Nicht jeder Tote zog in Odins glänzende Halle. Für die meisten führte der Weg nach unten und nach Norden, über einen tosenden Fluss, an einer wachsamen Torhüterin vorbei, hinein in ein stilles Reich unter den Wurzeln der Welt. Was die Quellen über diese letzte Reise erzählen – und was davon erst Snorri ordentlich sortiert hat.
Wenn wir heute „Hel“ hören, denken wir schnell an Feuer und Verdammnis. Doch das nordische Totenreich war ursprünglich etwas anderes: kein Ort der Strafe, sondern schlicht die Wohnstatt der meisten Verstorbenen – kalt, fern und still. Hel ist zugleich der Name der Herrin dieses Reiches, Lokis Tochter, halb lebend, halb fahl wie eine Leiche. Der Weg dorthin aber ist eines der eindrucksvollsten Bilder der ganzen Edda.
Die Reise ins Totenreich heißt in den Quellen Helvegr, der „Hel-Weg“. Er führt nicht in den Himmel, sondern hinab und nach Norden – in die Richtung, die im Norden immer für Kälte, Dunkelheit und das Fremde stand. Am eindrücklichsten schildert Snorri Sturluson die Fahrt in der Gylfaginning: Als Baldr gestorben ist, reitet sein Bruder Hermóðr auf Odins Ross Sleipnir, um ihn zurückzuholen. „Neun Nächte ritt er durch Täler, so tief und dunkel, dass er nichts sah“, heißt es, bis er an den Fluss Gjöll kam. Neun Nächte, hinab durch finstere Täler – die Entfernung zwischen den Lebenden und den Toten wird hier zur echten, mühsamen Wegstrecke.
Am Ende des Weges liegt der Fluss Gjöll, und über ihn spannt sich die Brücke Gjallarbrú, mit leuchtendem Gold gedeckt. Sie ist der eigentliche Grenzübergang: Wer sie überschreitet, ist endgültig unter den Toten. Bewacht wird sie von der Riesin oder Jungfrau Móðguðr. Als Hermóðr über die Brücke reitet, dröhnt sie unter Sleipnirs Hufen lauter als unter einem ganzen Heer, und Móðguðr spricht ihn an: Fünf Scharen toter Männer seien am Vortag über die Brücke geritten, „doch nicht weniger dröhnt die Brücke unter dir allein – und du hast nicht die Farbe der Toten. Warum reitest du hier den Hel-Weg?“ Diese eine Szene sagt fast alles: Die Toten reisen in Scharen, die Brücke unterscheidet die Lebenden von den Verstorbenen, und eine wache Hüterin fragt jeden nach seinem Recht, hier zu sein.
Hinter der Brücke liegt das Tor der Hel, in den Quellen Helgrind oder Nágrind genannt, das „Leichentor“. Es ist hoch und fest verschlossen. Hermóðr kommt nur hinein, weil Sleipnir, Odins achtbeiniges Ross, mit einem gewaltigen Sprung darüberhinwegsetzt. Kein gewöhnlicher Reisender käme so leicht durch – der Weg ins Totenreich ist eine Einbahnstraße. In manchen Strophen wacht am Eingang zur Unterwelt auch der blutbefleckte Hund Garmr, angebunden an der Höhle Gnipahellir, dessen Heulen den Beginn des Ragnarök verkündet. Ob Garmr wirklich am Tor der Hel liegt oder ein eigenständiges Ungeheuer ist, sagen die Quellen nicht eindeutig – die alten Texte lassen hier bewusst Raum.
Nicht alle Toten haben es im Reich der Hel gleich. Das dunkelste Bild liefert die Völuspá, das Lied der Seherin, mit dem Ort Náströnd, dem „Leichenstrand“:
Einen Saal sah sie / sonnfern stehen,
auf Nastrand, die Pforte / nach Norden gekehrt.
Gifttropfen fielen / durch die Fenster nieder:
mit Schlangenrücken / ist der Saal gedeckt.Völuspá 38, Übersetzung Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Ein Saal, dessen Wände aus den Rückgraten von Schlangen geflochten sind, deren Köpfe nach innen gerichtet Gift herabtriefen lassen – und durch dieses Gift waten müssen die Meineidigen, die Mörder und die Ehebrecher. Am Grund nagt der Drache Níðhöggr an den Leichen. Das ist kein sanftes Jenseits mehr, sondern ein Ort für die, die den Frieden der Gemeinschaft gebrochen haben. Man merkt: Hier scheint ein moralisches Ordnungsdenken durch, das die Toten nach ihrem Verhalten trennt.
Wichtig ist, was oft untergeht: Hel war nicht das einzige Totenreich. Die im Kampf Gefallenen holten die Walküren nach Walhall zu Odin oder nach Fólkvangr zu Freyja. Wer auf See ertrank, den zog die Meeresgöttin Rán mit ihrem Netz hinab in ihre Halle. In den Sagas wiederum „stirbt man in den Berg“ – die Ahnen ziehen in einen heiligen Hügel wie den Helgafell und leben dort in einer Art fortdauernder Gegenwart weiter. Der Weg nach Hel war also der Weg der meisten, aber nicht aller – ein Reich unter vielen, kein einzelnes Fegefeuer.
Genau das macht den Weg nach Hel so kraftvoll: keine Höllenpredigt, sondern ein langer, dunkler Weg, ein Fluss, eine Brücke und eine Frage an der Grenze. Die Nordmänner dachten den Tod nicht als Ende, sondern als Reise – mit Wegzehrung, mit Hindernissen und mit einem Ziel jenseits des letzten Flusses.

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