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Ivar der Knochenlose – der Sohn, den die Chroniken kennen

Geschichte & Funde Ivar der Knochenlose – der Sohn, den die Chroniken kennen Von allen Söhnen Ragnar Lodbroks ist Ivar der greifbarste. Wo der Vater in Nebel und Sage verschwimmt, taucht der Sohn in nüchternen Jahresberichten auf: als Anführer eines Heeres, das ein Königreich stürzte. Und doch trägt gerade er den rätselhaftesten Beinamen des ganzen Nordens.

Der Sohn, den die Chroniken kennen

Ragnar Lodbrok ist eine Sammelfigur, verdichtet aus mehreren Männern und viel Dichtung. Sein Sohn Ivar inn beinlausi, „der Knochenlose", ist etwas anderes: eine Gestalt, die auch außerhalb der nordischen Sagas Spuren hinterlässt – in der Angelsächsischen Chronik und in den irischen Annalen. Damit gehört Ivar zu den wenigen „Wikingerhelden", bei denen sich Legende und historisch fassbare Person berühren. Genau das macht ihn für uns so spannend: Hier lässt sich am lebenden Beispiel zeigen, wo die Saga aufhört und die Chronik anfängt – und wie sehr sich beide voneinander unterscheiden.

Die nordische Überlieferung (Ragnars saga loðbrókar, Ragnarssona þáttr) ist erst im 13. Jahrhundert schriftlich fixiert worden, also rund 400 Jahre nach den Ereignissen. Die zeitnahen Zeugen sind dagegen die angelsächsischen und irischen Annalen. Wo sich beide treffen, wird es interessant – und wo sie auseinanderlaufen, sollte man den Chroniken glauben, nicht den Sagas. Denn die Chronisten schrieben zeitnah und für ihre eigenen Herren, während die Sagaschreiber Jahrhunderte später aus einem großen Vorrat an Erzählstoff schöpften und formten.

Das Große Heidnische Heer, 865

Im Jahr 865 landete an der Küste Ostangliens ein Heer, das die Angelsächsische Chronik den mycel hæþen here nennt – das „Große Heidnische Heer". Es war keine Beutefahrt einzelner Boote mehr, sondern ein koordinierter Eroberungszug mehrerer Anführer über Jahre hinweg. In Ostanglien überwinterte das Heer, beschaffte sich Pferde und wurde damit beweglich; von dort aus stieß es tief ins Land vor. Die nordische Überlieferung stellt Ivar und seine Brüder Halfdan und Ubba an die Spitze. Als Motiv nennt sie die Rache für den Vater Ragnar, den der northumbrische König Ælla getötet haben soll – der Sage nach in einer Grube voller Schlangen. Ob es diesen Anlass so gab, ist unsicher. Dass 865 ein großes Heer kam, blieb und England für Jahrzehnte veränderte, ist es nicht.

York fällt – und zwei Könige sterben

Das Heer zog nach Norden und nahm 866 die Stadt York, das alte römische Eoforwic, ein wichtiges Zentrum Northumbriens. Der Zeitpunkt war günstig gewählt, denn Northumbrien zerriss sich gerade selbst in einem Streit zwischen zwei Königen: Osberht und Ælla. Erst als die Stadt verloren war, versöhnten sich die beiden und versuchten im März 867 gemeinsam, York zurückzuerobern. Der Angriff endete in einer Katastrophe. Die Angelsächsische Chronik berichtet knapp und blutig:

In diesem Jahr zog das Heer von den Ostangeln über die Mündung des Humber zu den Northumbriern hinauf, bis zur Stadt York. Und es war große Zwietracht unter jenem Volk … und beide Könige wurden erschlagen, und die Übriggebliebenen schlossen Frieden mit dem Heer.Angelsächsische Chronik, zum Jahr 867 (Übers. nach J. Ingram/J. A. Giles, gemeinfrei)

Northumbrien war gebrochen, ein abhängiger König wurde eingesetzt, York wurde zum nordischen Machtzentrum – dem späteren Jórvík. Das ist kein Sagenstoff, sondern der Beginn einer jahrzehntelangen skandinavischen Herrschaft im Norden Englands, die sich in Sprache, Ortsnamen und Recht bis heute abzeichnet.

Die Rache an Ælla und der „Blutaar"

Die nordische Tradition schmückt Ællas Tod aus: Ivar habe an ihm den „Blutaar" vollzogen, eine grausame rituelle Hinrichtung, bei der dem Opfer der Rücken geöffnet und die Rippen wie Flügel gespreizt werden. Genau hier ist Vorsicht geboten. Der „Blutaar" ist fast ausschließlich in später Skaldik und Sagaliteratur greifbar, und die Forschung – prominent Roberta Frank in ihrer Studie von 1984 – hat gezeigt, dass die schauerliche Szene sehr wahrscheinlich auf einer missverstandenen Skalden-Kenning beruht: Aus einem dichterischen Bild vom Adler, der über den Erschlagenen die Schwingen breitet und sie mit Blut färbt, wurde über die Jahrhunderte eine ausgemalte Folter. Als gesicherte historische Praxis lässt sich der Blutaar nicht belegen – und schon gar nicht als konkrete Tat Ivars an einem konkreten König. Das heißt nicht, dass die Wikingerzeit sanft war; Gewalt und Rache gehörten zu ihrer Welt. Aber die genau ausgemalte Ritual-Hinrichtung, wie sie durch Romane, Serien und Metal-Cover geistert, ist Literatur, nicht Befund. Wer sie als historische Tatsache verkauft, verwechselt ein dichterisches Bild mit einem Protokoll.

Ímar von Dublin: eine Person, zwei Namen?

Der stärkste historische Faden führt nach Irland. In den irischen Annalen erscheint ab 857 ein Ímar, König der Nordmänner, der gemeinsam mit Amlaíb (Olaf) Dublin beherrscht und über Jahre zwischen Irland und Britannien Krieg führt. 870 belagern die beiden monatelang die Felsenfestung Alt Clut (Dumbarton) der Briten von Strathclyde; 871 kehren sie mit einer großen Flotte und zahllosen Gefangenen nach Dublin zurück. Viele Historiker setzen diesen Ímar mit Ivar gleich – der altnordische Name Ívarr und der irische Ímar meinen denselben Mann. Sein Tod ist in den Annalen von Ulster zum Jahr 873 verzeichnet, mit einer bemerkenswerten Formel: Ímar, „König der Nordmänner von ganz Irland und Britannien", beendete sein Leben. Wenn diese Gleichsetzung stimmt, dann starb der Feldherr des Großen Heeres nicht in England, sondern als mächtiger Seekönig im Westen – und begründete eine Dynastie, die Dublin über Generationen prägte: die Uí Ímair, das „Haus Ivars".

Was bedeutet „der Knochenlose"?

Kein Beiname der Wikingerzeit ist so oft gedeutet worden wie inn beinlausi. Die Vorschläge reichen weit: eine Knochenkrankheit (etwa Glasknochen, Osteogenesis imperfecta), sodass er getragen oder auf einem Schild in die Schlacht geführt worden sei; eine fast schlangenhafte Gelenkigkeit, die ihn im Kampf unfassbar machte; eine metaphorische „Zeugungsunfähigkeit", weil altnordisch bein auch mit dem Schenkel und damit euphemistisch mit Manneskraft in Verbindung gebracht wurde; oder schlicht ein legendäres Beiwort, das erst spät an ihn geheftet wurde. Ehrlich ist: Wir wissen es nicht. Die frühesten Belege für den Beinamen sind selbst später als sein Wirken, und die Sagas widersprechen sich. Manche schildern ihn als körperlich versehrt, andere als schlau und beweglich. „Der Knochenlose" ist ein Rätsel, das jede Generation neu beantwortet – meist nach dem Geschmack und den medizinischen Vorstellungen ihrer Zeit.

Die Brüder und der Lauf des Heeres

Ivar war nicht allein. Das Große Heer war ein Bündnis mehrerer Anführer, und neben ihm treten immer wieder seine Brüder Halfdan und Ubba auf. Nach dem Fall Northumbriens wandte sich das Heer nach Süden und Osten: 869 brach das Königreich Ostanglien zusammen, und dessen König Edmund wurde getötet – später als heiliger Märtyrer verehrt. Mercia geriet schwer unter Druck, und am Ende hielt nur Wessex unter Alfred dem Großen stand. Ivar selbst verschwindet in dieser Phase aus den englischen Berichten; sein Weg führt, wenn die Gleichsetzung mit Ímar stimmt, nach Irland und Schottland, zu Belagerungen und Beutezügen im keltischen Westen. Das Heer aber blieb und veränderte England grundlegend: Aus Beutefahrten wurde Landnahme, aus Kriegern wurden Siedler, und im Norden und Osten entstand das „Danelag", das Gebiet dänischen Rechts. Bis heute erinnern Ortsnamen auf -by und -thorpe und zahllose nordische Wörter im Englischen daran, dass hier nicht nur ein Heer durchzog, sondern eine Bevölkerung blieb. Ivar steht damit am Anfang einer Entwicklung, die weit über sein eigenes Leben hinausreichte – ein Feldherr, dessen Feldzug ein Land umformte, auch wenn er das Ergebnis selbst nie sah.

Was belegt ist

Zeitnah belegt sind das Große Heidnische Heer (Angelsächsische Chronik, ab 865), die Einnahme Yorks 866 und der Tod der beiden northumbrischen Könige Osberht und Ælla 867. Belegt ist auch ein mächtiger Seekönig namens Ímar in den irischen Annalen, dessen Tod die Annalen von Ulster zum Jahr 873 verzeichnen. Die Gleichsetzung Ímar = Ivar ist die verbreitete, gut begründete, aber nicht restlos bewiesene Deutung. Damit ist Ivar historisch deutlich fassbarer als sein Vater Ragnar – auch wenn die persönlichen Details (Beiname, Rache-Motiv, Blutaar) aus der viel späteren Sagatradition stammen.

Mythos-Check

Der „Blutaar" an König Ælla ist kein gesicherter Tatsachenbericht, sondern höchstwahrscheinlich eine missverstandene Skalden-Kenning (Frank 1984), literarisch ausgeschmückt Jahrhunderte später. Die Grube voller Schlangen, in der Ragnar starb, ist ein Sagenmotiv, kein Chronikbefund. Und die Deutung des Beinamens „knochenlos" ist offen – jede angebliche Diagnose ist Spekulation. Der Ivar der Serie „Vikings" ist eine dramatisierte Kunstfigur: Der historische Kern ist der Feldherr eines Heeres und der wahrscheinliche Dubliner König, nicht das ausgemalte Serien-Psychogramm.

Der Ivar der Serie

In der Serie „Vikings" wird Ivar zur schillerndsten Figur der Ragnar-Söhne: der körperlich versehrte, brillante und grausame Stratege, der aus dem Schatten seiner Behinderung heraus die anderen überflügelt. Das ist starkes Drama – und es greift einen echten Kern auf: Ivar war tatsächlich der militärische Kopf, an den sich Chronik und Annalen erinnern. Aber die inneren Konflikte, die Dialoge, die persönliche Kälte sind Erzählkunst, nicht Quelle. Was bleibt, wenn man die Serie beiseitelegt, ist beeindruckend genug: ein Anführer, dessen Heer ein englisches Königreich stürzte, und ein Seekönig, dessen Tod die Iren 873 für wichtig genug hielten, ihn eigens festzuhalten. Man braucht die Ausschmückung nicht – die Chronik allein trägt die Legende.

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Ragnars Söhne · Das Große Heer · Ragnar Lodbrok · Stamford Bridge 1066.

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