Muspelheim ist in der nordischen Mythologie die Welt des Feuers im Süden: hell, heiß und für Fremde unbetretbar, bewacht vom Feuerriesen Surtr mit seinem flammenden Schwert. Aus ihren Funken entstehen nach Snorri das Leben in der Urkluft und die Lichter am Himmel – und aus ihr reiten am Ende die Söhne Muspells über Bifröst, um die Welt zu verbrennen. Doch der Name „Muspelheim“ steht nur bei Snorri, und das Wort dahinter taucht ausgerechnet in christlichen Gedichten vom Jüngsten Tag auf. Hier trennen wir Quelle, Systematik und Deutung.
Die meisten Schöpfungsgeschichten beginnen im Dunkeln. Die nordische, so wie Snorri Sturluson sie um 1220 aufgeschrieben hat, beginnt mit zwei Extremen. Im Norden liegt eine Welt aus Nebel, Eis und Reif. Im Süden liegt eine Welt, die so hell und so heiß ist, dass niemand sie betreten kann, der dort nicht zu Hause ist. Dazwischen gähnt die Leere. Und an der Grenze der Feuerwelt sitzt einer, der wartet. Seit dem Anfang. Bis zum Ende.
Diese Feuerwelt heißt Muspelheim, altnordisch Múspellsheimr, „Heim des Múspell“ – bei Snorri oft auch einfach Múspell. Niemand reist dorthin, kein Gott besucht sie, keine Saga erzählt von ihren Hallen. Muspelheim ist eher eine Kraft als ein Ort: Ursprung von Hitze und Licht und zugleich die Drohung, die über allem hängt.
Gleich vorweg die wichtigste Unterscheidung: Das Wort Múspell ist alt und rätselhaft, es steht in der Lieder-Edda und sogar in zwei Dichtungen vom Festland. Den Namen Múspellsheimr und die saubere Weltkarte mit Feuer im Süden und Eis im Norden kennen wir dagegen nur aus Snorris Prosa-Edda.
Die Gylfaginning („Gylfis Täuschung“) ist der erste große Teil der Prosa-Edda. Der Sagenkönig Gylfi befragt darin drei geheimnisvolle Gestalten namens Hár, Jafnhár und Þriði über die Götter und die Welt. Als er wissen will, was am Anfang war, beschreibt man ihm zuerst die Urleere Ginnungagap und die eisige Niflheim. Dann folgt in Kapitel 4 der entscheidende Satz, hier sinngemäß wiedergegeben:
„Zuerst aber war die Welt im südlichen Teil, die Múspell heißt. Sie ist hell und heiß; jene Gegend lodert und brennt, und unbetretbar ist sie für die, die dort fremd sind und kein Erbland dort haben. Surtr heißt der, der dort am Ende des Landes sitzt, um es zu bewachen. Er hat ein flammendes Schwert, und am Ende der Welt wird er ausziehen und heeren, alle Götter besiegen und die ganze Welt mit Feuer verbrennen.“Snorra-Edda, Gylfaginning 4; eigene Übertragung
Auffällig ist das Wörtchen „zuerst“: Muspelheim existierte schon, bevor Götter, Riesen und Menschen da waren. Und es hat einen Wächter, der in der ganzen Erzählung kein einziges Mal aufsteht – bis zum letzten Kapitel.
In Kapitel 5 erklärt Snorri dann, wie die beiden Welten über Ginnungagap zusammenwirken. Der nördliche Teil der Urkluft füllt sich mit Eis, Reif und eisigem Sprühregen aus den Flüssen Élivágar. Der südliche Teil aber wird erhellt von den Funken und glühenden Brocken, die aus Muspelheim herausfliegen. Wo die Hitze auf den Reif trifft, schmilzt er und tropft – und, so Snorri, „durch die Kraft dessen, der die Hitze sandte“, wird aus den Tropfen Leben: der Urriese Ymir. Kurz darauf entsteht auch die Urkuh Auðhumla, von deren Milch Ymir sich nährt.
Wer dieser Sender der Hitze ist – Surtr, eine namenlose Urmacht oder, durchschimmernd, der christliche Schöpfergott –, sagt der Text nicht.
Ymir wird später von Odin und seinen Brüdern getötet, aus seinem Körper bauen sie die Welt. Doch eine Welt braucht Licht. Hier greift Snorri wieder auf Muspelheim zurück. In Kapitel 8 nehmen die Söhne Bors die glühenden Funken und Feuerbrocken, die aus Muspelheim herausgeschleudert worden waren und frei umhertrieben, und setzen sie mitten in Ginnungagap an den Himmel, oben wie unten, um Himmel und Erde zu erleuchten. Einige Lichter befestigen sie fest, anderen geben sie eine Bahn unter dem Himmel. Aus ihnen, heißt es, werden Tage und Jahre gezählt.
In Kapitel 11 kommt Snorri noch einmal darauf zurück: Die Sonne, die Sól mit ihrem Gespann über den Himmel zieht, hätten die Götter aus dem Funkenflug Muspelheims geformt, um die Welten zu erleuchten. Mehr über die Sonnengöttin und ihre Vorgeschichte findest du in unserem Beitrag über Sunna und Sól.
Das Licht, nach dem wir die Zeit messen, ist also geliehenes Feuer aus jener Welt, die am Ende alles verbrennen wird. Jeder Stern ist, wenn man Snorri folgt, ein gezähmter Splitter des Weltenbrandes. Für eine Weile.
Der Wächter Muspelheims heißt Surtr. Der Name bedeutet wohl „der Schwarze“, verwandt mit altnordisch svartr. John Lindow hat vorgeschlagen, der Name könne an ein verkohltes Aussehen denken lassen. Mehr zur Figur im Artikel über Surtur, den Feuerriesen.
Surtr ist alt. Er erscheint nicht erst bei Snorri, sondern in mehreren Liedern der Lieder-Edda. In den Vafþrúðnismál fragt Odin den weisen Riesen nach dem Feld, auf dem Surtr und die Götter einander begegnen werden; die Antwort lautet Vígríðr, ein Feld von hundert Rasten (Wegmaßen) in jede Richtung. Später im selben Lied heißt es, Víðarr und Váli würden in den Heiligtümern der Götter wohnen, „wenn Surts Lohe erlischt“ (Surtalogi). Surtr ist also schon in der Dichtung mit dem Feuer verbunden, das am Ende alles erfasst.
Eine etwas versteckte Stelle steht in den Fáfnismál, dem Gespräch zwischen Sigurd und dem sterbenden Drachen Fáfnir. In Strophe 14 fragt Sigurd, wie die Insel heiße, auf der Surtr und die Asen ihr Blut mischen werden. Fáfnir antwortet in Strophe 15: Óskópnir. Dort würden alle Götter mit Speeren kämpfen, und die Brücke breche, wenn sie hinausziehen. Óskópnir und Vígríðr sind offenbar zwei Namen für denselben Endkampfplatz – oder zwei verschiedene Überlieferungen, die nie vereinheitlicht wurden.
Snorri macht aus diesem Riesen den ewigen Grenzwächter. Andy Orchard hat darauf hingewiesen, dass das Bild an einen biblischen Wächter erinnert: Im ersten Buch Mose stehen nach der Vertreibung aus dem Paradies Cherubim mit flammendem Schwert vor dem Garten Eden.
Die Lieder-Edda nennt nie ein Muspelheim. Sie kennt nur die Leute oder Söhne des Múspell – als wäre Múspell eine Person, keine Landschaft.
Die berühmteste Stelle steht in der Völuspá, der „Weissagung der Seherin“. Mehr zu diesem Gedicht und seiner Überlieferung findest du in unserem Beitrag über die Edda. In Strophe 51 (nach der Zählung des Codex Regius) fährt ein Schiff von Osten heran. Es tragen „Muspells Leute“ (Múspells lýðir) über die See, und am Steuer steht Loki. Karl Simrock übersetzte 1851: „Der Kiel fährt von Osten, da kommen Muspels Söhne“.
Die folgende Strophe 52 gehört zu den stärksten Bildern der ganzen Edda:
„Surtr fährt von Süden mit dem Verderber der Zweige,
vom Schwert der Kampfgötter scheint die Sonne.
Steinberge krachen, Riesinnen straucheln,
Helden treten den Helweg, der Himmel zerreißt.“Völuspá 52; eigene, eng am Altnordischen bleibende Übertragung
Der „Verderber der Zweige“ (sviga lævi) ist eine dichterische Umschreibung, eine sogenannte Kenning: Gemeint ist das Feuer, das Äste und Wälder vernichtet. In der nächsten Strophe kämpft dann Freyr, der „Töter Belis“, gegen Surtr – und verliert.
Ein weiteres Zeugnis bietet die Lokasenna, das Zankgedicht, in dem Loki beim Gelage des Meeresriesen Ägir alle Götter beleidigt. In Strophe 42 verspottet er Freyr: Mit Gold habe er die Riesentochter Gerðr gekauft und dafür sein Schwert weggegeben. Wenn aber Muspells Söhne über den Myrkviðr, den Dunkelwald, reiten, wisse er nicht, womit er kämpfen solle. Die Geschichte vom verschenkten Schwert erzählen wir ausführlich im Beitrag über die Skírnismál. Hier zählt: Schon die Dichtung verbindet die Söhne Muspells, das Ende der Welt und Freyrs fehlende Waffe.
Weil die Völuspá Muspells Leute mit dem Schiff kommen lässt, Snorri sie aber über die Brücke reiten lässt, haben Herausgeber eingegriffen: Henry Adams Bellows setzte 1923 in Strophe 51 „Hel“ statt „Muspell“ und „Norden“ statt „Osten“ – mit dem ehrlichen Hinweis, dass die Handschriften anders lesen. Die Überlieferung ist nicht so glatt, wie spätere Systematiker sie gern hätten.
Bei Snorri wird aus diesen verstreuten Versen eine durchkomponierte Endzeitschlacht. Schon in Kapitel 13, bei der Beschreibung der Regenbogenbrücke Bifröst, lässt er Gylfi erfahren: So stark die Brücke auch sei, sie werde brechen, wenn Muspells Söhne ausziehen, um zu heeren, und über sie reiten.
In Kapitel 51 löst Snorri dieses Versprechen ein. In seiner Erzählung von Ragnarök spaltet sich unter dem Getöse der Endzeit der Himmel, und Muspells Söhne reiten heraus. Surtr reitet an der Spitze, vor ihm und hinter ihm brennendes Feuer; sein Schwert ist überaus gut, und von ihm strahlt es heller als die Sonne. Als sie über Bifröst reiten, bricht die Brücke. Die Söhne Muspells ziehen zum Feld Vígríðr, wo sie eine eigene Schlachtreihe bilden, die sehr hell leuchtet. Dort treffen auch der Fenriswolf, die Midgardschlange, Loki mit dem Gefolge der Hel und die Reifriesen ein.
Im Kampf trifft Freyr auf Surtr. Es wird ein harter Zweikampf, doch Freyr fällt, weil ihm das gute Schwert fehlt, das er einst seinem Diener Skírnir gab. Nachdem alle Götter und Ungeheuer einander erschlagen haben, schleudert Surtr Feuer über die Erde und verbrennt die ganze Welt.
Wer genau liest, bemerkt eine stille Umsortierung: In der Völuspá steuert Loki das Schiff mit Muspells Leuten. Bei Snorri führt Loki das Volk der Hel an, und das Schiff Naglfar steuert der Riese Hrymr. Snorri glättet und verteilt die Rollen neu – seine Version ist nicht einfach „die“ nordische Endzeit.
Und dann? Die Welt brennt, sinkt ins Meer und taucht grün wieder auf; das Menschenpaar Líf und Lífþrasir hat Surts Lohe im Holz Hoddmímirs überstanden. Mehr dazu im Beitrag Was kommt nach Ragnarök? Das Feuer Muspelheims ist nicht das letzte Wort, sondern ein Durchgang.
Die Form Múspellsheimr ist ausschließlich in Snorris Prosa-Edda belegt. Kein Eddalied, kein Skaldengedicht, keine Runeninschrift nennt eine Welt dieses Namens.
Dazu kommt: Die bekannte Liste der „neun Welten“, in der Muspelheim neben Asgard, Midgard, Jötunheim und den anderen auftaucht, findet sich so in keiner mittelalterlichen Quelle. Die Völuspá spricht zwar von neun Welten, zählt sie aber nicht auf, und auch Snorri liefert keine solche Liste. Die heute verbreitete Neunerreihe ist eine moderne Rekonstruktion. Wie sie zustande kam und was die Edda tatsächlich sagt, erklären wir ausführlich im Artikel über die neun Welten.
Snorris Kosmologie – Feuer im Süden, Eis im Norden, die Leere dazwischen – ist ein Meisterwerk der Ordnung. Ob ein heidnischer Isländer des 10. Jahrhunderts die Welt genau so sah, wissen wir nicht; dass der gelehrte Christ Snorri gelehrte Vorstellungen vom heißen Süden und kalten Norden einfließen ließ, ist gut vorstellbar. Mehr über ihn in unserem Porträt Snorri Sturluson.
Das erste Zeugnis ist ein althochdeutsches Gedicht, das die Forschung nach eben diesem Wort Muspilli nennt. Es ist in einer einzigen Handschrift erhalten, heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München (Clm 14098). Der Codex enthält eigentlich einen lateinischen theologischen Text, den Bischof Adalram von Salzburg dem jungen Ludwig dem Deutschen überreicht hatte. Irgendwann im 9. Jahrhundert trug jemand in bairischer Mundart, ziemlich unordentlich und mit vielen Schreibfehlern, ein stabreimendes Gedicht auf leere Seiten und Ränder ein. Erhalten sind 103 Verse; Anfang und Schluss fehlen.
Inhaltlich ist das Muspilli durch und durch christlich: Seelengericht, Jüngstes Gericht, Elias gegen den Antichrist. Wenn Elias' Blut auf die Erde tropft, heißt es sinngemäß, entbrennen die Berge, kein Baum bleibt stehen, die Gewässer vertrocknen, der Mond fällt, und die ganze Erde brennt. In Vers 57 steht dann das Schlüsselwort:
„dar ni mac denne mak andremo helfan uora demo muspille“
„Da kann dann kein Verwandter dem anderen helfen vor dem Muspille.“Muspilli, V. 57; eigene Übertragung
Das zweite Zeugnis ist der altsächsische Heliand, eine stabreimende Evangeliendichtung aus der ersten Hälfte oder Mitte des 9. Jahrhunderts. Dort taucht das Wort zweimal auf, in den Formen mutspelli und mudspelli (um Vers 2591 und Vers 4358). An der zweiten Stelle kommt das Mudspelli in finsterer Nacht, so wie ein Dieb – ein deutlicher Anklang an das biblische Wort, der Tag des Herrn komme wie ein Dieb in der Nacht.
Dreimal dasselbe Wort in drei Sprachen – Múspell, mudspelli, muspilli –, jedes Mal verbunden mit dem Weltende. Zufall ist das nicht.
Über zwanzig Herleitungen sind vorgeschlagen worden, keine hat sich durchgesetzt.
Eine verbreitete Deutung zerlegt das Wort in einen ersten Bestandteil, der „Erde“ oder „Welt“ bedeuten könnte, und einen zweiten, der zu einem Wortstamm für „Zerstörung, Verderben“ gestellt wird. Dann hieße Muspilli so viel wie „Weltvernichtung“ – eine Bedeutung, die gut zu allen drei Belegen passt. Andere haben im zweiten Teil das germanische Wort für „Rede, Spruch“ gesehen, das etwa im gotischen spill („Erzählung“) steckt. Dann ginge es eher um ein Urteil, einen Richterspruch am Ende der Zeit. Wieder andere halten den ersten Teil für eine Entlehnung aus dem lateinischen mundus („Welt“), was das Wort zu einer christlichen Neubildung machen würde.
Zwei Lager stehen sich gegenüber:
Für die zweite These spricht, dass die nordischen Texte das Wort wie einen undurchsichtigen Namen behandeln; für die erste, dass Surtr und das Weltenfeuer in mehreren Liedern fest verankert sind. Die ehrlichste Antwort: Wir wissen es nicht. Sicher ist, dass Múspell schon im 9. Jahrhundert an der Nahtstelle zwischen alten Endzeitbildern und christlicher Lehre stand.
Im Westen der Insel, im Lavafeld Hallmundarhraun, liegt Surtshellir, „Surts Höhle“, eine Lavaröhre von gut anderthalb Kilometern Länge. Das Lavafeld entstand bei einem langen Ausbruch in den ersten Jahrzehnten der Besiedlung Islands, also etwa zwischen 880 und 920. Das Landnámabók, das isländische „Buch der Landnahme“, erzählt von einem Mann namens Þorvaldr holbarki, der durch das Hochland zog, um in der Höhle ein Preisgedicht auf den dort hausenden Riesen vorzutragen.
Lange hielt man Surtshellir für einen Unterschlupf von Geächteten. Grabungen in den Jahren 2001, 2012 und 2013, an denen unter anderem der Archäologe Kevin P. Smith beteiligt war, haben ein anderes Bild ergeben. Tief in der Höhle fanden sich Tierknochen von Schafen oder Ziegen, Pferden, Schweinen und Rindern, die heute als Reste ritueller Handlungen in der Wikingerzeit gedeutet werden – über einige Jahrzehnte hinweg, bis kurz vor die Annahme des Christentums um das Jahr 1000. Ob diese Rituale Surtr galten, lässt sich archäologisch nicht beweisen.
Der zweite isländische Surtr ist jünger. Am 14. November 1963 begann vor der Südküste Islands, bei den Westmännerinseln, ein unterseeischer Vulkanausbruch. Aus dem Meer wuchs eine neue Insel, und die Isländer nannten sie Surtsey, „Surts Insel“. Der Ausbruch dauerte bis 1967. Heute ist Surtsey ein streng geschütztes Naturreservat und seit 2008 UNESCO-Welterbe, weil man dort beobachten kann, wie Pflanzen und Tiere eine völlig neue Landfläche besiedeln.
Island ist ein Land aus Feuer und Eis. Was liegt näher, als Snorris Schöpfungsbild – Funken aus dem Süden treffen auf Reif aus dem Norden – als Spiegel isländischer Naturerfahrung zu lesen?
Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hat die britische Skandinavistin Bertha Phillpotts Surtr als eine Art Vulkandämon gedeutet, inspiriert von isländischen Ausbrüchen. 2018 legte ein Team um den Vulkanologen Clive Oppenheimer (Cambridge), mit dem Mediävisten Andy Orchard, in der Fachzeitschrift Climatic Change eine Studie vor, die den gewaltigen Ausbruch der Eldgjá-Spalte in Südisland auf die Jahre 939 bis mindestens 940 datiert. Die Autoren argumentieren, die düsteren Bilder der Völuspá – verdunkelte Sonne, sinkendes Land, Dampf und Feuer – könnten Erinnerungen an diese Katastrophe spiegeln, und die Dichtung habe sie womöglich gezielt genutzt, um den Wechsel zum Christentum vorzubereiten.
Reizvoll, aber nicht gesichert. Dagegen spricht einiges. Rudolf Simek gibt zu bedenken, dass die Vorstellung von Surtr als Gegner der Götter wahrscheinlich nicht erst in Island entstand; seine südliche Herkunft erkläre sich eher aus der Verbindung von Süden und Hitze. Und das Muspilli aus Bayern und der Heliand aus dem sächsischen Raum zeigen, dass das Wort vom Weltenbrand schon auf dem Kontinent bekannt war – weit weg von jedem Vulkan.
Unsere Einschätzung: Die Vulkanlandschaft dürfte die Bilder gefärbt und lebendig gemacht haben – erfunden hat sie den Weltenbrand vermutlich nicht.
Lässt man die Debatten beiseite, bleibt ein geschlossenes Bild. Das Feuer aus dem Süden steht am Anfang, denn ohne seine Hitze entsteht kein Ymir. Es steht in der Mitte, denn seine Funken leuchten als Sonne und Sterne. Und es steht am Ende, wenn Surtr sein Schwert schwingt. Was Wärme spendet, kann auch zerstören; Ordnung ist dem Chaos nur abgerungen. Heimdall wacht an der Brücke, Surtr an der Grenze. Beide warten.
Bei uns in der Werkstatt in Alsdorf hat das eine handfeste Seite: Ein Laser ist gebündeltes Licht, das Material verbrennt. Jede Gravur ist ein kleiner, gezähmter Funke.
Die Popkultur hat Muspelheim mit viel mehr Inventar ausgestattet, als die Quellen hergeben. Bei Marvel ist Surtur ein riesiger Feuerdämon, der im Film „Thor: Tag der Entscheidung“ (2017) Asgard in Brand setzt; im Spiel „God of War Ragnarök“ (2022) treten Surtr und Sinmara auf – deren Verbindung zu Surtr in den Fjölsvinnsmál nur eine Herausgebervermutung ist. Lavareiche mit Burgen und Dämonenheeren kennt die Edda nicht. Wie die Eddas auch Tolkien prägten, zeigen wir in Tolkien und die Edda.

Was ist Muspelheim in der nordischen Mythologie? Muspelheim ist nach Snorris Prosa-Edda die heiße, helle Feuerwelt im Süden, die schon vor der Schöpfung bestand. Ihre Funken lassen in Ginnungagap das Eis schmelzen, sodass der Urriese Ymir entsteht, und werden später zu Sonne und Sternen.
Wer herrscht über Muspelheim? Snorri nennt den Feuerriesen Surtr als Wächter, der am Ende des Landes sitzt und ein flammendes Schwert trägt. Als König bezeichnet ihn keine mittelalterliche Quelle ausdrücklich.
Wer sind die Söhne Muspells? So nennen die Edda-Lieder und Snorri die Schar, die zu Ragnarök gegen die Götter zieht. Bei Snorri reiten sie mit Surtr an der Spitze über Bifröst, das unter ihnen zerbricht; wer sie genau sind, sagt keine Quelle.
Kommt Muspelheim in der Lieder-Edda vor? Nein, der Name Múspellsheimr steht nur bei Snorri. Die Lieder kennen „Muspells Söhne“ oder „Muspells Leute“, etwa in Völuspá 51 und Lokasenna 42.
Was hat Muspelheim mit dem Muspilli zu tun? Das althochdeutsche Gedicht Muspilli aus dem 9. Jahrhundert verwendet dasselbe Wort für das Weltende im Feuer, ebenso der altsächsische Heliand. Ob es ein heidnisches Erbwort oder ein christliches Lehnwort ist, ist bis heute umstritten.
Ist die Insel Surtsey nach Surtr benannt? Ja, die Vulkaninsel, die ab dem 14. November 1963 vor Island aus dem Meer wuchs, heißt „Surts Insel“. Auch die Lavahöhle Surtshellir im Westen Islands trägt seinen Namen.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Surtur – der Feuerriese · Niflheim – die Eiswelt · Ginnungagap · Ragnarök · Bifröst.
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