Die Welt der Wikinger ist buchstäblich aus einem Leichnam gebaut. Aus dem getöteten Urriesen Ymir formten die ersten Götter Himmel und Erde, Berge und Meer. Es ist einer der düstersten und zugleich großartigsten Schöpfungsmythen der Welt – und er beginnt mit einem tropfenden Eisblock.
Im Beitrag über Ginnungagap haben wir die Bühne aufgebaut: die gähnende Leere, das Eis Niflheims im Norden, das Feuer Muspelheims im Süden. Jetzt betritt das erste Wesen die Bühne – und mit ihm eine Erzählung von Geburt, Mord und Erschaffung, die von der Urkuh bis zum ersten Menschenpaar reicht.
Wo die warme Luft Muspelheims das vergiftete Ureis der Élivágar zum Schmelzen brachte, sammelten sich die Tropfen – und nahmen Gestalt an. So entstand Ymir (auch Aurgelmir genannt), der erste der Reifriesen, Ahn aller Riesengeschlechter. Ymir war zwitterhaft: Im Schlaf schwitzte er, und aus dem Schweiß seiner Achseln wuchsen ein Mann und eine Frau, während seine Beine miteinander einen Sohn zeugten. So vermehrte sich aus ihm allein das Volk der Riesen.
„Aus den Eiswogen quoll / der Wurm des Giftes, / es wuchs, bis ein Riese ward.“Vafþrúðnismál, nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Aus demselben schmelzenden Eis entstand ein zweites Wesen: die Urkuh Audhumla. Vier Milchströme flossen aus ihrem Euter und nährten den Riesen Ymir. Die Kuh selbst aber leckte am salzigen Reif der Eisblöcke – und was sie da freilegte, war der Anfang der Götter: Am ersten Tag kam ein Haar zum Vorschein, am zweiten ein Kopf, am dritten ein ganzer, schöner Mann. Er hieß Búri, der erste Gott.

Búri zeugte einen Sohn, Borr (Bur). Borr nahm die Riesentochter Bestla zur Frau, und aus dieser Verbindung von Gott und Riesin gingen drei Brüder hervor: Odin, Vili und Vé. In den Adern der obersten Götter fließt also von Anfang an auch Riesenblut – ein Grundzug der nordischen Mythologie, in der Götter und Riesen unauflöslich verwandt und verfeindet zugleich sind.
Die drei Brüder erschlugen Ymir. In seinem Blut ertranken fast alle Riesen wie in einer Sintflut; nur einer, Bergelmir, entkam mit seiner Frau in einem hohlen Trog und wurde zum Stammvater der neuen Riesengeschlechter. Dieses Motiv – eine Urflut aus dem Blut des getöteten Riesen, aus der ein einziges Paar entkommt – ist eine der vielen Flutsagen der Menschheit und wird von der Forschung gern mit anderen indogermanischen Überlieferungen verglichen.
Nun bauten Odin, Vili und Vé aus dem toten Riesen die Welt. Kein Teil blieb ungenutzt – der Mythos ist von fast anatomischer Konsequenz:
„Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen, / aus dem Schweiße die See, / Berge aus dem Gebein, die Bäume aus dem Haar, / und aus der Hirnschale der Himmel.“Grímnismál 40–41, nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Sein Fleisch wurde zur Erde, sein Blut zu Meer und Seen, seine Knochen zu Bergen, seine Zähne und zersplitterten Knochen zu Fels und Geröll, sein Haar zu Bäumen. Aus seinem Schädel wölbten die Götter den Himmel und stellten an seine vier Ecken vier Zwerge – Nordri, Sudri, Austri und Vestri (Norden, Süden, Osten, Westen) –, die ihn tragen. Sein Hirn warfen sie in die Luft, und daraus wurden die Wolken. Funken und Glut aus Muspelheim setzten sie an den Himmel: die Sterne, die Sonne, den Mond. Aus Ymirs Augenbrauen schließlich errichteten sie einen Wall und schufen dahinter Midgard („Mittelgarten“), die geschützte Welt der Menschen, ringsum von einem Ozean umgeben, in dem später die Midgardschlange liegt.
Die Welt stand, aber sie war leer. Da fanden die Götter am Meeresstrand zwei Stämme Treibholz – und schufen daraus die ersten Menschen. Nach der Völuspá gaben ihnen drei Götter (Odin und zwei Gefährten, in einer Fassung Odin, Hœnir und Lóðurr) je eine Gabe: Odin den Atem und den Lebensgeist (önd), der zweite den Verstand und die Bewegung, der dritte Wärme, Farbe und die Sinne. So wurden aus totem Holz der Mann Ask („Esche“) und die Frau Embla (wohl „Ulme“ oder „Rebe“) – die Ureltern aller Menschen.
„Atem gab Odin, / Verstand gab Hönir, / Blut gab Lódur / und blühende Farbe.“Völuspá, nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Dass ausgerechnet Holz zum ersten Menschen wird, ist kein Zufall in einer Welt, in der Bäume – allen voran die Weltesche Yggdrasil – das Rückgrat des Alls bilden. Der Mensch ist im Norden buchstäblich aus dem Baum gemacht.

Der nordische Schöpfungsmythos kennt keine reine, unbefleckte Erschaffung. Alles Werden ist hier mit Gewalt und Verwandlung verbunden: Aus Gift wird Leben, aus einem Mord wird die Welt, aus totem Holz wird der Mensch. Das ist kein Pessimismus, sondern eine Weltsicht, die im rauen Norden ihren Sinn hatte – nichts entsteht aus dem Nichts, alles ist gewandelter Stoff, und selbst der Tod trägt schon den Keim des Neuen in sich. Genau diese Haltung kehrt am Ende der Welt wieder, wenn nach Ragnarök aus dem Untergang eine neue, grüne Welt steigt.
Ginnungagap – die Urleere davor · Yggdrasil, der Weltenbaum · Das Götter-Pantheon (Asen & Wanen) · Ragnarök · Was kommt danach? · Die Edda als Quelle.
Lieder-Edda (Codex Regius): Völuspá, Vafþrúðnismál, Grímnismál (Str. 40–41). Snorri Sturluson, Prosa-Edda / Gylfaginning (Kap. 5–8), um 1220. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001); Bruce Lincoln, Myth, Cosmos, and Society (Harvard 1986) zu den indogermanischen Parallelen (Ymir – Purusha – *Yama). Beleg und vergleichende Deutung sind im Text getrennt gehalten.