Ja, in Island gibt es eine mütterliche DNA-Linie, die zur Haplogruppe C1 gehört – einer Gruppe, die heute vor allem bei indigenen Völkern Amerikas und in Ostasien vorkommt. 2010/2011 beschrieben Forscher von deCODE genetics und der Universität Island diese Linie als neuen Zweig C1e und verfolgten sie in vier Familien bis etwa 1700 zurück. Ob dahinter eine Frau steht, die um das Jahr 1000 aus Vinland nach Island kam, ist eine reizvolle These, aber nicht bewiesen. Wir zeigen dir, was die Studie wirklich sagt, welche Gegenthesen es gibt und was seitdem dazugekommen ist.
Irgendwo in Südisland, zwischen Hekla und Gletscherflüssen, lebten Anfang des 18. Jahrhunderts ein paar Frauen, die nichts voneinander ahnten, was sie verband. Sie hatten Kinder, ihre Töchter hatten Kinder, und deren Töchter wieder. Fast dreihundert Jahre später saßen ihre Nachfahrinnen in einem Labor in Reykjavík im Datensatz – und trugen in jeder Körperzelle ein winziges Stück Erbgut, das in Europa so gut wie nicht vorkommt. Seine nächsten bekannten Verwandten leben in Nord- und Südamerika.
Das klingt nach Romanstoff: eine Frau aus der Neuen Welt, mitgenommen von Leif Erikssons Leuten, still eingeheiratet in die Geschichte Islands. So ging die Nachricht 2010 durch die Presse. Wir schauen genauer hin – auch auf das, was die Genetiker nicht wissen.
Fast unser gesamtes Erbgut liegt im Zellkern und wird bei jeder Generation neu gemischt: die Hälfte von der Mutter, die Hälfte vom Vater. Daneben besitzt jede Zelle hunderte kleine Kraftwerke, die Mitochondrien, mit einem eigenen, winzigen Genom. Diese mitochondriale DNA (mtDNA) erbst du nur von deiner Mutter. Sie wird nicht gemischt, sondern fast unverändert weitergereicht – Mutter, Großmutter, Urgroßmutter, eine ununterbrochene Frauenkette zurück in die Tiefe der Zeit.
Ab und zu passiert beim Kopieren ein kleiner Fehler, eine Mutation. Sie wird dann an alle Nachkommen in weiblicher Linie weitergegeben. Aus diesen Mutationen lässt sich ein Stammbaum aller mütterlichen Linien der Menschheit bauen. Die großen Äste nennt man Haplogruppen und bezeichnet sie mit Buchstaben und Ziffern: H, U, K, J, T in Europa, A, B, C, D und X bei den indigenen Völkern Amerikas, und so weiter.
Die Haplogruppe C1 ist ein solcher Ast. Ihre bekannten Zweige verteilen sich ziemlich eindeutig: C1a kennt man aus Ostasien, C1b, C1c und C1d aus Amerika. In Europa ist C1 außerordentlich selten. Wenn also in einem nordeuropäischen Inselvolk eine C1-Linie auftaucht, horchen Genetiker auf.
Ein wichtiger Haken gleich vorweg: mtDNA zeigt nur eine einzige Linie unter tausenden Vorfahren. Wer heute in Island C1e trägt, hat deswegen nicht „indianisches Blut“ im landläufigen Sinn. Nach rund dreißig Generationen ist der Beitrag einer einzelnen Ahnin zum restlichen Erbgut verschwindend klein, oft nicht mehr messbar. Die mtDNA ist ein Etikett, kein Porträt. Mehr dazu in Bin ich ein Nachfahre der Wikinger?
Die Entdeckung stammt aus einem Team um Sigríður Sunna Ebenesersdóttir und Agnar Helgason von deCODE genetics und der Universität Island, mit Kolleginnen und Kollegen aus Barcelona. Der Aufsatz trägt den vorsichtigen Titel „A new subclade of mtDNA haplogroup C1 found in Icelanders: Evidence of pre-Columbian contact?“ – mit Fragezeichen. Er erschien online im November 2010 und im Druck 2011 im American Journal of Physical Anthropology (Band 144, S. 92–99).
Island ist für so eine Spurensuche ein Glücksfall: Kaum ein Land hat seine Familiengeschichte so lückenlos aufgeschrieben. Mit der genealogischen Datenbank von deCODE ließen sich ganze Mutterlinien rekonstruieren.
Daraus ergeben sich zwei Dinge. Erstens: Die vier Ahninnen waren Nachbarinnen im selben Landstrich. Sehr wahrscheinlich stammen sie ihrerseits von einer gemeinsamen Vorfahrin ab, die vor ihnen lebte. Zweitens: Weil die vier Linien schon kleine Unterschiede untereinander zeigen, muss C1e spätestens um oder kurz vor 1700 in Island gewesen sein. Das ist die harte Untergrenze. Weiter zurück reichen die Kirchenbücher und Stammtafeln für diese Familien nicht.
Ab hier beginnt die Interpretation. Die Autoren argumentierten so: Island war über Jahrhunderte ein abgelegenes, kleines Land mit wenig Zuwanderung. Wenn eine fremde Linie im 17. Jahrhundert eingewandert wäre, müsste man sie zufällig in genau dieser Region und genau zu diesem Zeitpunkt erwischen. Für wahrscheinlicher hielten sie, dass C1e schon länger da war, und schrieben, es sei „möglich und vielleicht sogar wahrscheinlich“, dass die Linie vor Kolumbus in den isländischen Genpool gelangte. Daraus formulierten sie ihre Arbeitshypothese: eine oder mehrere indigene Frauen aus Amerika, nach Island gekommen im Zuge der nordischen Fahrten um das Jahr 1000.
Ebenso deutlich steht im Aufsatz aber auch: Eine Herkunft aus Asien oder Europa lässt sich nicht ausschließen. Und es gibt keinen direkten Beleg für den vermuteten Kontakt.
Das Problem steckt im Stammbaum selbst. C1e ist mit den amerikanischen Zweigen verwandt, aber nicht eng. Es trägt eine ganze Reihe eigener Mutationen, die keine der bekannten Linien hat. Das heißt: Der Zweig hat sich vor sehr langer Zeit von den anderen C1-Linien getrennt, wahrscheinlich vor vielen tausend Jahren, und ist dann seinen eigenen Weg gegangen. Wo er die ganze Zeit war, verrät die Sequenz selbst nicht.
Die Forscher prüften gezielt, ob es irgendwo auf der Welt eine passende Sequenz gibt. Eine Probe aus Québec, die zunächst in Frage kam, gehörte nicht dazu. Auch eine vorkolumbische Probe der Taíno aus Hispaniola trug keine der getesteten C1e-Mutationen. Kurz: Man hat die „Schwester“ von C1e in Amerika nicht gefunden. Man hat sie allerdings auch nirgends sonst gefunden.
Allerdings: Die indigenen Völker im Nordosten Nordamerikas sind genetisch schlecht untersucht. Manche sind ganz verschwunden: Die Beothuk auf Neufundland – vermutlich Nachfahren jener Menschen, denen die Nordleute dort begegnen konnten – starben im frühen 19. Jahrhundert aus; ihre letzte bekannte Angehörige, Shanawdithit, starb 1829. Eine Linie, die es nur in einer solchen Bevölkerung gab, kann man in heutigen Stichproben nicht mehr finden. Fehlende Treffer in Amerika sind also kein starkes Gegenargument. (Das ist unsere Überlegung, kein Befund der Studie.)
2014 kam die stärkste Alternative auf den Tisch, und sie kam aus einer unerwarteten Ecke: aus der Steinzeit Russlands. Ein Team um Clio Der Sarkissian und Wolfgang Haak untersuchte Skelette aus dem mesolithischen Gräberfeld Južnyj Olenij Ostrov („Südliche Rentierinsel“) im Onegasee in Karelien, rund 7.500 Jahre alt. Drei dieser Menschen trugen ebenfalls C1 – und zwar einen bis dahin unbekannten Zweig, den die Autoren C1f nannten.
Damit war die bequeme Gleichung „C1 in Europa = Import aus Amerika oder Asien“ angekratzt. Wenn eine C1-Linie vor 7.500 Jahren am Onegasee lebte und dann verschwand, könnte eine andere C1-Linie in Skandinavien in sehr geringer Häufigkeit überlebt haben – und mit den Siedlern in der Landnahmezeit nach Island gelangt sein. Dort, in einer kleinen, abgeschlossenen Bevölkerung, kann eine seltene Linie durch Zufall überleben, während sie auf dem Festland verloren geht. Genetiker nennen das Gendrift.
Der Sarkissian und Kollegen hielten diese nordeuropäische Herkunft für plausibler als die amerikanische und schrieben, der C1f-Fund stütze die Idee, dass C1e mit den Wikingern nach Island kam. Sie räumten aber selbst ein, dass Amerika genetisch unterbeprobt ist und eine amerikanische Herkunft damit nicht widerlegt sei. Wichtig: C1e und C1f sind nicht dieselbe Linie. Der Karelien-Fund zeigt nur, dass C1 überhaupt in Europa vorkam – nicht, dass C1e von dort stammt.
2018 legte dasselbe isländische Forschungsumfeld, wieder mit Ebenesersdóttir als Erstautorin, eine große Studie in Science vor: „Ancient genomes from Iceland reveal the making of a human population“. Untersucht wurden die Genome von 27 Menschen aus alten isländischen Gräbern, die meisten aus der heidnischen Zeit vor etwa 1000, einige aus späteren Jahrhunderten.
Das Hauptergebnis betrifft die Landnahme: Die ersten Isländer hatten im Schnitt gut die Hälfte skandinavische und gut zwei Fünftel gälische, also britisch-irische Abstammung. Die heutigen Isländer sind „nordischer“ als ihre Gründer, rund 70 Prozent. Und die alten Isländer ähneln ihren skandinavischen und irisch-schottischen Herkunftsbevölkerungen mehr als den heutigen Isländern – über tausend Jahre Isolation und Gendrift haben das Inselvolk eigenständig gemacht. Wie gemischt die Gründergesellschaft war, erzählen auch Sagas wie die Geschichte von Aud der Tiefsinnigen, die mit Gefolge und Unfreien von den Britischen Inseln kam.
Für unsere Frage ist das Ergebnis zweischneidig. Unter den mtDNA-Linien der 27 alten Individuen ist kein C1. Das ist aber bei 27 Menschen, die einer Linie mit einem Anteil im Promillebereich der heutigen Bevölkerung gegenüberstehen, auch nicht zu erwarten. Die Studie behandelt C1e gar nicht; sie bestätigt nur den Mechanismus, mit dem beide Thesen arbeiten: starke Gendrift auf der Insel.
Soweit wir sehen, ist bis heute (Stand 2026) keine Untersuchung erschienen, die C1e in einer alten Bestattung nachweist – weder in Island noch in Skandinavien noch in Nordamerika. Genau das wäre der Schlüsselbefund: ein C1e-Skelett aus dem 11. Jahrhundert in Island, oder eine passende Linie in einem alten Grab in Neufundland oder Labrador. Bis dahin bleibt die Frage offen.
Warum die Vinland-Deutung überhaupt so plausibel klingt, liegt an der harten Archäologie auf der anderen Seite des Atlantiks. Dass Nordleute um das Jahr 1000 in Nordamerika waren, ist keine Saga mehr, sondern belegt. Die ganze Geschichte erzählen wir in Vinland – Amerika vor Kolumbus, hier das Wichtigste.
1960 fanden der Norweger Helge Ingstad und die Archäologin Anne Stine Ingstad an der Nordspitze Neufundlands die Überreste von Grassodenhäusern: L’Anse aux Meadows. Die Ausgrabungen der 1960er-Jahre und spätere Arbeiten von Parks Canada unter Birgitta Wallace brachten eindeutig nordisches Material ans Licht: Gebäude in isländisch-grönländischer Bauweise, eine Schmiede, in der Raseneisenerz verarbeitet wurde, Eisennieten wie aus dem Schiffsbau, eine Ringnadel aus Bronze und ein Spinnwirtel aus Speckstein. Der Spinnwirtel gilt als Hinweis, dass auch Frauen vor Ort waren. Seit 1978 ist der Platz UNESCO-Welterbe.
Gefunden wurden auch Butternüsse, eine Walnussart, die auf Neufundland nicht wächst. Sie kamen von weiter südlich, etwa vom Sankt-Lorenz-Golf. Die Nordleute sind also über ihren Stützpunkt hinaus gefahren – in Regionen, in denen deutlich mehr Menschen lebten.
Wichtig für die DNA-Frage: 1021 bedeutet nicht, dass die Nordleute nur in diesem Jahr dort waren – es ist ein Datum unter vermutlich mehreren Aufenthalten. Die Siedlung war nach archäologischem Befund nur kurz genutzt, wohl einige Jahre bis wenige Jahrzehnte. Isländische Annalen erwähnen für 1347 noch ein grönländisches Schiff, das aus „Markland“ kam.
Zwei isländische Sagas erzählen von den Fahrten: die Grœnlendinga saga (Saga von den Grönländern) und die Eiríks saga rauða (Saga von Erik dem Roten). Beide wurden im 13. Jahrhundert niedergeschrieben, also rund 200 Jahre nach den Ereignissen, und sie widersprechen sich in vielen Details. Sie sind keine Protokolle, sondern Familienüberlieferung mit literarischer Formung. Mehr zur Quellengattung findest du in unserem Überblick über die Isländersagas.
Die Menschen, denen die Nordleute in Vinland begegnen, heißen in den Sagas Skrælingar. Was das Wort ursprünglich bedeutete, ist umstritten; meist wird es als abwertend verstanden. Später benutzten die Grönländer es auch für die Inuit. Welches Volk in Vinland gemeint war, lässt sich nicht sicher sagen: In Frage kommen die Vorfahren der Beothuk und der Innu, weiter südlich Mi’kmaq und andere Völker; in Labrador lebten damals noch Menschen der Dorset-Kultur.
Die Begegnungen in den Sagas schwanken zwischen Handel und Gewalt. In der Grœnlendinga saga tauschen Karlsefnis Leute Milchprodukte gegen Felle, bis ein Streit eskaliert. Leifs Bruder Thorvald stirbt durch einen Pfeil, nachdem seine Männer zuvor schlafende Einheimische unter ihren Booten getötet hatten. In der Eiríks saga treibt Freydís Eiríksdóttir mit einem Schwert in der Hand angreifende Skrælingar in die Flucht. Mehr zu diesen Familien findest du bei Erik dem Roten und seinem Sohn Leif Eriksson.
Für die DNA-These ist eine Stelle der Eiríks saga besonders brisant. Auf der Rückfahrt treffen Thorfinn Karlsefni und seine Leute in Markland, dem bewaldeten Land nördlich von Vinland, auf fünf Einheimische: einen bärtigen Mann, zwei Frauen und zwei Kinder. Die Erwachsenen entkommen, die beiden Jungen werden gefangen. Sinngemäß erzählt die Saga weiter: Die Nordleute nehmen die Jungen mit, bringen ihnen ihre Sprache bei und lassen sie taufen. Die Jungen nennen ihre Mutter Vethildi und ihren Vater Óvægir und berichten von Königen namens Avaldamon und Valdidida.
Hier steht also, Jahrhunderte vor jeder Genetik, dass Menschen aus Amerika mit den Nordleuten über das Meer kamen. Zwei Einschränkungen gehören aber dazu. Es waren Jungen – und Jungen geben keine mtDNA weiter. Und die Saga sagt nicht, dass sie nach Island gelangten; der Rückweg führte zunächst nach Grönland. Die Stelle zeigt, dass Verschleppung möglich war und in der Erinnerung festgehalten wurde. Sie erklärt C1e nicht.
Eine weitere, fast unheimliche Szene findet sich in der Grœnlendinga saga: Während Karlsefnis Frau Guðríðr mit ihrem neugeborenen Sohn Snorri im Haus sitzt, tritt eine fremde Frau ein, blass, mit großen Augen, und fragt nach ihrem Namen. Als Guðríðr antwortet, sagt die Fremde, sie heiße ebenfalls Guðríðr – und verschwindet. Echte Begegnung oder Geistermotiv? Die Forschung liest die Szene unterschiedlich.
Interessant ist Guðríðr trotzdem: Nach der Grœnlendinga saga lebte sie später in Island, auf Glaumbær im Skagafjörður, und unternahm als Witwe eine Pilgerfahrt nach Rom. Ihre Familie zeigt, dass die Menschen der Vinlandfahrten tatsächlich nach Island zurückkehrten. Die Wege von Vinland nach Island waren also kein Gedankenspiel, sondern gelebte Familiengeschichte. Wer sonst noch mitkam, verschweigen die Sagas.
Die Sagas erwähnen nebenbei, dass auf den Vinlandfahrten nicht nur freie Bauern und Händler unterwegs waren. Die Eiríks saga nennt ein schottisches Paar, Haki und Hekja, schnelle Läufer, die Leif von König Olaf Tryggvason erhalten hatte und die Karlsefni als Kundschafter einsetzte. Sklaverei war in der Wikingerzeit alltäglich, und Menschen wurden über weite Strecken verschleppt und gehandelt – darüber haben wir in Sklaverei bei den Wikingern geschrieben.
Vor diesem Hintergrund ist die Vorstellung einer gefangenen oder gekauften indigenen Frau, die mit nach Grönland und weiter nach Island kam, nicht abwegig. Sie ist eher wahrscheinlicher als eine romantische freiwillige Ehe. Belegt ist beides nicht. Auch das gehört zur ehrlichen Erzählung über Frauen in der Wikingerzeit.
Zusammengetragen lassen sich vier Szenarien unterscheiden. Keines ist ausgeschlossen, keines bewiesen.
2011 galt „Vinland“ als wahrscheinlichste Variante, 2014 „altes Europa“. Beide Teams ließen das Fragezeichen stehen. Wir auch.
Der Fall zeigt, wie Medien mit solchen Studien umgehen. 2010 machten Schlagzeilen aus einer vorsichtigen Hypothese schnell eine Gewissheit – mit romantischen Vergleichen bis hin zu Pocahontas. Indigene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kritisierten damals, dass dabei die mögliche Gewalt hinter einer solchen Reise und die Perspektive der indigenen Völker selbst kaum vorkamen. Das ist ein berechtigter Punkt. Wenn diese Frau existierte, war sie keine Fußnote in einer Wikingersaga, sondern ein Mensch mit eigener Herkunft, eigener Sprache, eigener Familie, die sie verlor.
Und schließlich ist der Fall ein Hinweis darauf, wie dünn unsere Spuren oft sind. Von den Fahrten nach Vinland sind ein Grassodendorf, ein paar Holzstücke, zwei Sagas und vielleicht eine einzige mütterliche Linie im Blut von gut achtzig Menschen geblieben. Fälschungen wie der Kensington-Runenstein sind da viel lauter – und viel weniger wert. Wer sich für das größere Bild interessiert, findet es in unserem Artikel über die Wikinger im Nordatlantik und über die Grönländer, deren Siedlungen die Brücke zwischen Island und Vinland bildeten.
Drei Funde könnten entscheiden: ein C1e-Skelett aus dem 11. oder 12. Jahrhundert in Island, Grönland oder Skandinavien (das erledigt die Neuzeit-These); eine passende Schwesterlinie in alten Proben aus Neufundland, Labrador oder dem Sankt-Lorenz-Gebiet (das stärkt Amerika); oder C1e beziehungsweise ein naher Verwandter in skandinavischer DNA (das spräche für Europa).
Bis dahin gilt: Die Linie ist echt, sie ist alt, sie ist in Europa einzigartig. Ob sie die letzte Erinnerung an eine Frau aus Vinland ist, kann heute niemand sagen. Wir finden, gerade dieses ehrliche „Wir wissen es nicht“ macht die Geschichte stärker als jede Schlagzeile.
Haben Isländer indianische DNA? Einige Dutzend heute lebende Isländer tragen die seltene mütterliche Linie C1e, die zur Haplogruppe C1 gehört; ihre nächsten bekannten Verwandten finden sich in Amerika. Ob C1e wirklich aus Amerika stammt, ist nicht geklärt – eine alte europäische Herkunft ist ebenfalls möglich.
Was ist die Haplogruppe C1e? C1e ist ein Zweig der mitochondrialen Haplogruppe C1, der 2010/2011 von Ebenesersdóttir und Kollegen in Island beschrieben wurde. Er ist bisher nur aus Island bekannt und lässt sich dort in vier Mutterlinien bis um 1700 zurückverfolgen.
Kam eine Indianerin mit Leif Eriksson nach Island? Das ist eine Hypothese, kein Befund. Die Sagas erwähnen zwar zwei in Markland gefangene Jungen, aber keine Frau, die nach Island gebracht wurde, und es gibt bisher keine alte DNA, die den Weg belegt.
Wann waren die Wikinger in Amerika? Sicher datiert ist das Jahr 1021: Holz aus L’Anse aux Meadows auf Neufundland wurde nachweislich in diesem Jahr mit Metallwerkzeug geschlagen. Die Fahrten begannen nach den Sagas schon um das Jahr 1000.
Wer waren die Skrælingar? So nennen die isländischen Sagas die indigenen Menschen, denen die Nordleute in Vinland, Markland und Grönland begegneten. Welche Völker gemeint waren, lässt sich nur vermuten, etwa Vorfahren der Beothuk und Innu oder Menschen der Dorset-Kultur.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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