Das Ende der Welt beginnt nicht mit Donner, sondern mit einem Hahnenschrei — und der ertoent gleich dreifach. Drei Voegel, drei Welten, ein einziger Weltuntergang: die Voeluspa laesst Goetter, Riesen und Tote im selben Augenblick geweckt werden.
Es gibt Bilder in der nordischen Ueberlieferung, die so schlicht sind, dass man ihre Wucht erst auf den zweiten Blick begreift. Der Hahnenschrei zu Beginn des Ragnaroek gehoert dazu. In den knappen Strophen 42 und 43 der Voeluspa, jenes grossen Seherinnen-Gedichts, das den Anfang und das Ende aller Dinge umspannt, brechen nicht Heere los und keine Feuerwand rollt heran. Es kraehen Haehne. Und in diesem Kraehen liegt das ganze Gewicht des kommenden Untergangs.
Der Hahn ist seit jeher ein Grenzwaechter. Sein Ruf trennt die Nacht vom Tag, das Dunkel vom Licht, den Schlaf vom Erwachen. Was koennte also passender sein, als dass ausgerechnet dieser Vogel die letzte, groesste Grenze verkuendet: die zwischen der alten Welt und ihrem Ende? Wo sonst der Morgen anbricht, bricht hier das Schicksal an. Und weil das Verhaengnis alle Wesen zugleich trifft, ertoent es dreifach — in drei getrennten Welten, die im selben Augenblick zusammenzucken.
Der erste Ruf gilt den Goettern. In Walhall, der Halle der gefallenen Krieger, steht Gullinkambi, der „Goldkamm". Sein Name allein verraet seinen Rang: ein Hahn mit goldenem Kamm, kein gewoehnlicher Hofvogel, sondern ein Kuender von hohem Glanz. Er kraeht ueber den Dachfirsten der Asen, und sein Schrei weckt die Einherjar, die auserwaehlten Krieger, die seit ihrem Tod auf diesen einen Morgen gewartet haben. Nun ist er gekommen. Die Waffen werden gegriffen, die Reihen ordnen sich, das Heer Odins tritt an zur letzten Schlacht.
In manchen Ueberlieferungen traegt dieser Hahn noch einen zweiten Namen: Salgofnir, was sich als „Hallenschreier" oder „Hallengucker" deuten laesst — der Vogel, der ueber der Halle wacht und ihren Schlaf bewahrt, bis der Augenblick da ist. Snorri Sturluson greift das Bild in seiner Gylfaginning auf und bestaetigt die Rolle: Gullinkambi ist es, der die Krieger fuer den Kampf weckt. Dass ausgerechnet Gold den Kamm dieses Vogels ziert, ist kein Zufall. Walhall ist eine Halle des Glanzes, mit Schilden gedeckt und Speeren gestuetzt; ihr Wecker gehoert in dieselbe strahlende Ordnung.
Der zweite Ruf gilt den Riesen. Fern der goldenen Halle, im dunklen Gehoelz Galgvidr, dem „Galgenwald" oder „Vogelwald", sitzt ein hellroter Hahn mit Namen Fjalar. Auch er kraeht — und sein Schrei ist das Signal fuer die Maechte des Chaos, fuer die Geschlechter der Thursen und Riesinnen, die gegen die Ordnung der Goetter anrennen werden.
Neben ihm, auf einem Huegel sitzend, schlaegt der Riesenhirte Eggther seine Harfe. Es ist eine seltsam friedvolle, fast heitere Szene inmitten des Weltenbrands: ein Hueter, zufrieden mit seinem Instrument, waehrend um ihn her das Ende heraufzieht. Doch gerade diese Ruhe hat etwas Unheimliches. Eggther weiss, was kommt, und er begruesst es. Die Harfe klingt nicht gegen den Untergang an, sondern mit ihm. Wo die Goetter geweckt werden muessen, ist die Riesenwelt langst wach und wartet nur auf das Zeichen. Der rote Hahn gibt es.
Der dritte Ruf gilt den Toten. Tief unten, in den Hallen der Hel, wo die Verstorbenen ruhen, die nicht auf dem Schlachtfeld fielen, kraeht ein dritter Hahn. Er traegt keinen Namen. Die Voeluspa nennt ihn nur nach seiner Farbe: russrot-braun, dunkel wie verbrannte Erde, ein Vogel, der zur Welt unter der Welt gehoert. Sein Schrei ist der leiseste und zugleich der unheimlichste, denn er weckt kein Heer und keine Riesenschar — er kuendet den Toten, dass auch ihre Ordnung nun zu Ende geht.
„Den Asen sang Gullinkambi, der weckt die Helden bei Heervater; ein andrer singt unter der Erde, ein russrot brauner, in Hels Hallen." Voeluspa 43, Uebers. Karl Simrock (gemeinfrei)
Drei Voegel also, drei Rufe, drei Reiche: oben die Goetter, in der Mitte die Riesen, unten die Toten. Kein Winkel des Kosmos bleibt verschont, kein Schlaefer darf weiterschlafen. Was der Hahn sonst jeden Morgen im Kleinen tut — die Lebenden aus dem Dunkel rufen — vollzieht er hier ein einziges, endgueltiges Mal im Grossen. Das Erwachen ist zugleich das Ende.
Der Hahn taucht in der nordischen Dichtung noch an anderer Stelle auf, und dort traegt er einen glaenzenden Namen. In den Thulur, jenen versifizierten Namenslisten, die der Snorra-Edda beigegeben sind, begegnet uns Vidofnir (auch Vidopnir), der Goldgefiederte. Er sitzt im Baum Mimameid, einem Weltenbaum, hoch ueber allem — ein leuchtender Wipfelvogel, halb Vogel, halb Zeichen. Solche Haehne sind in der alten Ueberlieferung mehr als Tiere: Sie sind Waechter an der Schwelle, Kuender an den Wendepunkten, Voegel, deren Stimme die Zeit selbst gliedert.
Gerade das macht die drei Ragnaroek-Haehne so eindringlich. Sie handeln nicht, sie kaempfen nicht, sie fallen nicht. Sie kuenden. Und indem sie kuenden, setzen sie alles in Bewegung, was danach geschieht. Der Weltenbrand, das Verschlingen der Sonne, der Kampf der Goetter gegen die Ungeheuer — all das folgt erst auf den Schrei. Der Hahn ist der erste Ton einer Melodie, die mit dem Untergang endet und, wenn man der Voeluspa weiter folgt, mit einer neuen, gruenen Erde noch einmal von vorn beginnt.
Die drei Haehne stehen in den Strophen 42 und 43 der Voeluspa, dem zentralen eddischen Gedicht ueber Anfang und Ende der Welt: Eggther und der rote Fjalar im Wald, Gullinkambi in Walhall, der russrote Hahn in Hels Hallen. Dass Gullinkambi die Krieger fuer den letzten Kampf weckt, bestaetigt Snorri Sturluson in der Gylfaginning. Der Beiname Salgofnir und der Baumhahn Vidofnir im Baum Mimameid sind ueber die Thulur und weitere eddische Verse belegt. Die religionsgeschichtliche Einordnung — Hahn als Kuender und Schwellenwaechter — stuetzen Standardwerke wie Rudolf Simeks Lexikon der germanischen Mythologie und John Lindows Norse Mythology.
Die klare Ordnung „drei Haehne, drei Welten" ist die gaengige, aber gedeutete Lesart sehr knapper Strophen — der dritte Hahn bleibt namenlos, und wie viele Voegel genau gemeint sind, laesst der Text offen. Vorsicht auch beim Namen Fjalar: So heisst in anderen Erzaehlungen ein Zwerg (Miterschaffer des Dichtermets) und in wieder anderen ein Riese; der Waldhahn des Ragnaroek ist von beiden zu trennen. Ebenso ist Eggther nicht sicher gedeutet — er gilt als Hueter oder Hirte der Riesin(nen), doch seine genaue Rolle bleibt Vermutung. Und moderne Bilder eines „goldenen Kampfhahns" tragen leicht mehr Ausschmueckung in die Szene, als die alten Verse hergeben.

Sköll & Hati · Fenrir – der Wolf · Niðhöggr – der Nager an der Wurzel · Walhall · Heiðrún – die Met-Ziege.