Ragnars Söhne – Ivar der Knochenlose, Ubba, Halfdan, Björn Eisenseite, Sigurd Schlangenauge und Hvitserk – sind zum Teil echte Heerführer des 9. Jahrhunderts: Ivar, Halfdan und ein dritter Bruder führten ab 865 das Große Heidnische Heer durch England, und das bezeugen zeitgenössische Chroniken. Dass sie aber alle Brüder waren und ausgerechnet Ragnar Lodbrok ihr Vater, steht erst in Quellen, die zwei bis vier Jahrhunderte später geschrieben wurden. Wir trennen für dich Chronik von Saga, Grab von Legende – Bruder für Bruder.
Die Saga lässt Ragnar Lodbrok in einer Grube voller Schlangen sterben, hineingeworfen von König Ælla von Northumbria. Und während die Nattern zubeißen, spricht er den Satz, der seine Söhne in Bewegung setzt. Sinngemäß, in eigener Übertragung aus der Ragnars saga loðbrókar:
„Grunzen würden jetzt die Ferkel, wüssten sie, was der alte Eber leidet.“Ragnars saga loðbrókar (eigene Übertragung)
Der alte Eber ist Ragnar, die Ferkel sind seine Söhne – und die kommen. Großes Erzählen, aber eben aus dem 13. Jahrhundert. Dagegen steht ein trockener Eintrag der Angelsächsischen Chronik zu 865/866: Ein „micel here“, ein großes Heer, kam ins Land der Angelsachsen und nahm Winterquartier in East Anglia. Kein Wort von Rache, keins von Ragnar. Zwischen diesen Texten liegt die Geschichte von Ragnar Lodbrok und seinen Söhnen – von denen einige historisch besser greifbar sind als ihr angeblicher Vater.
Wer über Ragnars Söhne schreibt, muss zuerst sortieren – in drei Schichten mit sehr unterschiedlichem Gewicht.
Erste Schicht: zeitgenössische Quellen. Die Angelsächsische Chronik wurde um 890 am Hof Alfreds des Großen zusammengestellt, wenige Jahre nach den Ereignissen. Asser, ein walisischer Geistlicher, schrieb 893 seine Lebensbeschreibung Alfreds und folgte für diese Jahre weitgehend der Chronik. In Irland führten Mönche die Annalen von Ulster, und auf dem Kontinent notierten die Annalen von St-Bertin und von Fulda die Wikingerführer, mit denen die Karolinger verhandelten oder kämpften.
Zweite Schicht: das 10. bis 12. Jahrhundert. Abbo von Fleury verfasste um 985 seine Passio Sancti Eadmundi über den getöteten König Edmund. Um 1070 schrieb Wilhelm von Jumièges seine Normannengeschichte, um 1075 Adam von Bremen seine Hamburger Kirchengeschichte. Die sogenannten Annalen von St Neots entstanden im frühen 12. Jahrhundert in Bury St Edmunds. Hier taucht erstmals der Name Lodbrok im Zusammenhang mit den Brüdern auf.
Dritte Schicht: Saxo und die Sagas. Saxo Grammaticus schrieb um 1200 seine Gesta Danorum (mehr zu ihm in unserem Artikel über Saxo Grammaticus). Die isländische Ragnars saga loðbrókar stammt aus dem 13. Jahrhundert, die kurze Ragnarssona þáttr („Erzählung von Ragnars Söhnen“) aus der Zeit um 1300. Diese Texte liefern die farbigen Beinamen, die Mutter Áslaug, die Schlangengrube und die Rache – aber sie sind 350 bis 450 Jahre jünger als das Heer, von dem sie erzählen.
Die überraschende Antwort lautet: Für zwei von ihnen gibt es tatsächlich einen zeitgenössischen Hinweis auf Brüderschaft. Zum Jahr 878 berichtet die Angelsächsische Chronik, in Devon sei ein Heer geschlagen worden, angeführt vom Bruder Inwæres und Healfdenes – also vom Bruder Ivars und Halfdans. Asser wiederholt das. Damit sind Ivar und Halfdan nach der ältesten englischen Quelle Brüder, und es gab mindestens einen dritten, dessen Namen die Chronik nicht nennt.
Von einem Vater ist dort nirgends die Rede. Die Verbindung zu Lodbrok entsteht erst im 11. Jahrhundert: Wilhelm von Jumièges nennt Björn „Bier Costae ferreae“ einen Sohn des Lodbrok, Adam von Bremen bezeichnet Inguar als „filius Lodparchi“ und als den grausamsten der Nordmänner. Die Annalen von St Neots erzählen schließlich, drei Schwestern von Hinguar und Hubba, Töchter des Lodebroch, hätten das Rabenbanner des Heeres an einem einzigen Tag gewebt. Ab hier wächst die Familie in jeder neuen Quelle weiter.
Ragnar selbst bleibt schwer fassbar. Ein Reginheri, der 845 Paris angriff, ist in fränkischen Annalen belegt, doch ob er der Ragnar der Sagas ist, bleibt offen. Rory McTurk hat gezeigt, wie die Ragnar-Figur aus verschiedenen Traditionssträngen zusammenwuchs. Wahrscheinlicher ist also, dass reale Anführer nachträglich einem berühmten Sagenvater zugeordnet wurden – nicht umgekehrt.
Es gibt sogar einen handfesten Widerspruch: Die irischen Fragmentary Annals machen Ímar von Dublin, den viele mit Ivar gleichsetzen, zum Bruder Amlaíbs (Olaf des Weißen) und zum Sohn eines Gofraid. Wer Ivar und Ímar für dieselbe Person hält, bekommt also einen ganz anderen Vater als Ragnar. Auch die Mutter Áslaug ist ein literarisches Bauwerk: Sie soll Tochter des Drachentöters Sigurd und der Walküre Brynhild sein und verknüpft so Ragnars Haus mit der Völsungensage. Mehr zu ihr findest du in unserem Artikel über Aslaug.
Ivar ist der Bruder mit den meisten Namen: Inwær oder Ingwær in der Chronik, Inwar bei Asser, Inguar bei Abbo, Ímar in Irland, Ívarr inn beinlausi in den Sagas. Derselbe Name – aber auch derselbe Mann?
Gesichert ist: Ivar gehört zu den Anführern des Heeres, das 865 landete. In Abbos Passio ist er derjenige, der König Edmund von East Anglia 869 töten lässt, gemeinsam mit Hubba (Ubba). Eine späte Handschrift der Chronik aus dem 12. Jahrhundert ergänzt beim Jahr 870 ebenfalls, die Anführer, die den König erschlugen, seien Ingware und Ubba gewesen. Nach 870 verschwindet Ivar aus den englischen Quellen. Der Chronist Æthelweard, ein Verwandter Alfreds, lässt ihn im Jahr 870 sterben.
Und dann Irland. Die Annalen von Ulster kennen Ímar seit 857 als Wikingerführer an der Seite Amlaíbs. Zwischen 864 und 870 schweigen sie über ihn – genau in den Jahren, in denen Ivar in England kämpft. 870 belagern Amlaíb und Ímar vier Monate lang Dumbarton Rock, die Festung der Briten von Strathclyde, und kehren 871 mit 200 Schiffen und vielen Gefangenen – Angeln, Briten und Pikten – nach Dublin zurück. Zum Jahr 873 notieren die Annalen seinen Tod und geben ihm einen Titel, den kein anderer Wikinger dort erhält: „rex Nordmannorum totius Hiberniae et Britanniae“, König der Nordmänner von ganz Irland und Britannien.
Und der Beiname? „Inn beinlausi“, der Knochenlose, erscheint erst in den isländischen Quellen. Die Ragnars saga erklärt ihn mit einem Fluch: Ragnar habe Áslaugs Bitte, drei Nächte zu warten, missachtet, und so sei Ivar mit Knorpel statt Knochen geboren worden; er lässt sich auf Schilden tragen und kämpft mit dem Bogen. Moderne Erklärungen reichen von einer Erbkrankheit wie der Glasknochenkrankheit über Impotenz bis zu einem Schreibfehler aus lateinisch „exosus“ (verhasst). Keine dieser Deutungen ist belegt.
Ubba (Ubbe, Hubba) ist der Bruder, dessen Name am spätesten auftaucht. Die Angelsächsische Chronik nennt ihn in ihren ursprünglichen Einträgen nicht. Die früheste Quelle mit seinem Namen ist Abbos Passio Sancti Eadmundi um 985 – über hundert Jahre nach dem Tod Edmunds. Nordenglische Texte aus der Cuthbert-Tradition, etwa die Historia de sancto Cuthberto, nennen ihn einen „dux“ der Friesen. Das ist eine reizvolle Spur: Mehrere Wikingerführer erhielten im 9. Jahrhundert Lehen in Friesland von den Karolingern. Ob Ubba Skandinavier mit friesischer Basis oder selbst Friese war, ist offen.
Berühmt ist Ubba vor allem wegen seines angeblichen Todes. Die Chronik berichtet zu 878, der Bruder Ivars und Halfdans sei mit 23 Schiffen in Devon gelandet und dort mit 840 Mann gefallen; einige Handschriften ergänzen, dabei sei das Banner erbeutet worden, das sie „Hræfn“, Rabe, nannten. Asser verortet den Kampf bei der Festung Cynuit, vermutlich Countisbury an der Nordküste Devons. Einen Namen nennt keine der beiden Quellen. Erst Geffrei Gaimar macht im 12. Jahrhundert in seiner Estoire des Engleis daraus Ubba, begraben unter einem Hügel namens Ubbelawe. Das kann echte Erinnerung sein – oder ein Schluss aus der Edmund-Legende. Auffällig: Die skandinavischen Ragnar-Sagas kennen keinen Sohn, der eindeutig Ubba entspricht; Saxo nennt zwar einen Ubbe, verbindet ihn aber nicht mit England.
Halfdan (altnordisch Hálfdan, altenglisch Healfdene) ist der am besten bezeugte von allen. Die Angelsächsische Chronik nennt ihn 871 zusammen mit Bagsecg als „heidnische Könige“ in den Kämpfen gegen Wessex, in denen auch der junge Alfred der Große focht. Im Winter 871/872 lag das Heer in London, und dort wurden Silberpfennige mit Halfdans Namen geprägt.
874 teilte sich das Heer. Halfdan zog mit einem Teil nach Norden an den Tyne, überwinterte dort und verheerte 875 das Land der Pikten und der Briten von Strathclyde. Der Eintrag zu 876 ist einer der wichtigsten Sätze der englischen Wikingergeschichte. In eigener Übertragung: Halfdan teilte das Land der Northumbrier aus, „und sie pflügten und ernährten sich“. Aus dem Heer wurden Bauern. Hier beginnt die skandinavische Besiedlung, aus der später das Königreich York und das Danelag hervorgingen – mehr dazu in unserem Artikel über die Nordleute von Jórvík.
Halfdans Ende liegt in Irland. Die Annalen von Ulster berichten zu 875, ein „Albann“ habe Oistín, den Sohn Amlaíbs, durch List getötet, und zu 877 von einer Schlacht am Strangford Lough, in der Albann fiel, im Kampf gegen andere Nordleute. Die meisten Forscher setzen Albann mit Halfdan gleich. Hält man zudem Ivar für Ímar, dann ist das eine Familienfehde in Reinform: Halfdan erschlägt Ivars Neffen, als er um Ivars Erbe in Dublin kämpft.
Noch eine Spur führt auf den Kontinent: Die Annalen von Fulda nennen zum Jahr 873 zwei dänische Brüder, Sigifrid und Halbdeni, die Gesandte zu Ludwig dem Deutschen schicken, um Frieden an der Grenze zu schließen. Manche Forscher sehen darin Sigurd Schlangenauge und Halfdan. Ob dieser Halbdeni derselbe Mann ist, der gleichzeitig in England kämpfte, ist allerdings fraglich – Halfdan war ein häufiger Name.
Den Ausdruck „Großes Heidnisches Heer“ verwenden wir heute für den Verband, den die Chronik schlicht „micel here“ nennt. Neu war nicht die Gewalt, sondern die Absicht: Dieses Heer blieb im Land, ließ sich in East Anglia mit Pferden versorgen und zog Jahr für Jahr in ein neues Winterlager – 866 York, 867 Nottingham, 869 East Anglia, 870/871 Reading, 871/872 London, 873/874 Repton, danach die Teilung. Ein Teil unter Guthrum kämpfte bis 878 gegen Alfred und unterlag bei Edington. Die ganze Abfolge erzählen wir in Die Große Heidnische Armee.
Im November 866 nahm das Heer York ein. Northumbria war durch einen Thronstreit gelähmt: Osberht war vertrieben worden, Ælla hatte die Herrschaft übernommen. Gegen die gemeinsame Bedrohung verbündeten sich die beiden Rivalen und griffen York im Frühjahr 867 an – nach späterer nordenglischer Überlieferung am 21. März. Die Chronik berichtet, die Angreifer seien in die Stadt gedrungen, beide Könige seien gefallen und ein großes Gemetzel unter den Northumbriern angerichtet worden.
Die Sagas machen daraus die Rache für Ragnar. Schon um 1038 dichtete der Skalde Sighvatr Þórðarson in seiner Knútsdrápa eine Strophe, die sich in eigener Übertragung etwa so wiedergeben lässt: Ivar, der in York saß, ließ Ællas Rücken mit dem Adler schneiden. Daraus entwickelten die Ragnars saga und andere späte Texte den „Blutadler“, eine grausame Hinrichtung, bei der dem Opfer die Rippen am Rücken aufgetrennt worden sein sollen.
Im Winter 869/870 kehrte das Heer nach East Anglia zurück und schlug sein Lager in Thetford auf. König Edmund kämpfte gegen die Dänen, die Dänen siegten und töteten den König – so knapp hält es die Chronik fest. Abbo von Fleury erzählt um 985 die Geschichte ausführlich: Edmund habe sich geweigert, sich einem heidnischen Oberkönig zu unterwerfen, sei an einen Baum gebunden, mit Pfeilen beschossen und enthauptet worden. Abbo beruft sich auf eine Erzählung, die Erzbischof Dunstan von einem alten Waffenträger Edmunds gehört haben will.
Abbos Text ist eine Märtyrerlegende mit klarer Absicht, kein Kriegsbericht. Dass Edmund fiel, ist sicher; die Pfeile und der Baum gehören zum Bild des heiligen Sebastian, das Abbo bewusst aufruft. Trotzdem ist die Passio für unser Thema wertvoll: Sie ist die älteste Quelle, die Ivar und Ubba gemeinsam als Täter nennt. Aus Edmunds Grab wuchs die Abtei Bury St Edmunds – und ausgerechnet dort entstanden später die Annalen, die Ivar und Ubba erstmals zu Söhnen Lodbroks machten.
Im Herbst 873 zog das Heer nach Repton am Trent, einem mercischen Königssitz mit Kloster und Königsgräbern. Die Chronik berichtet, es habe dort überwintert und König Burgred von Mercien über das Meer vertrieben; Burgred ging nach Rom und starb dort. Die Wikinger setzten Ceolwulf als abhängigen König ein.
Von 1974 bis 1988 gruben Martin Biddle und Birthe Kjølbye-Biddle in Repton. Sie fanden einen D-förmigen Graben, der die Kirche St Wystan in die Befestigung einbezog, und eine Reihe von Bestattungen mit skandinavischen Zügen. Die berühmteste ist Grab 511: ein Mann, beigesetzt neben der Kirche, mit einem Schwert, einem Thorshammer-Anhänger, weiteren Beigaben und einem Eberzahn zwischen den Oberschenkeln. Er war gewaltsam gestorben – zwei Speerstiche über einem Auge, ein tiefer Hieb in den linken Oberschenkel, der womöglich die Genitalien traf. Der Eberzahn wird oft als Ersatz für das Verlorene im Jenseits gedeutet; das ist eine Interpretation, kein Befund. Daneben lag ein jüngerer Mann, Grab 295, und DNA-Analysen zeigen, dass beide väterlicherseits eng verwandt waren, Vater und Sohn oder Halbbrüder.
Ein paar Meter weiter, im Pfarrgarten, lag unter einem Hügel ein Beinhaus mit den Knochen von mindestens 264 Menschen, etwa vier Fünftel Männer, ein Fünftel Frauen, dazu Silbermünzen aus den Jahren 872 bis 874. Schon 1686 hatte ein Arbeiter namens Thomas Walker dort einen Hügel geöffnet; ein späterer Bericht erzählt von einem großen Skelett in einem Steinsarg, um das herum die anderen Knochen gelegen hätten.
Björn Járnsíða gehört nicht zum englischen Heer, sondern zur Welt des Frankenreichs. Die Annalen von St-Bertin kennen 855 bis 858 einen Wikingerführer „Berno“, der an der Seine operierte, sich auf der Insel Oissel bei Rouen verschanzte und 858 in Verberie Karl dem Kahlen einen Treueid leistete. Danach verliert sich seine Spur in den zeitgenössischen Texten.
Der Mittelmeerzug von 859 bis 861/862 mit Hasting (Hástein) ist durch fränkische und arabische Quellen belegt, Björns Rolle darin aber erst durch Wilhelm von Jumièges um 1070 – samt der Legende, man habe Luni für Rom gehalten und mit Hastings vorgetäuschter Sterbebett-Taufe erobert. Saxo macht Björn dann zum König der Schweden. Mehr in Björn Eisenseite – der Sohn, der nach Süden segelte und Die Wikinger im Mittelmeer.
Sigurðr ormr í auga, Sigurd Schlange-im-Auge, ist vor allem eine Gestalt der Genealogie. In der Ragnars saga kündigt Áslaug vor seiner Geburt an, der Sohn werde ein Zeichen tragen: eine Schlange im Auge, als Beweis, dass sie wirklich die Tochter des Drachentöters Sigurd ist. Ein literarisches Echtheitszertifikat, keine Erinnerung an ein Gesicht.
Spätere Stammbäume machen Sigurd zum Vater von Hörða-Knútr (Hardeknut) und damit zum Urgroßvater Harald Blauzahns über Gorm den Alten; norwegische Genealogien führen auch Harald Schönhaar mütterlicherseits auf ihn zurück. Adam von Bremen nennt Gorms Vater dagegen Hardegon, Sohn eines Sven – die Linie über Sigurd ist also nicht gesichert. Historisch greifbar wird ein Sigurd nur vielleicht: als jener Sigifrid, der 873 mit seinem Bruder Halbdeni in den Annalen von Fulda auftaucht, und womöglich als der dänische König Sigfrid, der 887 im Frankenreich getötet wurde. Beides sind Hypothesen.
Hvítserkr, „Weißhemd“, ist der Bruder ohne Spur in den zeitgenössischen Quellen. Die Ragnars saga zählt ihn zu Áslaugs Söhnen, und die Ragnarssona þáttr gibt ihm ein grimmiges Ende: Bei Raubzügen im Osten, in Garðaríki, dem Land der Rus, unterliegt er einer Übermacht und darf seine Todesart wählen. Er lässt sich auf einem Scheiterhaufen aus Menschenschädeln verbrennen. Auch Saxo kennt einen Feuertod Hvitserks im Osten.
Weil Hvitserk nie in einer Quelle neben Halfdan steht und Halfdan nie neben Hvitserk, haben manche Forscher vorgeschlagen, „Weißhemd“ sei nur ein Beiname Halfdans gewesen. Das ist elegant, aber nicht beweisbar. Hvitserk ist die Figur, über die wir am wenigsten wissen – und gerade deshalb die, die moderne Erzähler am freiesten gestalten.
Die meisten kennen Ragnars Söhne heute aus der Serie „Vikings“ (2013–2020). Dort sind Björn, Ivar, Ubbe, Hvitserk und Sigurd Halbbrüder und Brüder einer einzigen Familie, sie leben gleichzeitig, streiten miteinander und ziehen gemeinsam nach England.
Das ist gutes Fernsehen, mit der Chronik hat es aber wenig zu tun: Halfdan, der historisch wichtigste Bruder, kommt dort als Ragnarssohn gar nicht vor, und die Zeitachse ist kräftig gestaucht. Mehr im Faktencheck zur Serie „Vikings“.
Das Ergebnis ist fast paradox. Ragnar, der berühmte Vater, ist historisch kaum zu fassen. Seine Söhne dagegen hinterließen Spuren in der Angelsächsischen Chronik, in den Annalen von Ulster, in Münzen, in Gräbern und in der Landkarte Nordenglands. Ivar und Halfdan waren nach der ältesten englischen Quelle Brüder; ob Ubba ihr Bruder war, Björn und Sigurd zur selben Familie gehörten oder Hvitserk überhaupt existierte, wissen wir nicht. Den gemeinsamen Vater hat ihnen erst eine spätere Zeit gegeben, die aus einer Kette von Kriegszügen eine Familiengeschichte machte.
Sagas lügen nicht einfach, sie erinnern – auf ihre Art, für ihr Publikum. Wer heute einen Namen wie Ivar oder Björn auf Schiefer oder Holz verewigt, trägt beides weiter: Chronik und Legende. Wie Ivars mutmaßliche Nachkommen ihre Macht aufbauten, liest du in Die Wikinger in Irland, Schottland und auf den Inseln.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Wie hießen die Söhne von Ragnar Lodbrok? Die Sagas nennen vor allem Ivar den Knochenlosen, Björn Eisenseite, Sigurd Schlangenauge und Hvitserk, dazu Rögnvald sowie bei Saxo weitere Namen. Die englische Tradition fügt Ubba hinzu, Halfdan stammt aus der Angelsächsischen Chronik.
Waren Ragnars Söhne wirklich Brüder? Für Ivar und Halfdan ja: Die Angelsächsische Chronik nennt zum Jahr 878 den „Bruder Ivars und Halfdans“. Für die übrigen fehlt ein zeitgenössischer Beleg.
War Ivar der Knochenlose eine historische Person? Ein Ivar ist als Anführer des Großen Heeres zeitgenössisch bezeugt. Viele Forscher setzen ihn mit Ímar von Dublin gleich, der 873 starb; das ist verbreitet, aber nicht unumstritten.
Liegt Ivar der Knochenlose in Repton begraben? Das ist eine Hypothese der Ausgräber zum Beinhaus von Repton, kein Beleg. Nach den irischen Annalen starb Ímar 873 vermutlich in Dublin.
Haben Ragnars Söhne König Ælla mit dem Blutadler getötet? Ælla fiel 867 im Kampf um York. Der Blutadler stammt aus einer Skaldenstrophe und späten Sagas und ist in der Forschung stark umstritten.
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