Jede große Gottheit des Nordens hat ihren Wohnsitz. Der von Frigg, der höchsten der Asinnen, heißt Fensalir – „die Sumpf-" oder „Meerhallen".
In Fensalir waltet Frigg, die Gemahlin Odins, Herrin über Ehe, Mutterschaft und das verborgene Wissen um das Schicksal. Der Name mit dem „Fen" (Sumpf, Moor) verbindet sie mit dem Wasser und der feuchten, fruchtbaren Erde – ein Zug, der zu einer Muttergöttin passt. Von hier aus lenkt sie leise die Fäden, ohne sie je auszusprechen.
Fensalir ist auch der Ort tiefster Trauer. Schon die Völuspá nennt die Halle im Zusammenhang mit dem Tod Baldrs: In Fensalir weint Frigg um ihren geliebten Sohn. So wird ihr Heim zum Sinnbild mütterlichen Schmerzes – die mächtigste Göttin, machtlos gegen das Schicksal ihres Kindes.
„Da weinte Frigg in Fensalir / um Walhalls Weh.“— nach Völuspá 33, Karl Simrock (gemeinfrei)
In Fensalir ist Frigg nicht allein. Ihr dienen kunstvoll benannte Helferinnen: Fulla, die ihr Kästchen und ihre Schuhe hütet und ihre Geheimnisse kennt; Gná, die auf dem Ross Hofvarpnir durch die Lüfte reitet und ihre Botschaften trägt; Hlín, die jene beschützt, die Frigg bewahren will. So ist Fensalir ein ganzer Frauenhof – das Spiegelbild von Odins Männerhalle Walhall.
Die tragische Ironie: Frigg weiß alle Schicksale, aber sie spricht sie nicht aus. Um ihren Sohn Baldr zu retten, nahm sie allen Dingen der Welt einen Eid ab, ihm nicht zu schaden – nur die junge Mistel vergaß sie. Genau die wurde zu Baldrs Tod. In Fensalir beweint die mächtigste Göttin des Nordens, dass selbst grenzenlose Vorsorge das Verhängnis nicht aufhält.
Frigg · Freya oder Frigg? · Baldrs Tod · Seiðr & das Schicksal.
Völuspá 33 (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei Karl Simrock; Snorri, Gylfaginning 35, 49. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.