„Alle Krieger nach Walhall, alle anderen in die Hölle Hel" – so hat man es sich lange erzählt. Doch die alten Quellen kennen mindestens fünf Wege ins Jenseits, und der ordentlichste Teil daran ist eine späte Erfindung.
Wer mit christlichen Vorstellungen an die nordische Mythologie herangeht, sucht instinktiv nach zwei Orten: einem Himmel für die Guten, einer Hölle für die Bösen. Genau das findet man nicht. Die altnordischen Quellen zeichnen kein moralisches Doppelbild, sondern ein Geflecht von Aufenthaltsorten für die Toten – und wer wohin kam, hing weniger vom Lebenswandel ab als von der Art des Todes, der Zugehörigkeit zu einer Gottheit und schlicht davon, welche Quelle man liest.
Mindestens fünf Ziele lassen sich benennen: Odins Kriegerhalle Walhall, Freyjas Feld Folkvangr, das Reich der Totengöttin Hel, Ráns nasses Reich auf dem Meeresgrund und das Weiterleben im Grabhügel oder in einem heiligen Berg. Diese Orte stehen nicht sauber nebeneinander, sondern überlappen sich, widersprechen sich und wurden erst im 13. Jahrhundert von einem Mann in ein System gepresst, das seither die Vorstellung der meisten Menschen prägt.
Walhall (altnord. Valhǫll, „Halle der Erschlagenen") ist der bekannteste Ort und zugleich der am stärksten ausgeschmückte. Odin sammelt hier die im Kampf Gefallenen – die Einherjer –, die von den Walküren vom Schlachtfeld getragen werden. Nach dem Grímnismál hat die Halle fünfhundertvierzig Türen, aus jeder treten in der Endzeit achthundert Krieger; das Dach ist mit Schilden gedeckt, das Gebälk aus Speeren. Die Toten kämpfen tagsüber gegeneinander, fallen, stehen wieder auf und feiern abends beim Fleisch des Ebers Sæhrímnir und dem Met der Ziege Heiðrún.
Der Zweck dieses Trainingslagers ist unmissverständlich: Odin rüstet ein Heer für Ragnarök, die letzte Schlacht. Walhall ist damit kein Paradies der Ruhe, sondern ein Zwischenlager voller Bewegung – ein Ehrenplatz für die, die der einäugige Gott für seine Zwecke braucht. Das erklärt auch, warum Walhall in der Popkultur so dominiert: Kein anderes Totenreich hat ein derart plastisches, kriegerisches Bild geliefert.
Doch nicht jeder Gefallene wird aufgenommen. Die Walküren – Odins „Wählerinnen der Erschlagenen" – treffen auf dem Schlachtfeld eine Auswahl, und was sich wie eine Ehrung liest, hat einen kühlen Zweck: Der Gott sammelt nicht die Frömmsten, sondern die brauchbarsten Kämpfer. Wer im Bett stirbt, hat auf diesen Weg keinen Anspruch, so tapfer sein Leben auch gewesen sein mag. Der „gute Tod" ist in dieser Logik der Tod mit der Waffe in der Hand – eine Vorstellung, die man für eine Kriegergesellschaft leicht als Ideal, aber ebenso als Trost über die Härte des eigenen Alltags lesen kann.
Hier setzt die erste große Überraschung ein. Odin bekommt die Gefallenen nämlich nicht allein. Das Grímnismál nennt einen zweiten Ort, an den ebenso viele Tote gehen: Folkvangr, das „Volksfeld" oder „Heerfeld" der Göttin Freyja.
Volkwang ist die neunte, da hat Freyja Gewalt
die Sitze zu ordnen im Saal.
Der Walstatt Hälfte wählt sie täglich,
Odin hat die andre Hälfte.Grímnismál 14, Übersetzung Karl Simrock (1851)
Freyja wählt zuerst, heißt es an anderer Stelle, und sie nimmt die Hälfte aller Erschlagenen zu sich in ihre Halle Sessrúmnir. Das ist bemerkenswert: Die berühmteste Vorstellung vom Kriegertod – Walhall – gilt nur für die eine Hälfte. Die andere gehört einer Göttin, die man gemeinhin mit Liebe und Fruchtbarkeit verbindet. Warum eine Wanengöttin gefallene Krieger empfängt, sagen die Quellen nicht. Genau diese Leerstelle macht Folkvangr zum am häufigsten unterschlagenen Totenreich: Es passt nicht ins gängige Bild und wird deshalb gern überlesen.
Sessrúmnir, Freyjas Halle, trägt einen Namen, der „mit vielen Sitzen" bedeutet – Platz also für ein großes Gefolge. Manche Forscher haben spekuliert, ob Folkvangr eine ältere, eigenständige Vorstellung vom Totenreich einer mächtigen Göttin bewahrt, die später von Walhall überstrahlt wurde. Beweisen lässt sich das nicht. Sicher ist nur: Wer behauptet, alle gefallenen Wikinger seien zu Odin gekommen, hat das halbe Zeugnis der eigenen Quelle übersehen.
Der Name Hel bezeichnet zweierlei: die Riesentochter Hel, ein Kind Lokis und der Riesin Angrboða, und ihr Reich, das man Helheim nennt. Snorri beschreibt die Göttin halb schwarz, halb fleischfarben – ein Bild, das später als Sinnbild für Verwesung gedeutet wurde. In ihr Reich, tief unten und im Norden gelegen, kommt, wer an Krankheit oder Alter stirbt: der „Strohtod" im Bett, das gewöhnliche Sterben der allermeisten Menschen.
Wichtig ist, was Hel nicht ist: kein Strafort. Es gibt keinen Katalog von Sünden, keine Qualen für Missetäter im Sinne der christlichen Hölle – abgesehen von der düsteren Leichenküste Náströnd, wo Meineidige und Mörder leiden und der Drache Níðhǫggr an den Toten nagt. Der Normalfall aber ist ein schattenhaftes Weiterexistieren, kühl und still, aber ohne Folter. Baldr, der reinste der Götter, landet nach seinem Tod in Hel – ein deutlicher Beweis, dass dieser Ort nicht für die Bösen reserviert war.
Der Weg nach Hel ist zudem weit und gefährlich: Über neun Nächte reitet der Bote Hermod auf Odins Ross Sleipnir hinab, überquert den Fluss Gjöll auf der goldenen Brücke und gelangt an das Tor Helgrind. Das ist keine Schilderung eines Straforts, sondern einer Reise in die Ferne – der Tod als Ortswechsel, nicht als Gericht.
Ein viertes Ziel wird selten genannt und war für ein Seefahrervolk doch von größter Bedeutung: Wer auf See ertrank, kam zu Rán, der Frau des Meerriesen Ægir. Sie fängt die Ertrinkenden mit einem Netz und zieht sie hinab in ihre Halle auf dem Meeresgrund. In den Isländersagas gilt es als tröstliches Zeichen, wenn ein Ertrunkener zu seinem eigenen Erbmahl erscheint – dann, so glaubte man, hat Rán ihn gut aufgenommen. Für Menschen, deren Alltag der Kampf mit der See war, war Ráns Reich kein abstraktes Gedankenspiel, sondern eine reale Erwartung.
Rán und Ægir haben neun Töchter, die Wellen, deren Namen die Skalden als Umschreibungen für das Meer nutzten. Auch das zeigt, wie eng dieses Totenreich mit dem gelebten Alltag verwoben war: Das Meer, das ernährte und tötete, hatte ein Gesicht, eine Herrin und ein Netz.
Neben den mythischen Hallen steht eine ältere, bodenständigere Vorstellung: Die Toten bleiben in der Nähe der Lebenden. Man wohnt in seinem Grabhügel weiter, isst und trinkt dort, bewacht seine Beigaben – manchmal freundlich, manchmal als wiedergängerischer Draugr, der die Gehöfte heimsucht. Die Eyrbyggja saga erzählt vom heiligen Berg Helgafell, in den die verstorbenen Sippenmitglieder eingehen; wer daran vorbeikam, sah einmal die Feuer im Berginneren brennen und die Ahnen beim Trinkgelage sitzen.
Diese Grabhügel- und Bergvorstellung ist archäologisch am greifbarsten: Sie steckt hinter den reich ausgestatteten Bestattungen, den Bootsgräbern, den Bautasteinen. Der Tote war nicht einfach fort, er war ein Nachbar mit eigenem Wohnsitz.
Der Versuch, all das in eine saubere Ordnung zu bringen, scheitert – und das ist keine Schwäche der Überlieferung, sondern ihr eigentlicher Charakter. Dieselben Gefallenen können zu Odin und zu Freyja gehören. Baldr, im Kampf nicht gefallen, geht dennoch nach Hel. Manche Texte lassen Ertrunkene bei Rán, andere Ahnen im Hügel. Es gab keine feste Jenseitslehre, keinen Katechismus, der geregelt hätte, welcher Tod welchen Ort nach sich zieht. Was wir vor uns haben, sind über Jahrhunderte und Regionen gewachsene Vorstellungen, die nebeneinander bestanden, ohne sich zu einem System zu fügen.
Diese Uneindeutigkeit hat einen einfachen Grund: Die Vorstellungen stammen aus verschiedenen Jahrhunderten, Landschaften und Dichtungen. Ein Skalde am Königshof besang den Kriegertod in Walhall, weil das dem Selbstbild seiner Herren entsprach. Ein Bauer auf Island dachte an den Ahnen im nahen Hügel. Beide Bilder waren wahr, weil es keine Instanz gab, die entschied, welches das richtige sei.
Wenn heute jeder das Schema „Krieger nach Walhall, Rest nach Hel" kennt, dann verdanken wir das vor allem einem Autor: Snorri Sturluson, der um 1220 in seiner Prosa-Edda das verstreute Material zu einer nacherzählbaren Systematik ordnete. Er war ein brillanter Sammler – aber er schrieb rund zwei Jahrhunderte nach der Christianisierung Islands, als gebildeter Christ, für den ein aufgeräumtes Jenseits selbstverständlicher war als das widersprüchliche Nebeneinander seiner Quellen. Seine Ordnung ist eine gute Geschichte. Sie ist nur nicht das ganze Bild.
Das ist kein Vorwurf an Snorri – ohne ihn wüssten wir ungleich weniger. Es ist nur eine Einladung, hinter das aufgeräumte Bild zu schauen und die Vielstimmigkeit der alten Vorstellungen wiederzuentdecken: fünf Wege, kein Gericht, und eine Göttin, die sich mit dem Allvater die Ehre der Toten teilt.
Walhall und Folkvangr stehen unmittelbar nebeneinander im Grímnismál (Strophen 8–14) der Lieder-Edda: Odin und Freyja teilen sich die Gefallenen je zur Hälfte. Hel als Ort des „Strohtods" und Baldrs Weg dorthin schildert Snorris Gylfaginning. Ráns Netz und die Ertrunkenen bezeugen mehrere Isländersagas, das Wohnen im Berg die Eyrbyggja saga (Helgafell). Belegt ist also die Vielfalt der Totenreiche – ein einheitliches, moralisch sortierendes Jenseits ist es gerade nicht.
Das klare Schema „Tapfere → Walhall, alle anderen → Hel als Strafort" ist überwiegend Snorris Systematisierung (um 1220) und trägt eine christliche Färbung: Erst bei ihm bekommt Hel den Beigeschmack einer Hölle. Die älteren Eddalieder kennen diese Sortierung nicht so streng, lassen Baldr in Hel und unterschlagen Folkvangr nie. Wer die Vielfalt der Totenreiche ernst nimmt, sieht: Das ordentliche Jenseits ist ein Ordnungswerk des Hochmittelalters, nicht der Glaube der Wikingerzeit.

Walhall · Hel – Göttin und Totenreich · Was nach Ragnarök kommt · Ragnarök · Bestattungen der Wikinger.
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