Ymir ist in der nordischen Mythologie der Urriese: das erste lebende Wesen, entstanden aus tropfendem Gifteis in der gähnenden Leere Ginnungagap, Stammvater aller Riesen. Odin und seine Brüder Vili und Vé erschlugen ihn und bauten aus seinem Leib die Welt – Erde aus seinem Fleisch, Meer aus seinem Blut, Berge aus seinen Knochen, den Himmel aus seinem Schädel. Hier erfährst du, was die Edda wirklich über Ymir sagt, wo sich die Quellen widersprechen und warum Forscher seinen Namen bis nach Indien verfolgen.
Die Welt der Wikinger ist buchstäblich aus einem Leichnam gebaut. Wer im Norden über eine Wiese ging, ging nach dem Mythos über Riesenfleisch; wer zum Himmel sah, blickte in die Innenseite eines Schädels. Im Beitrag über Ginnungagap haben wir die Bühne aufgebaut: die gähnende Leere, das Eis von Niflheim im Norden, das Feuer von Muspelheim im Süden. Jetzt betritt das erste Wesen die Bühne – und wir zeigen dir auch, wo sich die Quellen gegenseitig ins Wort fallen. Denn den einen Ymir-Mythos gibt es nicht.
Kein Runenstein nennt Ymir, kein Bildstein zeigt ihn. Alles, was wir über ihn wissen, steht in isländischen Handschriften des 13. Jahrhunderts – gut 200 Jahre nach der Christianisierung Islands um das Jahr 1000. Das macht die Geschichte nicht erfunden, verlangt aber einen genauen Blick darauf, wer was erzählt.
Die ältere Schicht bilden die Götterlieder der Lieder-Edda, gesammelt im Codex Regius (um 1270); einige Strophen können in die Wikingerzeit zurückreichen. Vier Lieder erwähnen Ymir:
Die jüngere Schicht ist die Gylfaginning („Gylfis Betörung“), der erste Teil der Prosa-Edda von Snorri Sturluson, entstanden um 1220. Snorri, gelehrter Christ und Politiker, fügt die verstreuten Strophen zu einer durchgehenden Erzählung zusammen und ergänzt sie – teils aus verlorenen Quellen, teils wohl aus eigener Logik. Fast alles, was du in Büchern und Videos über Ymir liest, folgt dieser Fassung.
Vor Ymir gab es nach der Völuspá „nicht Sand nicht See, nicht salzge Wellen“ – nur die gähnende Kluft. Simrock übersetzt den Anfang der Strophe so:
„Einst war das Alter, da Ymir lebte: / Da war nicht Sand nicht See, nicht salzge Wellen.“Völuspá 3, Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Schon hier steckt eine kleine Überraschung. Im Codex Regius heißt es „þar er Ymir bygði“, „als Ymir wohnte“. Snorri zitiert dieselbe Strophe aber mit „þar er ekki var“, „als nichts war“. Welche Lesart älter ist, wird diskutiert. Bei der einen beginnt die Welt mit einem Riesen, bei der anderen mit dem Nichts.
Wie Ymir entstand, erzählt das Vafþrúðnismál knapp: Aus den Élivágar, eisigen Urströmen, spritzten Gifttropfen und wuchsen, bis ein Riese daraus wurde.
„Aus den Eliwagar fuhren Eitertropfen …“Vafþrúðnismál 31, Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Snorri baut daraus eine kleine Physik. Aus der Quelle Hvergelmir in Niflheim strömen die Élivágar, ihr Gift erstarrt zu Reif, der die nördliche Hälfte des Ginnungagap füllt. Von Süden weht warme Luft aus Muspelheim heran. Wo beides sich trifft, taut das Eis und tropft – und „durch die Kraft dessen, der die Hitze sandte“, wird aus den Tropfen Leben in Menschengestalt. Wer dieser Sender ist, sagt Snorri nicht. Fest steht: Das erste Wesen der nordischen Welt ist kein Gott, sondern ein Riese – geboren aus Gift, Frost und Glut.
Im Vafþrúðnismál heißt der Urriese meist Aurgelmir. Snorri erklärt: Die Reifriesen nennen ihn Aurgelmir, die Götter Ymir. Ob die Dichter ursprünglich zwei Gestalten meinten, lässt sich nicht entscheiden; in den Nafnaþulur, mittelalterlichen Namenslisten für Dichter, stehen beide nebeneinander unter den Riesen.
Aurgelmir wird meist zu aurr „Schlamm, nasser Kies“ und -gelmir „der Lärmende“ gestellt. Dieselbe Endung tragen Sohn und Enkel: Laut Vafþrúðnismál (Str. 29) zeugte Aurgelmir Þrúðgelmir, und dieser Bergelmir. Snorri lässt Þrúðgelmir weg.
Zwei weitere Namen stehen in der Völuspá: Brimir und Bláinn, aus deren Blut und Gliedern die Zwerge geschaffen werden. Snorri versteht beide offenbar als Namen Ymirs, die meisten Forscher folgen ihm, sicher ist es nicht. Brimir erinnert an brim „Brandung“, Bláinn an blár „blau, dunkel“.
Ymir zeugt ohne Partnerin. Das Vafþrúðnismál sagt es unverblümt: Unter dem Arm des Reifriesen wuchsen ein Mädchen und ein Junge, und ein Fuß zeugte mit dem anderen einen sechsköpfigen Sohn (Str. 33). Von ihm stammt das Geschlecht der Reifriesen.
Snorri glättet: Als Ymir schlief, kam er ins Schwitzen, und unter seinem linken Arm wuchsen ein Mann und eine Frau; ein Fuß zeugte mit dem anderen einen Sohn. Die sechs Köpfe lässt er weg.
Das klingt grotesk und ist doch konsequent: Vor Ymir gibt es niemanden, mit dem man sich paaren könnte. Dass Ymir zweigeschlechtlich gewesen sei, steht übrigens in keiner Quelle; es ist eine naheliegende Deutung, gestützt vor allem auf die Etymologie seines Namens.
Ein Riese muss essen. Snorri lässt deshalb aus dem tauenden Reif ein zweites Wesen entstehen: die Urkuh Auðhumla. Vier Milchströme fließen aus ihrem Euter und nähren Ymir. Die Kuh selbst leckt an den salzigen Reifsteinen – und legt dabei den Anfang der Götter frei. Am Abend des ersten Tages kommt Menschenhaar zum Vorschein, am zweiten Tag ein Kopf, am dritten Tag ein ganzer Mann, schön, groß und mächtig. Er heißt Búri.
Búri bekommt einen Sohn, Borr (auch Burr). Borr nimmt Bestla zur Frau, die Tochter des Riesen Bölþorn. Aus dieser Verbindung gehen drei Brüder hervor: Odin, Vili und Vé. Bölþorn ist keine Erfindung Snorris: In den Hávamál (Str. 140) erzählt Odin, er habe neun Zauberlieder vom „Sohn Bölþorns, dem Vater Bestlas“ gelernt – von seinem Onkel mütterlicherseits also, einem Riesen.
In den Adern der obersten Götter fließt damit von Anfang an Riesenblut – ein Grundzug der nordischen Mythologie, in der Götter und Riesen verwandt, verschwägert und verfeindet zugleich sind.
Die Eddalieder kennen weder Auðhumla noch Búri. Borr dagegen schon: Die Völuspá (Str. 4) spricht von „Burs Söhnen“, die die Länder emporhoben und Midgard schufen. Woher Snorri die Kuh hat, wissen wir nicht.
Dann geschieht es: Die Söhne Borrs erschlagen Ymir. Snorri erzählt es in einem Satz, ohne Kampf und ohne Begründung. In den Eddaliedern sind es einfach „die Götter“, die aus dem Riesen die Welt machen; wie er starb, sagt keines.
Warum musste Ymir sterben? Snorri lässt den Erzähler zwar sagen, Ymir sei kein Gott, sondern „böse, und alle seine Nachkommen“ – eine Charakterisierung, keine Begründung. Die nüchternste Deutung: Ohne Rohstoff keine Welt. Andere sehen darin die Gründungstat einer Ordnung, die das ungeformte Chaos zerlegt und vermisst; wieder andere ein uraltes Opfer (dazu unten mehr).
So oder so beginnt die nordische Welt mit einem Verwandtenmord: Odin tötet den Urahnen seiner eigenen Mutter. Die Feindschaft zwischen Göttern und Riesen zieht sich von hier bis zu Ragnarök.
Als Ymir fällt, strömt so viel Blut aus seinen Wunden, dass das ganze Geschlecht der Reifriesen darin ertrinkt. Nur einer kommt davon: Bergelmir. Er steigt mit seiner Frau auf seinen lúðr und rettet sich; von ihm stammen alle späteren Riesen ab. So steht es bei Snorri.
Und hier wird es interessant. Snorris Vorlage ist Vafþrúðnismál 35: Bergelmir sei unzählige Winter vor der Erschaffung der Erde geboren, und das Erste, woran Vafþrúðnir sich erinnere, sei, dass der weise Riese auf einen lúðr gelegt wurde. Von einer Flut steht da kein Wort.
Was lúðr bedeutet, ist seit über hundert Jahren umstritten: Belegt ist es für den Kasten einer Handmühle, vorgeschlagen wurden auch Wiege, Sarg und Boot. Snorri las Boot – und bekam eine Arche-Geschichte. Simrock folgte ihm 1851: „Im Boot geborgen ward.“
Nun bauen Odin, Vili und Vé aus dem toten Riesen die Welt. Die ältere Fassung steht im Vafþrúðnismál, wo Odin fragt, woher Erde und Himmel kamen:
„Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen, / Aus dem Gebein die Berge, / Der Himmel aus der Hirnschale des eiskalten Hünen, / Aus seinem Schweiße die See.“Vafþrúðnismál 21, Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Das Grímnismál (Str. 40–41) wiederholt das fast wörtlich und ergänzt: Aus Ymirs Haar wurden die Bäume, aus seinen Brauen bauten die Götter Midgard für die Menschenkinder, aus seinem Hirn wurden die finsteren Wolken. Das „Schweiß“ der Lieder (altnordisch sveiti) bedeutet in der Dichtersprache oft auch Blut – Snorri schreibt jedenfalls Blut.
Snorris Bauplan ist der vollständigste. Ymirs Fleisch wird zur Erde, sein Blut zu Meer und Seen, die Knochen zu Bergen, Zähne und Knochensplitter zu Felsen und Geröll; ein Ozean umgibt die Erde. Aus dem Schädel wölben sie den Himmel und setzen unter seine vier Ecken vier Zwerge: Norðri, Suðri, Austri und Vestri – Nord, Süd, Ost und West. Das Hirn werfen sie in die Luft, daraus werden die Wolken. Funken und Glut, die aus Muspelheim herübergeflogen sind, setzen sie an den Himmel, damit er Himmel und Erde erleuchte: die Sterne und Lichter. Aus den Augenbrauen schließlich errichten sie einen Wall gegen die Riesen und schaffen dahinter Midgard („Mittelgarten“), die geschützte Welt der Menschen.
Einen Haken hat die Geschichte. Die Völuspá (Str. 4) erzählt den Anfang anders: Dort heben Burs Söhne die Länder empor, und die Sonne bescheint die Steine, bis grünes Kraut wächst. Das klingt eher nach Land, das aus dem Meer auftaucht, als nach einer zerlegten Leiche. Möglicherweise kursierten zwei Schöpfungsbilder nebeneinander, die Snorri verband.
Auch die Zwerge stammen aus Ymir. Nach Snorri wurden sie im Fleisch des Riesen lebendig wie Maden in einem Kadaver; die Götter gaben ihnen Verstand und Menschengestalt. Seine Grundlage ist Völuspá 9, wo die Götter beraten, wer das Zwergenvolk schaffen solle:
„Aus Brimirs Blut und blauen Gliedern.“Völuspá 9, Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Simrock übersetzt Bláins leggjum als „blaue Glieder“ und nicht als Eigennamen – auch das ist eine Deutungsfrage. Hinzu kommt ein Handschriftenproblem: Der Codex Regius liest an dieser Stelle ór brimi blóðgu, „aus der blutigen Brandung“, Snorris Text dagegen ór Brimis blóði, „aus Brimirs Blut“. Je nach Lesart entstehen die Zwerge aus einem Riesen – oder aus einem blutroten Meer, das freilich wieder Ymirs Blut sein könnte.
Die größten Kleinode der Götter – Mjölnir, Draupnir, Skíðblaðnir, Gleipnir – stammen also aus Werkstätten von Wesen, die aus einem Riesenleichnam hervorgingen. Diese Mythologie hat wenig Scheu vor Schmutz.
Die Welt stand, aber sie war leer. Die Völuspá lässt drei Götter am Ufer zwei kraftlose Gestalten finden, Ask und Embla:
„Seele gab Odhin, Hönir gab Sinn, / Blut gab Lodur und blühende Farbe.“Völuspá 18, Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Bei Snorri sind es die Söhne Borrs, die am Strand zwei Baumstämme finden und daraus Menschen machen. Dass es Treibholz war, ist eine plausible Ausmalung, aber nicht wörtlich überliefert. Es schließt sich ein Kreis: Ymirs Haar wurde zu Bäumen, aus Bäumen werden Menschen – in einer Welt, deren Rückgrat die Esche Yggdrasil ist.

Wer nur Snorri liest, bekommt eine glatte Geschichte. Legt man die Lieder daneben, sieht man die Nähte. Hier die wichtigsten Unterschiede im Überblick:
| Punkt | Eddalieder | Snorri, Gylfaginning |
|---|---|---|
| Anfang | „als Ymir lebte“ (Völuspá 3, Codex Regius) | „als nichts war“ |
| Entstehung | Gifttropfen aus den Élivágar (Vafþrúðnismál 31) | tauender Reif trifft warme Luft aus Muspelheim |
| Name | meist Aurgelmir | Ymir; Aurgelmir nur bei den Reifriesen |
| Nachkommen | Mädchen und Junge unter dem Arm, sechsköpfiger Sohn | Mann und Frau unter dem linken Arm, Sohn ohne sechs Köpfe |
| Auðhumla, Búri | nicht erwähnt | ausführlich erzählt |
| Täter | „die Götter“ | Odin, Vili und Vé |
| Bergelmir | auf einen lúðr gelegt, keine Flut | überlebt die Blutflut auf seinem lúðr |
| Meer | aus Ymirs sveiti („Schweiß“/Blut) | aus Ymirs Blut |
| Zwerge | aus Brimirs Blut und Bláins Gliedern | wie Maden in Ymirs Fleisch |
Snorri „lügt“ nicht. Er sammelt, harmonisiert und füllt Lücken wie ein Gelehrter seiner Zeit. Aber wo ein Detail nur bei ihm steht, lies es als Snorris Fassung, nicht als „den“ nordischen Mythos.
Dass Ymirs Weltbau nicht bloß Gelehrtenwissen des 13. Jahrhunderts war, zeigt die Skaldendichtung. Skalden, die Hofdichter des Nordens, arbeiteten mit Kenningar – umschreibenden Bildern wie „Rabenfutter“ für Leichen. Snorris Dichterhandbuch Skáldskaparmál listet sie auf.
Den Himmel nennt man „Ymirs Schädel“ (Ymis haus), „Riesenschädel“, „Last der Zwerge“ oder „Helm von Vestri, Austri, Suðri und Norðri“. Snorri belegt das mit einer Strophe des Skalden Arnórr jarlaskáld aus dem 11. Jahrhundert, der vom „alten Schädel Ymirs“ spricht. Die Erde heißt „Ymirs Fleisch“ (Ymis hold), das Meer „Ymirs Blut“ (Ymis blóð); für Letzteres zitiert Snorri den Skalden Ormr Barreyjarskáld.
Das ist wichtig. Ein Dichter des 11. Jahrhunderts konnte „Ymirs Schädel“ nur sagen, wenn sein Publikum wusste, dass der Himmel aus einem Riesenkopf gemacht war. Die Grundzüge des Mythos sind also älter als Snorri, auch wenn seine Ausschmückungen jünger sein mögen.
Altnordisch Ymir wird von vielen Sprachwissenschaftlern auf eine indogermanische Wurzel *yem- „Zwilling, gepaart“ zurückgeführt. Verwandt wären der altindische Yama, der erste Sterbliche und König der Toten, und der iranische Yima, der erste König der Menschen. Bei einem Wesen, das aus sich selbst Mann und Frau hervorbringt, passt „Zwilling“ oder „Zwitter“ auffällig gut.
Unumstritten ist das nicht. Eine andere Erklärung verbindet den Namen mit altnordisch ymja „heulen, tosen“ – dann wäre Ymir „der Lärmende“, passend zu Aurgelmir und Bergelmir. Die Zwillingsthese gilt als besser begründet, bleibt aber eine These.
Ein zweiter Zeuge kommt aus Rom. Tacitus berichtet in der Germania (Kap. 2, um 98 n. Chr.), die Germanen besängen in alten Liedern Tuisto, einen erdgeborenen Gott, und seinen Sohn Mannus, den Stammvater ihrer Völker. Der Name Tuisto (in manchen Handschriften Tuisco) wird meist zu einem Wort für „zwei, doppelt“ gestellt – wieder ein Doppelwesen am Anfang.
Die Welt aus einem zerlegten Urwesen zu bauen, ist kein nordischer Einfall. Im indischen Rigveda (10,90), weit älter als die Edda, opfern die Götter den Urmenschen Purusha: Aus seinem Geist entsteht der Mond, aus seinem Auge die Sonne, aus seinem Kopf der Himmel, aus seinen Füßen die Erde. Das Schema – Körperteil wird Weltteil – gleicht Ymir, die Zuordnungen im Einzelnen sind andere.
Der Religionshistoriker Bruce Lincoln hat daraus eine einflussreiche These entwickelt: Hinter Ymir, Purusha und Yima stehe ein gemeinsamer indogermanischer Mythos, in dem ein Urmensch *Manu („Mann“) seinen Zwillingsbruder *Yemo („Zwilling“) opfert und aus dessen Körper die Welt baut. Ymir wäre ein Nachfahre von *Yemo, Tacitus’ Mannus ein Echo von *Manu. Auch Jaan Puhvel (Comparative Mythology, 1987) behandelt Ymir in diesem Zusammenhang.
Das ist elegant, aber eine Rekonstruktion: Kein Text erzählt den *Manu-*Yemo-Mythos. Und das Bild vom Weltkörper gibt es auch außerhalb der indogermanischen Welt. In China erzählt eine Überlieferung des 3. Jahrhunderts n. Chr. von Pangu, aus dessen Augen Sonne und Mond und aus dessen Blut die Flüsse wurden. Mit Ymir ist Pangu nicht verwandt; er zeigt nur, dass Menschen an verschiedenen Orten auf dieselbe Idee kamen.
Als Skandinavien im 18. Jahrhundert die Edda wiederentdeckte, wurde Ymir zum Bildmotiv. Nicolai Abildgaard malte um 1777 „Ymir saugt an der Kuh Auðhumla“ (oben zu sehen): ein muskulöser Riese, eher antiker Held als Eisungeheuer. Für Karl Gjellerups dänische Edda-Übersetzung (Den ældre Eddas Gudesange, 1895) zeichnete Lorenz Frølich gleich zu Beginn die Söhne Borrs beim Angriff auf Ymir.
In der Popkultur lebt Ymir sehr frei weiter: Im Anime „Attack on Titan“ heißt die Urahnin der Titanen Ymir Fritz, im Spiel „Valheim“ sammelst du „Ymir-Fleisch“ als Baumaterial – das nimmt den Mythos erstaunlich wörtlich –, und die Marvel-Comics kennen einen Frostriesen Ymir.
Der nordische Schöpfungsmythos kennt keine unbefleckte Erschaffung. Aus Gift wird Leben, aus einem Mord die Welt, aus totem Holz der Mensch. Das ist kein Pessimismus, sondern eine Weltsicht: Nichts entsteht aus dem Nichts, alles ist gewandelter Stoff, und selbst der Tod trägt den Keim des Neuen. Genau diese Haltung kehrt am Ende der Welt wieder, wenn nach Ragnarök aus dem Untergang eine neue, grüne Welt steigt.
Uns gefällt noch etwas: Jeder Stein, jeder Baum ist in dieser Vorstellung ein Stück des ersten Wesens. Wer Schiefer graviert, arbeitet – mythologisch gesehen – an Ymirs Knochen.
Wer ist Ymir in der nordischen Mythologie? Ymir ist der Urriese, das erste lebende Wesen der nordischen Schöpfungsgeschichte und Stammvater aller Riesen. Odin, Vili und Vé töteten ihn und bauten aus seinem Körper die Welt.
Was wurde aus Ymirs Körper gemacht? Fleisch wurde Erde, Blut Meer, Knochen Berge, Haar Bäume, Schädel Himmel, Hirn Wolken, und aus den Brauen entstand der Wall um Midgard.
Ist Ymir ein Gott oder ein Riese? Ein Riese; Snorri betont ausdrücklich, dass er kein Gott war. Über ihre Mutter Bestla stammen aber auch die Götter von Riesen ab.
Wer hat Ymir getötet und warum? Nach Snorri Odin, Vili und Vé, in den Eddaliedern „die Götter“. Ein Motiv nennt keine Quelle.
Ist Ymir dasselbe wie Aurgelmir? Nach Snorri ja: Die Reifriesen nennen ihn Aurgelmir, die Götter Ymir. Ob die Eddalieder ursprünglich zwei Gestalten meinten, ist nicht sicher.
Was bedeutet der Name Ymir? Wahrscheinlich „Zwilling“ oder „Zwitter“, verwandt mit dem indischen Yama und dem iranischen Yima. Eine andere Deutung leitet ihn von ymja „tosen, heulen“ ab.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Ginnungagap – die Urleere davor · Yggdrasil, der Weltenbaum · Das Götter-Pantheon (Asen & Wanen) · Ragnarök · Was kommt danach? · Die Edda als Quelle.
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