Geri und Freki sind die beiden Wölfe Odins: Nach dem Eddalied Grímnismál (Strophe 19) und Snorris Gylfaginning füttert der Göttervater sie mit allem, was auf seinem Tisch steht, während er selbst nur von Wein lebt. Beide Namen bedeuten so viel wie „der Gierige“. Mehr erzählen die Quellen kaum – aber diese wenigen Zeilen hängen an einem dichten Netz aus Skaldenversen, Schlachtfeld-Bildern und Kriegerkult. Wir zeigen, was belegt ist, was Deutung bleibt und warum die beiden nichts mit Fenrir zu tun haben.
Ein König lässt einen Fremden acht Nächte lang zwischen zwei Feuern sitzen, ohne Speise, ohne Trank. Nur der junge Königssohn bringt ihm einmal ein volles Horn. Der Gefangene trinkt, die Flammen züngeln schon an seinem Mantel, und dann beginnt er zu sprechen: über die Hallen der Götter, über den Eber, der jeden Abend gekocht wird, über zwei Raben – und über zwei Wölfe, die neben ihrem Herrn liegen und alles fressen, was er ihnen reicht.
Der Gefangene ist Odin. Das Lied heißt Grímnismál, „Die Rede des Grímnir“, und es gehört zur Lieder-Edda. Mitten in diesem Feuermonolog stehen vier kurze Zeilen über Geri und Freki. Mehr Erzählung gibt es nicht – und doch gehören die beiden zu den bekanntesten Tieren der nordischen Mythologie. Wir zeigen, warum diese knappe Strophe so viel trägt.
Die Lieder-Edda ist eine Sammlung von Götter- und Heldenliedern, die vor allem im Codex Regius überliefert ist, einer isländischen Handschrift aus dem späten 13. Jahrhundert. Wie alt die einzelnen Lieder sind, ist umstritten; das Grímnismál gilt vielen Forschern als vergleichsweise altes, in der Heidenzeit verwurzeltes Wissenslied, ein sicheres Datum gibt es aber nicht. Odin tritt darin als Grímnir („der Maskierte“) auf und zählt in einer langen Reihe auf, was es in der Götterwelt gibt.
Die Strophe über die Wölfe steht genau zwischen dem Koch von Walhall und den Raben. Karl Simrock hat sie 1851 so übertragen:
Geri und Freki füttert der krieggewohnte
Herrliche Heervater,
Da nur von Wein der waffenhehre
Odhin ewig lebt.Grímnismál 19, Übersetzung Karl Simrock (gemeinfrei)
Im Altnordischen beginnt die Strophe mit Gera ok Freka seðr gunntamiðr – „Geri und Freki sättigt der Kampfgewohnte“. Die Pointe sitzt in der zweiten Hälfte: en við vín eitt, „aber von Wein allein“ lebt Odin. Die Strophe davor schildert, wie der Koch Andhrímnir im Kessel Eldhrímnir den Eber Sæhrímnir siedet, die Speise der Einherjer. Die Strophe danach nennt die Raben Huginn und Muninn. Das Lied baut also eine kleine Speiseordnung auf: Die toten Krieger essen Fleisch, die Wölfe bekommen Odins Anteil, Odin selbst trinkt.
Snorri Sturluson, isländischer Politiker und Gelehrter, schrieb um 1220 seine Prosa-Edda als Lehrbuch für Dichter. In der Gylfaginning („Gylfis Täuschung“) fragt ein König namens Gylfi drei rätselhafte Gestalten über die Götter aus. Im Kapitel über die Speisen in Walhall (in der gängigen Zählung Kapitel 38) fragt Gylfi, was Odin selbst esse. Die Antwort, in der gemeinfreien englischen Übersetzung von Arthur G. Brodeur (1916), lautet sinngemäß: Die Speise auf seinem Tisch gebe Odin zwei Wölfen namens Geri und Freki; er selbst brauche keine Nahrung, Wein sei ihm Speise und Trank zugleich. Dann zitiert Snorri die Grímnismál-Strophe als Beleg.
Gleich danach folgen bei Snorri die Raben: Sie sitzen auf Odins Schultern, er schickt sie bei Tagesanbruch aus, und zur Frühstückszeit kehren sie mit Nachrichten zurück. Deshalb heiße er „Rabengott“. Snorri stellt Wölfe und Raben also bewusst nebeneinander, so wie es das Lied schon tut. Wichtig ist der Unterschied in der Arbeitsteilung: Die Raben bringen etwas, nämlich Wissen. Die Wölfe nehmen etwas, nämlich Fleisch.
Snorri fügt nichts hinzu: keine Abenteuer, keine Herkunft, keine Rolle bei Ragnarök – bemerkenswert bei einem Autor, der Lücken sonst gern füllt. Für uns heißt das: Wer heute liest, die Wölfe hätten Odin auf Reisen beschützt oder seien von ihm aufgezogen worden, liest moderne Ausschmückung.
Geri geht auf ein germanisches Adjektiv für „gierig“ zurück, das in mehreren alten Sprachen weiterlebt; im Altnordischen gehört dazu gerr, „gierig“. Freki hängt mit altnordisch frekr zusammen, „gierig, gefräßig, unersättlich“; verwandt sind gotisch faihufriks („geldgierig“) und unser deutsches Wort frech, das früher ebenfalls „gierig, kühn“ bedeutete. Beide Namen sind substantivierte Adjektive: „der Gierige“ und „der Gefräßige“. John Lindow betont in seinem Handbuch genau das: Die Namen beschreiben keine Persönlichkeit, sondern eine Eigenschaft.
Zwei Namen mit fast derselben Bedeutung – das ist typisch für Tierpaare in der nordischen Dichtung. Auch Thors Böcke Tanngrisnir und Tanngnjóstr tragen fast gleichbedeutende Namen, ebenso die Raben Huginn („Gedanke“) und Muninn („Erinnerung, Sinn“), deren Bedeutungen sich überlappen.
Spannend ist, dass freki in der Dichtung auch ein gewöhnliches Wort für „Wolf“ ist. In den þulur, den altnordischen Merkversen mit Synonymlisten, die Snorri in der Skáldskaparmál überliefert, stehen sowohl Geri als auch Freki unter den Wolfsbezeichnungen. Dichter konnten also „Geri“ oder „Freki“ sagen und schlicht „Wolf“ meinen. Ob die Eigennamen aus diesen Dichterwörtern entstanden sind oder umgekehrt, lässt sich nicht mehr klären.
Die eigentliche Merkwürdigkeit der Strophe ist nicht der Wolf, sondern der Wein. Im Norden der Wikingerzeit war Wein ein Importgut, teuer und selten. Getrunken wurden vor allem Bier und Met. In Handelsorten wie Birka fand man Scherben von Tatinger Kannen, aufwendigen Gefäßen aus dem fränkischen Raum, die oft mit Weinkonsum in Verbindung gebracht werden; wer Wein ausschenkte, zeigte Verbindungen und Reichtum. Dass Odin ausgerechnet von Wein lebt, macht ihn zum vornehmsten aller Gastgeber.
Die Forschung bietet dafür mehrere Lesarten an, keine davon ist bewiesen:
Und dann ist da noch die Rahmenhandlung des Grímnismál, die selten erwähnt wird. Odin sitzt hungernd und dürstend zwischen den Feuern des Königs Geirröðr. Der Einzige, der ihm hilft, ist der Königssohn Agnarr – mit einem Horn voll zu trinken. Einem Gott, der „von Wein allein“ lebt, ein Getränk zu reichen, ist genau die richtige Gastfreundschaft. Ob der Dichter diese Ironie bewusst gesetzt hat, wissen wir nicht. Sie fällt aber auf, wenn man das Lied am Stück liest.
Die Skaldendichtung ist die kunstvolle Hofdichtung der Wikingerzeit, meist auf Könige und Jarle verfasst. Ihr wichtigstes Werkzeug ist die Kenning: eine bildhafte Umschreibung aus mindestens zwei Gliedern, etwa „Rabenfutter“ für Leichen oder „Wundenmeer“ für Blut. Hier tauchen Geri und Freki ständig auf – nicht als Figuren, sondern als Bausteine.
Snorri sammelt in der Skáldskaparmál Beispiele aus älteren Gedichten. Nach seinen Zitaten verwendet Þórðr Kolbeinsson „Geris Bier“ für Blut, Einarr Skúlason „Geris Bissen“ für die Gefallenen, Þórðr Sjáreksson „Frekis Mahlzeit“ für Leichen. Auch bei Þjóðólfr aus Hvinir und Egill Skallagrímsson steht „Geri“ einfach für „Wolf“. Das Prinzip ist immer gleich: Wer im Kampf siegt, füttert den Wolf. Der Krieger als Wolfsernährer – das ist eines der häufigsten Lobbilder der Skaldik.
Besonders deutlich wird die Verbindung in der Lieder-Edda selbst. Im ersten Lied von Helgi dem Hundingstöter heißt es vor einer Schlacht, über die Insel liefen gierig Viðris grey, „Viðrirs Hunde“. Viðrir ist ein Beiname Odins, und Henry Adams Bellows erklärt in seiner gemeinfreien Übersetzung von 1923 dazu, gemeint seien Odins Wölfe Geri und Freki. Ob der Dichter wirklich an die beiden dachte oder an Wölfe allgemein als „Odins Hunde“, ist offen. Der Religionshistoriker Bruce Lincoln sieht in solchen Stellen den Ursprung der Gier-Namen: Die Wölfe sind die Tiere, die nach der Schlacht kommen.
Auch in der Totenpreisdichtung schwingt der Wolf mit. Im Eiríksmál, einem Gedicht aus dem 10. Jahrhundert auf den in England gefallenen Erik Blutaxt, begründet Odin, warum er tapfere Könige zu sich holt: Man könne nie wissen, wann der graue Wolf den Sitz der Götter angreife. Gemeint ist hier allerdings der Endzeitwolf, nicht Geri oder Freki – dazu unten mehr.
Dass Odin von Wölfen und Raben umgeben ist, hat einen klaren poetischen Hintergrund. In der altnordischen wie in der altenglischen Dichtung gibt es ein festes Bildmotiv, das die Forschung seit Francis P. Magoun (1955) „Tiere der Schlacht“ nennt: Rabe, Adler und Wolf erscheinen vor oder nach dem Kampf, um sich an den Toten zu sättigen. In der altenglischen Schlacht von Brunanburh (Sieg König Æthelstans 937) bleiben nach der Schlacht der dunkle Rabe, der Adler und der graue Wolf zurück, um die Leichen zu teilen. In nordischen Gedichten wiederholt sich das Bild unzählige Male.
In diesem Zusammenhang wird Odins Tiergefolge verständlich. Er ist der Gott, der die Gefallenen zu sich holt. Die Raben und Wölfe sind die Tiere, die auf Erden das Gleiche tun – nur mit dem Körper statt mit der Seele. Geri und Freki sind keine Schoßhunde, sondern gezähmte Aasfresser des Schlachtfelds.
Wie eng Wolf und Rabe zusammengehören, zeigt sich übrigens auch in der Natur, und das ist eine der wenigen Stellen, an denen Biologie zur Deutung beiträgt. Kolkraben folgen Wölfen gezielt zu deren Beute, wie Feldstudien im Yellowstone-Nationalpark belegen. Und Wölfe fressen tatsächlich nach dem Prinzip „alles oder nichts“: Nach Tagen ohne Beute schlingen sie in kurzer Zeit große Mengen. Der Name „der Gierige“ ist also gut beobachtet. Der Biologe Bernd Heinrich hat sogar vorgeschlagen, Odin mit Raben und Wölfen spiegle eine alte Jagdpartnerschaft zwischen Menschen, Raben und Wölfen. Das ist eine anregende Idee, aber eine moderne Hypothese, keine Aussage der Quellen.
Wer über Odins Wölfe spricht, landet fast immer bei seinen Raben. Unser Artikel über Hugin und Munin geht ausführlich auf die Raben ein; hier nur das Verhältnis der beiden Paare.
Im Grímnismál folgen die Strophen unmittelbar aufeinander: erst die Wölfe (19), dann die Raben (20). Snorri übernimmt die Reihenfolge. Beide Tierpaare tragen sprechende, fast gleichbedeutende Namen, beide sind Schlachtfeldtiere, beide gehören Odin. Und doch erfüllen sie gegensätzliche Aufgaben. Die Raben fliegen aus und kehren zurück, sie verbinden Odin mit der Welt, sie stehen für Denken und Erinnern. Die Wölfe bleiben in der Halle, sie fressen, sie stehen für Hunger und Kampf. Man könnte sagen: Die Raben sind Odins Kopf, die Wölfe sein Bauch – den er selbst nicht füttert, sondern weiterreicht.
Jetzt wird es heikel. Viele Seiten zeigen Abbildungen „von Geri und Freki“ auf Helmen oder Goldanhängern. Tatsächlich gibt es kein Fundstück, auf dem die beiden mit Sicherheit dargestellt sind. Es gibt aber Bilder, die man mit Odin und Wölfen in Verbindung bringen kann. Wir sortieren nach Belastbarkeit.
Die Torslunda-Bleche. 1870 fand man im Kirchspiel Torslunda auf Öland vier bronzene Pressmodel aus der Vendelzeit, also etwa dem 6. bis 7. Jahrhundert. Mit ihnen wurden dünne Bleche geprägt, die Prunkhelme schmückten. Heute liegen sie im Historiska museet in Stockholm. Ein Model zeigt einen tanzenden Mann mit Hörnerhelm und daneben einen Krieger mit Wolfsfell und Wolfskopf. Bei einem Laserscan stellte sich heraus, dass dem Tänzer ein Auge fehlt, offenbar absichtlich entfernt (Arrhenius & Freij 1992). Das passt zu Odin. Der Wolfsmann ist aber ein Krieger, kein Tier aus Walhall. Mehr dazu in unserem Beitrag über die Torslunda-Bleche.
Helme aus Vendel und Valsgärde. Auf Helmblechen aus den Bootsgräberfeldern von Vendel und Valsgärde in Uppland sieht man Reiter mit Speer, über denen zwei Vögel fliegen. Diese Szenen werden oft als Odin mit seinen Raben gedeutet. Wölfe sind dabei nicht zu sehen.
Sutton Hoo. Im Schiffsgrab von Sutton Hoo in Ostengland, wohl dem Grab des Königs Rædwald (gestorben um 624), lag eine Gürteltaschenschließe aus Gold und Granat. Darauf ist zweimal ein Mann zwischen zwei Wölfen dargestellt, ein altes Bildschema, das man „Tierbändiger“ nennt. Ob es Odin meint, einen Helden oder eine Anspielung auf die Dynastie der Wuffingas („Wolfsleute“), ist offen. Am Helm desselben Grabes ist auf einer Augenbraue die Goldfolie hinter den Granaten weggelassen; Neil Price und Paul Mortimer haben 2014 vorgeschlagen, der Träger habe damit bewusst an den einäugigen Gott erinnert. Spannend, aber eben Deutung.
Brakteaten. Goldbrakteaten sind dünne, einseitig geprägte Goldanhänger der Völkerwanderungszeit (5. bis 6. Jahrhundert). Auf vielen erscheint ein großer Männerkopf über einem Vierbeiner, oft mit Vogel; Karl Hauck und andere deuteten das als Odin, der ein Pferd heilt. Ein Brakteat aus Trollhättan zeigt eine Figur, deren Hand im Maul eines Wolfes steckt, gewöhnlich als Týr und Fenrir gedeutet. Ein Bildtyp „Odin mit zwei Wölfen“ ist auf Brakteaten nicht gesichert.
Der Böksta-Stein. Auf diesem Runenstein aus Uppland (U 855, um 1050) jagt ein Reiter mit Speer, begleitet von zwei Hunden und zwei Vögeln, ein Tier, wohl einen Elch; daneben ein Mann auf Skiern mit Bogen. Lars Silén hat 1983 vorgeschlagen, den Reiter als Odin mit Geri, Freki, Hugin und Munin zu lesen, den Skifahrer als Ullr. Ebenso gut kann es eine gewöhnliche Jagd sein.
Die Silberfigur von Lejre. Die winzige Figur aus Lejre auf Seeland (um 900, 2009 gefunden) zeigt eine Gestalt auf einem Thron mit zwei Vögeln und zwei Tierköpfen. Die Ausgräber dachten an Odin mit Raben und Wölfen. Die Kleidung wirkt allerdings eher weiblich, manche denken an Frigg oder Freyja. Mehr in unserem Beitrag zur Lejre-Figur.
Wenn Geri und Freki Odins Tiere sind, dann sind die Wolfskrieger seine Menschen. Die altnordischen Quellen kennen die úlfheðnar, „Wolfspelze“, Krieger, die in Wolfsfellen kämpften. Im Gedicht Haraldskvæði des Skalden Þorbjörn hornklofi (um 900) brüllen in der Schlacht am Hafrsfjord die Berserker und heulen die Úlfheðnar. Die Vatnsdæla saga beschreibt Krieger König Haralds, die Úlfheðnar genannt wurden und statt Brünnen Wolfspelze trugen.
Snorri verbindet diese Kämpfer in der Ynglinga saga ausdrücklich mit Odin: Dessen Männer seien ohne Brünne in den Kampf gezogen, rasend wie Hunde oder Wölfe, hätten in ihre Schilde gebissen und seien stark wie Bären oder Stiere gewesen. Daher stammt der Begriff berserksgangr, der Berserkergang. Ausführlich behandeln wir das in den Beiträgen über die Berserker und die Úlfheðnar.
Michael Speidel hat in mehreren Arbeiten die These vertreten, es habe einen weit verbreiteten germanischen Wolfskriegerkult unter Odins Schutz gegeben, und verweist auf Namen wie Wulfhroc oder Wolfgang und auf Bilder wie die Torslunda-Bleche. Die These ist einflussreich, aber nicht unbestritten; wie organisiert solche Kriegergruppen waren, wissen wir nicht. Sicher ist nur, dass Wolfsnamen beliebt waren. Úlfr gehört zu den häufigsten Männernamen auf skandinavischen Runensteinen, und in der Egils saga heißt Egils Großvater Kveldúlfr, „Abendwolf“, weil er abends unruhig und gefährlich wurde.
Keine Quelle nennt Geri und Freki als Vorbild der Wolfskrieger. Aber sie sind das mythische Bild dessen, was diese sein wollten: gierig im Kampf, gezähmt nur durch den Gott.
Online verschmelzen die nordischen Wölfe gern zu einem grauen Wesen. Die Quellen trennen klar.
Fenrir ist ein Sohn Lokis und der Riesin Angrboða. Die Götter fesseln ihn mit dem Band Gleipnir, wobei Týr seine Hand verliert. Bei Ragnarök reißt er sich los und verschlingt Odin; Odins Sohn Víðarr rächt den Vater. Fenrir ist also Odins Feind und Mörder, nicht sein Haustier. Daneben gibt es weitere Wölfe: Skǫll und Hati, die Sonne und Mond jagen, und den Hund oder Wolf Garmr vor Gnipahellir.
Und dann kommt die Pointe: In der Völuspá heißt es im Kehrvers, die Fessel werde reißen und freki renna, „der Wolf laufen“. Hier ist freki der gewöhnliche Dichterausdruck für Wolf – gemeint ist Fenrir. John Lindow hat auf diese Ironie hingewiesen: Odin füttert einen Freki an seinem Tisch, und ein anderer „Freki“ frisst ihn am Ende. Belegen lässt sich das Wortspiel, nicht eine Absicht dahinter.
Auch auf Bildsteinen geht es um Fenrir, nicht um Geri und Freki: Auf Thorwalds Kreuz in Andreas auf der Isle of Man beißt ein Wolf in den Fuß einer Gestalt mit Rabe auf der Schulter, und auf dem Ledberg-Stein in Östergötland findet sich eine ähnliche Szene. Diese Darstellungen zeigen Odins Ende, wie in unserem Beitrag über Gosforth und Thorwalds Kreuz erklärt.
Der Name Geri taucht noch an einer überraschenden Stelle auf. Im späten Eddalied Fjǫlsvinnsmál bewachen zwei Hunde, Gífr und Geri, das Tor der Jungfrau Menglǫð. Der Name passte offenbar zu jedem gefräßigen Wächter.
Schon früh haben Gelehrte nach Parallelen gesucht. Jacob Grimm erinnerte in seiner Deutschen Mythologie daran, dass Wolf und Rabe auch Apollon heilig waren. Der Indologe Maurice Bloomfield verglich das Paar mit den zwei Hunden des Totengottes Yama im Rigveda. Bruce Lincoln stellte Geri sprachlich in Verbindung mit Garmr, dem Höllenhund. Solche Vergleiche sind lehrreich, beweisen aber kein gemeinsames Urbild.
Am Ende sagen Geri und Freki mehr über ihren Herrn als über sich selbst. Odin ist ein Gott der Gegensätze: Er opfert sein Auge für Wissen, hängt neun Nächte am Baum, lügt, verführt, schenkt Sieg und nimmt ihn wieder. Seine Tiere bilden das ab. Sleipnir trägt ihn durch die Welten, die Raben bringen Wissen, die Wölfe verkörpern Hunger und Tod. In Walhall liegen sie am Hochsitz, satt gefüttert, während der Gott selbst nicht isst.
Kein Kampf, kein Untergang, nur ein Herrscher, der austeilt, und zwei Tiere, die nehmen. Wer Geri und Freki heute auf eine Schieferplatte gravieren lässt, meint meist Loyalität und gezähmte Wildheit – eine moderne Lesart, die an die Strophe anschließt, statt sie zu verbiegen. Mehr zum Wolf als Gesamtfigur findest du in unserem Beitrag über den Wolf in der nordischen Welt.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Was bedeuten die Namen Geri und Freki? Beide bedeuten „der Gierige“ bzw. „der Gefräßige“. Geri gehört zu altnordisch gerr, Freki zu frekr („gierig, gefräßig“), verwandt mit dem deutschen Wort „frech“.
Wo werden Geri und Freki erwähnt? Die Kernstelle ist Grímnismál 19 in der Lieder-Edda. Snorri wiederholt sie in der Gylfaginning, außerdem erscheinen die Namen in Skaldenversen und Wolfsnamen-Listen der Skáldskaparmál.
Warum isst Odin nicht und trinkt nur Wein? Die Quellen sagen nur, dass Wein ihm Speise und Trank zugleich ist. Gedeutet wird das als Zeichen fürstlicher Freigebigkeit, als Verbindung zum Rausch und als Hinweis auf Odin als Herrn der Toten.
Sind Geri und Freki dasselbe wie Fenrir? Nein. Fenrir ist Lokis Sohn und tötet Odin bei Ragnarök. Geri und Freki sind Odins eigene Wölfe in Walhall. Verwirrend ist nur, dass „freki“ in der Völuspá auch als Wort für Fenrir steht.
Gibt es archäologische Darstellungen von Geri und Freki? Keine sichere. Torslunda, Sutton Hoo, Böksta und Lejre werden manchmal damit verbunden – stets als Deutung.
Was symbolisieren Odins Wölfe? In den Quellen vor allem das Schlachtfeld: Wolf und Rabe fressen die Gefallenen. Heute stehen sie oft für Loyalität und gezähmte Wildheit, eine moderne, aber naheliegende Lesart.
Odin · Walhall · Die Einherjer · Der Fenriswolf.
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