Wikinger Blog / Götter & Göttinnen
Aus dem Wissensarchiv

Fensalir – die Halle der Frigg: Was Edda und Snorri wirklich über die „Sumpfsäle“ erzählen

Götter & Göttinnen Fensalir – die Halle der Frigg: Was Edda und Snorri wirklich über die „Sumpfsäle“ erzählen

Fensalir ist in der nordischen Mythologie der Wohnsitz der Göttin Frigg, Odins Frau und nach Snorri die höchste der Asinnen; der Name bedeutet wörtlich „Sumpfsäle“. Genannt wird die Halle nur an wenigen Stellen: In der Völuspá weint Frigg dort um Walhalls Leid, in Snorris Gylfaginning gilt sie als „überaus prächtig“, und hier entlockt Loki ihr in Frauengestalt das Geheimnis der Mistel. Wir zeigen dir alle Belege, die Deutungen und wo die Quellen schweigen.

Stell dir vor, du suchst die Wohnung der mächtigsten Göttin des Nordens – und findest drei Sätze, eine Strophe und einen Namen, der nach nassen Füßen klingt. So geht es jedem, der sich auf die Spur von Fensalir macht. Walhall bekommt in der Edda Dachsparren aus Speerschäften und Schilde als Schindeln. Friggs Halle bekommt ein einziges Adjektiv. Und trotzdem ist dieser schmale Ort der Schauplatz eines der folgenreichsten Gespräche der ganzen Mythologie: Hier verrät eine Mutter, ohne es zu wissen, wie man ihren Sohn töten kann.

Wir gehen in diesem Artikel Stelle für Stelle durch, was überliefert ist, was die Forschung daraus macht und wo die Grenze zwischen Beleg und schöner Vermutung verläuft. Wer Frigg selbst noch nicht kennt, findet bei uns ein eigenes Porträt der höchsten Göttin des Nordens.

Was ist Fensalir? Die kurze Antwort

Fensalir ist der Name von Friggs Wohnsitz in Asgard, der Burg der Götter. Überliefert ist er in zwei Werken des 13. Jahrhunderts: in der Liederedda, genauer in der Völuspá, und in der Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson. Mehr als vier Erwähnungen gibt es nicht. Keine einzige davon beschreibt, wie die Halle aussah, wo genau sie lag oder wer dort außer Frigg lebte.

Das klingt nach wenig, und das ist es auch. Aber die wenigen Stellen haben es in sich, weil sie alle um denselben Kern kreisen: um Frigg als Mutter Balders und um die Katastrophe, die mit seinem Tod beginnt. Fensalir ist in der Überlieferung weniger ein Bauwerk als ein Ort der Sorge.

Gesicherter Befund: Fensalir wird genannt in Völuspá 33 (Liederedda), in Snorris Gylfaginning Kap. 35 und 49 sowie in den Skáldskaparmál, wo „Fensalir“ in einer Liste dichterischer Umschreibungen für Frigg auftaucht. Archäologische Belege für einen realen Ort dieses Namens gibt es nicht.

Beleg 1: Frigg weint in Fensalir – Völuspá 33

Die älteste Nennung steht in der Völuspá, der „Weissagung der Seherin“. Das Gedicht wird meist um das Jahr 1000 angesetzt, die Datierung ist allerdings umstritten. Aufgeschrieben ist es in zwei Handschriften: im Codex Regius (um 1270) und in der Hauksbók (Anfang 14. Jahrhundert). Die Strophe mit Fensalir steht nur im Codex Regius, in der Hauksbók fehlt sie.

Die Seherin hat gerade Balders Tod geschildert: Der Mistelzweig, scheinbar harmlos, wird zum tödlichen Geschoss, Höd schießt. Dann geht es um den Rächer, einen Bruder Balders, der nur eine Nacht alt ist und sich weder Hände wäscht noch das Haar kämmt, bis er Balders Mörder auf den Scheiterhaufen gebracht hat. Und dann, als Gegenbild zu dieser rohen Rachegeschichte, drei kurze Zeilen. Im Altnordischen: en Frigg um grét / í Fensǫlum / vá Valhallar.

„Doch Frigg beklagte in Fensal dort / Walhalls Verlust: wißt ihr was das bedeutet?“Völuspá, in der Übersetzung von Karl Simrock (1851), dort als Strophe 37 gezählt

Achte auf das, was dort steht – und was nicht. Frigg weint nicht ausdrücklich „um ihren Sohn“, wie es viele Nacherzählungen sagen. Sie weint um vá Valhallar, das „Weh“ oder „Unheil Walhalls“. Natürlich ist Balders Tod gemeint, aber die Formulierung weitet den Blick: Mit Balder stirbt nicht nur ein Kind, sondern die Sicherheit der ganzen Götterwelt. Mehr zur Geschichte selbst erzählen wir in Balders Tod.

Dass ausgerechnet der Name der Halle in diese drei Zeilen gelangt ist, hat wohl auch einen klanglichen Grund: Frigg und Fensǫlum staben, sie beginnen mit demselben Laut, und die altnordische Dichtung ist auf solche Stabreime gebaut. Erfunden ist der Name deshalb nicht, aber er lag einem Dichter gut im Ohr.

Mythos-Check: Das in manchen Texten kursierende Zitat „Da weinte Frigg in Fensalir / um Walhalls Weh“ ist keine wörtliche Simrock-Übersetzung, sondern eine moderne Glättung. Simrock schreibt „Fensal“ und „Walhalls Verlust“. Wer zitiert, sollte die echte Fassung nehmen oder klar „sinngemäß“ dazuschreiben.

Beleg 2: „Überaus prächtig“ – Gylfaginning 35

Gut zweihundert Jahre nach der vermuteten Entstehung der Völuspá sitzt Snorri Sturluson in Island und schreibt um 1220/1225 ein Lehrbuch für junge Dichter, die Prosa-Edda. Im ersten Teil, der Gylfaginning („Gylfis Betörung“), lässt er einen schwedischen König namens Gylfi die Götter ausfragen. Mehr zu ihm: Snorri Sturluson.

In Kapitel 35 zählt Snorri die Asinnen auf, die Göttinnen des Asengeschlechts. Die Liste beginnt mit einem Paukenschlag: Frigg er æðst, „Frigg ist die höchste“. Dann folgt der Satz, um den es uns geht: Sie besitzt einen Hof, der Fensalir heißt, ok er hann allvegligr – „und er ist überaus prächtig“. Mehr nicht.

Interessant ist die Wortwahl. Snorri nennt Fensalir einen bær, also einen Hof oder ein Gehöft, so wie ein isländischer Bauer seinen Hof bezeichnet hätte. Der Name selbst steht im Plural: salir sind „Säle“, nicht ein einzelner Saal. Snorri denkt Götterwohnsitze in Begriffen seiner eigenen Welt: als Gehöfte.

Die Ordnung der Liste ist ebenfalls aufschlussreich. Gleich nach Frigg nennt Snorri Sága, die in Sökkvabekkr wohnt. Dann folgen Eir, Gefjon und an fünfter Stelle Fulla. Zu dieser Reihenfolge und zu der Frage, ob Sága nicht vielleicht Frigg selbst ist, kommen wir gleich.

Beleg 3: Lokis Besuch – Gylfaginning 49

Die bekannteste Szene in Fensalir erzählt Snorri in Kapitel 49. Balder hat schwere Träume, die Götter beraten sich, und Frigg lässt sich von allem, was es gibt, einen Eid schwören, dass es Balder nicht schaden wird: Feuer und Wasser, Eisen und alle Metalle, Steine, Erde, Bäume, Krankheiten, Tiere, Vögel, Gift und Schlangen. Danach wird es zum Spiel der Götter, auf Balder zu werfen und zu schießen. Nichts verletzt ihn.

Das gefällt Loki nicht. Er geht nach Fensalir zu Frigg und nimmt dabei die Gestalt einer Frau an. Frigg fragt die Besucherin, ob sie wisse, was die Asen auf ihrer Versammlung treiben. Die Fremde erzählt, dass alle auf Balder schießen und er unverletzt bleibt. Frigg antwortet, weder Waffen noch Holz würden ihm schaden, sie habe allen Dingen den Eid abgenommen. Die Frau fragt nach: Haben wirklich alle Dinge geschworen?

Und Frigg erzählt. Westlich von Walhall wachse ein Schössling, der Mistel heiße. Der sei ihr zu jung erschienen, um ihm einen Eid abzuverlangen. Mehr braucht Loki nicht. Er geht, reißt die Mistel aus und bringt sie zur Versammlung, wo er sie dem blinden Höd in die Hand drückt.

Fensalir ist in dieser Szene ein Ort der Vertraulichkeit. Frigg redet nicht vor versammelter Götterschar, sondern in ihrem eigenen Haus, mit einer Frau, die sie für harmlos hält. Gerade das macht die Szene so bitter: Die Halle, in der die Göttin sich sicher fühlt, wird zum Ort des Verrats. Und der Schutz, den sie in Fensalir für ihren Sohn ersonnen hat, scheitert an einer einzigen Ausnahme, die sie selbst nennt.

Mythos-Check: Frigg hat die Mistel nicht „vergessen“, wie es oft heißt. Bei Snorri erklärt sie ausdrücklich, der Zweig sei ihr zu jung gewesen, um ihn schwören zu lassen. Auch die „alte Frau“, in deren Gestalt Loki in vielen Nacherzählungen auftritt, steht so nicht im Text: Snorri schreibt nur, er habe sich in eine Frau verwandelt. Alt ist erst die Riesin Þökk, die später in einer Höhle sitzt und sich weigert, um Balder zu weinen – und hinter der man, so Snorri, Loki vermutete.

Nach Balders Tod ist es übrigens wieder Frigg, die handelt. Sie fragt, wer unter den Asen ihre ganze Liebe und Gunst gewinnen wolle, indem er nach Hel reitet und versucht, Balder zurückzuholen. Hermod meldet sich. Als er zurückkommt, bringt er Geschenke aus dem Totenreich mit: Balders Frau Nanna schickt Frigg ein Leinentuch und weitere Gaben, Friggs Dienerin Fulla einen goldenen Fingerring. Wo Frigg diese Gaben empfängt, sagt Snorri nicht.

Beleg 4: „Fensalir“ als Umschreibung für Frigg

Die vierte Stelle ist die unscheinbarste, für Fachleute aber vielleicht die wichtigste. Im zweiten Teil der Prosa-Edda, den Skáldskaparmál („Sprache der Dichtkunst“), erklärt Snorri, wie man Götter in Gedichten umschreibt. Diese Umschreibungen heißen Kenningar: bildhafte Ersatzbezeichnungen, etwa „Ross des Meeres“ für ein Schiff.

Für Frigg zählt Snorri unter anderem auf: Tochter Fjörgyns, Frau Odins, Mutter Balders, Schwiegermutter Nannas, Königin der Asen und Asinnen – und Herrin von Fulla, vom Falkengewand und von Fensalir. Fensalir war also so fest mit Frigg verbunden, dass ein Dichter die Göttin über ihren Wohnsitz bezeichnen konnte, etwa als „Herrin von Fensalir“. Das spricht dafür, dass der Name nicht Snorris Erfindung ist, sondern zum überlieferten dichterischen Vokabular gehörte. Konkrete Skaldenstrophen mit dieser Kenning sind allerdings nicht erhalten.

Was der Name bedeutet: „Sumpfsäle“

Der Name besteht aus zwei Teilen. Salir ist der Plural von salr, „Saal, Halle, Raum“, verwandt mit unserem deutschen „Saal“. Spannender ist der erste Teil: fen bedeutet im Altnordischen „Sumpf, Moor, Morast“. Das Wort geht auf urgermanisch *fanja- zurück und hat Verwandte in vielen germanischen Sprachen: gotisch fani („Schlamm“), althochdeutsch fenna, englisch fen, niederländisch veen.

Und hier wird es für uns in Alsdorf fast persönlich. Dasselbe Wort steckt im Namen des Hohen Venns, des großen Hochmoors an der deutsch-belgischen Grenze, keine Stunde von unserer Werkstatt entfernt. Wer dort über die Bohlenwege läuft, steht sprachlich gesehen in einem „Fen“. Friggs Halle heißt also wörtlich so etwas wie „die Venn-Säle“. Das macht sie nicht weniger göttlich, aber deutlich nasser, als man es von einer Himmelskönigin erwarten würde.

Ganz eindeutig ist die Deutung trotzdem nicht. Schon im 19. Jahrhundert schlugen Paul Henri Mallet und Walter Scott vor, fen könne auch die Wassertiefe, das Meer meinen. Aus „Meeressälen“ machten manche Forscher dann eine Sonnengöttin Frigg, deren Haus für die im Meer versinkende Sonne stehe. Diese Spekulation gilt heute als überholt. Die Grundbedeutung „Sumpf, Moor“ ist sprachlich gut abgesichert. Was sie für den Mythos bedeutet, ist die eigentlich offene Frage.

Moor, Wasser, Opferplatz? Die Deutungen

Eine Göttin, die in „Sumpfsälen“ wohnt – das lädt zu Deutungen ein. Drei Linien ziehen sich durch die Forschung. Alle drei sind Thesen, keine gesicherten Befunde.

These 1: Quellen und Moore als Kultorte. Der Germanist Anton Edzardi vermutete 1882, der Name spiegele Kultpraktiken an Quellen und Gewässern. Er verknüpfte Fensalir außerdem mit Volksüberlieferungen, nach denen Sümpfe und Teiche Eingänge ins Reich der Frau Holle seien, die er mit Frigg gleichsetzte. Die Gleichung Holle = Frigg ist selbst eine alte, nicht beweisbare Annahme der romantischen Mythologie. Der Religionshistoriker Rudolf Simek hält die Frage nach einem Bezug zu Moor- oder Quellkulten für nicht beantwortbar, John Lindow äußert sich skeptisch.

These 2: Eine Wasser- und Fruchtbarkeitsgöttin. Die schwedische Religionshistorikerin Britt-Mari Näsström sieht im Namen Fensalir einen Hinweis auf Friggs Rolle als Fruchtbarkeitsgöttin. Zusammen mit Sökkvabekkr, dem Wohnsitz der Sága, deute er auf eine Göttin, die am oder im Wasser wohnt – und erinnere an Nerthus. Diese Göttin beschreibt der römische Historiker Tacitus um 98 n. Chr. in seiner „Germania“: Ihr Wagen werde nach dem Umzug in einem verborgenen See gewaschen, und die Sklaven, die dabei helfen, verschlinge danach der See. Mehr dazu in unserem Artikel über Nerthus.

These 3: Ein Echo der Opfermoore. Hier wird es archäologisch. Feuchtgebiete waren in Nordeuropa über Jahrtausende Orte, an denen Menschen Dinge – und manchmal Menschen – den Mächten übergaben: Waffen, Schmuck, Gefäße, Holzfiguren, Tiere. Die großen Heeresopfer der römischen Kaiserzeit in Dänemark, der Kultplatz von Oberdorla in Thüringen oder die hölzernen Figuren aus dem Braaker Moor gehören dazu. Einen Überblick geben wir in Opfermoore und Moorfunde. Liegt es nicht nahe, dass eine Göttin mit „Moor“ im Hausnamen an solche Plätze erinnert?

Naheliegend ist nicht dasselbe wie belegt. Zwischen den meisten Moorfunden und Snorris Text liegen viele Jahrhunderte. Kein Moorfund trägt Friggs Namen, und keine Quelle nennt Frigg als Empfängerin von Moorgaben. Zudem waren Opfer in Gewässern keineswegs nur weiblichen Gottheiten vorbehalten: Gerade die Waffenopfer gelten eher als Dank an Kriegsmächte. Wer Fensalir mit den Opfermooren verbindet, zieht eine reizvolle Linie, aber eine gestrichelte.

Mythos-Check: „Fensalir war ein heiliges Moor, in dem Frigg Opfer empfing“ – so liest man es gelegentlich. Dafür gibt es keinen Beleg. Gesichert ist nur der Name „Sumpfsäle“. Die Verbindung zu Moor-Opferplätzen ist eine Forschungsthese, die sich weder beweisen noch widerlegen lässt.

Friggs Hofstaat: Fulla, Gná und Hlín

Snorri sagt nirgends ausdrücklich, dass Friggs Dienerinnen in Fensalir wohnen. Aber er beschreibt drei Göttinnen, die Frigg zugeordnet sind, und es liegt nahe, sie sich in ihrem Haus vorzustellen. Zusammen ergeben sie das Bild eines kleinen Hofstaats.

Fulla ist die vertrauteste. Snorri beschreibt sie als Jungfrau, die mit offenem Haar und einem goldenen Band um den Kopf geht. Sie trägt Friggs Kästchen aus Eschenholz, verwahrt ihre Schuhe und teilt ihre Geheimnisse. In der Prosaeinleitung des Eddalieds Grímnismál schickt Frigg ihre „Kästchenmagd“ Fulla zu König Geirröd, um ihn vor einem Zauberer zu warnen – eine List im Wettstreit mit Odin. Fulla ist zudem die einzige der drei mit einem Echo außerhalb Skandinaviens: Im zweiten Merseburger Zauberspruch, aufgeschrieben im 10. Jahrhundert, erscheinen „Friia“ und „Volla“ als Schwestern. Ob Volla dieselbe Gestalt ist wie Fulla, ist nicht sicher, wird aber häufig angenommen. Mehr dazu in unserem Artikel über die Merseburger Zaubersprüche.

Gná ist die Botin. Frigg schickt sie in verschiedene Welten, um ihre Aufträge zu erledigen. Gná reitet das Pferd Hófvarpnir („Hufwerfer“), das durch die Luft und über das Meer läuft. Snorri überliefert dazu eine kleine Versszene: Einige Wanen sehen sie am Himmel und fragen, was da fliege. Gná antwortet sinngemäß, sie fliege nicht, sie reite durch die Luft auf Hófvarpnir, dem Sohn von Hamskerpir und Garðrofa.

Hlín ist die Schützerin. Sie ist dazu bestimmt, über die Menschen zu wachen, die Frigg vor einer Gefahr bewahren will. Spannend ist, dass „Hlín“ in der Völuspá Strophe 53 offenbar als Name für Frigg selbst steht: Dort heißt es, als Odin gegen den Wolf zieht, komme „Hlíns zweites Leid“. Das erste Leid war Balders Tod, das zweite ist der Tod ihres Mannes in Ragnarök. Ob Hlín ursprünglich eine eigene Göttin oder ein Beiname Friggs war, ist in der Forschung offen.

Daraus Fensalir als „Frauenhof“ und weibliches Gegenstück zu Walhall zu machen, ist ein schönes Bild. Es ist aber eine moderne Deutung. In den Quellen steht kein Satz, der Fensalir und Walhall gegenüberstellt.

Fensalir im Vergleich: Sökkvabekkr, Breiðablik und die anderen Hallen

Asgard ist voller benannter Wohnsitze. Die wichtigste Quelle dafür ist das Eddalied Grímnismál, in dem Odin in Verkleidung eine ganze Reihe von Götterhallen aufzählt. Fensalir fehlt in dieser Liste. Das ist auffällig, denn Grímnismál nennt sogar kleinere Gestalten. Stattdessen taucht dort ein Ort auf, der Fensalir verdächtig ähnelt.

Sökkvabekkr, „Sinkbank“ oder „versunkene Bank“, ist laut Grímnismál Strophe 7 der vierte Wohnsitz. Kühle Wellen rauschen darüber, und dort trinken Odin und Sága jeden Tag fröhlich aus goldenen Bechern. Ein Haus im Wasser, eine Göttin, die mit Odin trinkt – da liegt der Gedanke nahe, Sága sei nur ein anderer Name für Frigg und Sökkvabekkr die dichterische Variante von Fensalir. Lindow hält das für die Mehrheitsmeinung, Stephan Grundy erklärt Sága und Sökkvabekkr als Nebenformen, die den Dichtern andere Stabreime erlaubten. Simek dagegen stellt Sága zu einer Gruppe weniger fassbarer Schutzgöttinnen, ohne sie mit Frigg gleichzusetzen. Snorri selbst führt Frigg und Sága als zwei verschiedene Göttinnen. Entscheiden lässt sich das nicht.

Breiðablik, „das weit Glänzende“, ist Balders Halle. Grímnismál nennt sie als siebten Wohnsitz in einem Land, in dem es am wenigsten Unheil gibt. Snorri ergänzt in Gylfaginning 22, dort könne nichts Unreines sein. Der Kontrast zu Fensalir ist bemerkenswert: Der Sohn wohnt im lichten, reinen „Weitglanz“, die Mutter in den nassen „Sumpfsälen“. Ob die Dichter diesen Gegensatz bewusst gesetzt haben, wissen wir nicht. Mehr über Balder und seinen Wohnsitz liest du in Balder – der helle Gott.

Zum Vergleich lohnt auch ein Blick auf zwei weitere Orte. Freyja wohnt nach Snorri auf Fólkvangr, ihre Halle Sessrúmnir sei groß und schön. Und die Göttinnen insgesamt haben laut Gylfaginning 14 ein eigenes Heiligtum namens Vingólf, das als sehr schön beschrieben wird. Walhall dagegen wird ausführlich beschrieben, siehe Walhall – die Halle der Gefallenen. Die Hallen der Göttinnen bleiben durchweg blasser – das sagt vermutlich mehr über die Interessen der Dichter und Schreiber als über die Bedeutung der Göttinnen.

Was wir nicht wissen – und warum das ehrlich ist

Fensalir ist ein gutes Beispiel dafür, wie dünn die Quellenlage zur nordischen Mythologie manchmal ist. Hier noch einmal nüchtern, was offen bleibt:

Hinzu kommt die Frage, wie viel von Snorris Bild auf alte Überlieferung zurückgeht. Snorri war Christ und schrieb rund zwei Jahrhunderte nach der Christianisierung Islands. Er kannte die Völuspá, zitiert sie häufig und hat vieles aus ihr ausgebaut. Die Szene mit Loki in Fensalir ist in keinem Eddalied erhalten. Sie kann auf eine verlorene Quelle zurückgehen, kann aber auch Snorris eigene erzählerische Brücke sein, die erklärt, woher Loki von der Mistel wusste. Ehrlich gesagt: Wir wissen es nicht.

Genau das macht für uns den Reiz dieser Halle aus. Fensalir ist kein ausgemalter Palast, sondern ein Name mit einer Stimmung. Sumpf, Stille, eine Mutter, die das Schicksal kennt und es nicht aufhalten kann. Freyja sagt in der Lokasenna über Frigg, sie kenne wohl alle Schicksale, auch wenn sie selbst nichts davon ausspreche. Und Loki prahlt im selben Lied, er sei schuld daran, dass Frigg Balder nie mehr zu den Sälen reiten sieht. Die Säle, in denen sie wartet, bleiben leer.

Fensalir heute: Name, Motiv, Inspiration

In modernen Nacherzählungen und in der Fantasy wird Fensalir gern zum prunkvollen Palast, mal am Meer, mal im Nebel. All das sind Ausschmückungen. Wer einen Überblick über die Göttinnen des Nordens und ihre Überlieferung sucht, findet ihn in unserem Beitrag Die Göttinnen des Nordens.

Für uns in der Werkstatt ist Fensalir ein stilles Motiv. Es steht nicht für Kampf und Ruhm, sondern für Fürsorge, für das Wachen über die eigenen Leute und für die Trauer, die zur Liebe gehört. Ein Hausname, ein Spruch über der Tür, eine Gravur für jemanden, der jemanden verloren hat – da passt Friggs Halle besser als jede Kriegerhalle. Und wenn du das nächste Mal durchs Hohe Venn wanderst, weißt du, dass du durch ein Wort gehst, das schon die Edda kannte.

Häufige Fragen

Was bedeutet Fensalir? Fensalir ist Altnordisch und bedeutet „Sumpfsäle“ oder „Moorhallen“: fen heißt Sumpf oder Moor, salir sind Säle. Die ältere Deutung „Meeressäle“ gilt als unwahrscheinlich.

Wer wohnt in Fensalir? Fensalir ist der Wohnsitz der Göttin Frigg, Odins Frau und Mutter Balders. Ihre Dienerinnen Fulla, Gná und Hlín werden von Snorri bei ihr genannt, ihr Wohnort wird aber nicht ausdrücklich angegeben.

Wo wird Fensalir in der Edda erwähnt? In der Völuspá (Strophe 33), wo Frigg in Fensalir um Walhalls Leid weint, und in Snorris Prosa-Edda: Gylfaginning Kapitel 35 und 49 sowie in den Skáldskaparmál als Umschreibung für Frigg.

Was passierte in Fensalir? Nach Snorri besuchte Loki Frigg dort in Gestalt einer Frau und erfuhr, dass nur die Mistel keinen Eid geschworen hatte, Balder nicht zu schaden. Damit konnte er Balders Tod herbeiführen.

Ist Fensalir dasselbe wie Sökkvabekkr? Das ist umstritten. Viele Forscher halten Sága für einen anderen Namen Friggs und Sökkvabekkr für eine dichterische Variante von Fensalir, beweisen lässt es sich nicht.

War Fensalir ein Opfermoor? Dafür gibt es keinen Beleg. Der Name verweist auf Moor oder Sumpf, eine Verbindung zu realen Moor-Opferplätzen ist eine Forschungsthese, kein Befund.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Weiterlesen bei uns

Frigg · Freya oder Frigg? · Baldrs Tod · Seiðr & das Schicksal.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus dem Gebiet Götterkunde

Alle Götterkunde-Artikel →

Forseti – der Gott des Rechts und die Insel im Meer

Wo gestritten wird, braucht es einen, der schlichtet. Der Norden gab diesem Gedanken ein Gesicht: Forseti, den Gott des …

Weiterlesen →

Freyja – weit mehr als Liebe

Freyja ist weit mehr als die „nordische Liebesgöttin", zu der sie oft verkürzt wird. Sie ist Kriegsherrin, Meisterin …

Weiterlesen →

Freyr und die Wanen

Freyr ist der Gott, dem die Wikinger für gutes Wetter, reiche Ernte und Frieden opferten – der „vornehmste der Asen" …

Weiterlesen →

Frigg – die höchste Göttin

Über allen Asinnen steht eine: Frigg, Odins Gemahlin und Königin von Asgard. Sie kennt das Schicksal aller Wesen – und …

Weiterlesen →