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Lif und Lifthrasir – das Menschenpaar, das Ragnarök überlebt

Mythologie Lif und Lifthrasir – das Menschenpaar, das Ragnarök überlebt

Lif und Lifthrasir (altnordisch Líf und Lífþrasir) sind die beiden Menschen, die nach der Edda den Weltuntergang Ragnarök überleben: Sie verbergen sich in Hoddmímis holt, dem Gehölz des Hort-Mímir, ernähren sich vom Morgentau und werden zu Stammeltern einer neuen Menschheit. Belegt ist das nur in zwei Strophen des Eddalieds Vafþrúðnismál und in Snorris Nacherzählung. Wir zeigen dir, was dort wirklich steht, was die Namen bedeuten, ob ihr Versteck der Weltenbaum ist und warum die beiden kein nordisches Adam und Eva sind.

Zwei Strophen und ein Nachsatz

Bevor wir deuten, zählen wir. Über Lif und Lifthrasir wissen wir genau so viel, wie in sehr wenigen Zeilen steht. Kein Runenstein, kein Bildstein, kein Skaldenvers und keine Saga nennt sie.

Die gesamte Überlieferung besteht aus zwei Texten. Der erste ist das Eddalied Vafþrúðnismál, erhalten im Codex Regius der Lieder-Edda (um 1270; das Lied selbst ist älter). Dort stehen die beiden Strophen 44 und 45: eine Frage, eine Antwort. Der zweite Text ist die Gylfaginning in der Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson (um 1220). Snorri erzählt in Kapitel 53 nach, was nach dem Weltuntergang geschieht, nennt die beiden und zitiert anschließend genau diese Strophe aus dem Vafþrúðnismál.

Snorri ist also keine unabhängige zweite Quelle. Er kannte das Lied, er stützt sich darauf, und er fügt eine eigene Zeitangabe hinzu, auf die wir gleich zurückkommen. Alles, was darüber hinausgeht, ist Deutung, auch alles, was du in diesem Artikel lesen wirst. Gerade weil der Text so knapp ist, lohnt es sich, jedes Wort umzudrehen.

Beleg: Vafþrúðnismál Str. 44–45 (Lieder-Edda, Codex Regius, GKS 2365 4to); Snorri Sturluson, Gylfaginning Kap. 53 (Prosa-Edda, um 1220), dort mit Zitat derselben Strophe. Weitere Belege aus der Wikingerzeit gibt es nicht.

Die Frage im Wissenswettstreit

Um die Strophen zu verstehen, musst du wissen, wo sie stehen. Das Vafþrúðnismál ist ein Wissenswettstreit auf Leben und Tod. Odin besucht unter falschem Namen den Riesen Vafþrúðnir, der als der klügste seines Geschlechts gilt. Beide fragen einander über die Welt aus, über ihren Anfang, ihre Ordnung und ihr Ende. Wer eine Antwort schuldig bleibt, verliert den Kopf.

Gegen Ende des Lieds wendet sich Odin der Zukunft zu. Jede seiner Fragen beginnt mit derselben Formel: Viel bin ich gefahren, viel habe ich versucht, viel habe ich die Mächte geprüft. Dann fragt er in Strophe 44, welche Menschen überleben werden, wenn der berühmte fimbulvetr unter den Menschen zu Ende geht. Fimbulvetr heißt „gewaltiger Winter“; Snorri beschreibt ihn später als drei Winter hintereinander ohne Sommer dazwischen.

Vafþrúðnir antwortet in Strophe 45. Im Altnordischen, nach der normalisierten Ausgabe:

Líf ok Lífþrasir, en þau leynask munu
í holti Hoddmímis;
morgindöggvar þau sér at mat hafa,
en þaðan af aldir alask.Vafþrúðnismál 45, altnordischer Text (normalisiert)

Sinngemäß übertragen heißt das:

Líf und Lífþrasir, die werden sich bergen
im Gehölz des Hoddmímir;
Morgentau haben sie sich zur Speise,
und von dort her wachsen die Geschlechter.Vafþrúðnismál 45, eigene Übertragung

Vier Zeilen, eine ganze Weltsicht. Die Frage richtet sich nicht nach Göttern, sondern nach Menschen. Die Antwort nennt zwei Namen, einen Ort, eine Nahrung und eine Zukunft. Bemerkenswert ist auch, wer hier spricht: ein Riese. Das Wissen um das Fortbestehen der Menschheit liegt nicht bei den Asen, sondern bei einem der ältesten Wesen der Welt.

Unmittelbar danach fragt Odin, woher die neue Sonne kommt und wer die Herrschaft der Götter erbt. Lif und Lifthrasir sind also ein Baustein in einer Reihe von Zukunftsfragen, kein isolierter Märchenschnipsel.

Was Snorri daraus macht: Feuer statt Winter

Gut fünfzig Jahre bevor der Codex Regius geschrieben wurde, erzählte Snorri die Geschichte in Prosa. Bei ihm beschreibt eine Gestalt namens Hárr („der Hohe“) dem schwedischen König Gylfi, was nach Ragnarök kommt: Die Erde steigt grün und schön aus dem Meer, Korn wächst ungesät, die überlebenden Götter finden sich zusammen. Dann folgt der Satz über die Menschen, hier in eigener Übertragung:

An dem Ort, der Hoddmímis holt heißt, verbergen sich während Surts Lohe zwei Menschen, die Líf und Leifþrasir heißen, und sie haben Morgentau zur Speise. Und von diesen Menschen kommt ein so großes Geschlecht, dass die ganze Welt bewohnt wird.Gylfaginning 53, eigene Übertragung nach dem Codex Regius der Snorra-Edda

Lies genau hin, dann fällt dir eine Verschiebung auf. Im Lied überleben die beiden den fimbulvetr, also den großen Winter, der Ragnarök vorausgeht. Bei Snorri verbergen sie sich während des Weltbrands, den der Feuerriese Surtr entfacht. Das sind zwei verschiedene Katastrophen in der Erzählfolge: erst die Kälte, dann der Kampf, dann das Feuer.

Warum Snorri das verändert, wissen wir nicht. Möglich ist, dass er die Szene einfach dorthin setzte, wo sie in seiner durchkomponierten Erzählung am meisten Wirkung hat, nämlich in den Brand selbst. Ein Holz, das im Weltbrand Schutz bietet, ist jedenfalls ein kühneres Bild als ein Wald gegen Frost, und für die Deutung des Ortes spielt das eine Rolle.

Eine zweite Kleinigkeit: Snorri nennt die beiden menn tveir, „zwei Menschen“. Das altnordische maðr bedeutet zuerst „Mensch“, nicht „Mann“. Über das Geschlecht sagt das nichts.

Leben und der nach Leben Strebende: die Namen

Líf ist durchsichtig. Das Wort ist identisch mit dem altnordischen Hauptwort líf, „Leben, leibliches Leben“, verwandt mit unserem „Leib“ und „bleiben“.

Schwieriger ist Lífþrasir. Das erste Glied ist wieder „Leben“. Das zweite, -þrasir, ist seltener und wird unterschiedlich erklärt. Häufig liest man „der nach Leben Strebende“ oder „der am Leben Festhaltende“; das isländische Dichtungslexikon von Sveinbjörn Egilsson (Lexicon Poëticum, 1860) bietet Deutungen in Richtung „Liebhaber des Lebens“ oder „Lebenslust“. Eine sichere Übersetzung gibt es nicht. Auffällig ist, dass dasselbe Glied im selben Lied noch einmal vorkommt: In Strophe 49 ist von Mögþrasir die Rede, über dessen Hügel drei Scharen von Mädchen ziehen. Auch dieser Name ist ungeklärt, zeigt aber, dass -þrasir im Dichterwortschatz des Lieds zu Hause war.

Dann gibt es eine Variante, die in populären Darstellungen fast nie erwähnt wird. In den Handschriften der Snorra-Edda (Codex Regius, Codex Trajectinus, Codex Wormianus) steht nicht Lífþrasir, sondern Leifþrasir, und zwar in der Prosa wie im zitierten Vers. Das Wort leif bedeutet „Hinterlassenschaft, Überrest, Erbe“. Wer das ernst nimmt, bekommt eine zweite, ebenso stimmige Deutung: der, der am Überrest festhält, oder der Nachkomme des Übriggebliebenen. Für einen Menschen, der als Rest der alten Welt überlebt, wäre das kaum weniger passend. Welche Form die ursprüngliche ist, lässt sich nicht entscheiden; die meisten Ausgaben und Lexika setzen Lífþrasir als Normalform an.

Die jüngere Uppsala-Handschrift der Snorra-Edda (Codex Upsaliensis, frühes 14. Jahrhundert) geht noch eigene Wege. Dort verbergen sich im zitierten Vers meyjar, also „Mädchen“, und der Ort heißt Mímis holdi, das wäre „in Mímirs Fleisch“. Ob Schreibfehler oder eigene Tradition, wissen wir nicht; es zeigt aber, wie beweglich diese Zeilen schon im Mittelalter waren.

Und das Geschlecht? Die Gewohnheit, Líf als Frau und Lífþrasir als Mann zu sehen, ist alt und naheliegend, steht aber nicht im Text. Das Pronomen þau in Strophe 45 ist die neutrale Mehrzahl, die im Altnordischen für gemischte Gruppen verwendet wird; da líf aber selbst ein sächliches Wort ist, beweist es wenig. Dass von beiden „die Geschlechter“ abstammen, macht ein Paar zur einfachsten Lesart.

Mythos-Check: „Lif ist die Frau, Lifthrasir der Mann“ wird oft als Tatsache präsentiert. Es ist eine plausible Deutung aus dem Zusammenhang, keine Aussage der Quelle. Die Uppsala-Handschrift spricht sogar von zwei Mädchen.

Noch etwas fällt an diesen Namen auf. Sie sind so vollständig sprechend, dass sie fast wie Begriffe wirken: Leben und Lebensdrang. Viele Forscher halten es deshalb für möglich, dass die beiden keine alten Kultfiguren waren, sondern dichterische Personifikationen, die genau für diese Stelle geschaffen wurden. Beweisen lässt sich das nicht, widerlegen auch nicht. Uns gefällt der Gedanke trotzdem: Wenn alles verbrennt, bleibt kein Held übrig, sondern das Leben selbst.

Hoddmímis holt: Versteck im Weltenbaum?

Der Ort ist die eigentliche Knacknuss der Strophe. Hoddmímis holt setzt sich aus drei Teilen zusammen: hodd, „Hort, Schatz“; Mímir, ein Name; und holt, „Gehölz, Wäldchen“, im Altnordischen auch einfach „Holz“. Wörtlich also: das Gehölz des Hort-Mímir.

Wer ist dieser Hort-Mímir? Die meisten Forscher denken an den bekannten Mímir, den weisen Wächter des Brunnens unter einer Wurzel des Weltenbaums. An diesem Brunnen opferte Odin der Völuspá zufolge ein Auge. Mímir gehört also eng zum Baum. Ein „Gehölz des Mímir“ wäre dann eine dichterische Umschreibung für Yggdrasil selbst.

Für diese Lesart gibt es einen zweiten Baustein. Im Eddalied Fjölsvinnsmál, Teil der Svipdagsmál, wird ein Baum namens Mímameiðr beschrieben, „Mímirs Baum“. Von ihm heißt es, kaum jemand wisse, aus welchen Wurzeln er wachse, und weder Feuer noch Eisen könnten ihn fällen. Seine Früchte sollen Frauen bei der Geburt helfen. Rudolf Simek erwägt in seinem Lexikon, dass Mímameiðr, der Mímirbrunnen und Hoddmímis holt auf denselben Weltenbaum zielen; John Lindow hält es zumindest für wahrscheinlich, dass diese Orte zusammengehören.

Wenn das stimmt, wird aus der knappen Strophe ein starkes Bild. Ein Baum, den kein Feuer fällt, ist genau der Ort, an dem man Snorris Weltbrand überleben kann. Ein Baum, dessen Früchte Geburten helfen, passt zu zwei Menschen, aus denen eine neue Menschheit wächst. Und die letzten Menschen sitzen nicht irgendwo im Wald, sondern im Inneren der Weltachse, die alles zusammenhält.

Allerdings: Diese Brücke baut die Forschung, nicht die Quelle. Das Fjölsvinnsmál ist nur in Papierhandschriften der Neuzeit erhalten und gilt vielen als vergleichsweise spätes Gedicht. Und die Edda sagt nirgends ausdrücklich, was mit Yggdrasil bei Ragnarök geschieht. Die Völuspá lässt den Baum beben und ächzen, als der Riese losbricht, aber sie lässt ihn nicht umfallen. Ob er brennt, bleibt offen.

Die vorsichtigere Lesart nimmt holt wörtlich: ein Gehölz, das einem sonst unbekannten Hoddmímir gehört. Auch das ist möglich. Der Name deutet dann auf einen Schatzhüter, und das Wertvollste, was es nach Ragnarök zu verwahren gibt, sind diese zwei Menschen.

Beleg: Hoddmímis holt nennt nur Vafþrúðnismál 45 und, davon abhängig, Gylfaginning 53. Die Gleichsetzung mit Yggdrasil ist ein verbreiteter Forschungsvorschlag (u. a. Simek, Lindow, Larrington), keine Aussage der Texte.

Morgentau als Nahrung

Das dritte Detail der Strophe ist leicht zu überlesen: Die beiden ernähren sich von morgindöggvar, von Morgentau. In der nordischen Überlieferung hat Tau aber eine erstaunlich enge Verbindung zum Weltenbaum.

In der Völuspá (Str. 19) heißt es von der Esche Yggdrasil, sie sei mit hellem, nassem Lehm begossen (aurr), und von dort kämen die Tautropfen, die in die Täler fallen. Snorri greift das in der Gylfaginning (Kap. 16) auf: Der Tau, der von der Esche auf die Erde fällt, heiße Honigfall, und davon nährten sich die Bienen. Der Baum ist also eine Quelle von Tau, und Tau ist eine Nahrung, die vom Baum kommt.

Wer Hoddmímis holt als Yggdrasil liest, bekommt hier ein schlüssiges Gesamtbild: Die Überlebenden sind im Baum geborgen und werden vom Baum gespeist, wie Kinder im Mutterleib. Wer die Gleichsetzung ablehnt, liest den Tau schlichter als Zeichen äußerster Kargheit: Nach Winter und Brand gibt es nichts mehr zu essen, nur das, was am Morgen auf den Blättern liegt. Beides ist mit dem Text vereinbar. Beide Lesarten laufen auf dasselbe hinaus: Das Leben kommt durch, mit dem Allernötigsten, bis die Erde wieder trägt.

Sie sind nicht allein: die anderen Überlebenden

Ein verbreiteter Irrtum lautet, nach Ragnarök sei alles tot außer zwei Menschen. Die Quellen zeichnen ein anderes Bild. Ragnarök lässt eine kleine Gruppe übrig, Götter wie Menschen.

Lif und Lifthrasir sind also der menschliche Teil eines Musters. Für jede Ebene der alten Ordnung bleibt ein Same übrig: für die Götter die Söhne, für den Himmel die Tochter der Sonne, für die Menschen ein Paar. Bei Ragnarök endet nicht die Welt, sondern ein Weltalter.

Die neue Welt nach Ragnarök: Völuspá 59–66

Das ausführlichste Bild der erneuerten Welt liefert nicht das Vafþrúðnismál, sondern die Völuspá, die Weissagung der Seherin. Lif und Lifthrasir fehlen darin, ihr Schauplatz nicht. Nach der üblichen Strophenzählung der Ausgabe von Neckel und Kuhn sieht die Seherin ab Strophe 59 die Erde zum zweiten Mal aus dem Meer aufsteigen, immergrün; Wasserfälle stürzen, über ihnen fliegt der Adler, der in den Bergen Fische fängt (Str. 59).

Die Asen treffen sich auf dem Iðavöllr, sprechen über die gewaltige Weltschlange und erinnern sich an die großen Ereignisse (Str. 60). Im Gras finden sie die wunderbaren goldenen Spielfiguren wieder, die sie in alter Zeit besessen hatten (Str. 61). Ungesät tragen die Äcker Frucht, alles Unheil bessert sich, Baldr kommt (Str. 62). Hœnir wählt die Loszweige (Str. 63). Die Seherin sieht einen Saal, schöner als die Sonne, mit Gold gedeckt, auf Gimlé; dort sollen treue Scharen wohnen und Glück genießen (Str. 64). Nur in der Hauksbók-Fassung folgt eine Strophe über einen „Mächtigen“, der von oben kommt (Str. 65), was viele als christlichen Zusatz verstehen. Und ganz am Ende fliegt der dunkle Drache Níðhöggr heran, Leichen im Gefieder (Str. 66). Selbst die neue Welt ist also nicht ganz frei von Schatten.

Auch für diese Strophen wird seit Langem diskutiert, wie viel christliches Gedankengut darin steckt. Die gereinigte Erde und der goldene Saal erinnern an die Offenbarung des Johannes; andere halten den Kreislauf von Untergang und Neubeginn für alte Vorstellung, die erst im Licht christlicher Nachbarschaft so deutlich formuliert wurde. Eine einfache Antwort gibt es nicht. Mehr dazu in Was kommt nach Ragnarök?

Ask und Embla: Anfang und Neuanfang

Hier liegt der Vergleich, der wirklich trägt, und zwar innerhalb der nordischen Überlieferung selbst. Die ersten Menschen, Ask und Embla, entstehen nach Völuspá 17–18 aus zwei leblosen Gestalten am Strand, denen drei Götter Atem, Sinn und Lebenswärme geben. Snorri erzählt, die Söhne Borrs hätten zwei Bäume am Meeresufer gefunden und daraus die Menschen gemacht. Askr heißt „Esche“; die Deutung von Embla ist umstritten.

Rudolf Simek nennt das Überleben von Lif und Lifthrasir deshalb eine Verdoppelung der Menschenschöpfung, passend zum zyklischen Weltbild der Edda: Am Anfang werden Menschen aus Holz gemacht, am Ende überleben Menschen im Holz. Wer Hoddmímis holt als Yggdrasil liest, sieht die Esche zweimal als Ursprung des Menschengeschlechts. Simek verweist außerdem auf verwandte Motive: eine bairische Sage, die Friedrich R. Schröder in einem Aufsatz über germanische Schöpfungsmythen (1931) heranzog, von einem Hirten, der in einem Baum lebte und dessen Nachkommen das Land nach einer Seuche neu besiedelten, und die Figur des Örvar-Oddr, der in seiner Saga eine Zeit lang als Mann in Birkenrinde lebt und danach wie erneuert zurückkehrt.

Der Unterschied ist ebenso aufschlussreich: Ask und Embla werden gefunden und beseelt. Lif und Lifthrasir handeln selbst, sie verbergen sich, halten aus und treten hervor. Das Leben tragen sie schon im Namen.

Mythos-Check: „Lif und Lifthrasir sind das nordische Adam und Eva.“ Die Formel ist bequem, aber schief. Die ersten Menschen des Nordens sind Ask und Embla. Lif und Lifthrasir stehen am anderen Ende der Geschichte. Es gibt keinen Garten, kein Verbot und keine Schuld, nur Untergang, Rest und Neubeginn.

Flut, Winter, Arche: Vergleiche mit Vorsicht

Ein Menschenpaar, das eine Weltkatastrophe in einem Versteck übersteht und danach die Erde neu bevölkert, kennt man aus vielen Kulturen. Am naheliegendsten ist für Leser heute die Sintflut mit Noah und seiner Arche, in der griechischen Überlieferung das Paar Deukalion und Pyrrha. Ähnlichkeit beweist aber keine Abhängigkeit: Das Muster „Katastrophe, Rest, Neuanfang“ kann an vielen Orten unabhängig entstehen.

Ein Vergleich hat in der Forschung besonderes Gewicht bekommen, weil er nicht nur das Muster, sondern ein Detail teilt: den Winter. Im Vendidad, einem Teil des zoroastrischen Avesta, warnt der Gott Ahura Mazda den Urkönig Yima vor verheerenden Wintern mit tödlichem Frost und tiefem Schnee. Yima soll eine umfriedete Anlage bauen, den Var (avestisch vara), und darin die besten Menschen, Tiere, Pflanzen und das Feuer bergen, damit sie die Kälte überstehen (Vendidad, Fargard 2).

Der dänische Folklorist Axel Olrik zog in seiner Untersuchung zu den Weltuntergangssagen (deutsche Ausgabe 1922) diesen Vergleich heran und erklärte die Übereinstimmung mit einer Wanderung von Sagenstoff. Der niederländische Germanist Barend Sijmons fand das in einer Besprechung von 1925 zwar bemerkenswert, sah aber keine zwingende Notwendigkeit für Olriks Erklärung, weil die Zwischenglieder zwischen Iranern und Skandinaviern fehlten. Diese Skepsis gilt bis heute. Der Vergleich ist interessant, weil er zeigt, dass gerade die Winterversion im Vafþrúðnismál ein eigenständiges Motiv ist und nicht bloß die Sintflut in nordischem Gewand. Eine Entlehnung lässt sich daraus nicht ableiten.

Einordnung: Yimas Var ist ein Forschungsvergleich, kein Beleg für einen gemeinsamen Ursprung. Belegt ist nur: Beide Texte kennen einen Katastrophenwinter und ein Versteck, aus dem Leben neu hervorgeht.

Lif und Lifthrasir als Gravurmotiv

Bei uns in der Werkstatt in Alsdorf fragen Paare immer wieder nach einem nordischen Motiv für die Hochzeit, das nicht nach Schlachtfeld aussieht. Lif und Lifthrasir sind dafür, ehrlich gesagt, fast zu gut. Zwei Menschen, die zusammen durch das Schlimmste gehen, gemeinsam aushalten und danach etwas Neues aufbauen: Ein schöneres Bild für eine Ehe hat die Edda kaum zu bieten.

Ein paar Ideen:

Mehr Anregungen gibt es bei der Hochzeitsgravur. Einen „uralten Hochzeitsspruch der Wikinger“ schreiben wir nicht darunter, denn den gibt es nicht: Die Strophe stammt aus einem Lehrgedicht über das Weltende. Gerade das macht sie stark. Wer sie wählt, verspricht Durchhalten.

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Häufige Fragen

Wer sind Lif und Lifthrasir? Zwei Menschen, die nach der Edda den Weltuntergang Ragnarök überleben. Sie verbergen sich in Hoddmímis holt, ernähren sich von Morgentau und werden zu Stammeltern der neuen Menschheit.

Wo werden Lif und Lifthrasir erwähnt? Nur im Eddalied Vafþrúðnismál (Str. 44–45) und in Snorris Gylfaginning (Kap. 53), das dieselbe Strophe zitiert. Andere Quellen gibt es nicht.

Was bedeuten die Namen Líf und Lífþrasir? Líf heißt „Leben“. Lífþrasir wird meist als „der nach Leben Strebende“ gedeutet; die Handschriften der Snorra-Edda schreiben Leifþrasir, was zu leif, „Überrest, Erbe“, passen würde.

Ist Hoddmímis holt dasselbe wie Yggdrasil? Viele Forscher halten das für wahrscheinlich, weil Mímir eng mit dem Weltenbaum verbunden ist. Die Quellen sagen es aber nicht ausdrücklich, deshalb bleibt es eine Deutung.

Wer überlebt Ragnarök außer Lif und Lifthrasir? Die Götter Víðarr, Váli, Móði und Magni, die aus Hel zurückkehrenden Baldr und Höðr, Hœnir sowie die Tochter der Sonne.

Sind Lif und Lifthrasir das nordische Adam und Eva? Nein. Die ersten Menschen sind Ask und Embla. Lif und Lifthrasir sind die Überlebenden des Weltendes und damit der Anfang eines neuen Weltalters.

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