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Kindheit bei den Wikingern

Alltag & Handwerk Kindheit bei den Wikingern

Kein Kind der Wikingerzeit wurde als „kleiner Wikinger" geboren. Es wurde geboren, mit Wasser besprengt, benannt — und wuchs meist als Bauernkind auf einem Hof am Fjord, an der Küste oder im Binnenland heran. Was wir über diese Kindheit wissen, stammt aus Gräbern, Sagas und Gesetzestexten, und vieles davon ist zärtlicher, härter und nüchterner, als es der heutige Wikinger-Kult vermuten lässt. Werfen wir einen ehrlichen Blick auf die ersten Jahre im Norden.

Geboren in eine Welt ohne Krankenhaus

Die Geburt fand zu Hause statt, im Kreis von Frauen. Erfahrene Helferinnen — die Sagas sprechen schlicht von Frauen, die sich auskannten — begleiteten die Mutter, sprachen wohl auch schützende Verse und legten dem Neugeborenen manches ans Herz. Über den genauen Ablauf schweigen die Quellen weitgehend; wir wissen mehr über das, was danach kam, als über die Stunde selbst. Sicher ist: Eine Geburt war lebensgefährlich, für Mutter wie Kind, und der erste Lebenstag entschied oft über alles Weitere.

Denn ein Neugeborenes galt noch nicht automatisch als vollwertiges Mitglied der Familie. Erst wenn der Hausvater — oder in seiner Abwesenheit die verantwortliche Person — das Kind annahm, es aufhob und ihm einen Platz im Haus zusprach, war es Teil der Sippe. Dieser Akt war rechtlich bedeutsam, und er ist der Schlüssel, um sowohl die Zärtlichkeit als auch die Härte dieser Welt zu verstehen.

Mit Wasser besprengt: die Namensweihe

Der wichtigste frühe Ritus hieß ausa vatni — „mit Wasser besprengen". Das Kind wurde mit Wasser benetzt und erhielt einen Namen. Wichtig: Das ist kein christlicher Import. Der Brauch ist auch für die heidnische Zeit bezeugt, und die Sagas beschreiben ihn ganz selbstverständlich. Mit der Namensgebung war das Kind offiziell angenommen; ein einmal benanntes und mit Wasser geweihtes Kind auszusetzen, galt danach als schwerer Frevel.

Namen wählte man nicht beliebig. Oft benannte man Kinder nach verstorbenen Verwandten — man glaubte, mit dem Namen gehe auch etwas von Glück, Wesensart oder Schutzkraft des Ahnen über. Beliebt waren Namen mit Götterbezug (Thor-, Frey-) oder mit kämpferischen und tugendhaften Elementen. Zum Namen gehörte häufig ein Geschenk, das nafnfestr („Namenfestigung") — wer einem Kind den Namen gab, band die Gabe daran. Mehr über die Systematik der Rufnamen, Beinamen und Vaternamen erfährst du in unserem Beitrag über Wikinger-Namen und ihre Bedeutung.

Warum Kinder so wertvoll waren

In einer Agrargesellschaft ohne Sozialsystem waren Kinder Zukunft: Arbeitskraft, Erben, Fortführer der Sippe und — nicht zuletzt — die, die das Andenken der Toten wachhielten. Diese doppelte Bedeutung, praktisch und ehrend zugleich, klingt in der Spruchdichtung an:

Ein Sohn ist besser, ob spät auch geboren / nach des Vaters Hingang. / Gedenksteine stehn selten am Wege, / setzt sie der Sippe nicht Sippe.Hávamál 72, Übersetzung Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)

Der Vers ist kalt kalkuliert und zugleich zutiefst menschlich: Wer Nachkommen hat, wird nicht vergessen. Kinder waren damit weit mehr als Mäuler, die man stopfen musste — sie waren die Brücke zwischen den Generationen. Das erklärt, warum die Annahme eines Kindes ein so gewichtiger Akt war.

Aufwachsen auf dem Hof

Der Alltag der allermeisten Kinder spielte sich auf dem Hof ab, nicht auf einem Langschiff. Schon früh wuchsen sie in die Arbeit hinein: Kleinere hüteten Ziegen, Schafe und Gänse, sammelten Brennholz und Beeren, halfen im Haus. Ältere lernten das, was ihr Geschlecht und ihr Stand von ihnen verlangten — Mädchen an Spindel und Webstuhl, bei Milchverarbeitung und Vorratshaltung, Jungen bei Vieh, Feldarbeit, Fischfang und Handwerk. Ein Kind lernte, indem es zusah und nachmachte; Arbeit und Spiel waren keine getrennten Welten.

Wie hart oder behütet diese Jahre waren, hing stark vom Stand ab. Das Kind einer wohlhabenden Familie hatte andere Aussichten als das Kind eines Unfreien. Wer mehr über den Rahmen dieses Lebens wissen will — Wohnen im Langhaus, Ernährung, Handwerk —, findet ihn in unserem Überblick zum Alltag der Wikinger.

Fóstr: das Kind in fremder Obhut

Eine der prägendsten Einrichtungen war die Pflegschaft, altnordisch fóstr. Kinder — vor allem Söhne — wurden oft nicht allein von den eigenen Eltern erzogen, sondern für Jahre zu einer anderen Familie gegeben. Der Ziehvater (fóstri) und die Ziehmutter (fóstra) zogen das Kind groß, brachten ihm Fertigkeiten bei und übernahmen Verantwortung.

Das hatte einen tiefen sozialen Sinn: Pflegschaft band zwei Sippen aneinander. Wer das Kind eines anderen aufzog, galt oft als der rangniedrigere Teil — es lag Ehre darin, sein Kind einem angesehenen Freund anzuvertrauen, und Ehre darin, die Verantwortung zu übernehmen. Ziehgeschwister standen einander manchmal näher als leibliche Geschwister, und die Bindung zwischen Zögling und Ziehvater konnte ein Leben lang halten. Solche Beziehungen waren Kitt einer Gesellschaft, die ohne Staat vor allem über persönliche Bündnisse funktionierte.

Holzschwerter und Knochenwürfel: Spielzeug

Kinder haben immer gespielt, und die Wikingerzeit ist keine Ausnahme. Aus Ausgrabungen kennen wir kleine Holzschwerter und -boote, geschnitzte Tierfiguren und Pferdchen, Bälle und Kreisel. Besonders verbreitet waren Spielsteine aus Knochen — Astragale, also die Sprungbeine von Schafen und Rindern, die man als Wurf- und Geschicklichkeitsspiel benutzte, ähnlich späteren Knöchelspielen.

Manches Spielzeug war zugleich Lernmittel. Ein geschnitztes Schiff lehrte nebenbei die Formen echter Boote; kleine Werkzeuge übten Handgriffe ein, die man als Erwachsener brauchte. Und natürlich gab es Brettspiele: Hnefatafl, das nordische Königsspiel, war bei Jung und Alt beliebt und schulte strategisches Denken. In unserem interaktiven Hnefatafl kannst du dich selbst daran versuchen.

Lernen ohne Schule

Schulen im heutigen Sinn gab es nicht. Wissen wurde mündlich und praktisch weitergegeben. Kinder lernten Sagas, Ahnenreihen, Rechtssprüche und Gedichte auswendig — das Gedächtnis war die Bibliothek dieser Gesellschaft. Wer viele Verse und Geschichten kannte, galt als gebildet. Auch die Runen wurden weitergegeben, wenn auch nicht flächendeckend: Runenkenntnis war nützlich, aber kein Schulfach für jedes Kind.

Praktische Fähigkeiten hatten Vorrang: das Führen eines Haushalts, das Beherrschen eines Handwerks, der Umgang mit Tieren und Booten. Waffenübung begann für Jungen freier Familien meist im frühen Jugendalter — mit etwa zwölf Jahren galt man zunehmend als handlungsfähig und konnte in manchen Belangen wie ein Erwachsener behandelt werden. Von einer durchtrainierten Kinderkrieger-Truppe kann aber keine Rede sein.

Kinder in den Quellen: Zärtlichkeit und Verlust

Die Sagas zeigen Kinder nicht nur als Statisten. Es gibt Szenen tiefer Zuneigung — Eltern, die um verstorbene Kinder trauern, Väter, die stolz auf den Witz ihrer Sprösslinge sind, Ziehväter, die für ihre Zöglinge in den Tod gehen. Egill Skallagrímsson, der raue Skalde, dichtete eine erschütternde Klage um seine ertrunkenen Söhne. Solche Zeugnisse widerlegen das Klischee, harte Zeiten hätten harte, gefühllose Eltern hervorgebracht.

Was gesichert ist: Die Namensweihe ausa vatni mit Wasser und Namensgabe ist für die heidnische Zeit bezeugt und war rechtlich entscheidend für die Annahme des Kindes. Die Pflegschaft (fóstr) ist in den Sagas breit belegt und band Familien aneinander. Kinderspielzeug — Holzschwerter, -boote, geschnitzte Tiere, Astragale, Spielsteine — ist archäologisch gut dokumentiert. Die hohe Kindersterblichkeit lässt sich an Gräberfeldern ablesen. Und die Kinderaussetzung (barnaútburðr) war vor der Christianisierung rechtlich erlaubt — die Islendingabók nennt sie als eines der Zugeständnisse, die bei der Annahme des Christentums um das Jahr 1000 zunächst weitergalten.

Die harte Seite: Kindersterblichkeit

So sehr Kinder geschätzt waren — viele erreichten das Erwachsenenalter nicht. Krankheiten, Infektionen, Hunger in schlechten Jahren und die Gefahren von Geburt und Kleinkindzeit forderten einen hohen Tribut. In den Gräberfeldern spiegelt sich das: Ein erheblicher Teil der Bestattungen sind Kinder, und viele Menschen starben, bevor sie das achte Lebensjahr erreichten. Wer die Kindheit überlebte, hatte gute Aussichten auf ein längeres Leben — aber dieses erste Nadelöhr war eng.

Bemerkenswert ist, dass Archäologen Kindergräber überhaupt erst systematisch erkannten, als sie neben den Beigaben auch die Grabgröße auswerteten. Kleine Bestattungen wurden lange übersehen; erst der genauere Blick machte sichtbar, wie präsent Kinder — und ihr früher Tod — in dieser Welt waren.

Kinderaussetzung: ein Recht, kein Freifahrtschein

Ein Thema, das man weder verschweigen noch aufbauschen sollte: Vor der Christianisierung war es rechtlich erlaubt, ein neugeborenes Kind auszusetzen — die barnaútburðr. Entscheidend war der Zeitpunkt: Solange das Kind noch nicht mit Wasser geweiht, benannt und angenommen war, lag die Entscheidung beim Hausvater. War das Kind einmal aufgenommen, galt diese Möglichkeit als verwirkt.

Als das Christentum um das Jah 1000 auf Island angenommen wurde, blieben laut Islendingabók für eine Übergangszeit einige alte Bräuche erlaubt — darunter die Kinderaussetzung und der Verzehr von Pferdefleisch —, bevor auch sie verboten wurden. Das zeigt zweierlei: Der Brauch war real und rechtlich verankert. Und zugleich sagen uns die Quellen nichts Verlässliches über seinen Umfang. Wie oft Kinder tatsächlich ausgesetzt wurden, ob es die Ausnahme in Notlagen war oder häufiger vorkam, lässt sich schlicht nicht beziffern. Wir behandeln das Thema deshalb sachlich — als Recht einer anderen Zeit, nicht als Gruselgeschichte.

Mythos-Check: der „kleine Krieger"

Wo die Populärkultur übertreibt: Das Bild vom wikingerzeitlichen Kind, das quasi mit der Axt in der Wiege liegt und von klein auf zum Krieger gedrillt wird, ist stark überzeichnet. Die überwältigende Mehrheit der Kinder wuchs als Bauernkinder auf, deren Alltag von Vieh, Feld, Webstuhl und Handwerk bestimmt war — nicht von Kampfausbildung. Waffenübung gab es, aber sie betraf vor allem Jungen freier Familien und begann erst in der Jugend. Zweitens: „Wikinger" war nie eine Kinder-Berufsbezeichnung. Das Wort meint ursprünglich eine Tätigkeit — auf Fahrt gehen, um zu handeln oder zu rauben —, die höchstens einem Teil der erwachsenen Männer galt. Ein Kind war ein Kind, kein „Mini-Wikinger". Und drittens: Die Kinderaussetzung war zwar erlaubt, ihr tatsächlicher Umfang ist jedoch unbekannt — Pauschalbehauptungen in beide Richtungen sind unseriös.

Ein Kind der Sippe werden

Am Ende zeigt sich die Kindheit der Wikingerzeit als ein Weg vom Neugeborenen zum vollwertigen Mitglied der Sippe: geboren, benannt, angenommen, aufgezogen — oft in zwei Familien zugleich —, spielend und arbeitend, lernend durch Zuhören und Nachahmen. Es war eine Kindheit ohne romantische Verklärung, aber auch ohne die kalte Härte, die man ihr manchmal andichtet. Kinder waren Zukunft und Andenken zugleich, und die Sippe war das Netz, das sie trug. Wer tiefer in dieses Netz aus Verwandtschaft, Pflegschaft und Ehre einsteigen will, findet mehr in unserem Beitrag über Sippe und Familie.

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