Ralswiek war im 9. und 10. Jahrhundert ein Seehandelsplatz der slawischen Ranen am Großen Jasmunder Bodden auf Rügen, in dem auch Skandinavier verkehrten. Ausgrabungen unter Joachim Herrmann legten Hofstellen, Bootseinfahrten, vier Boote, einen Kultplatz und über 2.200 arabische Silbermünzen frei. Wir zeigen dir, was davon gesichert ist, was Deutung bleibt – und warum Ralswiek kein „Wikingerdorf“ war, sondern etwas viel Interessanteres: ein Knotenpunkt, an dem zwei Welten Geschäfte machten.
Stell dir einen Sommermorgen um das Jahr 850 vor. Hinter der schmalen Landbrücke von Lietzow liegt der Große Jasmunder Bodden glatt wie ein Spiegel. Am flachen Ufer sind kleine Buchten in den Sand gegraben, in jeder liegt ein Boot. Es riecht nach Teer, Rauch und Fisch. Jemand wiegt auf einer Klappwaage Silberstücke ab, die aus Münzstätten zwischen Bagdad und Zentralasien stammen. Die Leute sprechen slawisch, manche wohl auch nordisch. Das ist Ralswiek – kein Ort aus einer Saga, sondern ein Platz, den Archäologen Schicht für Schicht aus dem Boden geholt haben.
Wer nach Wikingern in Deutschland sucht, landet meist in Haithabu an der Schlei. Ralswiek gehört in dieselbe Liga der frühen Ostsee-Handelsplätze, erzählt aber eine andere Geschichte: Hier waren nicht Dänen die Gastgeber, sondern die westslawischen Ranen. Genau das macht den Ort so wertvoll für alle, die die Wikingerzeit ehrlich verstehen wollen.
Ein Bodden ist eine flache, durch Inseln und Landzungen weitgehend vom offenen Meer abgeschnürte Küstenbucht – typisch für Vorpommern und Rügen. Der Große Jasmunder Bodden reicht tief ins Innere der Insel. Wer hier anlegte, lag geschützt vor Sturm und vor allzu neugierigen Augen auf See, war aber über den Breetzer und Rassower Strom trotzdem mit der Ostsee verbunden. Für einen Handelsplatz ist das eine fast ideale Lage: Wasserweg nach außen, Hinterland mit Ackerbau und Viehzucht nach innen.
Die frühmittelalterliche Siedlung lag dort, wo sich heute der Ortskern von Ralswiek und die Uferzone erstrecken – auf einem Strandwall, also einem vom Wasser aufgeschobenen Sandrücken zwischen Bodden und Hinterland. Sie entstand nach heutigem Stand im späten 8. Jahrhundert, ihre Blüte als Handelsplatz fällt ins 9. und 10. Jahrhundert. Danach blieb Ralswiek bewohnt, verlor aber seinen Charakter als Fernhandelshafen. Der Ortsname selbst taucht erst 1311 in einer Urkunde als „Ralswiik“ auf – Jahrhunderte nach der Glanzzeit, die nur die Archäologie kennt.
Die Ranen (lateinisch Rani oder Rugiani) waren ein westslawischer Stamm auf Rügen und dem gegenüberliegenden Festland. Sie gehörten zum großen Kreis der Ostseeslawen, zu dem auch die Obodriten in Mecklenburg und die Pomoranen an der Odermündung zählen. Mit den germanischen Rugiern der Völkerwanderungszeit haben sie trotz der Namensähnlichkeit nichts zu tun – der Inselname wurde weitergereicht, das Volk nicht.
Berühmt sind die Ranen vor allem durch ihr Heiligtum auf Kap Arkona, wo der Gott Svantevit verehrt wurde. Der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus schildert um 1200 ausführlich, wie König Waldemar I. und Bischof Absalon 1168 Arkona eroberten und das Götterbild zerschlugen. Das ist eine dänische Siegerdarstellung und will entsprechend gelesen werden, zeigt aber, wie mächtig und eigenständig die Ranen bis ins 12. Jahrhundert waren. Sie trieben Seehandel, unternahmen selbst Raubzüge über See und waren für Dänen wie Sachsen ein ernstzunehmender Gegner – nicht Statisten am Rand der Wikingergeschichte.
Für Ralswiek heißt das: Die Gastgeber dieses Hafens waren Ranen. Skandinavier kamen als Händler, Gäste, vielleicht auch als dauerhaft ansässige Familien. Wie viele es waren und welche Rolle sie spielten, ist eine der offenen Fragen des Ortes.
Die Entdeckungsgeschichte beginnt nicht mit einem Professor, sondern mit einem Bagger. 1967 stieß man beim Ausheben eines Entwässerungsgrabens am Ufer auf Holzteile eines Bootswracks, am Folgetag rund 15 Meter entfernt auf Planken eines zweiten. 1968 kam bei der Fortsetzung der Arbeiten ein drittes Boot zum Vorschein. Die ersten Untersuchungen leitete Peter Herfert vom Museum in Bergen auf Rügen, der Ralswiek bald als „frühgeschichtlichen Seehandelsplatz“ vorstellte.
Daraus wurde eines der großen Forschungsprojekte der DDR-Archäologie. Joachim Herrmann (1932–2010), Direktor des Zentralinstituts für Alte Geschichte und Archäologie an der Akademie der Wissenschaften in Berlin, leitete in den 1970er und 1980er Jahren ausgedehnte Grabungen in der Siedlung, ihrem Umfeld und dem Gräberfeld. Auf weit über tausend Quadratmetern wurden Hausgrundrisse, Hafenanlagen und Tausende Funde dokumentiert. Zwischen 1997 und 2008 erschien die Gesamtvorlage in fünf Bänden der Reihe „Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns“, zuletzt der Band über das Hügelgräberfeld (mit Dieter Warnke, 2008).
Was Ralswiek von einem gewöhnlichen Dorf unterscheidet, ist seine Ausrichtung aufs Wasser. Die Siedlung bestand aus einzelnen Hofstellen entlang des Ufers. Zu ihnen gehörten offenbar eigene Bootseinfahrten: schmale, in den flachen Strand gegrabene Buchten, in die man die Boote hineinziehen konnte. Lech Leciejewicz, einer der besten Kenner der westslawischen Seefahrt, hat die Ralswieker Hafenanlagen des 9. Jahrhunderts als einfacher beschrieben als die späteren Kaianlagen von Wolin oder Danzig – funktional, aber noch ohne Holzkais und Bohlwege im großen Stil.
Die Häuser waren Holzbauten, in den jüngeren Phasen auch Blockbauten, wie sie im slawischen Raum verbreitet waren. Herrmann unterschied mehrere Siedlungsphasen; eine frühe wurde durch einen Brand beendet, danach wurde neu aufgebaut. Die Funde zeigen Handwerk, das man an jedem Handelsplatz der Zeit erwartet: Keramik vor allem slawischer Machart, Spinnwirtel und Webgewichte für die Textilherstellung, Eisengeräte, Kammmacherei aus Geweih, Bernsteinverarbeitung. Dazu kommen Gegenstände skandinavischer Herkunft und Formgebung, die eine regelmäßige Verbindung nach Norden belegen.
Ein Handelsplatz wie Ralswiek lebte vom Umschlag. Was hier genau gehandelt wurde, lässt sich nur teilweise fassen, weil vieles vergänglich war: Pelze, Wachs, Honig, Getreide, Salz, Textilien – und, das darf man nicht verschweigen, mit großer Wahrscheinlichkeit auch Menschen. Der Sklavenhandel war im Ostseeraum der Wikingerzeit ein einträgliches Geschäft, und gerade das arabische Silber, das in Massen nach Norden floss, stand oft mit ihm in Verbindung. Für Ralswiek im Einzelnen ist das nicht direkt belegt, aber es gehört ins Gesamtbild des Wikingerhandels.
Die Ralswieker Boote sind der Grund, warum der Ort in jedem Handbuch zum frühmittelalterlichen Schiffbau auftaucht. Sie lagen unter rund einem Meter Torf im verlandeten Uferbereich. Da man das nasse Holz 1967/68 nicht sofort konservieren konnte, wurden die Wracks dokumentiert und wieder mit Sand und Torf abgedeckt – im Boden blieben sie besser erhalten als in jedem improvisierten Lager.
Insgesamt kennen wir vier Boote:
Datiert werden die Boote nach archäologischen Kriterien ins 9. und 10. Jahrhundert, Boot 4 eher etwas früher ins 8. oder 9. Jahrhundert. Eine durchgehende, publizierte Dendrodatierung – also eine Jahrringdatierung des Holzes – für alle vier Wracks konnten wir nicht verifizieren; die Jahresangaben solltest du deshalb als Spannen lesen, nicht als Baujahre.
Spannend ist die Bauweise. Die Boote sind in Klinkertechnik gebaut, das heißt mit dachziegelartig überlappenden Planken, wie bei skandinavischen Schiffen. Die Verbindungstechnik zeigt aber Eigenheiten, die man aus dem westslawischen Bootsbau kennt: Holznägel spielen eine große Rolle, die Nähte wurden mit Moos, Tierhaar und Wolle unter Teer abgedichtet. Bei Boot 4 nennt die Dokumentation als Dichtmaterial Teer, Menschenhaar, Schafwolle und Moos. Die Forschung spricht deshalb gern von einer Mischung slawischer und skandinavischer Bautraditionen – ein Befund, der besser zu Ralswiek passt als jedes Etikett. Mehr zu den Grundlagen findest du in unserem Beitrag zum Wikinger-Schiffbau.
Dass die Boote systematisch zerlegt und brauchbare Teile wiederverwendet wurden, verrät noch etwas: Ralswiek war nicht nur Anlegestelle, sondern auch ein Ort, an dem Boote repariert, umgebaut und am Ende ausgeschlachtet wurden – eine Werft im Kleinen.
Boot 2 wurde ab 1993 geborgen und anschließend in Schleswig und Schwerin konserviert. Teile davon, darunter Kiel und Steven, wurden später im Museum für Unterwasserarchäologie in Sassnitz gezeigt. Zwei Nachbauten machten das Boot wieder fahrbar: die „Svarog“ (1997, im Ukranenland bei Torgelow) und der „Bialy Kon“, das „Weiße Pferd“ (1998), der heute im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden steht. Die Probefahrten zeigten, dass solche Boote seetüchtig und schnell waren. Für einen Vergleich mit den dänischen Gegenstücken lohnt ein Blick auf die Skuldelev-Schiffe: Der dänische Schiffbauexperte Erik Andersen nutzte sie, um für Boot 2 ein Rahsegel zu rekonstruieren – Takelage selbst ist in Ralswiek nicht erhalten.
Am 10. Juli 1973 kam bei den Grabungen der Fund ans Licht, der Ralswiek unter Numismatikern berühmt machte. In einem Hausgrundriss der Siedlung lag ein Hort aus arabischem Silber. Der Fundkatalog der Numismatischen Kommission der Länder verzeichnet „wenigstens 2211 Münzen bzw. deren Bruchstücke mit einem Gesamtgewicht von 2750 g“. Die jüngste Münze, die sogenannte Schlussmünze, stammt aus dem Jahr 841/842. Der Schatz wird heute im Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin verwahrt.
Die Schlussmünze ist für Archäologen ein Datierungswerkzeug: Der Schatz kann frühestens nach ihrer Prägung in den Boden gekommen sein. Da arabische Münzen auf dem Weg von den Kalifatsmünzstätten über die russischen Flüsse bis an die Ostsee einige Jahre unterwegs waren, setzt man die Verbergung meist um die Mitte des 9. Jahrhunderts an. In der populären Literatur kursieren teils abweichende Angaben – etwa 844 als Schlussjahr oder leicht andere Stückzahlen. Wir halten uns an den Fundkatalog, denn der beruht auf der Bearbeitung der Münzen selbst.
Ein kleines Rechenspiel zeigt, was für eine Art Schatz das ist: 2.750 Gramm geteilt durch 2.211 Stücke ergibt im Schnitt nur etwa 1,2 Gramm. Ein vollständiger abbasidischer Dirham wog knapp 3 Gramm. Ein großer Teil des Ralswieker Silbers besteht also aus zerschnittenen Münzen – manches Fragment im Berliner Bestand wiegt nur ein Zehntel Gramm. Das ist typisch für die Gewichtsgeldwirtschaft der Ostsee: Silber zählte nach Gewicht, nicht nach Nennwert. Wer bezahlte, schnitt ab und wog. Genau das erklären wir ausführlicher im Beitrag über Hacksilber.
Die Münzen stammen aus dem Kalifat – umayyadische und vor allem abbasidische Prägungen, nach lokalen Darstellungen auch Stücke aus dem persischen Raum. Damit gehört Ralswiek zu den frühen großen Dirhamhorten im südlichen Ostseeraum. Mit den Riesenfunden Gotlands wie dem Spillings-Schatz kann er nicht mithalten, aber für die deutsche Ostseeküste ist er herausragend. Einen Überblick über die bekanntesten Funde dieser Art gibt unser Artikel zu den großen Silberhorten.
Warum wurde der Schatz nicht wieder ausgegraben? Darauf gibt es keine gesicherte Antwort. Vielleicht starb der Besitzer, vielleicht floh er, vielleicht wurde er überfallen. Silber im eigenen Haus zu vergraben war der Tresor des Frühmittelalters. Dass er nie geöffnet wurde, ist das Glück der Archäologie und das Pech eines Menschen, dessen Namen wir nie erfahren werden.
Nordöstlich des Ortes, an der Straße Richtung Sassnitz, liegt im Wald eines der eindrucksvollsten Bodendenkmäler Rügens: das Hügelgräberfeld in den „Schwarzen Bergen“. Auf einer Fläche von etwa 400 mal 700 Metern liegen rund 400 Grabhügel aus slawischer Zeit, datiert zwischen das 8. und 12. Jahrhundert. Ein großer Teil wurde archäologisch untersucht und 2008 im fünften Ralswiek-Band vorgelegt.
Die meisten Toten wurden verbrannt, ihre Reste unter den Hügeln beigesetzt; daneben gibt es Körpergräber. Zu den Besonderheiten zählen ein Reitergrab in einer hölzernen Kammer und Gräber, in denen Boote oder Bootsteile eine Rolle spielten. Die Sitte, Tote mit oder in einem Boot zu bestatten, kennen wir vor allem aus Skandinavien – lies dazu unseren Beitrag zur Bootsbestattung. Ob einzelne Gräber in Ralswiek deshalb Skandinaviern gehören oder ob Ranen eine Form übernahmen, die an der Ostsee „in der Luft lag“, lässt sich aus der Grabform allein nicht entscheiden.
Die Hügel sind unterschiedlich groß und unterschiedlich ausgestattet – das spiegelt eine gegliederte Gesellschaft mit wohlhabenden Familien, Kriegern und einfachen Leuten wider. Wer heute durch die Schwarzen Berge geht, läuft durch einen Friedhof, auf dem Händler, Bootsbauer und Bauern des alten Ralswiek liegen.
Einer der meistdiskutierten Befunde ist ein Areal, das Herrmann als Kultplatz deutete. Es lag direkt am damaligen Boddenufer. Beschrieben werden eine Art Podest oder Plattform, Tierknochen und auch menschliche Skelettreste, darunter von Männern und Frauen im besten Alter. Herrmann und ihm folgende Darstellungen sahen darin einen Opferplatz, an dem Tiere und möglicherweise auch Menschen geopfert wurden; lokale Darstellungen vermuten, dass ihn Slawen und Skandinavier gemeinsam nutzten.
Hier ist Vorsicht angebracht. Menschliche Knochen an einem Platz beweisen noch kein Menschenopfer. Sie können auch von Gewalt, von Hinrichtungen, von verlagerten Bestattungen oder von Konflikten stammen. Die Deutung als Heiligtum stützt sich auf Analogien: Westslawische Kultorte mit Tempelbauten und Opferplätzen kennen wir aus Schriftquellen des 11. und 12. Jahrhunderts – Arkona, Garz (Charenza) oder Rethra. Diese Texte sind aber jünger als die frühe Ralswieker Siedlung und stammen von christlichen Autoren mit eigener Agenda.
Ein fairer Zwischenstand lautet also: In Ralswiek gibt es einen ungewöhnlichen Befund am Wasser, der rituell gedeutet wird und für eine solche Deutung gute Argumente bietet. Wer daraus „Menschenopfer der Wikinger“ macht, überdehnt die Quellen gleich doppelt – weder sind die Opfer sicher, noch waren die Akteure sicher Skandinavier.
Die Archäologie spricht bei Orten wie Ralswiek von Emporien oder Seehandelsplätzen: offene, unbefestigte oder nur leicht befestigte Siedlungen am Wasser, in denen Fernhandel und Handwerk zusammenkamen. An der südlichen Ostsee gibt es eine ganze Kette davon.
Haithabu an der Schlei war der große dänische Handelsort, ab dem 9. Jahrhundert von einem halbkreisförmigen Wall umschlossen und mit dem Danewerk verbunden. Er war deutlich größer und stärker herrschaftlich kontrolliert als Ralswiek und endete im 11. Jahrhundert nach Zerstörungen. Was ein Reisender aus Al-Andalus dort im 10. Jahrhundert beobachtete, erzählen wir im Beitrag über Ibrāhīm ibn Yaʿqūb.
Wolin an der Odermündung wuchs zur bedeutendsten Handelsstadt der südlichen Ostsee heran. Adam von Bremen beschreibt sie um 1075 unter dem Namen „Jumne“ als riesige Stadt, in der Slawen, Sachsen und andere Völker lebten. Mit seinen Kaianlagen und dichter Bebauung ist Wolin sozusagen die große Schwester von Ralswiek.
Menzlin an der Peene bei Anklam ist der wohl engste Vergleich. Der Platz blühte vor allem im 9. Jahrhundert, und sein Gräberfeld mit Schiffssetzungen aus Steinen ist eindeutig skandinavisch geprägt. In Menzlin ist der nordische Anteil damit deutlicher fassbar als in Ralswiek, wo die Gräber überwiegend slawische Formen zeigen.
Und dann ist da noch Reric in Mecklenburg, der obodritische Handelsplatz, den der Dänenkönig Gudfred 808 zerstörte und dessen Kaufleute er nach Haithabu umsiedeln ließ.
Was Ralswiek in dieser Reihe auszeichnet, ist die Kombination: ein kleiner, aber gut erforschter Platz, der Hafen, Boote, Gräberfeld, Kultplatz und Schatz in einem Fundzusammenhang bietet. Gerade weil Ralswiek nicht die Größe von Haithabu oder Wolin hatte, zeigt es, wie das Netz im Alltag funktionierte – nicht nur an den Hauptknoten, sondern auch an den Nebenstellen. Wie dieses Netz insgesamt aussah, beschreibt unser Artikel über die Wikinger in der Ostsee und das Land der Wenden.
Herrmanns Publikationsreihe trägt den Titel „Die slawisch-wikingischen Siedlungen“. Das ist eine bewusste Doppelbezeichnung und gibt den Forschungsstand ziemlich gut wieder. Die Grundbevölkerung war slawisch, das zeigen Hausbau, Keramik und Gräber. Skandinavische Gegenstände, Bootsbautechniken und einzelne Grabformen belegen enge Kontakte, möglicherweise auch Ansiedlung.
Das Wort „Wiking“ selbst ist dabei eine Falle. In den altnordischen Quellen bezeichnet „víkingr“ zunächst jemanden, der auf Fahrt geht, oft auf Raubfahrt – keine Volkszugehörigkeit. Eine Ralswieker Kaufmannsfamilie war nicht „Wikinger“, nur weil sie mit Gotländern handelte. Umgekehrt waren auch Ranen gefürchtete Seefahrer, die im 12. Jahrhundert dänische Küsten überfielen. Die Ostsee war kein Meer, auf dem „die Wikinger“ fuhren und alle anderen zusahen. Sie war ein gemeinsamer Raum mit vielen Akteuren.
Wer genau wissen will, wie Begriffe wie Wikinger, Waräger und Rus voneinander abzugrenzen sind, findet das in unserem Beitrag Wikinger, Normannen, Waräger, Rus.
Mit der dänischen Eroberung Rügens 1168 begann ein neues Kapitel. Die Insel wurde christianisiert und kirchlich dem dänischen Bistum Roskilde zugeordnet, dessen Bischof Absalon die Eroberung mitgetragen hatte. Ralswiek wurde zu einem kirchlichen Verwaltungsmittelpunkt mit einer Propstei; vom späteren Propsteigebäude sind gotische Reste erhalten. Der Fernhandel war da längst an andere Orte gewandert, bald an die neuen Hansestädte wie Stralsund.
Später wechselte Ralswiek mehrfach den Besitzer, darunter die Familie von Barnekow. 1891 kaufte Graf Douglas das Gut und ließ 1893 bis 1896 das heutige Schloss Ralswiek im Stil der Neorenaissance errichten – heute ein Hotel. Der Ort selbst ist klein geblieben, mit rund 250 Einwohnern.
Bekannt ist Ralswiek heute vor allem durch die Störtebeker-Festspiele, die seit 1993 jeden Sommer auf der Naturbühne am Bodden stattfinden. Mit dem frühmittelalterlichen Ralswiek haben die Piratengeschichten um Klaus Störtebeker, die ins späte 14. Jahrhundert gehören, nichts zu tun. Aber es ist eine hübsche Ironie, dass am Ufer, wo vor über 1.100 Jahren Boote in den Sand gezogen wurden, wieder Schiffe die Bühne beherrschen.
Ein großes Freilichtmuseum mit rekonstruierten Häusern gibt es in Ralswiek nicht. Wer das frühe Mittelalter vor Ort sucht, geht am besten ins Hügelgräberfeld der Schwarzen Berge, das über Wanderwege erreichbar ist, und schaut von dort auf den Bodden. Der Nachbau von Boot 2 steht im Freilichtmuseum Groß Raden bei Sternberg, das eine slawische Burg mit Tempelort rekonstruiert hat. Teile des Originals wurden in Sassnitz gezeigt; prüfe vor einem Besuch, ob die Ausstellung aktuell geöffnet ist. Weitere Ziele an der Küste findest du in unserer Übersicht Wikinger erleben und in Wikinger-Spuren in Deutschland.
Wir bei Glanz & Gravur lieben solche Orte, weil sie zeigen, dass die Geschichte des Nordens nicht an der dänischen Grenze aufhört. Sie liegt auch hier, in Mecklenburg-Vorpommern, unter Torf und Sand – und in den Händen von Menschen, die ihre Herkunft ernst nehmen, ohne sie zu verklären.

Waren in Ralswiek Wikinger? Ja, Skandinavier verkehrten dort und hinterließen Spuren in Funden, Bootsbau und vielleicht einzelnen Gräbern. Die Siedlung selbst gehörte aber den slawischen Ranen.
Wie alt ist der Handelsplatz Ralswiek? Er entstand im späten 8. Jahrhundert und hatte seine Blüte im 9. und 10. Jahrhundert. Der Ortsname ist erst 1311 urkundlich belegt.
Wie viele Münzen enthielt der Silberschatz von Ralswiek? Mindestens 2.211 arabische Münzen und Münzbruchstücke mit zusammen 2,75 Kilogramm. Die jüngste Münze stammt von 841/842.
Wo sind die Ralswieker Boote heute? Teile von Boot 2 wurden konserviert und in Sassnitz ausgestellt, ein Nachbau steht im Freilichtmuseum Groß Raden. Die übrigen Wracks wurden dokumentiert und größtenteils im Boden belassen.
Kann man das Hügelgräberfeld bei Ralswiek besichtigen? Ja, die Schwarzen Berge mit rund 400 Grabhügeln liegen frei zugänglich im Wald nordöstlich des Ortes und sind über Wanderwege erreichbar.
Was haben die Störtebeker-Festspiele mit Ralswiek zu tun? Nur den Ort: Sie finden seit 1993 auf der Naturbühne am Bodden statt. Historisch hat Störtebeker mit dem slawischen Handelsplatz nichts zu tun.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Reric · Hacksilber – Silber als Währung · Wikinger-Spuren in Deutschland · Das Danewerk · Haithabu.
Alle Geschichte & Funde-Artikel →
König Hákon der Gute, ein Sohn Harald Schönhaars, kämpfte sein Leben lang gegen die Söhne seines Bruders Erik Blutaxt …
Weiterlesen →Lange bevor es Wikinger im Sinne der Sagas gab, war in Südwestjütland schon eine Stadt: Ribe, gegründet um 700, die …
Weiterlesen →Die Wikingerschlacht war kein wildes Gewühl, sondern ein hartes Ringen Schild an Schild. Ein Blick auf Taktik und …
Weiterlesen →