Nicht Eisen und nicht Ketten bändigten das gewaltigste Ungeheuer des Nordens, sondern ein Band, dünn und weich wie ein Seidenfaden: Gleipnir, die Zauberfessel, die den Fenriswolf hält.
Zwei schwere Eisenketten hatte Fenrir mühelos zersprengt. Also ließen die Götter die Zwerge in Svartalfheim ein neues Band schmieden – aus sechs Dingen, die es nicht gibt: dem Geräusch einer Katzenpfote, dem Bart einer Frau, den Wurzeln eines Berges, den Sehnen eines Bären, dem Atem eines Fisches und dem Speichel eines Vogels. Genau deshalb, sagt die Edda augenzwinkernd, gibt es diese Dinge heute nicht mehr: Sie stecken alle in Gleipnir.
Fenrir witterte die List und ließ sich nur fesseln, wenn ihm ein Gott zum Pfand die Hand ins Maul legte. Nur der Kriegsgott Tyr wagte es. Als der Wolf merkte, dass er sich nicht mehr befreien konnte, biss er zu – und Tyr verlor seine rechte Hand. So hält Gleipnir den Wolf bis zum Ragnarök, wenn er sich losreißt und die Welt verschlingt.
Gleipnir ist die dritte und letzte Fessel. Fenrir, der Wolfssohn Lokis, wuchs bei den Göttern heran – doch eine Prophezeiung warnte, dass er ihnen einst den Untergang bringen werde. Also versuchten sie, ihn zu binden. Die erste Kette Leyding zersprengte er beim ersten Zucken, die zweite, stärkere Dromi ebenso. Erst das zarte, unscheinbare Band aus der Zwergenschmiede hielt.
Auf der Insel Lyngvi im See Amsvartnir wurde der Wolf gefesselt; das Ende von Gleipnir zogen die Götter durch eine Steinplatte und befestigten es tief in der Erde. Ein Schwert stellten sie ihm zwischen die Kiefer, damit er nicht zubeißen könne. So liegt Fenrir gebunden – bis er sich beim Ragnarök losreißt und Odin verschlingt. Die stärkste Fessel der Welt ist am Ende doch nur ein Aufschub.
Der Fenriswolf · Tyr · Die Zwerge · Ragnarök.
Snorri Sturluson, Gylfaginning (34). Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.