Ragnar Lodbrok starb der Sage nach in einer Schlangengrube – lachend, so heißt es, und mit einer Drohung auf den Lippen. Seine Söhne machten diese Drohung wahr. Doch das eigentlich Erstaunliche ist nicht die Rachegeschichte, sondern eine unbequeme Wahrheit: Während der Vater eine schillernde Legende bleibt, sind einige seiner Söhne historisch besser greifbar als er selbst. Ein Blick auf Ivar, Björn, Sigurd, Ubbe, Hvitserk und Halfdan – und auf das größte Wikingerheer, das England je gesehen hat.
Die nordische Überlieferung erzählt es mit sichtlichem Vergnügen: Ragnar Lodbrok, der sagenhafte Wikingerkönig in der zotteligen Schutzhose, sei auf einem seiner Raubzüge nach Northumbria in die Gefangenschaft König Ællas geraten. Ælla ließ ihn in eine Grube voller Schlangen werfen. Dort, im Angesicht des Todes, spricht Ragnar in der „Ragnars saga loðbrókar" seinen berühmtesten Satz – nicht um Gnade flehend, sondern spöttisch und im vollen Bewusstsein, dass seine Söhne kommen würden.
Das ist Heldendichtung, kein Protokoll. Aber es ist der erzählerische Schlüsselmoment, denn ab hier verschiebt sich das Gewicht der Sage vom Vater auf die Söhne. In der „Ragnarssona þáttr", der „Erzählung von Ragnars Söhnen", werden die Erben zu dem, was der Vater nur behauptet hatte: Männer, die nicht plündern, sondern erobern. Und genau an diesem Punkt beginnt die Geschichte, sich mit der überprüfbaren Vergangenheit zu verzahnen – denn im Jahr 865 landete tatsächlich ein Heer in England, dessen Anführer die Quellen mit den Namen von Ragnars Söhnen verbinden.
Die Sagas nennen mehrere Söhne, und schon die Zahl schwankt je nach Quelle. Am beständigsten tauchen fünf Namen auf: Ívarr inn beinlausi (Ivar der Knochenlose), Björn Járnsíða (Björn Eisenseite), Sigurðr ormr í auga (Sigurd Schlange-im-Auge), Hvítserkr (das „Weißhemd") und Ubbi oder Ubbe. Halfdan tritt in den englischen Quellen hinzu, und manche Überlieferungen setzen ihn mit Hvitserk gleich oder daneben.
Als Mutter dieser Söhne nennt die Saga Áslaug, die selbst Tochter des Drachentöters Sigurd und der Walküre Brynhild sein soll – ein kunstvoller Kniff, der Ragnars Geschlecht mit dem berühmten Völsungen-Sagenkreis verknüpft. Man sollte diesen Stammbaum als literarisches Bauwerk lesen, nicht als Ahnentafel. Was die Söhne aber verbindet, ist ein gemeinsames Motiv, das sich durch alle Fassungen zieht: Sie handeln als Verband, als Bruderschaft mit einem gemeinsamen Ziel. Und dieses Ziel führt sie über die Nordsee.
Von allen Söhnen ist Ivar der faszinierendste – und der rätselhafteste. Die Sagas zeichnen ihn nicht als muskelbepackten Haudegen, sondern als kühlen Denker. Wo die Brüder auf rohe Gewalt setzen, gewinnt Ivar durch List, Verhandlungsgeschick und strategische Geduld. In mehreren Episoden ist er es, der die Rache plant, die anderen zurückhält und im richtigen Moment zuschlägt.
Sein Beiname „inn beinlausi" – „der Knochenlose" – hat Generationen von Gelehrten beschäftigt, ohne dass eine Deutung endgültig gewonnen hätte. Manche vermuten eine Knochenkrankheit, etwa die Glasknochenkrankheit, die ihn hätte tragen lassen müssen; andere lesen den Namen als Hinweis auf eine schlangenhafte Beweglichkeit oder auf sagenhafte Zeugungsumstände. Eine dritte Lesart versteht „knochenlos" schlicht metaphorisch – als Bild für Wendigkeit und Unfassbarkeit. Ehrlich bleibt nur: Wir wissen es nicht. Was die Sage jedoch klar macht, ist seine Rolle. Ivar ist nicht der stärkste Sohn, sondern der gefährlichste, weil er der klügste ist. Und just dieser Ivar hat, wie wir noch sehen werden, ein sehr handfestes historisches Gegenstück auf der anderen Seite der Irischen See.
Björn Járnsíða, „Eisenseite", trägt seinen Beinamen wie ein Versprechen: Ihm sollen im Kampf die Waffen abgeprallt sein, als sei seine Flanke aus Eisen. Björn ist der große Seefahrer unter den Brüdern, und mit ihm verbindet die Überlieferung das spektakulärste Abenteuer der ganzen Sippe – eine mehrjährige Mittelmeer-Expedition, die um 859 bis 862 mit dem berüchtigten Hástein (Hasting) aufgebrochen sein soll.
Die Route liest sich wie ein Beutekatalog des Südens: die Küsten Frankreichs hinab, an Al-Andalus vorbei, ins westliche Mittelmeer, nach Nordafrika, zu den Balearen und an die italienische Küste. Der berühmteste – und lehrreichste – Moment dieser Fahrt ist die Plünderung der Stadt Luni. Die spätere Tradition erzählt, Björn und Hástein hätten Luni für Rom selbst gehalten und mit einer List genommen: Hástein habe sich für tot erklären und als Sterbenskranker zur Taufe in die Stadt tragen lassen, ehe die Wikinger von innen zuschlugen. Ob die Taufe-List stimmt, ist Sagenschmuck. Historisch bemerkenswert bleibt die nüchterne Pointe: Es war eben nicht Rom, sondern das viel kleinere Luni in der Toskana. Von der reichen Beute kehrte nur ein Bruchteil der Flotte durch die Straße von Gibraltar zurück – der Süden ließ sich nicht so leicht ausrauben wie ein Kloster an der Nordsee. Björn selbst gilt in der schwedischen Königstradition als Stammvater der Munsö-Dynastie von Uppsala.
Sigurðr ormr í auga verdankt seinen Beinamen einem Zeichen, das ihn von Geburt an markierte: ein ringförmiges, schlangenähnliches Mal im oder um das Auge. Die Sage deutet es als Erbe seiner Mutter Áslaug und damit als Zeichen der Völsungen-Abkunft – die Schlange als Anspielung auf den Drachen Fáfnir, den sein Großvater Sigurd erschlagen haben soll. Ein Muttermal wird so zur genealogischen Unterschrift.
Sigurds eigentliche Bedeutung liegt weniger in einzelnen Taten als in seiner Nachkommenschaft. Die nordischen Quellen machen ihn zum Stammvater bedeutender Königslinien; über seine Tochter und seine Enkel führen die Sagas Fäden zu den späteren dänischen Herrschern, bis hin zu den Vorfahren berühmter Namen der Wikingerzeit. Man muss diese Genealogien mit derselben Vorsicht behandeln wie den Áslaug-Stammbaum: Sie sind auch Politik. Herrscherhäuser des 12. und 13. Jahrhunderts ließen ihre Abstammung gern bis zu Ragnar zurückreichen, weil ein legendärer Ahn Prestige verlieh. Sigurd Schlange-im-Auge ist damit die Figur, über die Ragnars Blut in die spätere Geschichte „einheiratet" – halb Erinnerung, halb Wappen.
Weniger schillernd, aber für die Geschichte umso greifbarer sind die übrigen Brüder. Ubbe (Ubba) erscheint in englischen Quellen an vorderster Front und wird, gemeinsam mit Ivar, als einer der Anführer des Heeres genannt, das über East Anglia herfiel. Die spätere Überlieferung lässt Ubba 878 in Devon fallen, im Kampf gegen die Westsachsen, wobei das sagenumwobene Rabenbanner der Heerführer erbeutet worden sein soll.
Hvitserk, das „Weißhemd", bleibt in den englischen Quellen blass und wird von manchen Forschern mit Halfdan gleichgesetzt – möglicherweise zwei Namen für dieselbe Person, oder eine Verwechslung der Sagatradition. Halfdan (altnordisch Hálfdan, altenglisch Healfdene) dagegen ist der am klarsten fassbare Bruder überhaupt: Die Angelsächsische Chronik nennt ihn ausdrücklich als Anführer, er teilte 876 das eroberte Land in Northumbria unter seinen Männern auf und begann damit die dauerhafte Ansiedlung der Skandinavier. Er starb wohl 877 in Irland, im Kampf gegen rivalisierende Nordmänner. Aus Plünderern wurden Siedler – und Halfdan steht mitten in diesem Wandel.
Im Herbst 865 landete in England ein Verband, den die Angelsachsen ehrfürchtig und angstvoll „mycel hæþen here" nannten – das Große Heidnische Heer. Es war kein gewöhnlicher Raubzug für eine Sommersaison, sondern ein stehendes Heer mit dem Ziel der Eroberung. Es überwinterte in East Anglia, erpresste dort Pferde und wurde damit beweglich wie nie ein Wikingerheer zuvor. Die Sage liefert das Motiv frei Haus: Diese Männer kamen, um den Tod ihres Vaters zu rächen.
„Wie würden die Ferkel grunzen, wüssten sie, wie der alte Eber leidet!"Ragnars saga loðbrókar (Ragnars Sterbewort in der Schlangengrube)
Der „alte Eber" ist Ragnar, die „Ferkel" sind seine Söhne – und das Wort ist zugleich Drohung und Prophezeiung. Ob Ragnar diesen Satz je gesprochen hat, spielt für die Geschichte keine Rolle; entscheidend ist, dass ein reales, gewaltiges Heer nach England kam und dass die Erzähler ihm dieses Motiv gaben. Hier greifen Dichtung und Realität ineinander: Die Namen der Anführer – Ivar, Ubba, Halfdan – stammen aus derselben Welt wie die Sage, doch ihre Taten hinterließen Spuren in nüchternen Chroniken und in der Erde englischer Grabungsfelder.
Im Jahr 866 wandte sich das Heer nach Norden und nahm im November die alte Römerstadt York – auf Nordisch Jórvík. Northumbria war zu dieser Zeit durch einen Thronstreit zwischen zwei rivalisierenden Königen, Osberht und Ælla, geschwächt. Angesichts der gemeinsamen Bedrohung schlossen die beiden ein hastiges Bündnis und versuchten am 21. März 867, York zurückzuerobern. Der Angriff endete in einer Katastrophe: Beide Könige fielen, und die Stadt blieb in der Hand der Nordmänner.
Für die Sage ist dies der Höhepunkt, denn unter den Gefallenen war eben jener Ælla, der Ragnar in die Schlangengrube geworfen haben soll. Die Rache war vollzogen. Historisch bleibt festzuhalten: Der Tod Ællas im Kampf um York ist gut bezeugt. Die Ausgestaltung dieses Todes als grausames Ritual gehört dagegen in den Bereich der Legende – dazu gleich mehr. York jedenfalls wurde zum Kern eines skandinavischen Machtbereichs, der England für Generationen prägen sollte. Aus dem Rachezug der Sage war eine geopolitische Tatsache geworden.
Der zweite große Name, den das Heer der Ragnarssöhne fällte, war König Edmund von East Anglia. Im Jahr 869 – manche Quellen datieren 870 – unterlag Edmund den heidnischen Kriegern und wurde getötet. Die früheste ausführliche Schilderung stammt von Abbo von Fleury, der um 985 die „Passio Sancti Eadmundi" verfasste und Ingwar (Ivar) und Ubba als die Verantwortlichen nennt.
Nach dieser Überlieferung weigerte sich Edmund, seinen christlichen Glauben aufzugeben oder sich einem heidnischen König zu unterwerfen; er wurde an einen Baum gebunden, mit Pfeilen beschossen und schließlich enthauptet. Aus dem gefallenen König wurde ein Heiliger: Sankt Edmund, um dessen Grab die Abtei Bury St Edmunds wuchs, einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte des mittelalterlichen England. Man muss die Passio als das lesen, was sie ist – eine Heiligenvita mit erbaulicher Absicht, entstanden mehr als ein Jahrhundert nach den Ereignissen. Dass Edmund fiel, ist gesichert. Die Details seines Todes sind fromme Ausschmückung. Doch gerade an Edmund zeigt sich, wie tief das Große Heer in die englische Erinnerung eingebrannt ist: Der Feldzug der Ragnarssöhne schuf einen Nationalheiligen.
Hier wird es besonders spannend, denn ausgerechnet der rätselhafteste Sohn hat das solideste historische Gegenstück. Die irischen Annalen kennen einen mächtigen Wikingerführer namens Ímar, König von Dublin, der die Irische See beherrschte und 873 starb. Die Annalen von Ulster bezeichnen ihn in seinem Nachruf als „König der Nordmänner von ganz Irland und Britannien" – ein außergewöhnlicher Titel. Viele Forscher setzen diesen Ímar mit Ívarr dem Knochenlosen gleich.
Aus Ímar/Ívarr ging eine ganze Dynastie hervor, die Uí Ímair – das „Geschlecht Ivars" –, die über Generationen Dublin und York verband und zu den bedeutendsten Machtfaktoren der nordwesteuropäischen Wikingerwelt zählte. Damit kehrt sich das gewohnte Bild um: Nicht der glanzvolle Vater Ragnar ist historisch fassbar, sondern der Sohn. Ivar ist keine bloße Sagengestalt, sondern – aller Wahrscheinlichkeit nach – ein realer Kriegsherr, dessen Nachfahren noch im 10. Jahrhundert Königreiche regierten. Genau hier liegt die eigentliche Pointe des ganzen Themas: Die Söhne sind der historische Kern, aus dem die spätere Sage rückwärts einen legendären Vater konstruierte.
Das Große Heidnische Heer landete 865 in England und war ein reales, historisch gut bezeugtes Ereignis. York fiel Ende 866; beim Rückeroberungsversuch am 21. März 867 fielen die northumbrischen Könige Osberht und Ælla. König Edmund von East Anglia wurde 869 getötet und als Heiliger verehrt. Die Angelsächsische Chronik nennt Halfdan (Healfdene), Ivar (Ingware) und Ubba als Anführer; Halfdan verteilte 876 nordumbrisches Land zur Ansiedlung und fiel wohl 877 in Irland. Ubba fiel 878 in Devon. Ein Wikingerkönig namens Ímar herrschte über Dublin, starb 873 und gilt vielen Forschern als der historische Ívarr; seine Dynastie, die Uí Ímair, verband Dublin und York über Generationen. Diese Personen und Daten sind – anders als die Ragnar-Sage – durch zeitnahe Chroniken und Annalen greifbar.
Wer die Söhne Ragnars heute kennt, kennt sie oft aus der Fernsehserie „Vikings" – und das ist völlig in Ordnung, denn die Serie hat viele Menschen erst für diese Stoffe begeistert. Sie verdichtet allerdings, wie jede gute Erzählung, und verschiebt manches. Ein paar Unterschiede lohnt es zu kennen, ohne der Serie ihren Reiz zu nehmen.
In der Überlieferung sind Ivar, Björn, Sigurd, Ubbe, Hvitserk und Halfdan keine gleichzeitig agierende Kernfamilie mit sauber verteilten Charakterrollen, sondern Namen aus verschiedenen Quellen unterschiedlichen Alters, die erst die Saga zu einer Bruderschaft ordnet. Ivars „Knochenlosigkeit" ist in der Sage ein rätselhafter Beiname, keine feststehende medizinische Diagnose. Björns Mittelmeerzug gehört zu Björn und Hástein, nicht zu einer familiären Erlebnisreise, und sein spektakulärstes Ziel war Luni, nicht Rom. Und der zeitliche Rahmen ist gestreckt: Zwischen der Landung 865 und den letzten Taten der Brüder liegen Jahrzehnte, die keine einzelne Lebensspanne bündelt. Kurz gesagt: Die Serie erzählt die Sage, die Sage erzählt eine Idee – und die Geschichte erzählt ein Heer. Alle drei sind interessant, solange man sie nicht verwechselt.
Ragnar Lodbrok selbst ist historisch nicht sicher fassbar – vermutlich eine Sammel- und Verdichtungsfigur aus mehreren realen Wikingerführern des 9. Jahrhunderts. Der berühmte „Blutaar", den die Söhne zur Rache an Ælla vollzogen haben sollen, ist quellenkritisch heftig umstritten: Er stützt sich auf schwer deutbare skaldische Kenningar, und namhafte Forschung hält ihn für ein Missverständnis später Übersetzer statt für ein belegtes Ritual. Ivars Beiname „der Knochenlose" hat mehrere konkurrierende Deutungen (Krankheit, Beweglichkeit, Metapher) und keine gesicherte. Björns Zug „nach Rom" war in Wahrheit die Plünderung von Luni; die Taufe-List Hásteins ist Sagenschmuck. Der Áslaug-Stammbaum, der Ragnar mit den Völsungen und Sigurd mit berühmten Königslinien verknüpft, ist genealogische Legitimationsdichtung. Und schließlich: Die zentralen Sagas entstanden rund 300 bis 400 Jahre nach den Ereignissen. Was bleibt, ist ein ehrlicher Befund – die Söhne sind fassbarer als der Vater.
Die Söhne Ragnars sind ein Musterfall dafür, wie Wikingerzeit funktioniert: ein harter historischer Kern, um den sich über Jahrhunderte eine glänzende Erzählschicht legt. Das Große Heer war real, seine Anführer trugen echte Namen, seine Folgen – York als Machtzentrum, ein Nationalheiliger in East Anglia, eine Dynastie über der Irischen See – sind bis heute in Landschaft und Erinnerung eingeschrieben. Und darüber wölbt sich die Sage vom lachenden Vater in der Grube und den Söhnen, die kamen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum uns diese Figuren nicht loslassen. Sie stehen für einen Gedanken, der schon die Hávamál durchzieht: Besitz vergeht, Sippen sterben, ein Ding aber überdauert – der Ruhm der Taten. Ragnars Söhne haben, im Guten wie im Grausamen, für diesen Nachruhm gelebt. Dass wir ihre Namen elf Jahrhunderte später noch nennen, ist auf eine bittere, nordische Weise ihr endgültiger Sieg.

Ragnar Lodbrok · Das Große Heer · Der Schildwall · Die Langschiffe · Berserker.