englischen Frauen zu gut gefallen. Das ist eine späte Anekdote, keine Messung. Aber sie zeigt, wofür man die Nordleute kannte.

Für Frauen kommt die Frisur selbst hinzu. Kleine Silberfiguren und Anhänger aus Birka, aus dem dänischen Hårby und von anderen Fundorten zeigen Frauen mit einem kunstvollen Knoten im Nacken, aus dem ein langer Schweif fällt. Eine solche Frisur braucht Zeit und eine zweite Hand. Ob verheiratete Frauen das Haar grundsätzlich bedeckten, wie spätere Quellen nahelegen, ist für die Wikingerzeit nicht sicher zu sagen.

Beleg: Geweihkämme gehören zu den häufigsten Funden wikingerzeitlicher Handelsorte wie Haithabu und Birka. Frauenfiguren mit Nackenknoten sind unter anderem aus Birka und aus Hårby (Fünen, gefunden 2012) bekannt. Die Bemerkung über die Körperpflege der Dänen ist erst im 13. Jahrhundert überliefert.

Gold, das wächst

Die Zwerge liefern keine Perücke. Snorri betont, das Goldhaar werde festwachsen, sobald es auf Sifs Kopf liege, und weiterwachsen wie echtes Haar. Das ist der eigentliche Kunstgriff: nicht Ersatz, sondern Heilung.

Darin steckt, was die Zwerge so mächtig macht: Sie stellen nicht Gegenstände her, sondern Eigenschaften. Ein Hammer, der zurückkehrt. Ein Ring, der sich vermehrt. Ein Schiff, das in den Beutel passt. Und Metall, das lebt.

Sifs Kinder: Ullr und Þrúðr

Ullr, der Sohn. Snorri nennt Ullr „Sifs Sohn und Thors Stiefsohn“. Er sei ein so guter Bogenschütze und Skiläufer, dass niemand mit ihm wetteifern könne, schön anzusehen und kriegerisch; man solle ihn im Zweikampf anrufen. Wer Ullrs Vater war, sagt keine einzige Quelle. Das ist bemerkenswert, denn Ullr war im Kult offenbar bedeutender, als die Dichtung vermuten lässt: Sein Name steckt in zahlreichen Ortsnamen Schwedens und Norwegens, und das Grímnismál weist ihm einen eigenen Wohnsitz zu, Ýdalir, die „Eibentäler“.

Þrúðr, die Tochter. Mit Thor hat Sif eine Tochter, Þrúðr (Thrud), deren Name „Kraft“ bedeutet, passend zum Vater, der in Þrúðheimr wohnt. Snorri nennt Sif ausdrücklich „Mutter der Þrúðr“ und Thor „Vater der Þrúðr“. Eine Skaldenstrophe des frühen Dichters Bragi nennt den Riesen Hrungnir „Dieb der Þrúðr“ – eine Entführungsgeschichte, die sonst verloren ist.

Häufig liest man, Þrúðr sei die Braut aus dem Eddalied Alvíssmál, um die der Zwerg Alvíss wirbt, bis Thor ihn mit Fragen bis zum Sonnenaufgang hinhält und er zu Stein wird. Das ist naheliegend, aber genau genommen eine Gleichsetzung der Forschung: Das Lied selbst nennt die Tochter nicht beim Namen.

Beleg: Ullr als Sifs Sohn und Thors Stiefsohn: Snorri, Gylfaginning 31, und die Thor-Umschreibung „stjúpfaðir Ullar“ im Skáldskaparmál. Ýdalir: Grímnismál 5. Þrúðr als Tochter Sifs und Thors: Skáldskaparmál (Umschreibungen für Sif und für Thor). Alvíssmál: Die umworbene Tochter Thors bleibt namenlos.

Sif in der Lieder-Edda: ein Becher, ein Vorwurf, ein Ehename

Lokasenna 53–54. Das Lokasenna („Lokis Zankreden“) spielt bei einem Gelage beim Meeresriesen Ägir. Loki beschimpft reihum alle Anwesenden. Dann tritt Sif vor, schenkt ihm Met in einen Reifkelch und spricht, sinngemäß in eigener Übertragung:

„Heil dir nun, Loki, nimm hin den Reifkelch, voll mit altem Met – und lass doch mich allein unter den Asen ohne Tadel.“Lokasenna 53, eigene Übertragung

Loki nimmt das Horn, trinkt – und antwortet: Sie wäre die Einzige, wenn sie wirklich so zurückhaltend gegen ihren Mann wäre. Er aber wisse von einem, der neben Thor ihr Liebhaber gewesen sei, und das sei der listige Loki selbst.

Ob das stimmt, lässt das Lied offen; Loki unterstellt an diesem Abend fast jeder Göttin Untreue. Beachtenswert ist Sifs Rolle: Sie ist die Einzige, die den Zank mit Gastfreundschaft entschärfen will. Es funktioniert nicht, aber der Versuch zeichnet sie aus.

Hárbarðsljóð 48–49. Im Hárbarðsljóð steht Thor an einem Sund und will übergesetzt werden. Der Fährmann Hárbarðr – nach allgemeiner Deutung der verkleidete Odin – verspottet ihn und behauptet in Strophe 48, Sif habe daheim einen Liebhaber, den solle Thor lieber aufsuchen. Thor antwortet in Strophe 49, Hárbarðr rede, was ihn am meisten kränken solle, und fügt hinzu: Er glaube, der Feige lüge.

Hymiskviða. Im Lied von Thors Fahrt zum Riesen Hymir, bei der er die Midgardschlange angelt, tritt Sif nicht auf. Aber Thor wird dreimal mit ihrem Namen bezeichnet: Sifjar verr, „Sifs Mann“. Für die Dichter war die Ehe so selbstverständlich, dass sie zum Beinamen des Gottes taugte.

Beleg: Lokasenna, Prosa vor Str. 53 und Str. 53–54; Hárbarðsljóð Str. 48–49; Hymiskviða Str. 3, 15 und 34. Alle in der Lieder-Edda (Codex Regius, um 1270, Lieder teils älter).

„Sifs Haar“ und „Sifs Mann“: Sif in der Dichtersprache

Die Skalden, die Hofdichter des Nordens, arbeiteten mit Umschreibungen, den Kenningar (Einzahl kenning). Man sagt nicht „Gold“, sondern nennt etwas, das jeder kundige Hörer als Gold erkennt: „Feuer des Meeres“, „Freyjas Tränen“ – oder eben haddr Sifjar, „Sifs Haar“.

Snorri führt diese Kenning ausdrücklich auf, und sein ganzes Kapitel über den Haarraub dient dazu, sie zu erklären. Das ist der Schlüssel zum Verständnis der Episode: Das Skáldskaparmál ist ein Lehrbuch für Dichter. Snorri erzählt die Geschichte, damit seine Leser wissen, warum man Gold so nennen darf.

Umgekehrt dient Sifs Name als Baustein für Thor-Kenningar. Snorris Liste nennt ihn „Mann der Sif“ und „Stiefvater Ullrs“, und die Lieder-Edda benutzt Sifjar verr, wie wir gesehen haben. Dazu kommt, dass Göttinnennamen in der Skaldik allgemein als Grundwort für „Frau“ dienen konnten. Eine Dichterin oder eine Geliebte konnte etwa als „Sif des Goldes“ umschrieben werden.

Das ist vermutlich Sifs wichtigste Rolle in der Literatur: nicht als Handelnde, sondern als Bild. Wie alt dieses Bild ist, lässt sich schwer sagen. Rudolf Simek hält es sogar für möglich, dass Snorri die Haarraub-Geschichte selbst zusammengesetzt hat, um die Kenning zu erklären. Belegen lässt sich weder das eine noch das andere.

Sibyl aus Troja: Snorris Prolog

Eine merkwürdige Nebenrolle bekommt Sif im Prolog der Prosa-Edda. Dort erklärt Snorri die heidnischen Götter als Menschen der Vorzeit, die später verehrt wurden – eine Methode, die man nach dem griechischen Autor Euhemeros Euhemerismus nennt. So konnte ein christlicher Isländer die alten Mythen aufschreiben, ohne sie für wahr erklären zu müssen.

Thor heißt im Prolog Tror und ist ein Enkel des Königs Priamos von Troja. Er heiratet eine Seherin namens Sibil, „die wir Sif nennen“. Snorri beschreibt sie als schönste aller Frauen mit goldenem Haar. Der Name ist eine gelehrte Spielerei: Sibil klingt nach den Sibyllen, den Seherinnen der Antike, und nach Sif zugleich.

Die Göttin der Kornfelder? Was die Forschung deutet

Eine der verbreitetsten Deutungen macht aus Sif eine Fruchtbarkeitsgöttin: Ihr goldenes Haar sei das reife Getreide, Lokis Schnitt die Ernte, das nachwachsende Gold die Wiederkehr im nächsten Jahr. Die Ehe mit dem Gewittergott, dessen Regen die Felder tränkt, scheint perfekt dazu zu passen.

Woher kommt das Bild? Jacob Grimm erwog es in seiner Deutschen Mythologie und verglich Sif mit der römischen Ceres, ließ die Frage aber ausdrücklich offen, weil die Quellen schweigen. Der isländische Gelehrte Guðbrandur Vigfússon sprach 1874 von der Mutter Erde mit ihren goldenen Garben. Im 20. Jahrhundert griff Hilda Ellis Davidson die Idee wieder auf und verband Sifs Haar mit goldenen Weizenfeldern. Gabriel Turville-Petre stellte eine andere Hypothese vor: Sif sei einmal als Eberesche gedacht worden, an die sich Thor in einer Erzählung klammert.

Auf der Gegenseite steht vor allem Rudolf Simek. Er hält Sif eher für eine Figur, die als Gegenstück zu Thor entstanden ist, und lehnt einen Vegetationskult hinter ihr ab.

Das sind ernsthafte Überlegungen, aber Deutungen. Kein Text sagt, Sifs Haar sei das Korn, und keiner verbindet sie mit Ernte oder Jahreslauf. Die Idee hat sich durch Handbücher und Internetseiten fortgepflanzt, bis sie wie Überlieferung aussieht.

Mythos-Check: „Sif ist die Göttin des Korns und der Fruchtbarkeit“ steht fast überall und ist nirgends belegt. Belegt ist: Sie ist Thors Frau, Mutter Ullrs und Þrúðrs, ihr Haar ist aus Gold, Loki schnitt es ab, Zwerge ersetzten es, und Dichter nannten Gold nach ihr. Die Korn-Deutung kann zutreffen – sie bleibt eine Vermutung des 19. und 20. Jahrhunderts.

Die stille Göttin – und was das über die Quellen sagt

Sif handelt in keiner überlieferten Erzählung selbst. Ihr wird etwas genommen, und andere regeln es. Sie reicht einen Becher und spricht eine Strophe. Das ist alles.

Daraus könnte man schließen, sie sei eine Randfigur gewesen. Das wäre voreilig. Was wir haben, sind fast ausschließlich Dichtungen über Kämpfe, Wetten und Schmähreden, aufgeschrieben im christlichen Island des 13. Jahrhunderts, Generationen nach dem Ende des alten Kults. Was in dieser Auswahl fehlt, fehlt nicht unbedingt in der Religion.

Sif ist damit ein gutes Beispiel für eine Grundregel im Umgang mit dieser Überlieferung: Abwesenheit in den Texten ist kein Beweis für Abwesenheit im Glauben. Wo die Überlieferung dünn ist, sagen wir das lieber, als die Lücke mit schönen Erfindungen zu füllen.

Sif heute: Marvel, Videospiele und ein Vulkan auf der Venus

In Richard Wagners Ring des Nibelungen kommt Sif nicht vor; dort hat Donner keine Frau auf der Bühne. Ihren großen Auftritt in der Popkultur hatte sie erst im Comic.

Marvel führte sie 1964 in Journey into Mystery Nr. 102 ein. Die Comic-Sif hat mit der Vorlage wenig gemeinsam: Sie ist schwarzhaarig, eine Kriegerin und nicht Thors Ehefrau, sondern Jugendfreundin und zeitweise Geliebte. In den Kinofilmen ab Thor (2011) spielt Jaimie Alexander sie, und in der Serie Loki spielt eine Folge sogar auf den Haarraub an. Mehr dazu im Faktencheck zu Marvels Thor.

Näher an der Edda bleibt God of War Ragnarök (2022): Dort ist Sif tatsächlich Thors Frau und Mutter der Þrúðr. Und wer nach oben schaut, findet sie auch: Ein großer Vulkan auf der Venus heißt Sif Mons.

Aus der Werkstatt. „Sifs Haar“ als Umschreibung für Gold ist eine der schönsten Kenningar überhaupt – und eine dankbare Zeile für eine Gravur, etwa zur goldenen Hochzeit. Eigene Idee oder ein Vers aus der Edda? Wunschgravur. Den eigenen Namen im Älteren Futhark zeigt der Runen-Namensgeber.

Häufige Fragen

Wie heißt die Frau von Thor? Thors Ehefrau heißt Sif. Sie ist eine Asengöttin mit goldenem Haar und die Mutter von Ullr (aus einer früheren Verbindung) und Þrúðr (mit Thor).

Wer ist Járnsaxa? Járnsaxa ist eine Riesin, mit der Thor seinen Sohn Magni hat. Snorri nennt sie die Nebenbuhlerin Sifs; Thors Ehefrau ist sie nicht.

Warum hat Loki Sif die Haare abgeschnitten? Snorri nennt nur Lokis Tücke als Grund. Aus der Wiedergutmachung entstanden das Goldhaar und fünf weitere Schätze, darunter Mjöllnir und Gungnir.

Was bedeutet der Name Sif? Sif bedeutet „Verschwägerung, Verwandtschaft durch Heirat“ und ist mit dem deutschen Wort „Sippe“ und dem altenglischen sibb verwandt.

Ist Sif eine Fruchtbarkeits- oder Korngöttin? Das ist eine Deutung des 19. und 20. Jahrhunderts, die in keiner Quelle steht. Belegt sind nur ihre Ehe mit Thor, ihr goldenes Haar und die Kenning „Sifs Haar“ für Gold.

Hat Sif Thor betrogen? Loki behauptet es im Lokasenna, Hárbarðr deutet es im Hárbarðsljóð an. Beide sind Spötter, und Thor hält die Behauptung für gelogen; eine Erzählung darüber ist nicht erhalten.

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