Kein Tier stand den Menschen des Nordens naeher als das Pferd. Es trug sie ueber Fjelle und Furten, zog ihren Pflug, entschied ihren Reichtum und begleitete sie sogar ins Grab. Zugleich war es ein heiliges Tier, dessen Fleisch man bei den Goettern verzehrte und dessen achtbeinige Ausgabe Odin selbst ritt. Wir schauen genau hin: was die Funde zeigen, was die Sagas erzaehlen und wo die schoenen Legenden aufhoeren.

Wer sich das Wikingerpferd als hochbeiniges Schlachtross vorstellt, liegt falsch. Die Pferde der Wikingerzeit waren klein, meist zwischen 1,25 und 1,45 Meter Stockmass, kraeftig gebaut, mit dichtem Fell und erstaunlicher Ausdauer. Sie mussten mit kargem Futter auskommen, im Freien ueberwintern und dennoch schwere Lasten ueber weglose Landschaften tragen. Genau dieser Typ lebt bis heute im Islandpferd fort: robust, trittsicher, gutmuetig und deutlich staerker, als seine Groesse vermuten laesst.
Diese Pferde waren keine Zierde, sondern Arbeitstiere und Statustraeger zugleich. In einer Welt ohne Strassen und Raeder im heutigen Sinne war ein gutes Pferd der Unterschied zwischen einem Tagesmarsch und einem beschwerlichen Fussweg. Kein Wunder, dass ein Ross zu den wertvollsten Besitztuemern eines freien Mannes oder einer freien Frau gehoerte.
Die eigentliche Besonderheit vieler nordischer Pferde ist ihre zusaetzliche Gangart. Neben Schritt, Trab und Galopp beherrschen Islandpferde den Toelt, einen weichen, taktreinen Viergang, bei dem immer ein Fuss am Boden bleibt. Er ist so erschuetterungsarm, dass man ein volles Glas tragen kann, ohne einen Tropfen zu verschuetten. Fuer lange Ritte ueber unwegsames Gelaende war das ein unschaetzbarer Vorteil.
Diese Faehigkeit sitzt in einem einzigen Gen, dem sogenannten Gangkeeper-Gen DMRT3. Und hier wird es spannend: Die verantwortliche Mutation trat nicht in Skandinavien auf, sondern nach genetischen Studien wahrscheinlich im mittelalterlichen England, im Raum York, um etwa 850. Von dort verbreiteten ausgerechnet die Wikinger die Gangpferde weiter, weil sie den bequemen Gang schaetzten und solche Pferde gezielt weitergaben und verhandelten. Ueber Island und die Handelswege gelangte das Gen in die ganze Welt; ein grosser Teil aller heutigen Gangpferderassen traegt es.
Das Islandpferd ist heute genetisch bemerkenswert isoliert, und das hat einen sehr konkreten historischen Grund. Um das Jahr 982 beschloss das islaendische Allthing ein Einfuhrverbot fuer Pferde. Seither ist kein fremdes Pferd mehr auf die Insel gelangt, und die Regel gilt im Kern bis heute: Ein Islandpferd, das die Insel einmal verlassen hat, darf nie zurueckkehren. So blieb der Bestand ueber tausend Jahre weitgehend abgeschottet und bewahrte einen alten Typ.
Mythos-Check: Das Islandpferd ist trotzdem keine unveraenderte Wikingerrasse, die man wie eine lebende Fotografie betrachten koennte. Ueber tausend Jahre Zucht, Auslese durch harte Winter und menschliche Vorlieben haben es geformt. Richtig ist: Es stammt von den Pferden der Landnahmezeit ab und ist durch das Importverbot genetisch ungewoehnlich rein und isoliert geblieben. Das ist bemerkenswert genug, ohne es zum unberuehrten Original zu verklaeren.
Im taeglichen Leben war das Pferd Allzwecktier. Man ritt es zum Thing, zur Nachbarfarm und auf die Weidegruende im Hochland. Man belud es mit Waren, Heu und Hausrat, denn ein Saumpferd kam ueber Pfade, auf denen kein Wagen fuhr. Und man spannte es vor Egge und leichten Pflug, wo der Boden es hergab. In Island und Norwegen, wo Wege oft nur schmale Trampelpfade durch Moor und Geroell waren, war das trittsichere Kleinpferd schlicht das einzige sinnvolle Transportmittel ueber Land.
Bemerkenswert ist, dass die Wikinger vor allem zu Fuss oder vom Schiff aus kaempften. Das Pferd brachte den Krieger zum Schlachtfeld, doch die eigentliche Reiterei zu Pferde war im Norden weit weniger ausgepraegt als etwa bei den Franken. Das Ross war Reisemittel, Lasttier und Prestigeobjekt, seltener eine Kampfmaschine.
Ein schoenes, schnelles Pferd war ein Zeichen von Rang. Haeuptlinge und wohlhabende Bauern schmueckten ihre Tiere mit aufwendigem Zaumzeug: vergoldete Beschlaege, kunstvoll verzierte Trensen und Sattelgurte gehoerten zur Ausstattung eines Mannes von Bedeutung. Solche Prunkstuecke tragen oft die typischen Tierornamente der Wikingerzeit, etwa im Mammen-Stil, mit verschlungenen Greifern und Pflanzenranken.
Beleg: Das daenische Reitergrab von Fregerslev bei Skanderborg, um 950 datiert, enthielt eines der reichsten Zaumzeuge der nordischen Wikingerzeit: hunderte vergoldete Silberbeschlaege von Trense und Riemenwerk, kunstvoll verziert. Es zeigt, wie sehr ein Ross die Stellung seines Besitzers ausdruecken konnte, und dass Pferd samt Ausruestung dem Toten mit ins Grab gegeben wurde.
Reitergraeber mit Pferd sind ueber die ganze Wikingerwelt verstreut, von Daenemark ueber Schweden bis auf die Britischen Inseln. Oft wurden ein oder mehrere Pferde geopfert und mit dem Verstorbenen bestattet, samt Zaumzeug, manchmal Sattel und Steigbuegeln. In manchen Graebern lagen Pferd und Reiter beisammen, als sollten sie gemeinsam weiterreisen.
Was diese Graeber genau bedeuteten, ist nicht immer eindeutig. Sie zeigen Reichtum und Rang, den Glauben an eine Reise ins Jenseits und die enge Bindung zwischen Mensch und Tier. Doch man muss vorsichtig sein mit grossen Deutungen.
Ein eigenes Kapitel ist der Pferdekampf, altnordisch hestavig. Dabei wurden zwei Hengste aufeinander gehetzt, oft in der Naehe rossiger Stuten, um ihre Kampflust anzustacheln. Die Besitzer trieben die Tiere mit langen Staeben an. Solche Kaempfe waren ein beliebter Volkssport, ein gesellschaftliches Ereignis mit Zuschauern, Wetten und viel Ehrgefuehl. Und weil es dabei um Ehre ging, endeten sie in den Sagas nur allzu oft in Streit unter den Menschen.
Da lief Thorgeirs Hengst dem von Gudmund entgegen. Die Pferde bissen einander lange, ohne dass man sie trennen musste, und das war ein grosses Vergnuegen fuer die Leute.Sinngemaess nach einer Pferdekampf-Szene der Islaendersagas (Njals saga / Reykdaela saga)
Der Pferdekampf ist einer der besten Belege dafuer, dass das Pferd nicht nur Nutztier war, sondern Teil des gesellschaftlichen Lebens, mit allem Stolz und aller Streitlust, die dazugehoerten.
Im heidnischen Kult spielte das Pferd eine grosse Rolle. Beim Blot, dem Opferfest, wurden Tiere geschlachtet, ihr Blut an den Altar und die Anwesenden gesprengt und das Fleisch gemeinsam verzehrt, waehrend man den Goettern zutrank. Das Pferd war dabei ein besonders hochwertiges Opfertier. Arabische und christliche Berichterstatter erwaehnen Pferdeopfer, und archaeologisch sind geopferte Pferde vielfach nachweisbar.
Manche Tiere galten als eigens geweiht. In der Hrafnkels saga haelt der Freyr-Priester Hrafnkell einen Hengst namens Freyfaxi, den er dem Gott Freyr gewidmet hat; wer ihn unerlaubt reitet, soll sterben. Aehnlich beruehrt der Voelsa-Thattr einen makabren Hauskult um ein konserviertes Pferdeglied. Solche Geschichten zeigen, dass das Pferd nicht nur Nahrung und Transport war, sondern in den Vorstellungen der Menschen an die Sphaere der Goetter ruehrte.
Weil das Pferd so eng mit dem heidnischen Opfer verbunden war, wurde der Verzehr von Pferdefleisch zum Erkennungszeichen. Fuer die christliche Kirche galt er als heidnischer Greuel, den es auszurotten galt. Wer Pferdefleisch ass, bekannte sich damit, jedenfalls in den Augen der Missionare, zum alten Glauben.
Als Island um das Jahr 1000 auf dem Allthing das Christentum annahm, war der Uebergang deshalb ein Kompromiss. Um den Frieden zu wahren, wurden den alten Braeuchen zunaechst Zugestaendnisse gemacht: Das heimliche Opfern, das Aussetzen von Kindern und eben der Verzehr von Pferdefleisch blieben eine Weile geduldet. Erst spaeter wurden diese Ausnahmen abgeschafft.
Beleg: Ari der Weise berichtet in der Islendingabok, dass bei der Annahme des Christentums um 1000 drei alte Praktiken zunaechst weiter erlaubt blieben, darunter ausdruecklich das Essen von Pferdefleisch. Das zeigt, wie tief dieser Brauch verwurzelt war und wie behutsam die Bekehrung ausgehandelt wurde.
Mythos-Check: Man liest oft, die Wikinger haetten Pferdefleisch als ungesund oder unrein gemieden. Das ist falsch herum gedacht. Fuer die heidnischen Nordleute war Pferdefleisch ein hochgeschaetztes Festessen, gerade weil es mit dem Opfer verbunden war. Das Verbot kam von aussen, von der christlichen Kirche, die den Verzehr als heidnisches Ritual bekaempfte. Das bis heute in vielen Laendern verbreitete Unbehagen gegenueber Pferdefleisch ist also ein Erbe der Christianisierung, nicht der Wikinger.
In der Mythologie erreicht das Pferd seine hoechste Wuerde. Odins Ross Sleipnir ist das beste aller Pferde, grau und achtbeinig, faehig ueber Land, Meer und in die Totenwelt zu tragen. Es ist der Nachwuchs Lokis, der sich in eine Stute verwandelte, um den Baumeister der Asenburg zu ueberlisten, und damit selbst zur Mutter des wunderbaren Fohlens wurde. Auf Sleipnir reitet Odin nach Hel, um das Schicksal seines Sohnes Baldr zu erfragen.
Sleipnir heisst das Ross, das dem Sohn Odins gehoert; das beste ist es von allen Pferden.Sinngemaess nach der Lieder-Edda, Grimnismal, Uebertragung Karl Simrock
Auch andere Goetter reiten. Die Asen ziehen taeglich ueber die Bruecke Bifroest zu ihrem Gericht, und die Sonne wird von den Rossen Arvakr und Alsvidr ueber den Himmel gezogen. So spiegelt sich im Kosmos, was im Alltag galt: Ohne Pferde kommt niemand voran, nicht einmal die Goetter.
Das Pferd der Wikinger war Reisegefaehrte, Lasttraeger, Statussymbol, Sportheld, Opfertier und Goettergabe zugleich. Es trug den Bauern zum Thing und den Toten ins Jenseits. Es entschied, wer als reich galt, und es stand im Zentrum von Kult und Bekehrungsstreit. Sein Erbe reitet heute noch: im zaehen, freundlichen Islandpferd mit seinem weichen Toelt, und in den Geschichten von einem grauen Ross mit acht Beinen, das keine Grenze kannte, nicht einmal die zwischen den Welten.

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