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Der Handel der Wikinger – Silber, Pelze und die Wege des Nordens

Geschichte & Funde Der Handel der Wikinger – Silber, Pelze und die Wege des Nordens

Das Bild vom Wikinger als reinem Räuber verstellt den Blick auf das, was die Nordleute wirklich zusammenhielt: ein weitgespanntes Handelsnetz, das den Nordatlantik mit Bagdad verband. Wer die Wikingerzeit verstehen will, muss dem Silber folgen – von den Pelzen des hohen Nordens über die Waage des Kaufmanns bis zu den Dirhams aus dem Kalifat.

Die Wikinger waren zuerst Händler und Bauern

Die Wikingerzeit (etwa 793 bis 1066) wird gern auf Überfälle verengt. Doch die überwältigende Mehrheit der Menschen in Skandinavien lebte vom Hof, vom Handwerk und vom Handel. Selbst dieselben Männer, die im Sommer auf Beutefahrt zogen, waren im Herbst wieder Bauern oder Kaufleute. Das altnordische Wort „kaupmaðr" (Kaufmann) begegnet in den Sagas ebenso oft wie „víkingr", und die großen Handelsplätze des Nordens sind archäologisch weit besser bezeugt als jede einzelne Schlacht.

Handel und Raub waren dabei keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Mobilität. Wer ein seetüchtiges Schiff, Waffen und Kapital besaß, konnte tauschen, wo man ihn ließ, und nehmen, wo man ihm zu schwach schien. Beides brachte Silber – und Silber war die Währung des Nordens.

Zwei große Adern: die West- und die Ostroute

Das wikingerzeitliche Handelsnetz lief entlang zweier großer Achsen. Die Westroute führte über die Nordsee und den Atlantik: nach England, Irland, ins Frankenreich, weiter nach Al-Andalus und ins Mittelmeer, und zu den neuen Siedlungen auf den Färöern, Island und Grönland. Auf ihr flossen fränkische Waffen, angelsächsisches Silber, irische Sklaven und rheinische Keramik.

Die Ostroute („austrvegr") führte über die Ostsee zu den Flusssystemen Osteuropas – Wolchow, Dnjepr und Wolga. Über sie erreichten die Nordleute als „Rus" das Chasarenreich, das Byzantinische Reich und über die Wolgabulgaren das Kalifat der Abbasiden. Von dort kam der wichtigste Import überhaupt: Silber in Form von Dirham-Münzen. Ohne die Ostroute ist der Silberreichtum der Wikingerzeit nicht zu erklären.

Die Emporien: Haithabu, Birka, Ribe, Kaupang

Der Fernhandel bündelte sich in wenigen großen Umschlagplätzen, den Emporien. Haithabu am Schleswiger Noor war das größte davon: eine planmäßig angelegte Handelsstadt mit Hafenstegen, Werkstätten, eigener Münzprägung und einem Halbkreiswall. Der arabische Reisende at-Tartuschi beschrieb sie im 10. Jahrhundert – mit einigem Befremden über den Gesang und die Sitten. Haithabu und das Danewerk sind seit 2018 UNESCO-Welterbe; ausgegraben ist bis heute nur ein kleiner Teil.

Birka auf der Insel Björkö im Mälaren war das schwedische Gegenstück, Drehscheibe zwischen dem Ostseeraum und der Ostroute; hier predigte Ansgar, und hier liegen über tausend Gräber. Ribe an Jütlands Westküste ist die älteste Stadt Skandinaviens – neue Grabungen (Northern Emporium) zeigen dichten Fernhandel schon ab etwa 790. Kaupang am Oslofjord (dessen Name schlicht „Handelsplatz" bedeutet) war Norwegens Knotenpunkt. Alle diese Orte teilen dasselbe Muster: Sie liegen an geschützten Wasserwegen, waren saisonal oder ganzjährig belebt und lebten vom Umschlag, nicht von der eigenen Produktion allein.

Dorestad, Wolin und die südliche Ostsee

Dorestad am Rhein-Maas-Delta war im 8. und frühen 9. Jahrhundert das größte Emporium Nordwesteuropas – ein friesisch-fränkischer Markt, über den rheinischer Wein, Tuch und Keramik nach Norden flossen. Sein Niedergang war multikausal (Flussverlagerung, fränkische Machtkämpfe, wiederholte Überfälle), nicht allein „von den Wikingern zerstört".

An der südlichen Ostseeküste war Wolin an der Odermündung eine Großhandelsstadt, in der Slawen, Skandinavier und Kaufleute aus dem Osten zusammentrafen; Adam von Bremen rühmte sie als eine der größten Städte Europas. Kleinere Plätze wie Reric, Ralswiek und Menzlin ergänzten das Netz. Der Handel war hier von Anfang an multiethnisch – der „Wikinger" war einer unter vielen.

Staraja Ladoga, Nowgorod und der Weg der Rus

Am Beginn der Ostroute lag Staraja Ladoga (altnordisch Aldeigjuborg) am Wolchow – dendrochronologisch bis etwa 753 zurückreichend und damit älter als die klassische Wikingerzeit. Von hier zogen die Nordleute weiter nach Nowgorod/Holmgard und den anschließenden Flüssen. Sie trugen ihre Waren dort, wo die Ströme unpassierbar wurden, über Land (die Portagen) und tauschten mit den Wolgabulgaren im Handelsort Bulgar Pelze und Sklaven gegen Silber.

Genau von diesem Wolgahandel berichtet der arabische Gesandte Ibn Fadlan, der 922 den Bulgaren begegnete und die Rus als Händler beschrieb, die ihre Waren am Fluss feilboten. Ob diese „Rus" durchweg Skandinavier waren, ist bis heute umstritten – vermutlich eine gemischte, aus dem Handel selbst entstandene Gruppe.

Miklagard – Byzanz am Ende der Ostroute

Wer den Dnjepr bis zum Schwarzen Meer hinabfuhr, erreichte Miklagard – Konstantinopel, die „große Stadt". Konstantin VII. Porphyrogennetos überliefert in seinem Werk „De administrando imperio" sogar die Namen der Dnjepr-Stromschnellen in nordischer und slawischer Sprache – ein seltener direkter Beleg für die Zweisprachigkeit der Handelsfahrer. In Byzanz dienten Nordleute in der Warägergarde des Kaisers; Runensteine in Schweden gedenken der Männer, die „im Griechenland" (Grikkland) blieben. Handel, Söldnerdienst und Diplomatie liefen hier ineinander.

Die Waren des Nordens: Pelze, Bernstein, Eisen

Was hatte der Norden dem Süden zu bieten? Vor allem Rohstoffe der Wildnis. Pelze waren die wichtigste Exportware: Grauwerk (das Winterfell des Eichhörnchens) als Massenware, dazu Marder, Zobel, Fuchs, Biber und Bär. Der norwegische Häuptling Ohthere berichtete am Hof König Alfreds von den Abgaben, die er von den Samen in Fellen, Federn und Walross-Elfenbein eintrieb.

Er war ein sehr reicher Mann an jenem Gut, das ihren Reichtum ausmacht, das heißt an wilden Tieren. Und die Abgabe, die die Finnen (Samen) zahlen, besteht aus Tierfellen, Vogelfedern, Walbein und Schiffstauen aus Wal- und Robbenhaut. Jeder zahlt nach seinem Rang.Bericht des Ohthere an König Alfred, altenglische Orosius-Übersetzung, spätes 9. Jh. (gemeinfrei; sinngemäße Übersetzung Glanz & Gravur)

Bernstein aus der Ostsee wurde seit Jahrtausenden gehandelt und in den Werkstätten der Emporien zu Perlen und Amuletten verarbeitet. Eisen aus dem norwegischen und schwedischen Rennfeuer war ebenso Handelsgut wie Walrosselfenbein und Walross-Tauwerk aus dem hohen Norden und aus Grönland – Letzteres wurde zeitweise das „weiße Gold" der Nordatlantik-Siedlungen.

Wetzsteine, Speckstein, Kämme und Wolle

Neben den Luxusgütern lief ein reger Handel mit Alltagswaren. Wetzsteine aus Eidsborg in Telemark wurden schon vor den großen Beutefahrten in Massen exportiert und finden sich von Haithabu bis nach England. Specksteingefäße aus Norwegen ersetzten die im Norden seltene Töpferware und wurden über Kaupang verhandelt. Geweihkämme waren ein Massenprodukt der Städte; Eiweißanalysen (ZooMS) haben gezeigt, dass viele Haithabu-Kämme aus norwegischem Rentiergeweih gefertigt wurden – ein Beleg für Fernhandel mit dem Rohstoff selbst.

Honig (für Met), Salz, Stockfisch und vor allem Wolle gehörten zum Grundstock. In Island wurde grobes Wolltuch, das „vaðmál", sogar zur festen Recheneinheit: Preise und Abgaben wurden in Ellen Tuch bemessen. Wer die Wikingerzeit auf Schwerter reduziert, übersieht, dass der Norden vor allem ein Exporteur von Fell, Fisch, Stein und Tuch war.

Der Sklavenhandel – die dunkle Seite

Zur ehrlichen Darstellung gehört der Menschenhandel. Unfreie – altnordisch „þrælar" (Thralls) – waren eine feste Ware des Nordens. Sie wurden auf Raubzügen erbeutet, als Kriegsgefangene genommen oder in Not verkauft, und über die Ost- und Westroute weiterverhandelt, ein erheblicher Teil über die Wolga und über Zwischenhändler bis in die Märkte des Kalifats. Der Handel war für die Verkäufer lukrativ und für die Betroffenen bitter. Wir zeigen das nüchtern und ohne Beschönigung: Der Reichtum, der sich in Hacksilber und Dirhams niederschlug, hatte auch diese Grundlage. Arabische Quellen wie die des Ibn Rustah nennen den Verkauf von Gefangenen als festen Teil des Rus-Handels an der Wolga, und irische Annalen berichten von verschleppten Menschen aus den Klöstern der Westroute.

Was der Süden brachte: Silber, Seide, Glas, Wein

Im Gegenzug floss in den Norden, was dort fehlte. An erster Stelle stand Silber – überwiegend als arabische Dirhams, die über die Wolgaroute in gewaltiger Menge nach Skandinavien kamen; Gotländische Horte wie der Spillings-Schatz enthalten Tausende davon. Dazu Seide aus Byzanz und dem Orient (nachgewiesen etwa im Oseberg-Grab), Glas als Rohmaterial und als Trichterbecher, Gewürze in kleinen Mengen (Dill, Koriander, Senf sind belegt; Pfeffer und Zimt für die Wikingerzeit nicht sicher), sowie Wein vom Rhein und aus Frankreich – ein Oberschichtgetränk, das über Dorestad und Haithabu nach Norden kam.

Dazu kamen fertige Luxusgüter: fränkische Klingen (die berühmten Ulfberht-Schwerter mit ihrer eingelegten Signatur stammen aus dem Rheinland), byzantinische und islamische Münzen als Rohsilber, Perlen aus buntem Glas und Halbedelsteinen wie Karneol und Bergkristall, die über die Wolgaroute aus dem Orient bis nach Birka gelangten. Der Norden lieferte Natur, der Süden lieferte Handwerk und Edelmetall, und beide Seiten verdienten am Umschlag.

Die Gewichtsgeldwirtschaft: Hacksilber, Waage, Prüfhiebe

Das Faszinierende am wikingerzeitlichen Handel ist, dass Silber überwiegend nicht als Münze zählte, sondern als Gewicht galt. Man zerhackte Barren, Ringe und fremde Münzen in Stücke – das Hacksilber – und wog sie auf feinen Klappwaagen mit genormten Gewichten ab. Ein Fund war so viel wert, wie er auf die Waage brachte, unabhängig davon, welcher Herrscher ihn geprägt hatte.

Weil Fälschungen umliefen, prüfte der Kaufmann die Ware: kleine Prüfhiebe in die Oberfläche („nicks") und Einritzungen mit der Messerspitze („pecks") zeigten, ob das Silber durchgehend echt war oder nur einen versilberten Kern hatte. Viele erhaltene Stücke sind übersät mit solchen Testmarken. Zusammen mit Klappwaagen und Bleigewichten ergibt sich das Bild eines pragmatischen, überregionalen Bargeldsystems ohne festen Staat – Vertrauen entstand aus der Waage und dem Messer, nicht aus dem Kopf eines Königs.

Von der Gewichtsgeld- zur Münzwirtschaft

Mit der Zeit setzte sich die Münze durch. In Haithabu wurden schon im 9. Jahrhundert eigene Münzen geschlagen (nach dem Vorbild Dorestads), und im 10. Jahrhundert prägten dänische, norwegische und schwedische Könige eigenes Geld – ein Zeichen erstarkender Herrschaft. Aus dem Reich strömte im späten 10. Jahrhundert der Otto-Adelheid-Pfennig aus dem Harzer Silber in den Norden und löste allmählich die versiegenden Dirhams ab. Der Übergang war fließend: Lange liefen gewogenes Hacksilber und gezählte Münzen nebeneinander um.

Die Silberkrise – als der Strom aus dem Kalifat versiegte

Der Nachschub an arabischem Silber brach nicht plötzlich ab, aber er ließ um 960 bis 980 spürbar nach – die Silberminen des Kalifats erschöpften sich und der Feingehalt der Dirhams sank. Diese „Silberkrise" ordnete den Handel neu: Der Norden wandte sich stärker dem westeuropäischen Silber zu (Harz, England, das Rheinland), und die zunehmende Münzprägung eigener Herrscher füllte die Lücke. Die Bleiisotopen-Analyse des Silbers bestätigt diesen Wechsel der Quellen im Verlauf der Wikingerzeit.

Das Schiff des Kaufmanns – der Knörr

Der Fernhandel hing am richtigen Schiff. Das schmale, schnelle Langschiff war ein Kriegsgerät; der Handel dagegen fuhr auf dem Knörr – einem breiteren, tieferen Frachtschiff mit hohem Freibord, kleiner Besatzung und großem Laderaum, das vor allem unter Segel lief. Die Skuldelev-Funde aus dem Roskildefjord zeigen beide Typen nebeneinander: das Skuldelev 1 etwa war ein hochseetüchtiger Ozean-Knörr, wie er Grönland und Island versorgte. Ohne diese robusten Frachter wäre der Handel über den offenen Atlantik oder die Ostsee nicht denkbar gewesen. Auf den Flüssen des Ostens dagegen brauchte man kleine, leichte Boote, die man an den Stromschnellen über Land tragen konnte.

Navigiert wurde nach Erfahrung, Küstenmarken und dem Stand der Sonne. Die überlieferten Segelanweisungen in der Landnámabók beschreiben ein Breitengrad-Segeln über die Sichthöhe von Land – nüchternes Seemannswissen, kein Zauber. Auch das relativiert das Klischee: Der Handelsfahrer war ein Fachmann für Wetter, Strömung und Fracht.

Recht, Partnerschaft und Marktfrieden

Handel braucht Vertrauen und Regeln. Kaufleute schlossen sich zur félag zusammen – einer Handelspartnerschaft, in der man Kapital, Schiff und Risiko teilte; das Wort steckt bis heute im englischen „fellow". Auf den Märkten galt ein besonderer Marktfrieden: Wer den Frieden brach, machte sich rechtlos. Städte wie Haithabu und Birka standen zeitweise unter dem Schutz eines Königs oder eines Vogts, der Zölle erhob und für Ordnung sorgte – ein früher Schritt vom freien Tauschplatz zur verwalteten Stadt.

Wie sehr der Handel den Alltag durchdrang, zeigt schon die Ausstattung eines Kaufmanngrabes: Klappwaage, Gewichtssatz, Hacksilber, ein Messer für die Prüfhiebe, dazu die Waren selbst. Der Kaufmann trug seine „Bank" buchstäblich am Gürtel. Handel war kein Nebengeschäft der Wikingerzeit, sondern eines ihrer tragenden Gerüste.

Gut belegt: Emporien wie Haithabu, Birka, Ribe, Kaupang, Dorestad und Wolin sind archäologisch gut erforscht (Hafenanlagen, Werkstätten, Importfunde). Die Gewichtsgeldwirtschaft ist durch Tausende Hacksilberfunde, Klappwaagen und normierte Gewichte belegt; Prüfhiebe sind an vielen Stücken sichtbar. Der Zustrom arabischer Dirhams über die Ostroute ist durch riesige Hortfunde (z. B. Spillings auf Gotland) gesichert, der spätere Wechsel zu west- und mitteleuropäischem Silber durch Bleiisotopen-Studien. Ohtheres Bericht am Hof König Alfreds und die Angaben des Konstantin VII. zu den Dnjepr-Stromschnellen sind zeitnahe Schriftquellen.
Mythos-Check: „Die Wikinger waren nur Räuber" ist falsch – die große Mehrheit lebte von Landwirtschaft, Handwerk und Handel; Raub und Handel gingen ineinander über. Auch die Vorstellung, der Silberreichtum stamme in erster Linie aus dem Danegeld (englischen Tributzahlungen), greift zu kurz: Der Großteil des frühen Silbers kam als arabischer Dirham über die Wolga, lange bevor die großen Danegeld-Zahlungen einsetzten. Und der Silberstrom „versiegte" nicht durch einen einzelnen Krieg, sondern durch die Erschöpfung der Minen im Kalifat um 960–980.
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