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Ibrāhīm ibn Yaʿqūb: Was ein Reisender aus Spanien in Haithabu sah

Geschichte & Funde Ibrāhīm ibn Yaʿqūb: Was ein Reisender aus Spanien in Haithabu sah

Um das Jahr 965 kam ein Fremder an die Schlei. Er stammte aus Tortosa in al-Andalus, dem muslimischen Spanien, war Jude, Kaufmann und offenbar ein scharfer Beobachter. Was er über die Stadt „Šlešwīq“ aufschrieb, gehört zu den ganz wenigen Augenzeugenberichten über einen Ort der Wikingerzeit auf heute deutschem Boden. Es ist ein Bericht voller Überraschungen: Frauen, die sich scheiden lassen, Männer mit geschminkten Augen und ein Gesang, der ihn an heulende Hunde erinnerte.

Rekonstruierte Wikingerhäuser mit Strohdächern hinter einem Flechtzaun in Haithabu
Die rekonstruierten Häuser des Wikinger Museums Haithabu am Haddebyer Noor. Foto: Frank Baldus, gemeinfrei, Wikimedia Commons.

Wer war Ibrāhīm ibn Yaʿqūb?

Sein voller Name lautet in den Quellen Ibrāhīm ibn Yaʿqūb al-Isrāʾīlī al-Ṭurṭūšī: Ibrāhīm, Sohn des Jakob, der Israelit aus Tortosa. Tortosa liegt am Ebro im heutigen Katalonien und gehörte damals zum Kalifat von Córdoba. Die beiden Beinamen, auf Arabisch Nisba genannt, verraten Herkunftsort und Religion. Ibrāhīm war wohl ein sephardischer Jude, also ein Jude aus dem arabisch geprägten Spanien, und wohl Kaufmann. Vieles über ihn bleibt unklar, und das sollte man von Anfang an sagen.

Schon die Frage nach seiner Religion ist nicht ganz so eindeutig, wie der Beiname vermuten lässt. Georg Jacob hielt ihn für einen Juden, vielleicht nordafrikanischer Herkunft. André Miquel und Abdurrahman El-Hajji sahen in ihm einen sephardischen Juden. Der Historiker Peter Engels hielt es 1991 für möglich, dass er zum Islam übergetreten war und „al-Isrāʾīlī“ nur als Familientradition weiterführte. Auch sein Beruf ist Deutung: Engels betont sein Interesse an Märkten, Münzen und Wegen, Tadeusz Kowalski fragte, ob er Arzt war, El-Hajji sah einen Diplomaten.

Sicher ist, dass er in den 960er-Jahren durch Mitteleuropa reiste und dabei Kaiser Otto I. traf, den die arabischen Texte „Hūtuh“ nennen. Er beschrieb Prag als Handelsstadt aus Stein und Kalk, und er kannte das Reich des polnischen Fürsten Mieszko I., den er „König des Nordens“ nannte. Ob er im Auftrag des Kalifen unterwegs war, ist eine verbreitete, aber unbewiesene Vermutung.

Auch das Jahr seiner Reise ist umstritten. Jacob setzte sie auf 973, Kowalski auf 965/966, Miquel auf 965. Seit der Text des andalusischen Geografen al-ʿUḏrī 1965 im Druck vorliegt, kennt man dort die Jahresangabe 350 der Hidschra, also 961/962. Das passt zu einem Treffen mit Otto in Rom kurz nach dessen Kaiserkrönung im Februar 962. Manche Forscher rechnen deshalb mit zwei Begegnungen, einer in Rom und einer weiteren im Norden. Wer für Haithabu „um 965“ sagt, liegt jedenfalls nicht falsch, mehr Genauigkeit gibt die Überlieferung nicht her.

Unterwegs zwischen Rhein, Elbe und Moldau

Eine sichere Reiseroute gibt es nicht. Jacob rekonstruierte 1927 eine lange Schleife von Bordeaux über Rouen, Utrecht und Schleswig nach Magdeburg, Paderborn, Soest, Fulda und Mainz bis nach Italien. El-Hajji ließ die Reise dagegen in Rom beginnen und über Prag und das Land der Abodriten nach Schleswig und Magdeburg führen. Warnke, Engels und Ducène schlugen wieder andere Wege vor, zumal manche Ortsbeschreibungen Ibrāhīm nur zugeschrieben werden.

Am Hof Ottos. Ibrāhīm berichtet, er habe bei „Hūtuh“, dem König der Römer, Gesandte der Bulgaren gesehen. Otto soll ihm außerdem von einer „Stadt der Frauen“ im Nordosten erzählt haben, einer Erzählung, die nach Märchen klingt und auch so gelesen wird.

Mainz. Bei al-Qazwīnī ist eine Beschreibung von Mainz erhalten, die bis heute Wirtschaftshistoriker begeistert. Ibrāhīm wunderte sich, dass es dort Gewürze gab, die nur im fernsten Osten wachsen: Pfeffer, Ingwer, Gewürznelken, Narde und Galgant. Und er sah Silbermünzen, Dirhams, die in Samarkand geprägt worden waren, nach Jacobs Übersetzung in den Jahren 301 und 302 der Hidschra, also um 913–915. Diese Münzen waren also schon ein halbes Jahrhundert unterwegs, als sie am Rhein in seine Hände kamen. Genau solche Dirhams aus dem Reich der Samaniden in Zentralasien sind es, die in großen Mengen auch in Skandinavien gefunden werden.

Prag. Die Stadt sei aus Stein und Kalk gebaut und ein bedeutender Handelsplatz. Rus und Slawen kämen aus Krakau, Muslime, Juden und Türken aus dem Osten, gehandelt würden Sklaven, Zinn und Pelze. Ibrāhīm gilt damit als erster Autor, der Prag und seine jüdische Gemeinde erwähnt.

Mieszko I. Der Fürst der Polen, bei Ibrāhīm „Mšqh“, sei der König des Nordens. Er unterhalte 3.000 Gepanzerte, die er selbst ausrüste und monatlich besolde, und er zahle für jedes Kind eine Unterstützung. Es ist die erste verlässliche Beschreibung des frühen polnischen Staates überhaupt.

Nakon und die Abodriten. Ganz im Westen der Slawenwelt liege das Land des Nakon, eines Fürsten der Obodriten (Abodriten) im heutigen Mecklenburg. Seine Burg stehe in einem sumpfigen Gelände, und Ibrāhīm beschreibt, wie man solche Burgen baut: Man sucht eine Wiese mit Wasser und Röhricht, steckt einen Kreis ab, schüttet Erde auf und befestigt sie mit Holz. Die Forschung sucht diese Burg meist bei Mecklenburg bei Wismar.

Fulda und andere Orte. Unter den Einträgen al-Qazwīnīs, die auf Ibrāhīm zurückgehen, stehen auch Fulda und Rouen. Wie zuverlässig jede einzelne dieser Notizen ist, lässt sich kaum sagen, sie sind kurz und teils märchenhaft eingefärbt.

Silber, Sklaven, Gewürze: das Netz hinter der Reise

Warum reist ein Mann aus Tortosa überhaupt an die Ostsee? Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Aber wir kennen die Wege, auf denen er sich bewegte. Al-Andalus war im 10. Jahrhundert die reichste Region Westeuropas, und Córdoba brauchte Menschen. Im Kalifenpalast dienten zahlreiche Ṣaqāliba, wörtlich „Slawen“, ein Wort, das dort für Sklaven und Söldner europäischer Herkunft stand. Liutprand von Cremona berichtet um 960 von Händlern aus Verdun, die Knaben kastrierten und nach Spanien verkauften. Prag mit seinem Sklavenmarkt war ein Knotenpunkt dieses Handels, die Elbslawen und ihre Nachbarn waren seine Opfer.

In dieses Bild gehören auch die Radhaniten, jüdische Fernhändler, die der persische Geograf Ibn Ḫurradāḏbih im 9. Jahrhundert beschreibt. Sie sprachen nach ihm Arabisch, Persisch, Griechisch, Fränkisch, Andalusisch und Slawisch und brachten Eunuchen, Sklavinnen, Brokat, Pelze und Schwerter vom Westen in den Osten. Eine Verbindung zu Ibrāhīm ist nirgends belegt. Einzelne Forscher haben vermutet, er könnte selbst mit Sklaven gehandelt haben, auch das bleibt Spekulation.

Für Haithabu ist dieses Netz keine Abstraktion. Die Stadt lebte vom Fernhandel, und Menschen gehörten zur Ware des Nordens: Rimbert erzählt in der Vita Anskarii, wie Ansgar christliche Gefangene freikaufte. Wie das im Norden aussah, beschreiben wir im Beitrag über Sklaverei bei den Wikingern. Und das Silber, mit dem bezahlt wurde, kam zu einem guten Teil aus denselben Münzstätten Zentralasiens, deren Dirhams Ibrāhīm in Mainz bestaunte. Im Norden wurden sie allerdings nicht gezählt, sondern zerhackt und gewogen. Mehr dazu im Beitrag über Hacksilber.

Ein Bericht, der nur auf Umwegen überlebt hat

Ibrāhīms eigenes Buch ist verloren. Wir kennen seine Beobachtungen nur, weil spätere Gelehrte daraus zitierten, und diese Kette ist lang.

Der früheste bekannte Nutzer ist al-ʿUḏrī aus Almería, der sein Werk Tarṣīʿ al-aḫbār zwischen 1066 und 1085 verfasste. Sein Schüler al-Bakrī verarbeitete die Angaben um 1067/1068 im Kitāb al-Masālik wa-l-mamālik, dem „Buch der Wege und Reiche“. Dort stehen die Berichte über die Slawen, Prag, Mieszko und Nakon. Spätere Autoren wie Ibn Saʿīd und al-Ḥimyarī schrieben wiederum bei al-Bakrī ab, und ein Teil der Prag-Stelle ist überhaupt nur bei al-Ḥimyarī erhalten.

Die Stelle über Schleswig dagegen kennen wir nur von Zakariyyāʾ al-Qazwīnī, einem Gelehrten aus dem iranischen Qazwīn, der um 1203 geboren wurde und 1283 starb. Er lebte im Irak, war Richter in Wāsiṭ und Ḥilla und erlebte 1258 die Eroberung Bagdads durch die Mongolen. Sein Werk Āṯār al-bilād, „Denkmäler der Länder“, ordnet die Orte der Welt nach sieben Klimazonen und darin alphabetisch, Šlašwīq steht im sechsten Klima. Die jüngere Fassung entstand 1275/76. Seine wichtigste Quelle war das geografische Lexikon Yāqūts, aus dem fast 360 Einträge stammen. Ob er Ibrāhīm direkt las oder über al-ʿUḏrī, ist offen. Sicher ist, dass er Andalusier persönlich kannte, darunter den Geografen Ibn Saʿīd al-Maġribī.

Zwischen Ibrāhīms Besuch und al-Qazwīnīs Text liegen also rund dreihundert Jahre und gut fünftausend Kilometer, von der Schlei über Spanien bis an Euphrat und Tigris. In dieser Zeit wurde abgeschrieben, gekürzt, vielleicht auch umformuliert, und das gilt für jeden einzelnen Satz.

Wie die Forschung den Text entdeckte

Die arabische Ausgabe von al-Qazwīnīs Werk legte Ferdinand Wüstenfeld 1848 in Göttingen vor, die Schleswig-Stelle steht dort auf Seite 404. Ins Deutsche übersetzt hat sie der Orientalist Georg Jacob 1927, in einem Band mit arabischen Berichten über Gesandte an germanischen Fürstenhöfen.

Ein Detail macht Jacobs Arbeit besonders interessant: Er schrieb, bevor in Haithabu großflächig gegraben wurde. Die großen Kampagnen unter Herbert Jankuhn begannen erst 1930. Jacob suchte die „Süßwasserquellen“ deshalb in Teichen der Stadt Schleswig, die es dort bis ins 17. Jahrhundert gab. Erst die Archäologie verschob den Blick ans Haddebyer Noor.

Der polnische Orientalist Tadeusz Kowalski legte 1946 eine kritische Ausgabe des Slawenberichts bei al-Bakrī vor und klärte, dass Ibrāhīm ibn Yaʿqūb und „al-Ṭurṭūšī“ dieselbe Person sind. Endgültig bestätigt wurde das durch den 1965 veröffentlichten Text al-ʿUḏrīs, der beide Namensteile zusammen nennt. André Miquel ordnete den Reisenden 1966 in die arabische Sicht auf Westeuropa ein. Die jüngste ausführliche Untersuchung der Schleswig-Stelle stammt von dem Islamwissenschaftler Juan Rothenhäusler (2022), auf die wir uns hier vor allem stützen.

Was er über Šlešwīq schreibt

Der Text ist kurz, nur ein paar Absätze. Wir geben seinen Inhalt hier zusammengefasst wieder und sagen weiter unten, wie man ihn heute liest.

Die Stadt. Šlešwīq sei eine sehr große Stadt am äußersten Ende des Weltmeers, und in ihrem Inneren gebe es Quellen mit Süßwasser.

Der Glaube. Die Bewohner verehrten den Sirius, nur wenige seien Christen und hätten eine Kirche. Sie feierten ein Fest zu Ehren ihres Gottes mit Essen und Trinken, und wer ein Tier schlachte, hänge es an einer Stange vor seiner Tür auf, ob Rind, Widder, Ziegenbock oder Schwein, damit die Leute sähen, dass er es seinem Gott opfere.

Die Armut. Die Stadt sei arm an Gütern und an Segen, die Leute lebten vor allem von Fisch, denn davon gebe es reichlich.

Die Kinder. Wenn den Leuten ein Kind geboren werde, würfen sie es ins Meer, um sich die Kosten zu sparen.

Die Frauen. Die Frauen hätten das Recht, sich selbst zu scheiden, und trennten sich von ihren Männern, wann sie wollten.

Die Schminke. Männer und Frauen trügen eine künstliche Augenschminke, die nicht abgehe und ihre Schönheit noch steigere. Das arabische Wort ist kuḥl, ein Wort, von dem übrigens auch unser „Alkohol“ abstammt.

Der Gesang. Und dann der Satz, den man nicht mehr vergisst: Er habe nie hässlicheren Gesang gehört als den der Leute von Šlešwīq. Es sei ein Brummen, das aus ihren Kehlen komme, wie das Bellen von Hunden, nur noch wilder.

Haithabu um 965: was der Spaten zeigt

Bevor wir den Text prüfen, lohnt ein Blick auf den Ort, den Ibrāhīm sehr wahrscheinlich sah. Haithabu lag am Haddebyer Noor, einem Seitenarm der Schlei, und war im 10. Jahrhundert einer der größten Handelsplätze Nordeuropas. Der Halbkreiswall, der die Siedlung zur Landseite umschloss, wurde nach 930 in seiner heutigen Form aufgeschüttet und ist noch immer rund neun Meter hoch. Er umschließt etwa 26 bis 27 Hektar. Um 968, also nur wenige Jahre nach Ibrāhīms Besuch, ließ Harald Blauzahn einen Verbindungswall zum Danewerk bauen.

Die Einwohnerzahl schätzt man auf mindestens 1.000, in der Blütezeit vielleicht 1.500 Menschen. Im Hafen fanden Taucher und Ausgräber Palisaden, Landungsbrücken und Schiffswracks, darunter das Kriegsschiff Haithabu 1, das 1979 gehoben wurde. Über dreißig Brunnen sind nachgewiesen, der letzte datierbare stammt aus dem Jahr 1021. Seit etwa 825 wurden in Haithabu eigene Münzen geprägt, die sich an karolingischen Vorbildern orientierten. Daneben liefen arabische Dirhams um, meist in Stücke gehackt und nach Gewicht verrechnet.

Auch die Politik passt in die Zeit. In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts herrschte in Haithabu eine Dynastie, die Adam von Bremen aus Schweden kommen lässt. Zwei Runensteine aus Haithabu nennen einen König Sigtrygg, Sohn des Gnúpa. 934 zog König Heinrich I. gegen Gnúpa, 948 wurde in Ingelheim ein Bistum für Schleswig eingerichtet. Um 965 dürfte die Stadt bereits unter dem Einfluss der Jelling-Könige gestanden haben. Ibrāhīm kam also in eine Grenzstadt zwischen dänischer Macht, ottonischem Reich und slawischer Nachbarschaft.

Ein Vorbehalt gilt auch hier: Bis 1980 war nur etwa fünf Prozent der Siedlungsfläche und ein Prozent des Hafens intensiv untersucht. Was „archäologisch nicht nachgewiesen“ ist, kann also durchaus noch im Boden liegen.

Schleswig oder Haithabu?

Der Name im Text lautet Šlešwīq, also Schleswig. Beschrieben wird aber mit großer Wahrscheinlichkeit Haithabu. Die Stadt Schleswig am Nordufer der Schlei wurde erst nach dem Niedergang Haithabus im späten 11. Jahrhundert zum Zentrum, ihre ältesten städtischen Spuren datieren um 1070. Haithabu wurde 1050 von Harald Hardrada und 1066 von Slawen zerstört.

Dass beide Namen vermischt werden, ist nicht ungewöhnlich. Fränkische Annalen nennen 804 einen Ort Sliesthorp, angelsächsische Quellen sagen „æt Hæþum“, und Adam von Bremen setzt im 11. Jahrhundert Sliaswig und Heidiba ausdrücklich gleich.

Rothenhäusler spielt allerdings eine Gegenrechnung durch. Wenn Ibrāhīm die Stadt „arm an Gütern“ nennt, passt das schlecht zu einem internationalen Handelsplatz. Könnte er eine kleinere, ärmere Siedlung am Nordufer gesehen haben? Von der Schleswiger Altstadt sind erst etwa zehn Prozent ihrer zwölf Hektar ausgegraben, ältere Schichten sind also nicht ausgeschlossen. Am Ende hält er Haithabu dennoch für wahrscheinlicher und erklärt die „Armut“ mit dem Blick des Besuchers: Wer Córdoba kannte, mit seinen Hunderttausenden Einwohnern, Moscheen und Bädern, dem musste eine Stadt mit tausend Menschen und Holzhäusern ärmlich vorkommen.

Zur Kirche: Ein Kirchenbau ist in Haithabu archäologisch bisher nicht nachgewiesen. Gefunden wurde 1978 im Hafen aber eine Kirchenglocke aus dem frühen 10. Jahrhundert. Rimbert berichtet, dass Ansgar um 850 mit Erlaubnis König Horiks in Haithabu eine Kirche bauen durfte, für Kaufleute aus Dorestad und Hamburg. Ibrāhīms „wenige Christen mit einer Kirche“ passen also gut ins Bild.

Was davon können wir glauben?

Die Süßwasserquellen sind wohl die über dreißig Brunnen der Stadt.

Die Opfertiere vor der Tür passen zu dem, was wir aus anderen Quellen über heidnische Feste im Norden wissen. Das Altnordische kennt Wörter für Opfermahl und Opfertrunk, blótveizla und blótdrykkja. Adam von Bremen beschreibt für Uppsala Opfertiere, die in einem heiligen Hain aufgehängt wurden, und Thietmar von Merseburg berichtet von Opfern in Lejre. Mehr dazu in unseren Beiträgen über Uppsala und das Blót. Dass die Leute von Haithabu ein Opferfest feierten und das geschlachtete Tier sichtbar machten, ist plausibel. Rothenhäusler stellt dazu eine kluge Frage: Ein Rind zu opfern war teuer. Wenn dieselben Leute angeblich ihre Kinder aus Not ertränkten, feierte dann die ganze Stadt, oder nur eine wohlhabende Schicht?

Die Sirius-Verehrung ist schwieriger. Für einen Sirius-Kult im Norden gibt es keinen einzigen weiteren Beleg. Rothenhäusler weist darauf hin, dass der Sirius im Koran genannt wird (Sure 53,49) und in der Auslegung für den Götzendienst der vorislamischen Araber steht. Al-Qazwīnī oder schon Ibrāhīm könnte also ein bekanntes Bild für „Heiden“ benutzt haben, statt eine echte Beobachtung wiederzugeben.

Die ins Meer geworfenen Kinder sind ähnlich zu bewerten. Die Geschichte erinnert stark an Berichte über das vorislamische Arabien, in denen das Töten neugeborener Mädchen als Inbegriff der Barbarei gilt, der Koran verurteilt es ausdrücklich. Dass Kinder in Notzeiten ausgesetzt wurden, ist im Norden aus späteren isländischen Rechtsquellen und Sagas bekannt. Als allgemeine Sitte einer Stadt ist die Aussage aber kaum haltbar. Was wir über Kinder in der Wikingerzeit wissen, steht in unserem Beitrag über Wikingerkinder.

Das Scheidungsrecht der Frauen ist ein echter Streitfall. Auf der einen Seite zeigen isländische Sagas und Rechtstexte, dass eine Frau ihre Ehe beenden konnte, indem sie vor Zeugen die Scheidung erklärte, und dann ihr eingebrachtes Gut zurückbekam. Die Historikerin Auður G. Magnúsdóttir erklärt Ibrāhīms Satz mit Ehen, in denen die Frau sozial höher stand als der Mann. Auf der anderen Seite vermutet Rothenhäusler auch hier ein Klischee: Arabische Autoren schreiben nichtmuslimischen Europäerinnen gern auffallend viel Freiheit zu, als Gegenbild zur eigenen Gesellschaft. Beides kann zugleich stimmen. Mehr im Artikel über Frauen in der Wikingerzeit.

Die Augenschminke ist die Stelle, die heute am häufigsten zitiert wird, oft ohne jeden Vorbehalt. Rothenhäusler nennt sie vor allem rezeptionsgeschichtlich bedeutsam: Sie steckt hinter dem dunkel umrandeten Blick von Fernsehfiguren und Videospielhelden. Ein archäologischer Beleg für Schminke in Haithabu fehlt. Unmöglich ist sie nicht, der Norden war über die Handelswege mit Kulturen verbunden, in denen kuḥl üblich war. Was sonst über Körperpflege bekannt ist, steht im Beitrag über Hygiene der Wikinger.

Der Gesang schließlich ist das Urteil eines Fremden über eine Musik, die er nicht kannte. Das arabische Wort dandana meint ein Summen oder Brummen. Rothenhäusler erwägt eine Verbindung zum germanischen Schlachtruf, den Tacitus barditus nennt, lässt das aber offen. Mindestens ebenso naheliegend: Ibrāhīm hörte ein Gelage beim Opferfest, und betrunkene Männer klangen damals wohl ähnlich wie heute. Was wir über Musik der Wikingerzeit wissen, steht im Beitrag über Wikingermusik.

Andere Blicke von außen

Ibrāhīm steht nicht allein. Wer seinen Bericht einordnen will, sollte ihn neben die anderen Außenansichten legen, und die zeigen ein Muster.

Ibn Rusta, ein persischer Gelehrter, beschrieb Anfang des 10. Jahrhunderts die Rus. Sie hätten keine Äcker, lebten vom Handel mit Pelzen und Sklaven und gäben einem neugeborenen Sohn statt eines Erbes ein Schwert. Er lobt ihre saubere Kleidung. Auch hier: eine Geburtsszene, die mehr über Armut und Härte erzählen will als über Familienleben.

Ibn Faḍlān, der Gesandte aus Bagdad, sah 921/922 die Rus an der Wolga und fand sie prächtig gebaut, aber unvorstellbar schmutzig. Sein Bericht ist besser erhalten als Ibrāhīms: Eine Handschrift in Maschhad bietet einen zusammenhängenden Text, und Auszüge stehen beim selben Yāqūt, aus dem al-Qazwīnī schöpfte. Vollständig liegt aber auch er nicht vor. Du kannst ihn bei uns in der Lesefassung nachlesen.

Rimbert schrieb um 870 die Lebensbeschreibung seines Lehrers Ansgar. Er kennt Haithabu als Hafen, Markt und Missionsort, sieht die Stadt aber durch die Brille des Missionars. Adam von Bremen schrieb um 1075 über den Norden, oft nach Erzählungen des dänischen Königs Sven Estridsson, und malte das heidnische Uppsala in den dunkelsten Farben.

Alle diese Autoren schauen von außen und schreiben für ein Publikum, das staunen will. Ibrāhīm ist darin keine Ausnahme. Sein Vorteil: Er war wohl wirklich da, er beschreibt eine Stadt und keinen Mythos, und vieles, was er sagt, deckt sich mit dem Boden.

Was gesichert ist: Ibrāhīm ibn Yaʿqūb war ein Reisender aus Tortosa, nach seinem Beinamen jüdischer Herkunft, der in den 960er-Jahren Mitteleuropa bereiste und Otto I. traf. Seine Beschreibung von Šlešwīq ist nur über al-Qazwīnī (13. Jh.) überliefert und bezieht sich höchstwahrscheinlich auf Haithabu. Gut zu anderen Quellen passen: Brunnen in der Stadt, wenige Christen mit Kirche, Opferfeste, Fisch als Nahrung. Unsicher oder topisch gefärbt sind Sirius-Kult, Kindstötung, Armut und vermutlich auch Teile der Aussagen über Frauen.
Mythos-Check: „Alle Wikinger trugen Kajal“ ist eine Überdehnung. Belegt ist ein einziger Satz eines Fremden über die Leute einer Stadt, überliefert drei Jahrhunderte später. Ebenso wenig belegt ein Satz über ausgesetzte Kinder, dass die Wikinger ihre Neugeborenen gewöhnlich ins Meer warfen. Und „Ibrāhīm war ein Spion des Kalifen“ ist eine Vermutung, keine Tatsache. Puzzleteile, keine Gewissheiten.

Häufige Fragen

Wer war Ibrāhīm ibn Yaʿqūb? Ein Reisender aus Tortosa im muslimischen Spanien, nach seinem Beinamen jüdischer Herkunft und wohl Kaufmann. Er bereiste in den 960er-Jahren Mitteleuropa und beschrieb unter anderem Prag, das Polen Mieszkos I. und Haithabu.

Wann war Ibrāhīm ibn Yaʿqūb in Haithabu? Ein genaues Jahr nennt die Quelle nicht. Die meisten Forscher setzen die Reise in die 960er-Jahre, oft wird „um 965“ angegeben.

Haben die Wikinger in Haithabu wirklich Augen-Make-up getragen? Ibrāhīm behauptet es, archäologisch belegt ist es nicht. Unmöglich ist es nicht, aber ein einzelner, spät überlieferter Satz reicht nicht für eine allgemeine Aussage.

Wo kann man den Bericht über Haithabu lesen? Die arabische Stelle steht bei al-Qazwīnī (Ausgabe Wüstenfeld 1848, S. 404), die deutsche Übersetzung bei Georg Jacob 1927. Eine moderne Analyse mit Übersetzung bietet Juan Rothenhäusler 2022, frei online.

Warum heißt die Stadt im Bericht Schleswig und nicht Haithabu? Haithabu und Schleswig wurden in mittelalterlichen Quellen oft mit demselben Namen bezeichnet. Al-Qazwīnī nutzt die Form Šlešwīq, beschrieben ist nach heutigem Stand sehr wahrscheinlich Haithabu.

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