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Erik Blutaxt – Brudermörder, König von York und Gast in Walhall: der Mann hinter dem Beinamen

Geschichte & Funde Erik Blutaxt – Brudermörder, König von York und Gast in Walhall: der Mann hinter dem Beinamen

Erik Blutaxt (altnordisch Eiríkr blóðøx, englisch Eric Bloodaxe) war ein Sohn Harald Schönhaars, regierte um 930 nur wenige Jahre in Norwegen, wurde von seinem Halbbruder Hákon dem Guten vertrieben und herrschte danach – nach heute vorherrschender Meinung – 947/48 und 952–954 als König in York. 954 kam er bei Stainmore ums Leben. Seinen Beinamen, die Brudermorde, Gunnhild und Egils Haupteslösung kennen wir aber erst aus Quellen, die zwei- bis dreihundert Jahre jünger sind. Wir trennen Münze, Chronik und Saga.

Ein Beiname wie ein Axthieb: Wer „Blutaxt“ hört, sieht einen Mann, der sich den Weg zum Thron freischlägt. Genau so erzählen es die isländischen Sagas: ein Königssohn, der seine Brüder tötet, eine Frau, die zaubern kann, ein Dichter, der sich mit einem Lied den Kopf rettet, und am Ende ein Totengedicht, in dem Odin selbst die Bänke in Walhall bereiten lässt.

Das Spannende an Erik: Wir können die Erzählung gegen härtere Belege halten. Es gibt Silbermünzen mit seinem Namen, Einträge in der Angelsächsischen Chronik – und eine ernsthafte Forschungsdebatte darüber, ob der König von York und der Brudermörder aus Norwegen überhaupt derselbe Mann waren.

Wer erzählt von Erik? Die Quellen im Überblick

Die zeitgenössischen Zeugnisse stammen fast alle aus England: die Angelsächsische Chronik, ein in mehreren Handschriften überliefertes Annalenwerk, das einen „Yric“ als König der Northumbrier nennt; Münzen aus York mit der Umschrift ERIC REX; und die spätestens um 1000 entstandene Lebensbeschreibung des schottischen Heiligen Cathróe mit einem König „Erichius“ in York. Nah dran, aber knapp – ohne Beinamen, ohne Brudermorde.

Die norwegisch-isländische Geschichtsschreibung setzt erst im späten 12. Jahrhundert ein: Theodoricus Monachus, die lateinische Historia Norwegie, das altnordische Ágrip, dann im frühen 13. Jahrhundert Fagrskinna und schließlich Snorri Sturlusons Heimskringla (um 1230). Hier bekommt Erik Farbe, Charakter und seinen blutigen Beinamen.

Die dritte Gruppe ist die Dichtung: das anonyme Totengedicht Eiríksmál und die Verse Egill Skallagrímssons in der Egils saga (um 1220–1240). Skaldengedichte – die kunstvollen Preislieder der nordischen Hofdichter – gelten wegen ihrer strengen Form oft als älter als die Prosa um sie herum. Sicher datiert ist aber auch keines von ihnen.

Der Lieblingssohn eines Reichsgründers

Nach den Sagas war Erik ein Sohn Harald Schönhaars (Haraldr hárfagri), des Königs, dem die Überlieferung die erste Einigung Norwegens zuschreibt. Snorri nennt als Mutter Ragnhild, eine Tochter des Jütenkönigs Erik. Harald hatte nach Snorri eine geradezu unübersichtliche Zahl von Söhnen aus mehreren Verbindungen, und viele von ihnen bekamen Teilherrschaften als Unterkönige. Das ist der Stoff, aus dem Bruderkriege gemacht werden.

Wann Erik König wurde, lässt sich nur ungefähr sagen. Schon über die Mitregentschaft mit dem alten Vater streiten die Quellen: ein Jahr nach der Historia Norwegie, zwei nach dem Ágrip, drei nach Fagrskinna und Heimskringla. Insgesamt kommen mehrere Texte auf rund fünf Jahre Herrschaft; die Forschung setzt sie meist in die frühen 930er Jahre – auf Grundlage einer Chronologie, die isländische Gelehrte erst dreihundert Jahre später errechnet haben.

„Blutaxt“: woher kommt der Beiname?

Der Name blóðøx taucht zuerst in den Texten des späten 12. Jahrhunderts auf. Die Historia Norwegie übersetzt ihn ins Lateinische als sanguinea securis, „blutige Axt“. Theodoricus gibt ihm einen deutlich unfreundlicheren Zusatz: fratrum interfector, „Mörder seiner Brüder“.

Und Brüder hatte Erik genug. Nach Heimskringla tötete er Rögnvald Rettbein (Rǫgnvaldr réttilbeini) in Hadeland, der als Zauberer galt – im Auftrag des Vaters, der Seiðr verabscheute –, und Bjørn den Seefahrer (Bjǫrn farmaðr) in Vestfold. Nach Haralds Tod fielen Olaf und Sigrød bei Tønsberg gegen ihn, und beim plötzlichen Tod Halfdans des Schwarzen raunt die Saga von Gift aus Gunnhilds Hand.

Klingt eindeutig – ist es aber nicht. Fagrskinna etwa verknüpft den Beinamen eher mit Eriks Ruf als gewalttätiger Wikinger auf Raubfahrt. Und ein Beiname wie „Blutaxt“ ist zunächst einmal ein Kriegername, wie ihn Skalden gern vergaben: Er sagt, dass jemand im Kampf Blut vergossen hat, nicht wessen. Die Brudermord-Erklärung kann echte Erinnerung sein, sie kann aber auch eine spätere Deutung sein, die einen dunklen Namen mit einer passenden Geschichte füllt.

Ein kleiner, aber wichtiger Hinweis kommt aus der Dichtung: In einer der Gelegenheitsstrophen (lausavísur) Egills ist von einem Sohn „Blutaxts“ die Rede. Wenn diese Strophe wirklich aus dem 10. Jahrhundert stammt, wäre der Beiname schon zu Lebzeiten oder kurz danach im Umlauf gewesen. Das „wenn“ ist allerdings groß, denn die Verse sind nur in der Saga des 13. Jahrhunderts überliefert.

Mythos-Check: „Erik hieß Blutaxt, weil er mit der Axt kämpfte.“ – Dafür gibt es keinen Beleg. Der Beiname ist ein poetisches Bild, keine Waffenbeschreibung. Wenn uns überhaupt etwas Eriks eigenes Bildprogramm verrät, dann sind es seine Münzen aus York – und die zeigen ein Schwert, keine Axt.

Gunnhild, die „Königsmutter“

An Eriks Seite stellen die Sagas eine der eindrucksvollsten Frauenfiguren der altnordischen Literatur: Gunnhild, später konungamóðir genannt, „Mutter der Könige“ – denn mehrere ihrer Söhne herrschten nach Hákons Tod über Norwegen, allen voran Harald Graufell (Haraldr gráfeldr).

Schon ihre Herkunft ist umstritten. Die Historia Norwegie macht sie zur Tochter Gorms des Alten, also zur Schwester Harald Blauzahns. Egils saga, Fagrskinna und Heimskringla nennen dagegen einen Özur aus Hålogaland in Nordnorwegen als Vater. Snorri erzählt, Erik habe sie in einer Hütte bei zwei finnischen – also samischen – Zauberern gefunden, bei denen sie Magie gelernt habe.

In der Egils saga ist Gunnhild Egills unerbittliche Feindin: klug, rachsüchtig, zauberkundig, die eigentliche Macht hinter dem Thron. Das ist ein literarisches Porträt aus Sicht ihrer Gegner, verfasst von Isländern, deren Vorfahren mit Eriks Familie verfeindet waren. Was davon die historische Frau war, können wir nicht sagen.

Bemerkenswert ist ein Detail, auf das die Forschung hinweist: Die Lebensbeschreibung des heiligen Cathróe, die viel näher an den Ereignissen entstand, sagt über die Frau des Königs Erichius in York, sie sei eine Verwandte des Heiligen gewesen – also wohl eher britischer oder schottischer Herkunft. Einen Namen nennt der Text nicht. Das passt schlecht zu einer Gunnhild aus Hålogaland oder Dänemark und ist einer der Bausteine der Debatte, zu der wir gleich kommen.

Mythos-Check: „Gunnhild liegt im Moor von Haraldskær.“ – Das Ágrip erzählt, Harald Blauzahn habe Gunnhild in ein Moor versenken lassen. Als 1835 im jütländischen Haraldskær eine gut erhaltene Moorleiche gefunden wurde, hielt man sie lange für die Königin, und der dänische König Friedrich VI. ließ sie in Vejle in einem Sarkophag beisetzen. Die Radiokarbondatierung hat das erledigt: Die Frau starb um 490 v. Chr., rund 1.400 Jahre vor Gunnhild.

Hákon der Gute: der Bruder aus England

Eriks norwegisches Königtum endete durch einen Bruder, den er nicht beseitigt hatte. Hákon, der jüngste Sohn Harald Schönhaars, war nach den Sagas am Hof des englischen Königs Æthelstan aufgewachsen – daher sein Beiname Aðalsteinsfóstri, „Æthelstans Ziehsohn“. Dort wurde er christlich erzogen.

Snorri erzählt, Hákon habe nach dem Tod des Vaters die Bauern gewonnen, indem er ihnen ihr Odal zurückgab, das ererbte Familienland; eine Schlüsselrolle spielt Sigurd, Jarl von Lade. Theodoricus dagegen schreibt, unzufriedene Große hätten Hákon gerufen. Im Ergebnis sind sich die Quellen einig: Eriks Gefolgschaft lief auseinander, er verließ das Land ohne Entscheidungsschlacht, üblicherweise datiert um 934/935.

Wohin ging Erik? Die Sagas nennen die Orkneys, Raubfahrten an den Küsten Schottlands und Irlands und schließlich England. Über die Orkney-Verbindung berichtet auch die Orkneyinga saga: Die Söhne Torf-Einars, Arnkel und Erlend, sollen sich ihm angeschlossen haben und mit ihm gefallen sein.

Eriks Söhne gaben nicht auf: Um 961 fiel Hákon in der Schlacht bei Fitjar gegen sie, und Gunnhild und ihre Söhne kamen doch noch für etwa ein Jahrzehnt an die Macht.

Der Weg nach York: wie Snorri es erzählt

Nach Heimskringla bot König Æthelstan Erik das Königreich Northumbria an, als Unterkönig, der das Land gegen Dänen und andere Wikinger schützen sollte. Bedingung: Erik und sein Gefolge ließen sich taufen. Die Historia Norwegie kennt eine ähnliche Fassung.

Das Problem: Æthelstan starb 939, Erik taucht in englischen Quellen erst 947/948 auf. Dazwischen regierten in York Könige aus der Dynastie von Dublin, vor allem Olaf Guthfrithsson und Olaf Sihtricsson (Amlaíb Cuarán, mehr bei den Nordleuten von Jórvík). Die Saga verdichtet Jahre zu einem Moment und setzt den berühmtesten englischen König an die Stelle seines Bruders Eadred.

Erik in der Angelsächsischen Chronik

Jetzt wird es handfest. Nach der D-Fassung der Angelsächsischen Chronik schworen die Northumbrier 947 König Eadred Treue und brachen den Eid bald. 948 verheerte Eadred zur Strafe Northumbria und ließ das Münster von Ripon niederbrennen; das Heer aus York überfiel seine Nachhut bei Castleford. Als Eadred drohte, das ganze Land zu verwüsten, ließen die Northumbrier Erik fallen und zahlten Buße. Wichtig: Sie hatten „Eric“ ausdrücklich selbst zum König genommen.

Dann folgt eine Lücke, in der Olaf Sihtricsson wieder in York herrschte. In der E-Fassung, der sogenannten Peterborough-Chronik, steht zu 952 der entscheidende Satz: Die Northumbrier vertrieben König Olaf und nahmen Erik auf, „Haroldes sunu“ – den Sohn Haralds. Und zu 954: Die Northumbrier vertrieben Erik, und Eadred übernahm das Königreich der Northumbrier.

Aus diesen nüchternen Zeilen ergibt sich ein Bild: Erik war kein englischer Statthalter, sondern ein König, den eine northumbrische Partei gegen Eadred wählte und wieder fallen ließ, als der Druck zu groß wurde. Eine Schlüsselfigur dabei war vermutlich Wulfstan, der Erzbischof von York. Er hatte schon früher Könige skandinavischer Herkunft unterstützt; 952 ließ Eadred ihn festsetzen. Ob Wulfstan die Partei anführte, die Erik holte, ist offen.

Gesicherter Befund: Die Angelsächsische Chronik nennt Erik als König in Northumbria für 948 (D) sowie für 952–954 (E), in der E-Fassung ausdrücklich als „Sohn Haralds“. Seine Vertreibung 954 und die anschließende Herrschaft Eadreds sind dort zeitgenössisch bzw. zeitnah festgehalten. Einen Beinamen, eine Herkunft aus Norwegen oder eine Frau nennt die Chronik nicht.

ERIC REX: Silber aus der Prägestätte York

Noch direkter als die Chronik sprechen die Münzen. Aus York sind Silberpfennige mit dem Namen ERIC und dem Titel REX bekannt – nach einer Zusammenstellung von 2009 rund dreißig Stück. Es gibt zwei Typen. Der eine zeigt auf der Vorderseite Eriks Namen in zwei Zeilen, dazwischen ein liegendes Schwert. Der andere hat ein Kreuz und die Umschrift am Rand. Das British Museum bewahrt ein Schwert-Exemplar des Münzmeisters Ingelgar auf und datiert es 952–954; ein weiterer Münzmeister, der auf beiden Typen erscheint, ist Radulf. Ob die beiden Typen zu den beiden Regierungszeiten gehören, ist nicht sicher – beide könnten auch aus einer Phase stammen.

Das Schwert ist kein Kriegerporträt. Es greift auf ältere Münzen aus York zurück, die ein Schwert neben den Namen des heiligen Petrus setzten, des Patrons der Kathedrale. Und dass Münzmeister wie Ingelgar über mehrere Herrscherwechsel hinweg weiterprägten, zeigt, wie pragmatisch die Stadt mit ihren Königen umging.

Für uns als Graveure eine schöne Pointe: Ein König, über den so viel geschrieben wurde, hinterlässt als greifbarste Spur ein paar Gramm Silber mit eingeschlagenen Buchstaben.

Egill und die Haupteslösung

Keine Episode hat Eriks Bild so geprägt wie die Begegnung mit Egill Skallagrímsson, dem isländischen Krieger und vielleicht bedeutendsten Skalden seiner Zeit. In der Saga ist er Eriks Todfeind: Er hat in Norwegen Gunnhilds Leute und einen Königssohn erschlagen und gegen das Königspaar eine Neidstange errichtet – einen Pfahl mit Pferdekopf, der die Landgeister gegen sie aufbringen sollte.

Jahre später erleidet Egill Schiffbruch an der Küste Northumbrias, ausgerechnet in Eriks Reich. Er geht nach York zu seinem Freund Arinbjörn, einem norwegischen Herrn in Eriks Gefolge. Gunnhild will seinen Tod, doch Arinbjörn erreicht einen Aufschub bis zum Morgen – ein nachts vollzogener Totschlag gelte als Mord – und rät Egill, in der Nacht ein Preislied zu dichten. Am Morgen trägt Egill die Höfuðlausn vor, die „Haupteslösung“: rund zwanzig Strophen Lob auf Eriks Kampfkraft und Freigebigkeit. Erik schenkt ihm das Leben.

Formal ist das Gedicht eine Besonderheit. Es ist in runhent verfasst, einem Versmaß mit Endreim, das in der Skaldik selten ist. Viele Forscher sehen darin englischen oder lateinischen Einfluss – was gut zu einem Vortrag in York passen würde. Wenn das Gedicht echt ist, gehört es zu den frühesten Endreimdichtungen des Nordens.

Genau dieses „wenn“ ist der Kern der Datierungsdebatte. Ein Teil der Forschung hält die Höfuðlausn für ein echtes Werk des 10. Jahrhunderts, das mündlich weitergegeben wurde; andere sehen darin ganz oder teilweise eine spätere Schöpfung aus dem Umfeld der Saga. John Hines hat die Frage 1995 im Aufsatz „Egill's Höfuðlausn in Time and Place“ ausdrücklich gestellt. Dazu kommt die Chronologie: Erik war nach der Chronik nur 947/48 und 952–954 König in York, die Begegnung müsste also in eines dieser Fenster fallen; häufig wird sie um 948 angesetzt. Und wer Clare Downhams Zweifel teilt, muss sogar fragen, ob Egills Feind aus Norwegen und der König von York dieselbe Person waren.

Mythos-Check: „Egill dichtete die Höfuðlausn in einer einzigen Nacht.“ – Das erzählt die Saga, und es ist eine großartige Szene. Beweisen lässt es sich nicht. Sicher ist nur, dass das Gedicht in der Egils saga überliefert ist und in seiner Form außergewöhnlich ist. Ob ein Kopf damit gerettet wurde, gehört in den Bereich der guten Geschichte.

Der Tod bei Stainmore

954 vertrieben die Northumbrier Erik, sagt die Chronik. Was danach geschah, erzählt erst Roger von Wendover, ein Mönch in St Albans, in seinen Flores historiarum aus dem frühen 13. Jahrhundert. Nach ihm wurde Erik an einem einsamen Ort namens Stainmore von einem Mann namens Maccus getötet, und zwar durch Verrat des Grafen Osulf. Mit Erik seien sein Sohn Haericus und sein Bruder Reginaldus gefallen. Danach habe König Eadred das Land regiert.

Stainmore ist ein Pass über die Penninen an der alten Römerstraße von York nach Carlisle – ein naheliegender Fluchtweg nach Westen. Osulf, Herr von Bamburgh, wurde danach Eadreds Statthalter über ganz Northumbria. Ein Mann mit Motiv also.

Aber: Roger schrieb rund 280 Jahre später. Er hat zwar ältere nordenglische Vorlagen benutzt, die heute verloren sind, doch wir können nicht prüfen, wie genau er sie wiedergab. Die nordischen Quellen wissen von Stainmore nichts. Fagrskinna und Heimskringla lassen Erik in einer großen Schlacht in England fallen, zusammen mit fünf weiteren Königen. Das Datum 954 ist gut abgesichert, der Ort Stainmore ist wahrscheinlich, die Einzelheiten sind spät.

Eiríksmál: Odin wartet

Und dann kommt die Dichtung und macht aus einer Flucht über einen Bergpass einen Einzug in die Götterhalle. Die Eiríksmál, ein anonymes Gedächtnislied, ist in Fagrskinna überliefert; dort heißt es, Gunnhild habe es nach Eriks Tod dichten lassen. Erhalten ist wohl nur der Anfang.

Das Gedicht beginnt mit Odin, der von einem Traum erzählt: Er habe vor Tagesanbruch Walhall für gefallene Krieger bereiten lassen.

Was ist das für ein Traum? Mir war, als stünde ich kurz vor Tag auf, Walhall zu rüsten für gefallenes Volk. Ich weckte die Einherjer, hieß sie aufstehen, die Bänke bestreuen, die Bierkrüge spülen, die Walküren Wein tragen, als käme ein Fürst.Eiríksmál, Str. 1, eigene Übertragung nach dem altnordischen Text in Fagrskinna

Dann hört Bragi, der Gott der Dichtkunst, ein Dröhnen, als bebten tausend Mann. Odin schickt die Helden Sigmund und Sinfjötli dem Ankömmling entgegen: Es ist Erik. Sigmund fragt, warum Odin dem König den Sieg genommen habe, wenn er ihn doch für so tapfer halte. Odins Antwort ist einer der berühmtesten Sätze der Skaldik, sinngemäß: Ungewiss ist es zu wissen – der graue Wolf schaut auf den Sitz der Götter. Odin braucht gute Krieger für Ragnarök, den Endkampf gegen den Fenriswolf. Darum holt er die Besten, solange sie stark sind. Erik tritt ein und nennt sich den sechsten von sechs Königen, die mit ihm kommen.

Das ist die älteste ausführliche Szene, in der Walhall als Empfangshalle für einen bestimmten, historischen Toten erscheint. Wer mehr über diese Vorstellung wissen will, findet sie in unseren Beiträgen zu Walhall und den Einherjern.

Datiert wird das Gedicht unterschiedlich: meist kurz nach 954, nach anderer Meinung erst nach Hákons Tod um 961. Denn Eyvindr skáldaspillir dichtete für Hákon die Hákonarmál nach genau demselben Muster. Die Mehrheit meint, Eyvindr habe die Eiríksmál nachgeahmt. Zwei verfeindete Brüder, zwei Totenlieder – und beide Male öffnet Odin die Tür.

Ein heikler, schöner Befund: Erik soll nach Snorri getauft gewesen sein, regierte eine christliche Stadt mit Erzbischof, prägte Münzen mit dem Petrusschwert – und seine Witwe ließ ihn im Gedicht von Odin empfangen. Die alte Bildwelt lebte als Sprache von Ehre und Ruhm weiter.

Waren es zwei Eriks? Die Debatte um Clare Downham

Bis hierhin haben wir so getan, als sei der Brudermörder aus Norwegen und der König von York selbstverständlich derselbe Mann. Genau das hat die Historikerin Clare Downham 2004 in Frage gestellt, in einem Aufsatz mit dem schönen Titel „Eric Bloodaxe – axed? The mystery of the last Viking king of York“ in der Zeitschrift Mediaeval Scandinavia.

Ihr Ausgangspunkt: Die englischen Quellen sagen nur, Erik von York sei ein Sohn eines Harald gewesen. Im 19. Jahrhundert hielten ihn manche für einen Sohn Harald Blauzahns – gestützt auf Adam von Bremen, nach dem Harald einen Sohn „Hiring“ mit einem Heer nach England schickte –, andere für den Sohn Harald Schönhaars. Durchgesetzt hat sich Anfang des 20. Jahrhunderts die zweite Meinung, maßgeblich durch W. G. Collingwood.

Downham argumentiert, die Gleichung ruhe vor allem auf den späten nordischen Texten. Deren Autoren könnten zwei Männer namens Erik zu einer Figur verschmolzen haben, womöglich mithilfe englischer Nachrichten. Dazu passt der Widerspruch bei der Königin: Die Cathróe-Vita kennt eine Verwandte des Heiligen, keine Gunnhild.

Für die alte Gleichung spricht: Der Name ist skandinavisch, „Sohn Haralds“ passt, die Zeit passt zur Vertreibung aus Norwegen um 935, und die Dichtung verbindet Harald Schönhaars Sohn mit einem Tod in England. Gegen die Blauzahn-Variante sprechen die Daten – und „Hiring“ ist nicht „Eric“.

Downhams These gilt in der Fachwelt als ernstzunehmender Einwand, hat aber keinen Konsens erzeugt. Die meisten Darstellungen sprechen weiterhin von Eric Bloodaxe als König von York, viele inzwischen mit einem vorsichtigen Hinweis. So halten wir es auch: Die Identität ist wahrscheinlich, aber nicht bewiesen.

Mythos-Check: „Erik Blutaxt war der letzte Wikingerkönig von York.“ – Mit Einschränkungen richtig. Erik ist der letzte unabhängige skandinavische König, den wir in York kennen; nach 954 regierten dort Statthalter der englischen Könige. Ob dieser letzte König aber wirklich der Norweger aus den Sagas war, ist genau die Frage, die Downham aufgeworfen hat.

Nachleben: vom Sagakönig zum Markennamen

Erik wurde in der Erinnerung größer, als er im Leben war. In England ist er das Schlusskapitel des skandinavischen Königtums in York, das 866 mit dem Großen Heer begann – mehr dazu bei den Wikingern in England und im Danelag.

Gut ein Jahrhundert später starb ein anderer Norweger aus der Linie Harald Schönhaars auf englischem Boden: Harald Hardrada, 1066 bei Stamford Bridge. Zwischen beiden liegt die ganze Wikingerzeit in England. Und im Yorkshire Museum zeigt ein kleiner Silberpfennig mit Schwert und dem Namen ERIC das Echteste, was von Erik geblieben ist.

Für uns bei Glanz & Gravur ist Erik ein Lehrstück: Bei Motiven aus Saga und Edda fragen wir, ob ein Bild auf einem Fund, einem Text oder einer späteren Fantasie beruht. Der Mann mit der blutigen Axt ist eine Saga-Figur. Der König mit dem Schwert auf dem Silberpfennig ist Geschichte.

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Häufige Fragen

Warum hieß Erik „Blutaxt“? Sicher ist das nicht. Die Sagas des 12./13. Jahrhunderts verbinden den Beinamen mit der Tötung seiner Halbbrüder, Theodoricus nennt ihn „Brudermörder“; Fagrskinna bezieht ihn eher auf seine Raubfahrten.

Wann war Erik Blutaxt König von York? Nach der Angelsächsischen Chronik 947/948 und erneut 952–954. 954 vertrieben ihn die Northumbrier, danach regierte König Eadred.

Wie starb Erik Blutaxt? Nach Roger von Wendover (frühes 13. Jahrhundert) wurde er 954 bei Stainmore in den Penninen durch Verrat Osulfs von einem gewissen Maccus getötet. Die nordischen Sagas sprechen von einer Schlacht in England.

Was ist die Höfuðlausn? Ein Preisgedicht Egill Skallagrímssons auf Erik, mit dem er sich nach der Egils saga in York das Leben rettete. Ob es aus dem 10. Jahrhundert stammt, ist umstritten.

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Egill Skallagrímsson · Ragnars Söhne · Stamford Bridge 1066 · Das Große Heer · Haithabu.

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