Wikinger Blog / Geschichte & Funde
Aus dem Wissensarchiv

Die Wikinger in Irland, Schottland & auf den Inseln

Geschichte & Funde Die Wikinger in Irland, Schottland & auf den Inseln

Wer von Norwegen aus nach Westen segelte, hatte keinen Kompass an Bord und trotzdem ein erstaunlich klares Ziel: den Inselbogen zwischen Shetland und Irland. Von den Klöstern an der Küste über die Handelsstädte am Liffey bis zu den windigen Jarlshöfen auf Orkney entstand hier eine ganz eigene Welt — halb nordisch, halb gälisch, ganz und gar seetüchtig. Diese Seite bündelt, was die Nordmänner auf den Britischen Inseln jenseits Englands anrichteten, aufbauten und hinterließen. England hat bei uns eine eigene Übersichtsseite; hier geht es um Irland, Schottland, die Nordinseln, die Isle of Man und die Hebriden.

Der Westweg — von Norwegen über die Inseln

Die Zeit der Züge nach Westen beginnt mit einem Datum, das jeder kennt: 793, der Überfall auf Lindisfarne. Doch Lindisfarne war nur der Auftakt. Schon 795 trafen dieselben Flotten die Klosterinseln des Nordens — Rathlin vor der irischen Küste, Iona vor Schottland. Iona wurde mehrfach heimgesucht, 806 fielen dort nach den Annalen 68 Mönche; die Gemeinschaft verlegte einen Teil ihrer Schätze und ihres Skriptoriums schließlich landeinwärts nach Kells.

Vor allem Nordleute aus Norwegen nahmen diesen Atlantikweg, während Dänen sich eher nach Süden und Osten wandten — die grobe Arbeitsteilung, die wir im Überblick über die regionalen Wikinger genauer aufschlüsseln. Der Weg führte in Etappen: von Bergen und dem Sognefjord nach Shetland, weiter nach Orkney, hinunter zu den Hebriden, nach Man und Dublin — und von dort quer über die Irische See oder gleich weiter nach Island. Jede Insel war Ziel, Stützpunkt und Sprungbrett zugleich.

Man darf sich das nicht als eine einzige geplante Eroberung vorstellen. Was in den Annalen wie ein Ansturm aussieht, war in Wahrheit ein Nebeneinander vieler kleiner Flotten, mal auf Raub, mal auf Handel, mal auf der Suche nach Land, das zu Hause knapp wurde. Aus Sommergästen wurden Überwinterer, aus Überwinterern Siedler, aus Siedlern schließlich Könige und Jarle. Genau dieser Wandel — vom Überfall zur Herrschaft, vom fremden „Heiden" zum getauften Nachbarn — macht die Inseln so spannend: Nirgendwo sonst lässt sich die Verwandlung der Wikingerwelt so gut ablesen.

Irland: die Longphorts und die ersten Städte

Anfangs kamen die Nordleute im Sommer und verschwanden im Herbst. Das änderte sich 841. In diesem Jahr legten sie an zwei Stellen befestigte Schiffslager an, sogenannte Longphorts: eines bei Linn Duachaill (Annagassan), das andere an der Mündung des Liffey — Duibhlinn, der „schwarze Teich", neben der alten Furt Áth Cliath. Aus diesem Winterlager wurde die wichtigste Wikingerstadt der Insel: Dublin, Drehscheibe für Silber, Sklaven, Bernstein und Waffen zwischen Skandinavien, Britannien und dem Frankenreich.

Dublin blieb kein Einzelfall. An der Südküste entstand Waterford (altnordisch Veðrafjǫrðr) — der Handelsplatz bei Woodstown ist älter, die eigentliche Stadtwerdung setzt man traditionell auf 914. 922 folgte Limerick (Hlymrekr) am Shannon, dazu Wexford und Cork. Diese Küstenstädte waren Irlands erste Städte im vollen Sinn: mit Hafen, Münzprägung, Werften und dichter Bebauung. Wer heute durch Dublin geht, läuft über einen Stadtgrundriss, dessen Kern die Nordmänner gelegt haben.

Was in diesen Häfen umgeschlagen wurde, war nicht immer schön: Neben Fellen, Kämmen aus Geweih und Silber gehörte der Sklavenhandel zum Geschäft, und Dublin war einer seiner größten Umschlagplätze im Nordwesten Europas. Zugleich wuchsen dort Werkstätten heran — Schmiede, Kammmacher, Bernsteinschleifer, Weberinnen —, deren Abfälle die Archäologen bei den Grabungen in der Fishamble Street schichtweise wiedergefunden haben. Die Wikingerstadt war Räuberhöhle und Handwerkerviertel in einem.

Die Könige von Dublin

Über Dublin und weite Teile der Irischen See herrschte im 9. Jahrhundert ein Doppelgespann: Amlaíb (altnordisch Óláfr) und Ímar. Ímar — vermutlich derselbe, den nordische Quellen als Ívarr den Knochenlosen kennen — starb 873; die Annalen nennen ihn „König der Nordleute von ganz Irland und Britannien". Seine Nachkommen, die Uí Ímair, wurden zur mächtigsten Seedynastie des Nordatlantiks und stellten zeitweise auch die Könige von York.

Zu diesem Kreis gehört Óláfr der Weiße, ein Wikingerkönig von Dublin. Seine Frau Aud die Tiefsinnige und ihr Sohn Thorstein der Rote verbinden Dublin, Schottland und Island zu einer einzigen Familiengeschichte — ein schönes Beispiel dafür, wie eng dieser Inselraum verwoben war. 902 wurden die Nordleute aus Dublin vertrieben, kehrten aber 917 zurück. Ihren Höhepunkt erlebte die Stadt unter Sigtryggr Silkiskegg („Seidenbart"): Er ließ um 997 die ersten Münzen Irlands prägen, pilgerte 1028 nach Rom und stiftete die Christ Church Cathedral. Da war Dublin längst christlich und irisch geprägt — und blieb es.

Die Schlacht von Clontarf 1014 und ihr Mythos

Am Karfreitag, dem 23. April 1014, prallten bei Clontarf nördlich von Dublin zwei große Aufgebote aufeinander. Auf der einen Seite der Hochkönig Brian Bóruma (Brian Boru), auf der anderen Máel Mórda, König von Leinster, verbündet mit den Dubliner Nordleuten unter Sigtryggr, dem Orkney-Jarl Sigurðr und Bróðir von Man. Brians Seite gewann — doch der greise Hochkönig fiel, der Sage nach in seinem Zelt. Die Schlacht wurde zum Stoff für Skalden und Chronisten, und die berühmten Verse des Darraðarljóð aus der Njáls saga zeigen Walküren, die am Webstuhl das Schicksal des Kampfes weben.

Vindum, vindum vef darraðar — Winden wir, winden wir das Gewebe des Speers.Darraðarljóð, Njáls saga (Kap. 157), Refrain — gemeinfrei

So dramatisch das klingt: Clontarf war keine Schlacht „Iren gegen Wikinger". Auf beiden Seiten standen Iren wie Nordmänner. Máel Mórda, Brians Hauptgegner, war ein irischer König; und Brian selbst hatte hiberno-nordische Verbündete. Wer die ganze Geschichte mit allen Fronten nachlesen will, findet sie in unserem Deep-Dive zur Schlacht von Clontarf 1014.

Schottland und die Nordinseln: das Jarltum Orkney

Am dichtesten siedelten die Nordleute auf Orkney und Shetland. Die Ortsnamen dort sind fast durchweg nordisch — ein Zeichen, wie vollständig die Neuankömmlinge Sprache und Landschaft prägten. Auf Orkney entstand ein eigenes Jarltum, halb selbstständig, formal der norwegischen Krone verbunden. Aus der Orkneyinga saga kennen wir eine ganze Reihe von Jarlen, etwa Sigurðr den Dicken, der 1014 bei Clontarf fiel, und später Þorfinnr den Mächtigen, unter dem das Jarltum seine größte Ausdehnung erreichte.

Von den Inseln griff der nordische Einfluss aufs schottische Festland über. Caithness und Sutherland tragen bis heute nordische Spuren — der Name Sutherland bedeutet schlicht „Südland", nämlich aus der Sicht der Nordleute auf Orkney. Nach Landnámabók und Laxdæla saga eroberte Thorstein der Rote weite Teile Nordschottlands, ehe er durch Verrat fiel. Seine Mutter Aud brach daraufhin auf und wurde zu einer der großen Erstsiedlerinnen Islands — auch das ein Faden, der von den Inseln bis in den Nordatlantik reicht.

Die Isle of Man: Thing und Kreuzsteine

Zwischen Irland, Schottland und England liegt die Isle of Man — winzig, aber für die Wikingerwelt ein Knotenpunkt. Bis heute lebt hier ein nordisches Erbe fort: der Tynwald, das Inselparlament, geht auf ein altnordisches Þingvǫllr, eine „Thing-Ebene", zurück und gilt als eine der ältesten fortlaufend bestehenden Volksversammlungen der Welt.

Noch eindrucksvoller sind die Kreuzsteine der Insel. Manche tragen Runeninschriften und die Signaturen ihrer Steinmetze, etwa Gaut Bjǫrnsson. Und sie zeigen, wie heidnische und christliche Welt ineinandergriffen: Auf dem berühmten Thorwald-Kreuz kämpft eine Gestalt mit Speer und Vogel gegen einen Wolf, der ihr Bein verschlingt — Odin, den Fenrir bei Ragnarök verschlingt — direkt neben christlichen Motiven. Kein Widerspruch für die Menschen der Zeit, sondern der sichtbare Übergang von der alten zur neuen Religion.

Die Hebriden und das Königreich der Inseln

Die Hebriden hießen bei den Nordleuten Suðreyjar, die „südlichen Inseln", im Gegensatz zu den Norðreyjar (Orkney und Shetland). Auf Irisch wurden ihre Bewohner Innse Gall genannt, die „Inseln der Fremden". Aus diesem Raum wuchs im 11. Jahrhundert das Königreich der Inseln heran, das unter Guðrøðr Crovan nach der Schlacht am Skyhill 1079 Man und die Hebriden vereinte. Später prägte der halb nordische, halb gälische Herrscher Somerled die Region.

Dieses Inselreich blieb erstaunlich lange in nordischer Hand. Noch 1263 versuchte der norwegische König Hákon Hákonarson mit einer großen Flotte, seine Ansprüche zu sichern; die unentschiedene Schlacht bei Largs und sein Tod auf Orkney auf dem Rückweg besiegelten aber das Ende. Erst 1266, im Vertrag von Perth, trat Norwegen die Hebriden und Man förmlich an die schottische Krone ab — mehr als vier Jahrhunderte nach den ersten Segeln über die Nordsee. Die Wikingerzeit endete hier also nicht mit einem Knall, sondern mit einem Federstrich.

Die Gall-Gaedhil: die „fremden Gälen"

Das vielleicht Spannendste an diesem Inselraum ist nicht Krieg, sondern Verschmelzung. Ab der Mitte des 9. Jahrhunderts tauchen in den Quellen die Gall-Gaedhil auf, die „fremden Gälen" — Menschen nordischer Herkunft, die gälische Sprache, Namen und Bräuche annahmen, ohne ihr nordisches Erbe ganz abzulegen. Nach ihnen ist die schottische Landschaft Galloway benannt.

Diese Mischung hat Spuren hinterlassen, die man bis heute lesen kann. In den Hebriden und in Irland verraten Ortsnamen die zwei Welten: nordische Endungen wie -bost (Hof), -dale (Tal) oder -ay (Insel) sitzen neben gälischen Namen, oft im selben Dorf. Auch Personennamen wanderten hin und her. Aus zwei Kulturen wurde etwas Drittes — keine Eroberer und keine Eroberten, sondern eine eigene atlantische Welt, deren Erben noch heute an diesen Küsten leben.

Beleg: Die Ereignisse dieses Inselraums sind gut bezeugt: die irischen Annalen (v. a. die Annals of Ulster) für Longphorts, Städte und Clontarf, die Orkneyinga saga für die Jarle von Orkney, Landnámabók und Laxdæla saga für die Verbindungen nach Schottland und Island, dazu die Runen-Kreuzsteine der Isle of Man und die dichte nordische Ortsnamenlandschaft von Shetland bis Galloway. Brians Tod und der Sieg seiner Partei bei Clontarf 1014 sind unstrittig; Dublin bestand danach fort — Sigtryggr regierte noch fast zwei Jahrzehnte weiter.

Mythos-Check: Clontarf war kein Nationalkrieg „Iren gegen Wikinger" und kein Befreiungsschlag, der die Insel „von den Nordmännern befreite" — beide Heere waren gemischt, und die Wikingerstadt Dublin blieb bestehen. Das Bild vom irischen Freiheitskampf stammt vor allem aus der parteiischen Chronik Cogadh Gáedhel re Gallaibh (12. Jahrhundert, im Dienst von Brians Nachkommen) und aus dem Nationalgefühl des 19. Jahrhunderts. Ebenso stimmt es nur halb, dass „die Wikinger Irlands Städte gründeten": Sie schufen die Küstenstädte Dublin, Waterford, Limerick, Wexford und Cork — das Landesinnere aber blieb ländlich und von klösterlichen Siedlungen geprägt.

Odin auf Schiefer, lasergraviert – Glanz & Gravur
Unsere nordischen Motive auf Naturschiefer, lasergraviert – ein Stück Norden für daheim. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Die Wikinger vor Aachen · Haithabu · Dorestad – der große Handelsplatz · Die nordfriesischen Ringwälle · Die Wikinger-Winterlager.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Geschichte & Funde

Alle Geschichte & Funde-Artikel →

Winterlager am Rhein – Asselt, Nijmegen, Leuven

Die Wikinger kamen, raubten – und blieben. Jedenfalls über den Winter. Statt nach jedem Beutezug heimzusegeln …

Weiterlesen →

Die Schlacht von Zülpich (496)

Für viele gilt die Varusschlacht als „Urknall Deutschlands". Doch geprägt hat unser Land eine andere Schlacht viel …

Weiterlesen →

Asgard – die Burg der Götter

Hoch über der Welt der Menschen, jenseits der brennenden Regenbogenbrücke, liegt Asgard – die befestigte Heimat der …

Weiterlesen →

Die Aunjetitzer Kultur & die Himmelsscheibe von Nebra

Fast 1.500 Jahre bevor die ersten Germanen in römische Geschichtsbücher gerieten, blühte im Herzen Mitteleuropas eine …

Weiterlesen →