Wie die Serben kamen auch die Kroaten aus dem Norden auf den Balkan. Doch an einer alten Grenze wählten sie einen anderen Weg – und wandten sich dem lateinischen Westen zu.
Die Kroaten sind der zweite große südslawische Stamm neben den Serben – und ihre Geschichte verläuft erstaunlich parallel und doch entscheidend anders. Beide kamen laut Überlieferung aus dem Norden auf den Balkan; beide siedelten im Bergland des westlichen Balkans; doch während die Serben sich dem orthodoxen Osten zuwandten, wurden die Kroaten Teil des lateinischen Westens. An ihnen lässt sich die wichtigste Weichenstellung der südslawischen Geschichte ablesen.
Die Hauptquelle ist wieder der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos, der um 950 in seinem Werk De administrando imperio auch die Herkunft der Kroaten beschreibt. Er berichtet, sie stammten aus einem Land, das er „Weißes Kroatien" nennt und das nördlich der Karpaten lag – im Raum des heutigen Südpolen, Tschechien oder der westlichen Ukraine. Von dort seien sie unter ihren Anführern nach Süden gezogen. Wie beim „Weißen Serbien" bezeichnet „weiß" dabei nach slawischer Farbsymbolik vermutlich eine Himmelsrichtung.
Nach Konstantins Bericht zogen die Kroaten im 7. Jahrhundert, zur Zeit des Kaisers Herakleios, auf den Balkan und ließen sich in Dalmatien und dem pannonischen Hinterland nieder – im Raum des heutigen Kroatien und Bosnien. Dort trafen sie auf die Reste der römisch-illyrischen Bevölkerung und auf die verfallenden Städte der einstigen Provinz Dalmatia. Wie bei allen slawischen Wanderungen gilt: Der Bericht ist rund 250 Jahre nach den Ereignissen geschrieben und vereinfacht stark – dass slawische Gruppen im 6./7. Jahrhundert auf den Balkan drangen, ist aber gesichert.
Die neue Heimat der Kroaten reichte von der zerklüfteten Adriaküste mit ihren Inseln über das Dinarische Gebirge bis in die pannonische Ebene. Diese Vielfalt prägte ihre Geschichte: An der Küste wirkten die alten römischen Städte (Zadar, Split mit dem Diokletianspalast) und der Einfluss Venedigs und Roms; im Binnenland herrschten slawische Fürsten. Aus diesem Spannungsfeld entstand ein Volk, das eng mit dem Mittelmeer verbunden war.
Die wichtigste Weichenstellung war der Glaube. Die Kroaten wurden im 7. bis 9. Jahrhundert christianisiert – und wandten sich, anders als die Serben, dem lateinischen Christentum Roms zu. Diese Entscheidung, geprägt durch die Nähe zu den alten Adriastädten und zum fränkischen Reich, machte die Kroaten zu einem Teil der westlichen, katholischen Welt. Sie schrieben zunächst mit der glagolitischen Schrift, später mit dem lateinischen Alphabet. Damit verlief mitten durch die eng verwandten Südslawen die große Grenze zwischen West- und Ostkirche.
Aus den frühen Fürstentümern erwuchs im 9. und 10. Jahrhundert ein kroatisches Reich. Fürst Branimir erhielt um 879 die Anerkennung durch den Papst; unter Tomislav nahm der Herrscher im frühen 10. Jahrhundert den Königstitel an. Damit gehörten die Kroaten zu den ersten Südslawen mit einem anerkannten christlichen Königtum – ein deutlicher Kontrast zu den lange zersplitterten serbischen Talschaften.
Konstantin VII. kennt neben dem „Weißen Kroatien" im Norden auch die Vorstellung eines Gegenstücks. Diese Farbsymbolik – „weiß", „rot" und andere Farben für Himmelsrichtungen oder Teilgruppen – begegnet bei mehreren slawischen Völkern und auch in „Weißrussland" (Belarus) und „Weißem Serbien". Sie ist kein Zufall, sondern folgt einem alten Ordnungssystem. Was genau „weiß" im Einzelfall bedeutete, bleibt jedoch umstritten – ein faszinierendes, aber nicht restlos geklärtes Detail der slawischen Frühgeschichte.
Wie bei den Serben streitet die Forschung, wie wörtlich Konstantins Herkunftserzählung zu nehmen ist. Manche sehen darin die Erinnerung an eine echte Elitewanderung aus dem Karpatenraum, andere eine gelehrte Konstruktion des 10. Jahrhunderts. Der gesicherte Kern ist derselbe: Slawische Gruppen kamen im 6./7. Jahrhundert auf den Balkan, und aus ihnen formten sich über Jahrhunderte die südslawischen Völker. Route, Anführernamen und das „Weiße Kroatien" bleiben Deutung.
Die Kroaten vervollständigen zusammen mit den Serben das Bild der Südslawen. Ihre Geschichte zeigt dieselbe große Wanderung – aber sie führt zur anderen Antwort auf die Schlüsselfrage des Balkans: West oder Ost, Rom oder Byzanz, Latein oder Griechisch. Dass zwei so eng verwandte Völker sich für entgegengesetzte Wege entschieden, hat den Balkan bis heute geprägt. Für unser Bild der slawischen Welt sind die Kroaten der Beleg dafür, dass Glaubensentscheidungen des Frühmittelalters ganze Kulturräume formten.
Die zentrale Quelle ist wieder Konstantin VII., De administrando imperio (um 950), ergänzt durch fränkische und päpstliche Quellen (Branimir, Tomislav) und die frühen kroatischen Inschriften (etwa die berühmte Branimir-Inschrift). Alle byzantinischen und fränkischen Quellen sehen die Kroaten von außen. Das Gegengewicht liefert die Archäologie der slawischen Besiedlung Dalmatiens. Den gesicherten Kern – Einwanderung, frühe Reichsbildung, lateinische Christianisierung – trennen wir von der legendenhaften Erzählung aus dem „Weißen Kroatien".
Ein Schatz der kroatischen Frühgeschichte ist die glagolitische Schrift (Glagolica), die älteste slawische Schrift, geschaffen im Umfeld der Slawenapostel Kyrill und Method. Während die meisten katholischen Völker ausschließlich lateinisch schrieben, bewahrten die Kroaten über Jahrhunderte die Glagolica für ihre Kirchensprache – ein einzigartiger Sonderweg. Das berühmteste Zeugnis ist die Tafel von Baška (um 1100) von der Insel Krk, einer der ältesten Texte in kroatischer Sprache. Sie zeigt, wie die Kroaten lateinischen Glauben und slawische Schrift verbanden.
Anders als die binnenländischen Slawenstämme trafen die Kroaten an der Adria auf lebendige antike Städte. In Split siedelten sich Menschen im gewaltigen Palast des Kaisers Diokletian an; Zadar, Trogir und andere Küstenstädte bewahrten römisches Stadtleben, Bistümer und Steinbaukunst. Diese Nähe zu Rom und später zu Venedig prägte die kroatische Kultur tief und band sie an den Mittelmeerraum. Während die Serben im Bergland eigene Wege gingen, wuchsen die Kroaten in eine adriatisch-mediterrane Welt hinein – ein weiterer Grund für ihre Westorientierung.
Serben und Kroaten sind das eindrücklichste Beispiel dafür, wie eng verwandt und doch verschieden die Südslawen wurden. Ihre Sprachen sind einander so nah, dass man lange von einer gemeinsamen Sprache sprach; ihre Herkunftserzählungen bei Konstantin VII. sind fast spiegelbildlich. Und doch trennte sie die Grenze zwischen Rom und Byzanz: hier lateinische Schrift und katholischer Glaube, dort kyrillische Schrift und Orthodoxie. Wer die Geschichte des Balkans verstehen will, muss bei dieser frühen Weggabelung beginnen – bei zwei Völkern, die aus derselben Wurzel kamen und sich an einer alten Kulturgrenze für verschiedene Welten entschieden.
„Die Kroaten wohnten damals jenseits Bayerns, dort, wo jetzt die Belochroaten (Weißen Kroaten) sind."nach Konstantin VII., De administrando imperio 30 (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Die Serben · Die Sorben · Die Obodriten.
Alle Geschichte & Funde-Artikel →
Ohne ihre Schiffe wären die Wikinger nie zu Wikingern geworden. Das Langschiff war die Hochtechnologie seiner Zeit …
Weiterlesen →Sie ist keine zwei Zentimeter groß und wiegt neun Gramm – und doch löste sie eine der spannendsten Debatten der …
Weiterlesen →