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Die Karantanen: Slawen der Alpen

Aufklärung Die Karantanen: Slawen der Alpen In den Ostalpen entstand eines der frühesten slawischen Fürstentümer: Karantanien. Sein einzigartiges Herrscher-Einsetzungsritual auf dem Fürstenstein ist bis heute berühmt.

Die Karantanen waren ein slawisches Volk in den Ostalpen, im Raum des heutigen Kärnten, der Steiermark und Sloweniens. Ihr Fürstentum Karantanien (lateinisch Carantania) gehört zu den frühesten fassbaren slawischen Staaten überhaupt – und es hat ein Erbe hinterlassen, das bis heute im Namen Kärntens und in der Geschichte der Slowenen weiterlebt. Die Karantanen bilden gewissermaßen einen vierten, alpinen Zweig der Südslawen.

Slawen in den Bergen

Im 6. Jahrhundert, im Zuge der großen slawischen Wanderung, drangen slawische Gruppen auch in die Ostalpen vor – in ein Land, das nach dem Rückzug Roms nur noch dünn besiedelt war. Sie ließen sich in den Tälern von Drau, Mur und Save nieder und vermischten sich mit der romanisch-keltischen Restbevölkerung. Aus diesen Alpenslawen formte sich im 7. Jahrhundert das Fürstentum Karantanien mit einem Zentrum am Zollfeld nördlich des heutigen Klagenfurt.

Samo und die Awaren

Die frühen Alpenslawen standen unter dem Druck der Awaren, eines mächtigen Reitervolks aus der ungarischen Tiefebene. Zeitweise gehörten sie zum Reich des Samo, jenes fränkischen Kaufmanns, der um 623/24 einen ersten großen slawischen Stammesbund gegen die Awaren und Franken anführte. Nach Samos Tod zerfiel dieser Bund wieder, doch die Karantanen blieben als eigenständiges Fürstentum bestehen – befreit vom Awarenjoch, aber nun im Schatten eines neuen Nachbarn: der Baiern.

Der Weg unter Baiern und Franken

Im 8. Jahrhundert suchten die Karantanen unter Fürst Borut Schutz bei den Baiern gegen die Awaren – und gerieten damit in deren Abhängigkeit. Boruts Sohn und Neffe wurden am Baiernhof christlich erzogen. So kamen die Karantanen früh und relativ friedlich unter fränkisch-baierischen Einfluss und wurden Teil des Karolingerreichs. Anders als viele slawische Völker wurden sie nicht erobert, sondern schrittweise eingebunden.

Die Christianisierung

Die Christianisierung der Karantanen ging vom Bistum Salzburg aus. Die wichtigste Quelle dazu ist die Conversio Bagoariorum et Carantanorum („Bekehrung der Baiern und Karantanen"), um 870 verfasst – ein zentrales Dokument der frühen Alpengeschichte. Bischof Virgil von Salzburg sandte Missionare; es gab auch Rückschläge und heidnische Aufstände. Am Ende aber wurden die Karantanen christlich und blieben es – ein früher Erfolg der Mission im slawischen Raum.

Der Fürstenstein – ein einzigartiges Ritual

Das Berühmteste, was die Karantanen hinterließen, ist ihr Herrscher-Einsetzungsritual. Ein neuer Fürst wurde auf dem Fürstenstein (dem umgedrehten Kapitell einer römischen Säule) eingesetzt – in einer Zeremonie in slowenischer Sprache, bei der ein freier Bauer den Fürsten prüfte und ihn erst nach symbolischen Fragen auf den Stein ließ. Dieses Ritual, das die Bindung des Herrschers an das Volk betonte, ist im mittelalterlichen Europa einzigartig. Es hat bis in die frühe Neuzeit überdauert und gilt als eines der frühesten Zeugnisse einer „vertragsartigen" Herrschaftsauffassung.

Von Karantanien zu Kärnten und Slowenien

Aus Karantanien wurde im Rahmen des Karolinger- und später des Ostfränkisch-Deutschen Reiches das Herzogtum Kärnten (Carinthia) – dessen Name direkt auf die Karantanen zurückgeht. Zugleich sind die Karantanen ein wichtiger Bezugspunkt der slowenischen Geschichte: Die Slowenen sehen in Karantanien und seinem Fürstenstein einen frühen Höhepunkt ihrer eigenen staatlichen Tradition. So leben die Alpenslawen gleich in zwei modernen Identitäten weiter – der österreichischen Landschaft Kärnten und der Nation der Slowenen.

Ein vierter Zweig der Slawen

Die Karantanen zeigen, dass die slawische Wanderung nicht nur nach Osten (Rus), an Elbe und Oder (Westslawen) und auf den Balkan (Serben, Kroaten) führte, sondern auch tief in die Alpen. Sie gehören sprachlich zu den Südslawen, bildeten aber einen eigenen alpinen Zweig mit eigener Geschichte. Für unser Bild der slawischen Welt schließen sie eine wichtige Lücke: den Alpenraum, wo Slawen, Romanen und Germanen (Baiern) über Jahrhunderte eng zusammenlebten.

Was die Karantanen besonders macht

Kein anderes frühslawisches Volk hat ein so eindrucksvolles politisches Erbe wie die Karantanen: eines der ersten slawischen Fürstentümer, eine frühe und dauerhafte Christianisierung und mit dem Fürstenstein ein weltweit einzigartiges Einsetzungsritual. Ihre Geschichte verbindet Slawen, Baiern und das antike Erbe (der Fürstenstein war eine römische Spolie) zu einer der faszinierendsten Erzählungen der Alpen. Für ein ehrliches Bild der Slawen sind sie unverzichtbar.

Woher wir das wissen

Die zentrale Quelle ist die Conversio Bagoariorum et Carantanorum (um 870), ergänzt durch fränkische Annalen und die spätere Überlieferung zum Fürstenstein-Ritual. Alle frühen Quellen sind fränkisch-baierisch und kirchlich und sehen die Karantanen von außen. Das Gegengewicht liefert die Archäologie der Alpenslawen (Siedlungen und Gräberfelder am Zollfeld und in Slowenien). Den gesicherten Kern – Fürstentum, Awarendruck, Anlehnung an Baiern, Christianisierung durch Salzburg – trennen wir von späteren, teils national aufgeladenen Deutungen des Fürstenstein-Rituals.

Das Zollfeld und der Krnski grad

Das Zentrum Karantaniens lag am Zollfeld (slowenisch Gosposvetsko polje) nördlich von Klagenfurt, um den Burgberg Karnburg/Krnski grad. Hier stand der Fürstenstein, hier lag das politische Herz des Fürstentums. Archäologisch sind in der Region frühslawische Siedlungen und Gräberfelder nachgewiesen; das antike Virunum in der Nähe lieferte römische Spolien wie eben den Fürstenstein. Der Ort verbindet damit römisches Erbe und slawische Frühgeschichte an einer Stelle – ein Schichtbild der Alpengeschichte.

Vom Fürstenstein zum Herzogstuhl

Das karantanische Einsetzungsritual überdauerte den Wandel zum Herzogtum Kärnten. Auch die deutschen Herzöge von Kärnten wurden noch bis 1414 in Teilen des alten Zeremoniells eingesetzt, teils in slowenischer Sprache – ein einzigartiges Fortleben. Neben dem Fürstenstein trat der Herzogstuhl am Zollfeld, ein doppelter Steinthron, auf dem die Landeshuldigung stattfand. Dass ein Ritual aus dem frühslawischen Karantanien noch im Spätmittelalter lebendig war, macht es zu einem der bemerkenswertesten Kontinuitätszeugnisse Europas.

Karantanien im nationalen Gedächtnis

Für die Slowenen ist Karantanien ein Gründungsmythos ihrer Nation – der Beweis, dass es früh einen eigenen slawischen Staat in den Alpen gab. Der Fürstenstein ziert bis heute slowenische Symbole. Historisch ist Vorsicht geboten: Karantanien war ein frühmittelalterliches Fürstentum, kein moderner Nationalstaat, und seine Bevölkerung war gemischt. Die spätere Deutung des Fürstenstein-Rituals als „urdemokratisch" ist teils national überhöht. Wir halten es ehrlich: Das Fürstentum und das Ritual sind real und bedeutend, ihre moderne Aufladung ist Deutung.

So sind die Karantanen der Beweis, dass die slawische Welt bis tief in die Alpen reichte – ein kleines Bergfürstentum, das mit seinem Fürstenstein ein Stück europäischer Rechtsgeschichte schrieb.

Wer heute den Fürstenstein im Kärntner Landesmuseum sieht, blickt auf ein Stück slawische Frühgeschichte, das Slowenen und Österreicher gleichermaßen als Teil ihres Erbes beanspruchen – ein steinerner Zeuge der Alpenslawen.

Für ein vollständiges Bild der Slawen sind die Alpenslawen unverzichtbar: Sie zeigen, dass die große Wanderung nicht an Ebenen und Flüssen endete, sondern auch die Berge erreichte und dort einen ganz eigenen Weg nahm.

„Die Baiern nahmen mit Zustimmung des Königs die Karantanen zu Christen und setzten ihnen Priester."nach der Conversio Bagoariorum et Carantanorum (gemeinfrei, eigene Übersetzung)
Was belegt ist: Die Karantanen als slawisches Volk der Ostalpen; das Fürstentum Karantanien als einer der frühesten slawischen Staaten; der Druck durch die Awaren und die Anlehnung an Samo bzw. später die Baiern; die Christianisierung durch Salzburg (Conversio, um 870); das Fürstenstein-Ritual; das Fortleben in Kärnten und in der slowenischen Geschichte.
Was Deutung ist: Das Fürstenstein-Ritual ist gut bezeugt, seine früheste Form und Deutung (als „demokratisch" oder „vertragsartig") ist aber teils national/modern überhöht. Die genaue Ausdehnung Karantaniens und die ethnische Zusammensetzung (Slawen, Romanen, Awarenreste) sind in Details umstritten.
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