Hugin und Munin (altnordisch Huginn und Muninn) sind die beiden Raben des Gottes Odin: Sie fliegen nach der Edda jeden Tag über die Welt und berichten ihm alles, was sie sehen und hören. Ihre Namen bedeuten ungefähr „Gedanke“ und „Erinnerung“ oder „Sinn“. Wir zeigen dir, was die Quellen wörtlich sagen, welche Funde von der Vendelzeit bis zur Isle of Man Raben neben einer Göttergestalt zeigen, warum Odin um Muninn mehr bangt als um Huginn und wo aus sauberem Beleg moderne Deutung wird.
Stell dir einen Gott vor, der alles wissen will. Er hat ein Auge gegen einen Schluck Weisheit getauscht, sich neun Nächte an einen Baum gehängt, um die Runen zu gewinnen, und sitzt auf einem Hochsitz, von dem aus man in alle Welten blickt. Und dieser Gott gesteht, dass er jeden Tag Angst hat. Nicht vor Riesen, nicht vor dem Wolf, sondern davor, dass zwei Vögel nicht zurückkommen.
Genau das steht im Grímnismál, dem „Lied von Grímnir“ aus der Lieder-Edda, einer Sammlung von Götter- und Heldenliedern, die in einer isländischen Handschrift des 13. Jahrhunderts erhalten ist (dem Codex Regius). Die Lieder selbst sind älter, wie viel, lässt sich nur schätzen. Odin sitzt darin verkleidet als „Grímnir“, der Maskierte, zwischen zwei Feuern im Saal König Geirröds und enthüllt das Gefüge der Götterwelt. Direkt nach den Wölfen Geri und Freki kommen die Raben:
Huginn ok Muninn / fljúga hverjan dag / Jörmungrund yfir; / óumk ek of Hugin, / at hann aftr né komi-t, / þó sjámk meir of Munin.Grímnismál 20, altnordischer Text nach der Ausgabe von Guðni Jónsson
Huginn und Muninn fliegen jeden Tag über die weite Erde; ich fürchte um Huginn, dass er nicht heimkehrt, doch mehr noch sorge ich mich um Muninn.Grímnismál 20, eigene Übertragung
Das seltene Wort Jörmungrund („gewaltiger Grund“) meint wohl die Erde. Mehr über den Gott, der hier spricht, findest du im Artikel Odin – Weisheit um jeden Preis.
Um 1220 schrieb der isländische Gelehrte und Politiker Snorri Sturluson seine Prosa-Edda, ein Lehrbuch für Dichter. In ihrem ersten Teil, der Gylfaginning („Gylfis Täuschung“), erklärt er das Rabenbild (in der gängigen Zählung Kapitel 38) und zitiert dabei die Grímnismál-Strophe gleich mit:
Zwei Raben sitzen auf seinen Schultern und sagen ihm alle Neuigkeiten ins Ohr, die sie sehen oder hören; sie heißen Huginn und Muninn. Bei Tagesanbruch schickt er sie aus, über die ganze Welt zu fliegen, und zum Frühmahl kehren sie zurück. So erfährt er viele Neuigkeiten. Darum nennen ihn die Leute Rabengott.Snorri Sturluson, Gylfaginning 38, eigene Übertragung nach dem altnordischen Text
Drei Details sind wichtig. Erstens: Bei Snorri sitzen die Raben auf Odins Schultern; im Grímnismál fliegen sie nur. Schriftlich greifbar wird das berühmte Schulterbild also erst bei Snorri, Bildfunde sprechen aber dafür, dass es älter ist. Zweitens: Die Raben fliegen í dagan, bei Tagesanbruch, und sind zum dögurðarmál zurück, der ersten Hauptmahlzeit am Vormittag. Die beliebte Nacherzählung, sie kämen „abends“ heim, stimmt nicht; es ist ein Morgenflug. Drittens: Snorri liefert den Beinamen Hrafnaguð, „Rabengott“, und begründet ihn ausdrücklich mit dieser Geschichte.
Snorri schreibt als Christ und Systematiker, mehr als 200 Jahre nach der Annahme des Christentums in Island. Er sammelt, ordnet und füllt Lücken. Man sollte ihn als kluge, späte Zusammenschau lesen, nicht als Protokoll aus dem heidnischen Tempel.
Am Anfang seiner Königsgeschichte Heimskringla beschreibt Snorri Odin noch einmal, ganz anders: In der Ynglinga saga ist er ein mächtiger Häuptling aus Asien, der nach Norden zieht und erst später als Gott verehrt wird. Diese Erklärung von Göttern als vergöttlichten Menschen nennt man Euhemerismus.
In Kapitel 7 zählt Snorri die Zauberkünste dieses Odin auf. Er konnte seine Gestalt wechseln: Sein Körper lag dann da wie schlafend oder tot, während er selbst als Vogel oder Tier, Fisch oder Schlange in fernen Ländern unterwegs war. Wenige Sätze später heißt es über die Raben:
Er hatte zwei Raben, die er zum Sprechen abgerichtet hatte; sie flogen weit über die Länder und brachten ihm viele Nachrichten.Ynglinga saga 7, eigene Übertragung
Auffällig: Die Raben haben hier keine Namen, und sie sind keine Geistwesen, sondern gezähmte, sprechende Vögel. Spannend ist die Nachbarschaft im Text: Gestaltwandel, ein Körper, der leblos daliegt, während der Geist reist, und daneben zwei Vögel, die Wissen aus der Ferne holen. Genau hier setzt die schamanistische Deutung an, zu der wir weiter unten kommen.
Die einfache Antwort: Huginn heißt „Gedanke“, Muninn „Erinnerung“. Die ehrliche ist etwas verwickelter.
Huginn kommt von altnordisch hugr: Denken, Sinn, Gemüt, Absicht, Mut. Verwandt sind altenglisch hyge und gotisch hugs.
Muninn gehört zur Wortfamilie von munr („Sinn, Verlangen, Lust, Vorliebe“) und dem Verb muna („sich erinnern, im Sinn behalten“). Verwandt sind englisch mind und deutsch „Minne“. Ob man Muninn mit „Erinnerung“ oder eher mit „Sinn, Geist, Wollen“ übersetzt, ist deshalb eine Ermessensfrage. Die deutsche und englische Tradition hat sich auf „Gedächtnis/Erinnerung“ festgelegt, und das passt gut zur Grímnismál-Strophe. Zwingend ist es nicht.
Manche Forscher betonen, dass beide Namen sich inhaltlich stark überschneiden und eher zwei Seiten desselben Geistes meinen als ein sauberes Begriffspaar „Denken“ gegen „Gedächtnis“. Rudolf Simek hält die Namen außerdem für vergleichsweise jung, also eher für eine Bildung der späteren Wikingerzeit als für uraltes Erbe. Das Rabenpaar selbst kann älter sein als die Namen, die wir heute kennen.
Die Strophe lädt zum Nachdenken ein, und das ist erlaubt, solange man weiß, dass man deutet. Psychologisch gelesen: Gedanken lassen sich neu fassen, Erinnerung nicht, und für einen Gott, dessen Macht auf Wissen beruht, wäre der Verlust des Gedächtnisses der schlimmere. Rituell gelesen: Wenn die Raben Teile von Odins eigenem Geist sind, ist jeder Flug ein Wagnis, denn ein Geist außerhalb des Körpers kann sich verirren. Dichterisch gelesen: „Ich fürchte um den einen, aber mehr um den anderen“ ist schlicht eine wirkungsvolle Steigerung. Alle drei sind denkbar; gesichert ist nur der Wortlaut.
Die schriftlichen Quellen sind spät. Die Bilder sind früh.
Goldbrakteaten. Brakteaten sind dünne, einseitig geprägte Goldscheiben der Völkerwanderungszeit (vor allem 5. und 6. Jahrhundert), die als Anhänger getragen wurden. Ein häufiger Typ (der sogenannte C-Brakteat) zeigt einen großen Männerkopf über einem vierbeinigen Tier, oft von einem Vogel begleitet. Viele Forscher, allen voran Karl Hauck, sahen darin Odin (beziehungsweise seine frühere Form Wodan), der ein Pferd heilt. Das erinnert an den zweiten Merseburger Zauberspruch, in dem Wodan ein verrenktes Pferdebein bespricht. Rudolf Simek erwägt, dass die Vögel hier eher als Helfer in dieser Heilerfunktion zu verstehen sind. Ob es Raben sind und ob es genau zwei Raben mit Namen waren, verraten die Brakteaten nicht.
Vendel- und Valsgärde-Helme. In den reichen Bootgräbern von Vendel und Valsgärde in Mittelschweden (6. bis 8. Jahrhundert) lagen Prunkhelme, deren Oberfläche mit Pressblechen bedeckt war: dünnen Bronzefolien, in die über einen Model Figurenszenen gedrückt wurden. Auf einem Helmblech aus dem Bootgrab Vendel I reitet ein Krieger mit Helm, Speer und Schild, und zwei Vögel fliegen bei ihm. Simek und John Lindow deuten die Szene als Odin mit seinen Raben. Aus Valsgärde kennt man verwandte Reiterbleche. Mehr zu dieser Epoche erzählen wir in unserem Artikel über die Vendelzeit.
Und Torslunda? Die vier bronzenen Model von Torslunda auf Öland, 1870 in einem Steinhügel gefunden, dienten genau zur Herstellung solcher Helmbleche. Einen Reiter mit zwei Vögeln zeigen sie allerdings nicht, sondern Krieger mit Eberhelmen, einen Mann zwischen Bären, einen Axtträger mit angeleintem Tier und einen tanzenden Mann mit Hörnerschmuck neben einem Krieger im Wolfsfell. Dem Tänzer ist ein Auge getilgt, deshalb gilt er als Odin. Mehr bei den Torslunda-Blechen.
Aus der Wikingerzeit (etwa 790 bis 1066) stammen weitere Bilder.
Rabenfibeln. Aus Bejsebakke im Norden Jütlands stammt ein Paar gleicher vogelförmiger Fibeln, also Gewandspangen, die man paarweise an beiden Schultern trug. Der Archäologe Peter Vang Petersen hat darauf hingewiesen, dass Schnabel und fächerförmiger Schwanz sie als Raben kennzeichnen, und erwogen, dass die Masken auf ihnen Odin meinen. Ein Rabe auf jeder Schulter: Das Bild passt verblüffend genau zu Snorris Beschreibung. Ob die Trägerin oder der Träger das so gemeint hat, wissen wir nicht, aber es ist einer der schönsten Funde zum Thema.
Ribe. In der Handelsstadt Ribe fand man Gussformen für Anhänger mit einem behelmten, schnurrbärtigen Männerkopf, auf dem zwei Vogelköpfe sitzen. Stig Jensen las sie als Huginn und Muninn, den Kopf als Odin. Plausibel, nicht beweisbar.
Oseberg. Auf Fragmenten des Bildteppichs aus dem Oseberg-Grab schweben zwei schwarze Vögel über einem Pferd in einem Wagenzug; Anne Stine Ingstad deutete sie als Hugin und Munin. Die Deutung ist umstritten.
Lejre. 2009 fand man in Lejre auf Seeland eine kleine Silberfigur: eine Gestalt auf einem Thronsessel, flankiert von zwei Vögeln. Das Museum deutet sie als Odin auf seinem Hochsitz Hliðskjálf mit den Raben; warum das umstritten ist (die Gestalt trägt Frauenkleidung), erklären wir bei der Silberfigur von Lejre.
Thorwalds Kreuz. In Kirk Andreas auf der Isle of Man zeigt ein Steinkreuzfragment einen Mann mit Speer und einem Vogel auf der Schulter, dessen Fuß im Maul eines Wolfes steckt: sehr wahrscheinlich Odin, den bei Ragnarök der Fenriswolf verschlingt. Der Vogel gilt als einer der beiden Raben. Datiert wird der Stein ins 10. oder 11. Jahrhundert. Mehr bei Gosforth und Thorwalds Kreuz.
Im Netz liest man oft, auf Münzen aus Haithabu sei Odins Rabe abgebildet. Die frühen Münzen des 9. Jahrhunderts, die man Haithabu zuschreibt, zeigen vor allem Schiffe, Hirsche, Masken und sich gegenüberstehende Hähne. Einen sicher als Rabe bestimmbaren Vogel mit klarer Odin-Verbindung kennen wir dort nicht. Siehst du ein Bild „Haithabu-Münze mit Rabe“, frag nach Fundnummer und Bestimmung.
Der wirklich berühmte Rabe auf einer Münze stammt aus England. Anlaf Guthfrithsson, ein Nordmann aus der Dubliner Dynastie, herrschte 939 bis 941 auch über York. Auf einem seiner Silberpfennige ist ein Rabe mit ausgebreiteten Schwingen zu sehen, und die Umschrift lautet ANLAF CVNVNC, also „König Anlaf“. Das CVNVNC gibt das altnordische konungr in lateinischen Buchstaben wieder. Dass ein Wikingerkönig in einer christlichen Stadt einen Raben auf seine Münze setzt, wird meist als bewusstes Zeichen nordischer Identität gelesen. Ob der Münzmeister an Odins Raben, an das Rabenbanner oder an beides dachte, steht nirgends.
Damit sind wir beim berühmtesten realen Raben der Wikingerzeit: dem Banner. Die zeitgenössische Quelle ist die Angelsächsische Chronik. Zum Jahr 878 berichtet sie, ein Bruder von Ivar und Halfdan sei mit 23 Schiffen in Devon gelandet und dort mit vielen seiner Leute erschlagen worden; dabei sei das Kriegsbanner erbeutet worden, das sie „Rabe“ nannten. Im Altenglischen steht dafür Hræfn. Das war im selben Jahr, in dem König Alfred das Heer Guthrums schlug.
Spätere Quellen schmücken das aus. Die Annalen von St Neots (12. Jahrhundert) erzählen, drei Töchter Lodbroks hätten das Banner an einem Mittag gewebt; vor einem Sieg habe der Rabe darin wie lebendig geflattert, vor einer Niederlage habe es schlaff gehangen. Das Encomium Emmae Reginae (um 1041) erzählt Ähnliches von einer weißen Seidenfahne Knuts des Großen. Legenden, aber sie zeigen, wie fest der Rabe als Siegeszeichen der Nordleute im Gedächtnis ihrer Gegner saß.
Im Norden selbst ist die bekannteste Fahne die des Orkney-Jarls Sigurd des Dicken. Nach der Orkneyinga saga nähte ihm seine zauberkundige Mutter ein Rabenbanner: Es bringe dem Sieg, vor dem es hergetragen werde, aber dem Träger den Tod. Die Njáls saga erzählt das Ende: In der Schlacht von Clontarf 1014 fallen Sigurds Bannerträger einer nach dem anderen, keiner will die Fahne mehr nehmen, und schließlich trägt der Jarl sie selbst und fällt. Beide Sagas sind im 13. Jahrhundert aufgeschrieben, rund 200 Jahre nach der Schlacht. Dass Sigurd bei Clontarf fiel, bestätigen irische Annalen; die Geschichte vom verfluchten Banner ist Sagaerzählung. Mehr zur Familie bei den Orkney-Jarlen.
In der Dichtung der Skalden ist der Rabe vor allem der Vogel des Schlachtfelds. Skaldendichtung arbeitet mit Kenningar, umschreibenden Bildern, und ein häufiges Lob für einen Krieger lautet, dass er Rabe und Wolf satt macht. Ein guter König ist ein „Rabenfütterer“, eine Schlacht ein Festmahl der Aasvögel. Für die Skalden war das höchstes Lob: Wer Raben füttert, siegt.
In diesem Umfeld werden auch die Namen der Odinsraben zu gewöhnlichen Dichterwörtern. Snorri führt im zweiten Teil seiner Edda, den Skáldskaparmál, eine Liste poetischer Rabenbezeichnungen, in der Huginn und Muninn stehen, und in Strophen des Skalden Einarr Skúlason (12. Jahrhundert) wird Muninn einfach als Wort für „Rabe“ verwendet. Ein Vers aus der sogenannten Dritten Grammatischen Abhandlung des Óláfr Þórðarson legt den beiden Raben sogar eine Arbeitsteilung in den Mund: Huginn suche die Gehenkten auf, Muninn die Erschlagenen. Das passt zum Bild Odins als Herrn der Toten, der auch „Gott der Gehenkten“ heißt.
Ein besonders schönes Beispiel ist das Haraldskvæði, auch Hrafnsmál („Rabenrede“) genannt, das meist dem Skalden Þorbjörn hornklofi zugeschrieben wird, einem Dichter am Hof König Haralds Schönhaar im späten 9. Jahrhundert. Darin befragt eine Walküre einen Raben, und der Rabe erzählt von Harald, seinen Schlachten und seinem Gefolge. Das Gedicht ist nur in Bruchstücken in Königssagas überliefert, und einzelne Strophen werden anderen Dichtern zugeschrieben. Aber der Grundgedanke ist eindeutig: Der Rabe weiß, was auf dem Schlachtfeld geschah, weil er dort war. Das ist im Kleinen genau die Rolle von Hugin und Munin.
Auch die Angelsachsen kannten das Bild. In der „Schlacht von Maldon“ (991) heißt es vor dem Kampf sinngemäß: Da hob sich Geschrei, die Raben kreisten, der Adler gierte nach Aas. Mehr dazu bei Danegeld und der Schlacht von Maldon.
Kolkraben gehören zu den intelligentesten Vögeln überhaupt, lösen Aufgaben, merken sich Verstecke und können Laute und menschliche Wörter nachahmen. Ein „zum Sprechen abgerichteter“ Rabe wie in der Ynglinga saga ist für den Erzähler kein Wunder, sondern eine Fertigkeit.
Dazu kommt das Verhalten am Schlachtfeld und bei der Jagd. Raben folgen Wölfen und Menschen, weil dort Beute abfällt. Der Biologe Bernd Heinrich hat vorgeschlagen, dass das Bild Odins mit seinen Wölfen Geri und Freki und den beiden Raben eine uralte Erfahrung dieser Jagdgemeinschaft spiegelt. Das ist eine Hypothese, aber eine anschauliche: Wo Krieger kämpfen, kommen erst die Raben, dann die Wölfe. Der Gott, dem die Gefallenen gehören, hat beide an seiner Seite. Einen größeren Überblick, auch über Hrafna-Flóki und seine Navigationsraben aus der isländischen Landnahmeüberlieferung, gibt unser Artikel Der Rabe in der nordischen Welt. Flókis Raben sind Seefahrerhilfe, keine Odinsraben.
Jetzt wird es spekulativ, und das sagen wir offen. Die bekannteste Deutung sieht in Hugin und Munin ausgesandte Teile von Odins Seele. Die Indizien: Die Namen bezeichnen geistige Kräfte, die Ynglinga saga stellt die Raben neben Odins Gestaltwandel, und das Grímnismál spricht von der Angst, dass sie nicht zurückkehren. In vielen nordeurasischen Kulturen reist die Seele von Ritualspezialisten in Tiergestalt und gerät dabei in Gefahr.
John Lindow hat diese Verbindung vorsichtig formuliert: Die Sorge um die Raben sei mit der Gefahr vereinbar, der sich ein Schamane bei seiner Seelenreise aussetzt. Andere bringen die Raben mit der Fylgja in Verbindung, dem Folgegeist in Tiergestalt. Wieder andere, darunter Simek, halten die Deutung als „personifizierter Intellekt“ für überzogen und sehen die Raben schlicht im Zusammenhang der germanischen Rabensymbolik von Schlachtfeld und Kriegsbanner.
Ob der Begriff Schamanismus für den Norden passt, ist selbst umstritten. Neil Price hat in The Viking Way gezeigt, wie viel an nordischer Ritualmagie, besonders am Seiðr, an samische und sibirische Formen erinnert; andere warnen davor, einen modernen Sammelbegriff auf eine Quelle des 13. Jahrhunderts zu stülpen. Für dich heißt das: Die Schamanen-Lesart ist eine ernst zu nehmende Hypothese, kein Quellentext.
Am Tower of London werden Raben gehalten, und die Legende sagt, das Königreich falle, wenn sie den Tower verlassen. Gern wird das auf Karl II. zurückgeführt. Der Rabenforscher Boria Sax hat jedoch gezeigt, dass die ältesten Bilder gefangener Raben am Tower erst von 1883 stammen; vieles an der „uralten“ Legende ist viktorianisch, mit Odin hat der Tower nichts zu tun. Dass dort in jüngerer Zeit zwei Raben Huginn und Muninn hießen, ist ein hübscher Gruß an den Norden.
Wenn du dir Odins Raben auf Schiefer, Holz oder Glas wünschst, orientiere dich an echten Vorbildern statt an Fantasy-Logos.
Erstens die Komposition der Bejsebakke-Fibeln: zwei Raben, gespiegelt, wie an zwei Schultern, kompakt und ruhig. Zweitens das Bild von Lejre: eine Hochsitzgestalt mit einem Vogel links und rechts, als Andeutung, nicht als Kopie. Drittens die Linienführung der Wikinger-Tierstile wie Ringerike oder Urnes mit langen, verschlungenen Flügellinien. Wer Text dazu möchte, kann statt erfundener „Runensprüche“ zu einer echten Zeile greifen, etwa den altnordischen Anfang der Grímnismál-Strophe, Huginn ok Muninn fljúga hverjan dag. Wenn Runen gewünscht sind, passt für Wikingerbezug das jüngere Futhark besser als das ältere.
Ein Rabenpaar ist auch ein schönes Geschenk für zwei, die verschieden fliegen und doch zum selben Ort zurückkehren. Das steht nicht in der Edda, das ist unsere Deutung.

Was bedeuten Hugin und Munin? Huginn kommt von altnordisch hugr („Gedanke, Sinn, Mut“), Muninn gehört zu munr und muna („Sinn, Verlangen“ bzw. „sich erinnern“). Üblich ist die Übersetzung „Gedanke“ und „Erinnerung“, wobei sich beide Begriffe stark überschneiden.
Wo werden Odins Raben erwähnt? Mit Namen im eddischen Grímnismál (Strophe 20) und in Snorris Gylfaginning (Kapitel 38) sowie in Snorris Dichterwortliste der Skáldskaparmál. Ohne Namen erscheinen sie in der Ynglinga saga, Kapitel 7.
Wann fliegen Hugin und Munin aus? Nach Snorri schickt Odin sie bei Tagesanbruch aus, und sie kehren zum Frühmahl zurück, also am Vormittag. Dann sitzen sie auf seinen Schultern und berichten ihm ins Ohr.
Gibt es archäologische Belege für Odins Raben? Es gibt Bilder, die sehr wahrscheinlich Odin mit Vögeln zeigen: Helmbleche aus Vendel, Brakteaten, die Lejre-Figur, Thorwalds Kreuz und Rabenfibeln. Eine Inschrift, die die Vögel Huginn und Muninn nennt, kennen wir nicht.
Was war das Rabenbanner der Wikinger? Ein Kriegsbanner, das die Angelsächsische Chronik für 878 als erbeutete Fahne namens „Rabe“ erwähnt. Spätere Legenden und Sagas, etwa zu Sigurd von Orkney bei Clontarf 1014, schreiben solchen Bannern Zauberkraft zu.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Odin · Sleipnir – Odins Ross · Geri & Freki – Odins Wölfe · Walhall · Seiðr – die Zauberkunst.
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