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Gullinkambi, Fjalar und der rußrote Hahn – die Hähne von Ragnarök

Edda-Tiere Gullinkambi, Fjalar und der rußrote Hahn – die Hähne von Ragnarök

Gullinkambi, der „Goldkamm“, ist der Hahn, der nach der Völuspá bei den Asen kräht und die Krieger Odins für die letzte Schlacht weckt – und er ist nicht allein: Im selben Atemzug kräht der hellrote Fjalar im Galgenwald bei den Riesen und ein namenloser rußroter Hahn unter der Erde in den Sälen der Hel. Drei Weckrufe in drei Welten, und danach heult Garm. Wir zeigen dir, was die Strophen wirklich sagen, was später hinzugedichtet wurde und welche echten Hähne in der Wikingerzeit gekräht haben.

Bevor die Welt brennt, kräht ein Hahn

Du kennst das Geräusch. Irgendwo hinter dem Haus, viel zu früh, schneidet ein Hahn die Nacht auf. Kein Donner, keine Fanfare, nur dieses heisere, unverschämte Krähen, das sagt: Schluss mit dem Schlaf. Genau dieses Alltagsgeräusch hat der Dichter der Völuspá an den Anfang des Weltuntergangs gestellt. Nicht ein Heer, nicht ein Feuer, nicht ein Riese eröffnet Ragnarök – sondern drei Hähne.

Das ist eine der stillsten und zugleich unheimlichsten Szenen der ganzen Edda. Die Seherin hat gerade von der alten Riesin im Eisenwald erzählt, die die Wolfsbrut großzieht, von der verfinsterten Sonne und den Sommern voller Unwetter. Dann schneidet sie um, wie ein Film auf drei Leinwänden: ein Hügel bei den Riesen, die Halle des Heervaters, die Unterwelt. Überall dasselbe Geräusch. Überall wacht jemand auf.

Völuspá 42 und 43: der Wortlaut

Die Völuspá, die „Weissagung der Seherin“, ist das Eröffnungsgedicht der Lieder-Edda. Erhalten ist sie vor allem im Codex Regius (um 1270) und in der etwas älteren Sammelhandschrift Hauksbók, dazu in Zitaten bei Snorri. Die beiden Hahnenstrophen tragen in den gängigen Ausgaben (Neckel/Kuhn, Guðni Jónsson) die Nummern 42 und 43; in älteren Übersetzungen, die die Strophen anders ordnen, stehen sie woanders – bei Karl Simrock etwa als 34 und 35. Auf Altnordisch lauten sie:

Sat þar á haugi ok sló hörpu / gýgjar hirðir, glaðr Eggþér; / gól of hánum í galgviði / fagrrauðr hani, sá er Fjalarr heitir.
Gól of ásum Gullinkambi, / sá vekr hölða at Herjaföðrs; / en annarr gelr fyr jörð neðan / sótrauðr hani at sölum Heljar.Völuspá 42–43, altnordischer Text nach der Ausgabe von Guðni Jónsson

In unserer eigenen, möglichst wörtlichen Übertragung heißt das ungefähr:

Da saß auf dem Hügel und schlug die Harfe / der Hüter der Riesin, der frohe Eggþér; / über ihm krähte im Galgenwald / ein schönroter Hahn, der Fjalarr heißt.
Bei den Asen krähte Gullinkambi, / der weckt die Helden beim Heervater; / ein anderer aber kräht unter der Erde, / ein rußroter Hahn in den Sälen der Hel.Völuspá 42–43, eigene Übertragung

Das ist alles. Acht Langzeilen, drei Hähne, ein harfenspielender Riese. Direkt danach folgt der Kehrreim, der sich durch den Schlussteil zieht: Garm heult laut vor der Gnipahöhle, die Fessel reißt, der Wolf rennt frei. Die Hähne sind also das letzte, was vor dem Losbrechen der Ungeheuer geschieht. Sie sind das Wecken – das, was danach kommt, ist der Kampf.

Gullinkambi: der Goldkamm bei den Asen

Der Name ist durchsichtig: gullinn heißt „golden“, kambr „Kamm“. Gullinkambi ist der „Goldkamm“ oder „Goldkämmige“. Ein Hahn mit goldenem Kamm passt in eine Götterwelt, in der fast alles Wertvolle golden glänzt – von Freyrs Eber Gullinbursti („Goldborste“) bis zu den goldenen Spielsteinen, die die Götter nach Ragnarök im Gras wiederfinden.

Wichtig ist, was die Strophe genau sagt. Gullinkambi kräht of ásum, „über“ oder „bei den Asen“, und er weckt die hölðar – das Wort meint freie, vornehme Männer, hier Helden – at Herjaföðrs, „beim Heervater“. Herjafǫðr ist einer der vielen Beinamen Odins. Dass damit Walhall gemeint ist und die Geweckten die Einherjer sind, die gefallenen Krieger in Odins Halle, ist naheliegend und wird in der Forschung allgemein so gelesen. Das Wort „Walhall“ steht in der Strophe allerdings nicht.

Die Logik ist bestechend: Nach Snorri und dem Grímnismál sammelt Odin die besten Toten in Walhall, damit sie ihm am Ende beistehen. Irgendwer muss ihnen sagen, dass das Warten vorbei ist. Bei Snorri bläst Heimdall das Gjallarhorn; in der Völuspá erscheint das Horn ein paar Strophen später – das allererste Signal aber ist ein Vogel.

Belegt: Gullinkambi wird in der gesamten altnordischen Überlieferung nur ein einziges Mal mit Namen genannt – in Völuspá 43. Snorri Sturluson erzählt Ragnarök in der Gylfaginning ausführlich nach und zitiert dabei mehrere Völuspá-Strophen, die Hähne aber lässt er weg. Die verbreitete Behauptung, Snorri „bestätige“ Gullinkambi, ist falsch.

Salgofnir: der Hahn, der die Siegschar weckt

Ganz allein steht Gullinkambi aber nicht. In der zweiten Helgi-Dichtung, der Helgakviða Hundingsbana II, gibt es eine der bewegendsten Szenen der Edda: Der tote Held Helgi kehrt aus dem Grabhügel zurück und verbringt eine Nacht mit seiner Frau, der Walküre Sigrún. Am Morgen muss er fort. In Strophe 49 sagt er sinngemäß, er müsse westlich der Himmelsbrücke sein, bevor Salgofnir die Siegschar weckt – áðr Salgofnir sigrþjóð veki. Die ganze Geschichte erzählen wir bei Helgi und Sigrún.

Salgofnir ist eindeutig ein Hahn, und die „Siegschar“ sind die Toten in Odins Halle. Der erste Teil des Namens, salr, bedeutet „Saal, Halle“; der zweite, -gofnir, ist dunkel. Deutungen wie „Hallenrufer“ sind Vermutungen, keine gesicherten Übersetzungen. Weil Salgofnir dieselbe Aufgabe hat wie Gullinkambi, setzen viele Handbücher beide gleich. Das ist gut möglich, aber es ist eine Gleichsetzung der Forschung – kein Text sagt: „Gullinkambi, der auch Salgofnir heißt“.

Fjalar im Galgenwald und der frohe Eggþér

Zurück zur Völuspá. Der zweite Hahn sitzt nicht bei den Göttern, sondern bei den Riesen. Er heißt Fjalarr und ist fagrrauðr, „schönrot“ oder „hellrot“ – Simrock übersetzte „hochroth“. Er kräht í galgviði, im „Galgenwald“. Simrocks „Vogelwald“ beruht auf einer abweichenden Lesung mit gagl- (ein Wort für Gans oder Vogel); die meisten heutigen Ausgaben bleiben beim Galgenwald. Galgen und Wald – das klingt nach einem Ort am Rand der Welt, an dem man keine Nacht verbringen will.

Über ihm, auf einem Hügel, sitzt Eggþér und schlägt die Harfe. Er wird gýgjar hirðir genannt, „Hirte“ oder „Hüter der Riesin“. Welche Riesin gemeint ist, sagt die Strophe nicht; viele denken an die Alte im Eisenwald aus Strophe 40, die die Wolfsbrut aufzieht. Eggþér kommt sonst nirgends vor. Henry Adams Bellows verglich ihn in seinen Anmerkungen mit Heimdall als Wächter der Götter und Surt als Hüter der Feuerwelt – ein Wächter auf der Gegenseite. Er ist glaðr, „froh“. Während die Götter geweckt werden müssen, sitzt auf der Riesenseite jemand, der gut gelaunt Musik macht. Das ist eine der kältesten Pointen des Gedichts.

Und dann der Name Fjalarr. Er ist in der Edda erstaunlich beliebt:

Mit dem Hahn haben diese Gestalten nichts zu tun außer dem Namen. Was Fjalarr bedeutet, ist umstritten; eine Ableitung im Sinn von „Verberger“ oder „Täuscher“ wird diskutiert, ist aber nicht sicher. Für dich heißt das: Wenn irgendwo steht, der Ragnarök-Hahn sei „derselbe Fjalar, der Kvasir tötete“, dann ist das eine Verwechslung.

Der rußrote Hahn in den Sälen der Hel

Der dritte Hahn hat keinen Namen. Er ist sótrauðr, „rußrot“ – sót ist Ruß, rauðr rot. Simrock machte daraus „schwarzroth“, Bellows „rust-red“. Gemeint ist wohl ein dunkles, verbranntes Rot, das Gegenstück zum leuchtenden Kamm des Asenhahns und zum hellen Rot Fjalars. Er kräht fyr jörð neðan, „unter der Erde“, at sölum Heljar, „bei den Sälen der Hel“.

Hel ist in der Edda zugleich Ort und Herrin: das Totenreich und die Tochter Lokis, die es regiert. Wer nicht im Kampf fiel, kam nach der späteren Systematik Snorris dorthin. Die Toten der Hel spielen bei Ragnarök eine Rolle: Nach Völuspá 51 kommt ein Schiff mit „Hels Leuten“ über das Meer, und Loki steuert es. Der rußrote Hahn weckt also nicht einfach Schläfer, er weckt eine Armee, die gegen die Götter ziehen wird.

Daraus ergibt sich das Bild, das du in fast jeder Nacherzählung findest: drei Hähne, drei Welten – oben die Götter, außen die Riesen, unten die Toten. Diese Ordnung steht nicht wörtlich im Text, aber sie ist eine faire Lesung. Der Dichter hat die Szene offensichtlich als Dreiklang gebaut. Die Farben verstärken das: golden, hellrot, rußrot. Mehr symbolische Ordnung muss man nicht hineinlegen.

Mythos-Check: „Gullinkambi sitzt auf dem Dach von Walhall“ – steht nirgends. „Fjalar sitzt im Wipfel von Yggdrasil“ – steht nirgends; er sitzt im Galgenwald über Eggþér. „Der rote Hahn hat einen Namen“ – nein, er bleibt namenlos, alle Namen für ihn sind modern. Und „Snorri erzählt von den Hähnen“ – nein. Die Völuspá ist unsere einzige Quelle für diese Szene.

Víðófnir: der leuchtende Hahn im Weltenbaum

Ein vierter Hahn der nordischen Dichtung wird gern mit Gullinkambi vermischt: Víðófnir (auch Víðópnir). Er stammt aus dem Fjölsvinnsmál, einem Teil der Dichtung, die heute als Svipdagsmál zusammengefasst wird. Der junge Svipdag steht vor einer verzauberten Burg und befragt den Wächter Fjölsviðr. Eine Frage gilt dem Hahn, der hoch im Baum Mímameiðr sitzt und von Gold glänzt. Der Wächter nennt ihn Víðófnir und sagt, er stehe „wetterhell“ – wie ein Blitz leuchtend – auf den Zweigen. Mímameiðr, „Mímirs Baum“, wird meist mit Yggdrasil gleichgesetzt.

Daraus entspinnt sich eine herrliche Kette von Unmöglichkeiten. Die Hunde der Burg kann man nur ablenken, indem man ihnen Flügelfleisch von Víðófnir zuwirft. Töten kann man den Hahn nur mit der Waffe Lævateinn, die die Riesin Sinmara in einer Truhe mit neun Schlössern verwahrt. Sinmara gibt sie aber nur heraus, wenn man ihr eine glänzende Sichel bringt – eine Schwanzfeder des Hahns. Wer den Hahn töten will, muss ihn also schon getötet haben. Bellows nannte das treffend einen „Kreis der Unmöglichkeiten“.

Zwei Dinge solltest du dabei wissen. Erstens: Das Fjölsvinnsmál ist nur in Papierhandschriften überliefert, keine älter als das 17. Jahrhundert, und viele Forschende halten es für eine späte, spätmittelalterliche Dichtung. Es ist kein Zeuge für Vorstellungen der Wikingerzeit. Zweitens: Ob Víðófnir „eigentlich“ Gullinkambi oder Fjalarr ist, wie Bellows erwog, lässt sich nicht beweisen. Sicher ist nur, dass ein späterer Dichter die Idee eines goldenen Hahns im Weltenbaum für sich weiterspann. Im Wipfel von Yggdrasil sitzen in den älteren Quellen ein Adler und der Habicht Veðrfölnir – mehr dazu bei dem Adler in Yggdrasils Krone.

Warum ausgerechnet ein Hahn?

Man könnte sich viele Signale für das Weltende vorstellen. Der Dichter wählte den Hahn, und das ist kein Zufall. Der Hahn ist der Vogel der Schwelle. Er kräht, bevor es hell wird, also genau in dem Moment, in dem die Nacht noch da ist und der Tag schon feststeht. Für eine Dichtung, die das Ende einer Weltzeit beschreibt, ist das ein starkes Bild: Die Nacht der alten Welt ist vorbei, aber der neue Tag ist noch nicht da.

Hier lohnt ein Blick über den Tellerrand. Auch das Christentum kannte den Hahn als Boten des Tages und als Mahner. Im Evangelium kräht er nach der Verleugnung des Petrus. Der spätantike Dichter Prudentius beginnt eine Hymne zum Hahnenschrei mit dem Bild des Vogels als „Boten des Tages“, der Christus ankündigt, der die Schlafenden weckt. Weil die Völuspá in ihrer erhaltenen Form erst im 13. Jahrhundert aufgeschrieben wurde und an manchen Stellen christliche Einflüsse diskutiert werden, haben einige Forschende auch bei den Hähnen an Anregungen aus der christlichen Bildwelt gedacht. Beweisen lässt sich das nicht. Der Hahn als Tageskünder ist so naheliegend, dass ihn jede bäuerliche Kultur von selbst erfinden kann. Wir halten fest: möglich, aber offen.

Echte Hähne in der Wikingerzeit

Verlassen wir die Mythologie und gehen auf den Hof. Hühner waren in Skandinavien keine Neuheit der Wikinger; in Südskandinavien gab es sie schon in der Eisenzeit davor. Aber sie waren nie ein Hauptnutztier. Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine trugen die Landwirtschaft der Wikinger; Hühner liefen nebenher.

Neuer Befund: Eine 2025 im International Journal of Osteoarchaeology erschienene Studie von Sam Walker, Hanneke Meijer, Julia Best und Gitte Hansen untersuchte 20 Hühnerknochen aus Borgund bei Ålesund, einem Handelsplatz der späten Wikingerzeit und des Mittelalters. Es sind die frühesten klaren Hühnerbelege an Norwegens Westküste und die zweitältesten in Norwegen. Weil Jungtiere fehlen, vermuten die Autoren, dass die Tiere eher für Eier und Federn und aus sozialen Gründen gehalten wurden als für Fleisch. Ein Hahn auf dem Hof war dort also noch etwas Besonderes.

Und in den großen Schiffsgräbern? In Gokstad lagen neben Pferden und Hunden sogar Pfauenreste, ein exotischer Luxusvogel. Einen Hahn im Oseberg- oder Gokstad-Grab können wir nicht belegen; wer das behauptet, sollte die Quelle nennen. Die wichtigsten Zeugnisse für Hähne im Ritual kommen nicht aus dem Boden, sondern aus Schriftquellen von außen.

Ibn Fadlan: Hahn und Henne für den toten Rus

Die berühmteste davon stammt von Ahmad Ibn Fadlan. Der Gesandte des Kalifen von Bagdad reiste 921/922 an die Wolga und beobachtete dort die Bestattung eines Häuptlings der Rus, skandinavisch geprägter Händler und Krieger im Osten. Sein Bericht ist grausam und detailreich, und mitten darin tauchen zwei Hühner auf.

Zuerst gibt es eine Szene an einem Türrahmen: Die Sklavin, die mit dem Toten sterben soll, wird dreimal über den Rahmen gehoben und sagt, sie sehe ihre toten Eltern und ihren Herrn im Paradies. Danach reicht man ihr eine Henne. In der Übersetzung von James Montgomery heißt es knapp: Sie schnitt ihr den Kopf ab und warf ihn weg; die Henne selbst warf man ins Schiff. Später, als das Schiff mit dem Toten hergerichtet wird, schlachten die Männer neben einem Hund, zwei Pferden und zwei Kühen auch einen Hahn und eine Henne und werfen sie auf das Schiff.

Was das bedeutete, sagt Ibn Fadlan nicht – er verstand die Sprache nicht und beschreibt nur, was er sah. Montgomery verweist in seinen Anmerkungen auf die mögliche Funktion von Hahn und Henne als Mittler zur Geisterwelt. Das ist eine Deutung. Sicher ist: Bei dieser einen Bestattung im 10. Jahrhundert gehörten Hahn und Henne zu den Tieren, die den Toten begleiteten, und eine Henne spielte im Ritual an der Schwelle zum Jenseits eine eigene Rolle.

Hähne für Lejre, Hähne an der Eiche

Ibn Fadlan steht nicht allein. Bischof Thietmar von Merseburg schrieb um 1015 über ein angebliches Opferfest im dänischen Lejre auf Seeland: Alle neun Jahre im Januar habe man dort 99 Menschen geopfert und ebenso viele Pferde, dazu Hunde und Hähne – die Hähne, so Thietmar ausdrücklich, „anstelle von Habichten“. Thietmar war nie in Lejre, er schrieb vom Hörensagen und mit klarer christlicher Absicht. Das Dänische Nationalmuseum weist darauf hin, dass sein Bericht lange als Erfindung galt, Funde etwa aus Trelleborg und Tissø Opferhandlungen aber zumindest plausibler machen.

Die dritte Stelle stammt vom byzantinischen Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos. In seinem Werk „De administrando imperio“ (um 950) beschreibt er im neunten Kapitel die Reise der Rus den Dnjepr hinab. Auf einer Insel, die er nach dem heiligen Gregor benennt, brächten sie unter einer gewaltigen Eiche Opfer dar: lebende Hähne, dazu Pfeile, Brot und Fleisch. Über die Hähne würfen sie Lose, ob sie geschlachtet, gegessen oder lebend freigelassen werden.

Drei Quellen, drei fremde Blicke – ein Araber, ein sächsischer Bischof, ein byzantinischer Kaiser. Keiner von ihnen erklärt uns den Glauben dahinter, und jeder hat seine eigene Brille auf. Aber zusammen zeigen sie: Hähne gehörten in der Welt der Nordleute zu den Tieren, die man opferte, und zwar gerade dort, wo es um Übergänge ging – Tod, Reise, Jahreswende.

Saxo und der Hahn, der hinter der Mauer wieder kräht

Die vielleicht merkwürdigste Hahnengeschichte des Nordens erzählt Saxo Grammaticus um 1200 im ersten Buch seiner Gesta Danorum. Der Sagenkönig Hadingus wird von einer geheimnisvollen Frau, die mitten im Winter frische Pflanzen bei sich trägt, unter die Erde geführt. Sie durchqueren Nebel, überqueren einen reißenden Fluss voller Waffen und sehen zwei Heere, die ewig gegeneinander kämpfen. Schließlich stehen sie vor einer hohen Mauer, die man nicht übersteigen kann.

Da dreht die Frau einem Hahn, den sie mitgebracht hat, den Hals um und wirft ihn über die Mauer. In der englischen Übersetzung von Oliver Elton heißt es, der Vogel sei sofort wieder lebendig geworden und habe fröhlich gekräht. Hinter der Mauer liegt also ein Land, in dem der Tod nicht endgültig ist.

Saxo war ein christlicher Gelehrter, der alte Stoffe sehr frei nacherzählte, und wir sollten seine Szene nicht direkt neben die Völuspá stellen, als wären beide aus einem Guss. Aber die Parallele springt ins Auge: Ein Hahn wird getötet und kräht im Jenseits weiter. Bei Ibn Fadlan wird eine Henne geköpft und ins Totenschiff geworfen. In der Völuspá kräht ein rußroter Hahn in den Sälen der Hel. Der Hahn scheint im Norden ein Vogel gewesen zu sein, der zwischen den Welten hin und her konnte.

Wetterhähne: Gullinkambi auf dem Kirchturm?

Bleibt eine Frage, die uns in der Werkstatt immer wieder gestellt wird: Ist der Hahn auf dem Kirchturm ein heimlicher Gullinkambi?

Mythos-Check: Nein. Der Wetterhahn ist eine christliche Tradition. Einer der ältesten erhaltenen ist der „Gallo di Ramperto“ aus Brescia, gestiftet von Bischof Rampertus um 820 – lange bevor ein skandinavischer Dichter die Völuspá aufschrieb. Auf dem Teppich von Bayeux setzt ein Mann einen Hahn auf die Westminster Abbey. Gedeutet wird der Kirchturmhahn als Mahnung an Petrus, der Jesus verleugnete, bevor der Hahn krähte, und als Wächter, der die Gläubigen weckt. Eine angebliche päpstliche Anordnung des 9. Jahrhunderts, jede Kirche mit einem Hahn zu krönen, wird oft zitiert, ist aber nicht sicher belegt.

Auch gemalte oder geschnitzte Darstellungen von Gullinkambi aus der Wikingerzeit gibt es nicht. Der schwedische Forscher Ebbe Schön hat vorgeschlagen, dass der Vogel auf dem Baum der Wandbehänge von Överhogdal Gullinkambi zeigen könnte. Das ist eine anregende Idee, aber eine Einzelmeinung, keine gesicherte Deutung.

Gullinkambi als Gravur: ein Weckruf für dein Zuhause

Gullinkambi weckt nicht zum Frühstück, er weckt zum Aufstehen, wenn es darauf ankommt – ein schönes Motiv für einen Neuanfang. Unsere Empfehlung, wenn du es quellennah magst:

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Häufige Fragen

Wer ist Gullinkambi in der nordischen Mythologie? Gullinkambi („Goldkamm“) ist ein Hahn, der nach Völuspá 43 bei den Asen kräht und die Helden beim Heervater Odin weckt. Damit beginnt Ragnarök; gemeint sind sehr wahrscheinlich die Einherjer in Walhall.

Wie heißen die drei Hähne von Ragnarök? Gullinkambi bei den Asen, Fjalarr im Galgenwald bei den Riesen und ein namenloser rußroter Hahn in den Sälen der Hel. Alle drei stehen in Völuspá 42–43.

Ist Fjalar der Hahn derselbe wie der Zwerg Fjalar? Nein. Der Name kommt in der Edda mehrfach vor: als Zwerg, der Kvasir tötete, als Riese in den Hávamál und als Hahn. Die Gestalten haben nur den Namen gemeinsam.

Erwähnt Snorri Gullinkambi in der Prosa-Edda? Nein. Snorri erzählt Ragnarök in der Gylfaginning ausführlich nach, lässt die Hähne aber weg. Unsere einzige Quelle ist die Völuspá.

Was ist der Unterschied zwischen Gullinkambi und Víðófnir? Víðófnir ist ein goldglänzender Hahn im Baum Mímameiðr aus dem späten Fjölsvinnsmál. Ob er mit Gullinkambi identisch ist, ist unbewiesen.

Haben die Wikinger Hähne geopfert? Mehrere Fremdberichte sprechen dafür: Ibn Fadlan sah Hahn und Henne bei einer Rus-Bestattung an der Wolga, Thietmar von Merseburg nennt Hähne beim Opfer in Lejre, Konstantin VII. lebende Hähne bei einem Opfer der Rus am Dnjepr.

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