Wenn wir an Wikinger denken, sehen wir Langschiffe, Äxte und Raubzüge. Doch die überwältigende Mehrheit der Menschen des Nordens hat nie ein fremdes Kloster geplündert. Sie standen hinter dem Pflug, hüteten Schafe, mähten Heu und bangten um die Ernte. Wer die Wikingerzeit wirklich verstehen will, muss auf den Hof schauen - denn dort, nicht auf dem Schlachtfeld, wurde über Wohlstand, Ansehen und das nackte Überleben entschieden.

Das Bild vom Wikinger als reinem Krieger ist eine Verzerrung, die wir aus Chroniken der Opfer und aus späteren Sagas geerbt haben. Tatsächlich lebte die große Mehrheit der freien Nordleute von der Landwirtschaft. Der freie Bauer - der bóndi - war die tragende Gestalt der Gesellschaft: Er besaß Land, hielt Vieh, ernährte seine Familie und seine Knechte, und er hatte auf dem Thing das Wort. Ansehen maß man nicht nur an Waffentaten, sondern am Hof, an vollen Vorratshäusern und an gutem Land.
Selbst berüchtigte Fahrensleute waren im Kern Bauern. Die Handelsfahrt oder der Beutezug fielen in den Sommer, zwischen Aussaat und Ernte; im Herbst kehrte man heim, um Vieh zu schlachten und Wintervorräte zu sichern. Ein Mann konnte im Frühjahr säen, im Hochsommer nach Westen segeln und im Herbst wieder auf dem eigenen Feld stehen. Die Landwirtschaft war nicht die langweilige Kehrseite des Wikingerlebens - sie war seine Grundlage.
Das wichtigste Getreide der Wikingerzeit war die Gerste, genauer die robuste, kältetolerante Vielzeilengerste. Sie gedieh dort, wo Weizen längst aufgab: auf mageren Böden, in kurzen Sommern, bis weit nach Norden. Aus Gerste buk man das tägliche Brot - meist flache, oft ungesäuerte Fladen -, und aus Gerste braute man das Bier, das bei jedem Fest und jedem Blót unverzichtbar war. Wer Gerste hatte, hatte Nahrung und Feststoff zugleich.
Daneben baute man Hafer an, der ebenfalls mit rauem Klima zurechtkam und als Brei und Viehfutter diente. Roggen setzte sich im Verlauf der Wikingerzeit stärker durch, besonders in Dänemark und Südskandinavien, wo er besseres Brotmehl lieferte. Weizen blieb selten und war ein Luxus der Oberschicht. Dazu kamen Hülsenfrüchte wie Erbsen und Ackerbohnen sowie Flachs, aus dem man Leinen für Kleidung und Öl aus den Samen gewann.
Der Pflug der Wikingerzeit war meist der Ard oder Hakenpflug: ein hölzerner Rahmen mit eiserner Schar, der den Boden aufritzte, statt ihn wie der spätere Wendepflug zu wenden. Ein Ard war leicht, mit einem Ochsen- oder Pferdegespann zu ziehen und für die oft steinigen, dünnen Böden des Nordens gut geeignet. Auf schwereren Böden Dänemarks und Südschwedens kamen im Verlauf der Zeit auch kräftigere Pflüge mit Streichbrett-Ansätzen auf.
Zur Ernte griff man zur Sichel - einem kurzen, gebogenen Eisenmesser -, mit der man Halm für Halm schnitt. Die Sense mit langem Blatt diente vor allem der Heuernte auf den Wiesen. Eisen war wertvoll und wurde sparsam eingesetzt: Klingen wurden nachgeschmiedet und gepflegt, hölzerne Teile ersetzt. Dazu gehörten Wetzsteine, Spaten mit eisenbeschlagener Schneide, Hacken und Gabeln. Der bekannte Werkzeugfund von Mästermyr auf Gotland zeigt, wie umfassend ein nordischer Handwerker und Bauer ausgestattet sein konnte.
Ein eigner Hof, wenn er klein auch ist, geht über alles; daheim ist jeder Herr. Wer nur zwei Ziegen und ein notdürftig gedecktes Dach besitzt, ist besser dran als der Bettler.Hávamál 36, nach Karl Simrock / Henry Adams Bellows (gemeinfrei)
Kein Hof kam ohne Vieh aus. Das Rind stand an der Spitze: Es lieferte Milch, Fleisch, Häute und Zugkraft und war zugleich Wertmesser - Wohlstand rechnete man oft in Kühen. Schafe waren fast ebenso wichtig, denn ihre Wolle war der Rohstoff für Kleidung und, ganz entscheidend, für die Segel der Schiffe. Ein einziges großes Segel verschlang die Wolle vieler Tiere und die Arbeit vieler Monate. Ziegen gaben Milch und Fleisch und kamen auch mit kargem Land zurecht.
Schweine waren beliebte Fleischlieferanten, die sich in Wäldern von Eicheln und Bucheckern mästen ließen. Pferde dienten als Reit-, Zug- und Lasttier und hatten hohen Status; im Kult spielten sie eine Rolle, und Pferdefleisch war bis zur Christianisierung ein geschätztes Festessen. Hühner, Gänse und Enten rundeten den Hof ab und lieferten Eier und Federn. Der Umfang des Viehbestands hing stark von der Region ab: In Norwegen und Island dominierten Schaf und Rind, in Dänemark hatte das Schwein größeres Gewicht.
Milch war ein Grundnahrungsmittel, aber frische Milch verdirbt schnell. Deshalb war die Verarbeitung entscheidend. Aus Milch machte man Butter, die auch als Vorrat und Handelsware diente, sowie verschiedene Käsesorten. Besonders berühmt ist Skyr, ein dickes, quarkähnliches Sauermilchprodukt, das sich lange hielt und noch heute in Island gegessen wird. Auch Molke wurde nicht verschwendet: In ihr konservierte man Fleisch und andere Lebensmittel.
Die Milchverarbeitung lag überwiegend in den Händen der Frauen und war hoch angesehene, verantwortungsvolle Arbeit. Wer im Sommer geschickt Butter und Käse anlegte, hatte im Winter Fett und Eiweiß auf dem Tisch. Die Vorratshaltung insgesamt - Räuchern, Trocknen, Salzen, Einlegen in Molke oder Meerwasser - entschied darüber, ob eine Familie den langen, dunklen Winter überstand.
Kein Aspekt der nordischen Landwirtschaft war so überlebenswichtig und wird so oft übersehen wie die Heuernte. Im langen Winter fand das Vieh draußen keine Nahrung. Wer seine Tiere durchbringen wollte, musste im kurzen Sommer genug Heu mähen, trocknen und einlagern, um Rinder, Schafe und Pferde monatelang im Stall zu füttern. Reichte das Heu nicht, blieb nur, Tiere vorzeitig zu schlachten - und damit die Grundlage des nächsten Jahres zu zerstören.
In einem regnerischen Sommer konnte das Heu nicht richtig trocknen und verdarb; ein früher Wintereinbruch verkürzte die Weidezeit. Solche Rückschläge konnten den Unterschied zwischen einem gesicherten und einem hungernden Hof ausmachen. Besonders in Island, am Rand des Möglichen, hing das Überleben ganzer Familien an der Heumenge. Der Kampf ums Winterfutter war der eigentliche, stille Krieg des nordischen Bauern - Jahr für Jahr, ohne Ruhm, aber unerbittlich.
Das Zentrum jedes Betriebs war das Langhaus - ein langgestrecktes Gebäude mit tragenden Holzpfosten, Wänden aus Flechtwerk und Lehm, aus Bohlen oder aus Torfsoden, und einem Dach aus Reet, Holzschindeln oder Grassoden. In vielen Höfen, besonders in kälteren Regionen, lebten Menschen und Tiere unter einem Dach: Im Wohnteil brannte das Langfeuer, der andere Teil diente als Stall. Die Körperwärme der Tiere half, das Haus im Winter zu wärmen.
Um das Langhaus gruppierten sich Nebengebäude: Vorratshäuser, Scheunen für Heu und Getreide, Schmieden, Bootshäuser an der Küste. Ein wohlhabender Hof war eine kleine, weitgehend selbstversorgende Welt. Das Innenfeld, gut gedüngt und nah am Haus, trug das Getreide; die weiter entfernten Flächen und die Allmende dienten als Weide und Heuwiese.
In den Gebirgsregionen Norwegens, Schwedens und auf den Inseln nutzte man ein raffiniertes System: das Sæter oder shieling. Im Sommer trieb man das Vieh auf höher gelegene Bergweiden, oft Stunden vom Hof entfernt. Dort lebten meist Frauen und junge Leute in einfachen Sommerhütten, hüteten die Tiere, molken und verarbeiteten die Milch gleich vor Ort zu Butter und Käse.
Dieses Verfahren schonte die wertvollen Wiesen im Tal, die man für die Heuernte brauchte, und nutzte zugleich das reiche Sommergras der Höhen. So verband die nordische Landwirtschaft geschickt zwei Ziele: das Vieh satt zu machen und trotzdem genug Winterfutter einzubringen. Das Sæter-Wesen hielt sich in Teilen Skandinaviens bis in die Neuzeit.
Der nordische Hof zielte zuerst auf Selbstversorgung: eigenes Getreide, eigenes Fleisch, eigene Milch, eigene Wolle, eigenes Leinen. Doch gute Höfe erwirtschafteten einen Überschuss, und dieser Überschuss war das Fundament des berühmten Wikinger-Handels. Wolle und Wollstoff (vaðmál), Häute, Butter, Trockenfisch, Talg, Federn, Bernstein und - in dunkleren Kapiteln - versklavte Menschen wanderten über die Märkte von Haithabu, Birka und Kaupang bis in ferne Länder.
Aus der Landwirtschaft floss also nicht nur das tägliche Brot, sondern auch der Reichtum, mit dem man Eisen, Silber, Salz, Wein und Luxusgüter eintauschte. Der Bauer und der Kaufmann waren oft dieselbe Person. Erst dieser landwirtschaftliche Überschuss machte die Ausrüstung von Schiffen, das Anwerben von Gefolge und die großen Fahrten überhaupt möglich.
Ein Hof lief nur, weil alle mit anpackten. Die Hausherrin - die húsfreyja - führte den inneren Betrieb: Milchverarbeitung, Vorratshaltung, Textilproduktion vom Scheren über das Spinnen bis zum Weben, die Versorgung des Gesindes. Der symbolische Schlüsselbund am Gürtel stand für ihre Autorität über Haus und Vorräte. Ohne die monatelange Textilarbeit der Frauen hätte kein Schiff je ein Segel gehabt.
Zum Haushalt gehörten außerdem Knechte, Mägde und - unter Zwang - versklavte Menschen, die die härteste Feld- und Stallarbeit leisteten. Die Wikingergesellschaft war stark abgestuft, und der Wohlstand der freien Bauern ruhte zu einem Teil auf unfreier Arbeit. Das gehört zu einem ehrlichen Bild dieser Zeit dazu.
Wer die Wikinger als reine Plünderer sieht, verpasst das Wesentliche. Ihre Kultur wuchs aus der Erde: aus Gerstenfeldern, Schafweiden, Milchkübeln und Heuschobern. Ihre Götterwelt spiegelt das - Freyr, der für gutes Jahr und Frieden (ár ok friðr) stand, war einer der wichtigsten Götter überhaupt, und viele Blót-Feste kreisten um Ernte und Fruchtbarkeit. Der nordische Mensch bat seine Götter nicht zuerst um Sieg, sondern um eine gute Ernte.
Dieses bäuerliche Erbe steckt bis heute in der nordischen Bildwelt: im Weltenbaum als Sinnbild des Lebens, in Symbolen der Fruchtbarkeit, im tiefen Respekt vor Natur und Jahreslauf. Es ist eine ehrlichere, erdverbundenere Wikingerwelt als die der reinen Kampfromantik - und gerade deshalb erzählen wir sie so gern weiter.

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