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Leif Eriksson – Leif der Glückliche: Wer er war, was die Sagas erzählen und was die Archäologie beweist

Geschichte & Funde Leif Eriksson – Leif der Glückliche: Wer er war, was die Sagas erzählen und was die Archäologie beweist

Leif Eriksson (altnordisch Leifr Eiríksson) war ein Seefahrer aus der nordischen Grönland-Siedlung, der um das Jahr 1000 als einer der ersten Europäer das amerikanische Festland betrat – fast 500 Jahre vor Kolumbus. Er war der Sohn Eriks des Roten, bekam den Beinamen „der Glückliche“ und gab dem Land Vinland seinen Namen. Hier erfährst du, was die beiden Vinland-Sagas über ihn erzählen, wo sie sich offen widersprechen, was an seiner Missionsreise dran ist und welche Beweise die Archäologie geliefert hat.

Ein Riff, fünfzehn Schiffbrüchige und ein Beiname

Stell dir einen Spätsommertag vor der Küste Grönlands vor. Ein Schiff kehrt aus einem fremden Land im Westen heim, beladen mit Bauholz, im Beiboot Trauben, an Bord fünfunddreißig Mann. Plötzlich hält der junge Schiffsführer dichter am Wind als nötig. Seine Leute fragen, warum. Er hat etwas gesehen, das ihnen entgangen ist: Menschen auf einer Klippe im Meer. Fünfzehn Gestrandete, deren Schiff zerschellt ist.

Er nimmt sie alle an Bord, dazu so viel von ihrer Ladung, wie sein Schiff tragen kann. Von diesem Tag an, so erzählt es die Saga, nennt man ihn Leifr inn heppni – Leif den Glücklichen. Nicht weil er Amerika fand. Sondern weil er Glück hatte, Ehre gewann und dazu reich zurückkam.

Für die Erzähler war Leif kein „Entdecker Amerikas“ – dieses Etikett stammt aus dem 19. Jahrhundert. Für sie war er ein Seemann mit Gespür und Fortune. Wir trennen hier die Person aus den Sagas von dem Denkmal, das man aus ihr gemacht hat.

Woher kam Leif? Isländer, Grönländer – oder Norweger?

Leifs Vater war Erik der Rote, geboren in Jæren im Südwesten Norwegens. Nach Totschlägen kam er nach Island, wurde auch dort verbannt und führte um 985/986 Siedler nach Grönland. Seine Frau war Þjóðhildr, eine Isländerin aus angesehener Familie.

Leif selbst ist nach der Chronologie der Sagas sehr wahrscheinlich noch in Island geboren worden, im Westen um den Breiðafjörður, vermutlich in den 970er Jahren. Ein genaues Geburtsjahr nennt keine Quelle. Der Historiker Sverrir Jakobsson betont, dass die Frage „Isländer, Grönländer oder Norweger?“ modern ist; die Sagas kümmert Nationalität kaum. Leif wuchs als Grönländer auf, auf dem Hof Brattahlíð („steiler Hang“) im Eiriksfjord, dem heutigen Qassiarsuk in Südgrönland.

Der Name Leifr gehört zum altnordischen Wort leif für „Hinterlassenschaft, Erbe“ – ein passender Name für einen ältesten Sohn. Leifs Geschwister kennen wir aus den Sagas: die Brüder Þorvaldr und Þorsteinn und die Halbschwester Freydís, die später selbst nach Vinland segelte. Mehr zur Kolonie selbst findest du bei den Grönländern.

Was wir wissen können: die Quellenlage

Ehrlich vorweg: Es gibt keine einzige zeitgenössische Quelle, die Leif nennt. Alles über ihn wurde Generationen später aufgeschrieben.

Am frühesten taucht nicht Leif auf, sondern sein Land. Um 1075 schreibt Adam von Bremen, der Dänenkönig Sven Estridsson habe ihm von einer Insel namens Winland erzählt, wo von selbst Weinstöcke mit bestem Wein wüchsen – keine Fabel, sondern sichere Kunde der Dänen. Um 1120/1130 erwähnt der Isländer Ari Þorgilsson in seiner Íslendingabók Vínland beiläufig als Land der Skrælingar. Leif nennt keiner von beiden.

Die ausführlichen Erzählungen stammen aus zwei Sagas, die man heute gemeinsam die Vinland-Sagas nennt. Sagas sind isländische Prosaerzählungen des 13. und 14. Jahrhunderts, die auf mündlicher Überlieferung beruhen, aber literarisch gestaltet sind; mehr dazu in unserem Überblick über die Isländersagas.

Lange galt die Eiríks saga als die verlässlichere. Seit einer einflussreichen Studie des isländischen Historikers Jón Jóhannesson (1956) halten viele Fachleute die Grænlendinga saga für die ältere. Andere, etwa Ólafur Halldórsson, sehen beide als voneinander unabhängige Niederschriften einer mündlichen Tradition. Für Leif ist das entscheidend, denn die beiden Sagas erzählen seine Geschichte grundverschieden.

Version eins: Bjarni sieht das Land, Leif betritt es

Die Grænlendinga saga beginnt ihre Amerika-Geschichte nicht mit Leif, sondern mit einem Kaufmann namens Bjarni Herjólfsson. Bjarni kommt im Sommer aus Norwegen nach Island und erfährt, dass sein Vater mit Erik nach Grönland gezogen ist – nach der Saga-Chronologie also um 985/986. Er segelt hinterher, ohne dass einer an Bord den Weg kennt. Nebel und Nordwind treiben das Schiff tagelang ziellos umher, ein Zustand, den die Altnordischen hafvilla nannten, das völlige Verirren auf See.

Als die Sicht zurückkehrt, sieht Bjarni Land: bewaldet, mit niedrigen Hügeln, kein Gletscher. Das kann nicht Grönland sein. Er landet nicht, sondern segelt weiter, sieht ein zweites flaches, bewaldetes Land und ein drittes, bergig und vergletschert, und erreicht schließlich doch den Hof seines Vaters. Später warf man ihm in Norwegen mangelnde Neugier vor.

Leif ist neugieriger. Er kauft Bjarni das Schiff ab und heuert eine Mannschaft von fünfunddreißig Mann an. Er bittet seinen Vater Erik, die Fahrt anzuführen. Erik sträubt sich, er sei zu alt, lässt sich aber überreden. Auf dem Weg zum Schiff stolpert sein Pferd, Erik stürzt und verletzt sich am Fuß. Er deutet das als Zeichen: Ihm sei nicht bestimmt, noch weitere Länder zu finden. Leif segelt ohne ihn.

Helluland, Markland, Vinland: drei Namen für eine neue Welt

Leif fährt Bjarnis Route rückwärts ab. Das erste Land, das er erreicht, ist das letzte, das Bjarni gesehen hat. Leif geht an Land und findet kein Gras, nur Gletscher und zwischen Meer und Eis eine einzige große, flache Steinplatte. Er nennt es Helluland, „Steinplattenland“ – und macht damit, so die Saga trocken, schon mehr als Bjarni, der gar nicht erst an Land gegangen sei.

Das zweite Land ist flach und bewaldet, mit weißen Sandstränden. Leif nennt es Markland, „Waldland“. Nach zwei weiteren Tagen auf See erreichen sie eine Insel, finden Tau auf dem Gras, kosten ihn und meinen, nie etwas so Süßes geschmeckt zu haben. Dann ziehen sie ihr Schiff einen Fluss hinauf bis zu einem See.

Wo diese Orte lagen, lässt sich nur vermuten. Helluland wird meist mit Baffin Island gleichgesetzt, Markland mit der Küste Labradors. Bei Vinland hört die Einigkeit auf: Die Vorschläge reichen von Neufundland über den Sankt-Lorenz-Golf bis an die Küste Neuenglands. Die ausführliche Debatte um Lage und Namen haben wir im Beitrag über Vinland zusammengetragen. In der anderen Saga, das sei verraten, vergibt diese Namen jemand anderes.

Leifsbúðir: ein Winter am Ende der bekannten Welt

Am See entscheiden Leif und seine Männer, zu überwintern. Sie errichten große Häuser, die die Saga später Leifsbúðir nennt, „Leifs Hütten“. Der Fluss und der See wimmeln von Lachs, größer als alle, die sie je gesehen haben. Das Land ist so gut, dass man das Vieh wohl den Winter über nicht füttern müsste. Der Frost bleibt aus, das Gras welkt kaum.

Dann folgt eine der meistdiskutierten Stellen der Saga-Literatur: Tag und Nacht seien dort gleichmäßiger lang gewesen als daheim; am kürzesten Tag habe die Sonne zu eykt und dagmál am Himmel gestanden, Zeitmarken etwa für halb vier am Nachmittag und neun Uhr morgens. Gelehrte haben daraus Vinlands Breitengrad errechnen wollen – mit Ergebnissen zwischen Nordlabrador und Florida. Sicher zeigt die Stelle nur: Die Erzähler wussten, dass es im Westen südlicher zuging.

Leif organisiert seinen Winter wie ein Hausvater. Er teilt die Mannschaft in zwei Gruppen: Die eine bleibt am Haus, die andere erkundet das Land, aber nie so weit, dass sie nicht am Abend zurück sein kann. Und er befiehlt, dass sich niemand von seiner Gruppe trennt. Die Saga nennt ihn groß und stark, klug und in allem maßvoll – einen Anführer, keinen Draufgänger. Wie solche Fahrten überhaupt gelangen, erklärt unser Beitrag zur Navigation der Wikinger.

Tyrkir und die „Weintrauben“

Eines Abends fehlt Tyrkir, ein älterer Mann, den Leif seinen Ziehvater nennt. Leif sucht ihn mit zwölf Mann und findet ihn bester Laune: Tyrkir rollt mit den Augen, schneidet Grimassen und redet lange auf Deutsch – á þýzku –, sodass ihn keiner versteht. Die Saga nennt ihn einen suðrmaðr, „Südländer“, ein Wort, das oft Deutsche oder Sachsen meint. Für uns im Rheinland ein hübscher Gedanke: Folgt man der Saga, sprach einer der ersten Europäer in Amerika Deutsch.

„Ich bin nicht viel weiter gegangen als ihr, und doch habe ich etwas Neues zu berichten. Ich habe Weinreben und Weintrauben gefunden.“ Und als Leif zweifelt, setzt er nach: Er sei dort geboren, wo es an Reben und Trauben keinen Mangel habe.Grænlendinga saga (eigene Übertragung)

Leif teilt die Arbeit neu ein: einen Tag Trauben sammeln, einen Tag Reben schneiden und Bäume fällen. Das Beiboot wird mit Trauben gefüllt, das Schiff mit Holz. Und Leif gibt dem Land seinen Namen nach dem, was es hervorbringt: Vínland, „Weinland“.

Waren das wirklich Trauben? Wilde Reben (Vitis riparia) wachsen bis New Brunswick und am Sankt-Lorenz-Strom, nicht auf Neufundland, und vínber kann auch andere Beeren meinen. Ein Fund aus L'Anse aux Meadows spricht aber für Fahrten in die Weinzone: Butternüsse, die nur dort wachsen, wo auch wilder Wein gedeiht. Tyrkirs Rausch mag ausgeschmückt sein. Ob er Deutscher war oder, wie manche meinen, Ungar oder Slawe, bleibt offen.

Leif der Glückliche

Im Frühjahr segelt Leif mit voller Ladung heim. Auf dieser Rückfahrt kommt es zu der Szene, mit der wir begonnen haben: Leif entdeckt Schiffbrüchige auf einem Riff, darunter einen Norweger namens Þórir und seine Frau Guðríðr. Er rettet fünfzehn Menschen und nimmt ihre Ladung an sich, wie es Seerecht und Sitte erlaubten. So gewinnt er, heißt es, Reichtum und Ansehen. Von da an heißt er Leif der Glückliche.

Das Glück hat eine dunkle Rückseite. Im folgenden Winter bricht in Þórirs Mannschaft eine Krankheit aus; Þórir und viele seiner Leute sterben. Im selben Winter, so die Grænlendinga saga, stirbt auch Erik der Rote. Leif übernimmt Brattahlíð und wird zum ersten Mann Grönlands. Und Guðríðr, die Gerettete, heiratet erst Leifs Bruder Þorsteinn und nach dessen Tod den Isländer Þorfinnr Karlsefni, mit dem sie selbst nach Vinland segelt.

Leif fährt nie wieder westwärts. Er leiht seine Häuser nur aus: an seinen Bruder Þorvaldr, der dort im Kampf fällt, an Karlsefni und zuletzt an Freydís, deren Fahrt in einem Blutbad endet.

Version zwei: der verirrte Missionar

Die Eiríks saga rauða erzählt das alles anders. Bei ihr gibt es keinen Bjarni. Leif segelt von Grönland nach Norwegen, wird auf die Hebriden verschlagen und verliebt sich dort in eine vornehme Frau namens Þórgunna, die ein Kind von ihm erwartet. Er nimmt sie nicht mit, schenkt ihr aber einen goldenen Ring, einen grönländischen Mantel und einen Gürtel aus Walrosszahn. Der Sohn Þorgils kommt später nach Grönland.

In Norwegen wird Leif Gefolgsmann König Olaf Tryggvasons, des Königs, der Norwegen mit Nachdruck christianisierte. Olaf lässt ihn taufen und schickt ihn als seinen Boten nach Grönland, um dort den neuen Glauben zu verkünden, mit einem Priester an Bord. Auf der Rückfahrt – nach der Heimskringla im Jahr 1000 – verirrt sich Leif. Er stößt auf ein Land, das niemand erwartet hatte: Felder mit selbst gesätem Weizen, Weinreben und Bäume, die die Saga mösurr nennt, vielleicht Ahorn. Auf dem Heimweg rettet er Schiffbrüchige von einem Wrack.

Der Unterschied ist grundlegend: Hier sieht Leif das Land im Westen als Erster, erkundet es aber nicht. Die Namen Helluland und Markland vergibt in dieser Saga erst Þorfinnr Karlsefni, der Jahre später mit einer Siedlerflotte aufbricht – der Stammvater isländischer Bischöfe, den die Saga ins Zentrum stellt. Leif ist Zufallsentdecker und Missionar; seinen Beinamen verdankt er hier der Rettung und der Bekehrung des Landes.

Missionar im Auftrag des Königs? Die Debatte

Auch Snorri Sturluson übernimmt den Missionsauftrag in der Heimskringla, wo er eigens von Leifs Taufe erzählt. Aber war es so?

Viele Historiker sind skeptisch. Die wohl ältere Grænlendinga saga weiß nichts von einer Mission, und Ari, der die Bekehrung Islands sorgfältig beschreibt, erwähnt keine Grönland-Mission durch Leif. Die Geschichte geht wahrscheinlich auf eine verlorene lateinische Olaf-Saga des Mönchs Gunnlaugr Leifsson (um 1200) zurück, die den Missionskönig möglichst glanzvoll zeigen wollte.

Dazu kommt ein archäologischer Einwand: Datierungen von Skeletten aus frühen grönländischen Kirchhöfen, untersucht vom dänischen Nationalmuseum, deuten darauf hin, dass einige Siedler schon zur Zeit der Landnahme Christen waren. Der Glaube kam wohl schleichend mit den Siedlern, nicht per Königsbefehl auf einem Schiff. Den größeren Zusammenhang beschreibt unser Artikel zur Christianisierung der Germanen.

Dass Leif um 1000 am norwegischen Hof getauft wurde, bleibt denkbar. Leif als Missionar ist aber eine Überlieferung des 13. Jahrhunderts, kein gesicherter Befund.

Þjóðhildrs Kirche: ein Fund beim Schulbau

Die Eiríks saga erzählt noch eine lebendige Szene: Erik will vom neuen Glauben nichts wissen. Seine Frau Þjóðhildr aber lässt sich bekehren und eine Kirche bauen, nicht allzu nah an den Häusern – die Þjóðhildarkirkja. Und sie weigert sich, mit Erik zusammenzuleben, solange er Heide bleibt. Das habe ihn sehr verärgert, merkt die Saga an.

Lange war das nur eine gute Geschichte. Dann, 1961, stießen Bauarbeiter in Qassiarsuk beim Bau einer Schule auf einen menschlichen Schädel. Das dänische Nationalmuseum grub nach und fand die Reste einer winzigen Kirche: hufeisenförmig, Holzwände mit einem Mantel aus Torfsoden, innen nur etwa zwei mal dreieinhalb Meter groß. Rund um den Bau lag ein Friedhof mit den Überresten von 144 Menschen, ohne Grabbeigaben.

Archäologischer Befund: In Qassiarsuk (dem alten Brattahlíð) wurde 1961 eine sehr frühe, kleine Torf-Holz-Kirche mit Friedhof ausgegraben. Dass genau dies „Þjóðhildrs Kirche“ der Saga ist, ist eine naheliegende Deutung, kein Beweis – eine Inschrift gibt es nicht.

Für das Jahrtausendjubiläum von Leifs Fahrt wurde im Jahr 2000 eine Nachbildung errichtet, etwas abseits der Originalfundstelle. Seit 2017 gehört die Gegend als Teil von „Kujataa“ zum UNESCO-Welterbe.

L'Anse aux Meadows und das Jahr 1021

Bis 1960 war Leif eine Saga-Figur ohne archäologischen Beleg. Dann führte der Fischer George Decker den norwegischen Autor Helge Ingstad zu überwachsenen Erdwällen bei L'Anse aux Meadows an der Nordspitze Neufundlands. Ingstads Frau, die Archäologin Anne Stine Ingstad, leitete 1961–1968 die Grabungen; später grub Parks Canada weiter.

Gefunden wurden acht Gebäude aus Holzgerüst und Torf: drei Wohnhallen, eine Schmiede, vier Werkstätten – Bauweise und Feuerstellen entsprechen eindeutig isländisch-grönländischem Stil. Dazu Eisenschlacke, eine Bronzenadel, ein Spinnwirtel aus Speckstein und rund 800 Fundstücke. Die Häuser boten Platz für etwa 70 bis 90 Menschen. Die Abfallschichten sind dünn: Die Station wurde wohl nur rund ein Jahrzehnt genutzt, vermutlich als Basislager und Reparaturplatz für Schiffe. Die Butternüsse im Moor zeigen, dass die Bewohner weiter nach Süden fuhren, mindestens bis in den Sankt-Lorenz-Golf.

2021 kam die Sensation. Ein Team um Margot Kuitems und Michael Dee (Universität Groningen), mit der Archäologin Birgitta Wallace, untersuchte drei Holzstücke mit Schnittspuren von Metallwerkzeugen. Sie nutzten einen Trick: Im Jahr 993 traf ein Teilchenschauer aus dem All die Erde und hinterließ in allen damals wachsenden Jahresringen weltweit einen sprunghaften Anstieg von Radiokarbon. Wer diesen Ring findet und die Ringe bis zur Rinde zählt, kennt das Fälljahr. Ergebnis: Alle drei Bäume wurden im Jahr 1021 gefällt.

Gesicherter Befund: Nordische Menschen waren 1021 in L'Anse aux Meadows und fällten dort Bäume mit Metallwerkzeugen (Kuitems u. a., Nature, online 2021). Es ist das einzige sichere Kalenderdatum europäischer Anwesenheit in Amerika vor Kolumbus.

Beweist das Leifs Fahrt? Nicht direkt. Das Jahr 1021 liegt nach Leifs Reise um 1000; nach der Saga-Chronologie passt es eher zu den späteren Fahrten. Und ob L'Anse aux Meadows Leifsbúðir ist, Karlsefnis Lager Straumfjörður aus der Eiríks saga oder ein Ort, den keine Saga erwähnt, ist offen. Birgitta Wallace hält Straumfjörður für am wahrscheinlichsten. Sicher ist: Die Sagas erzählen von realen Fahrten zu Leifs Lebzeiten.

Was aus Leif wurde

Über Leifs spätere Jahre wissen wir wenig, und das aus späten Quellen. Er lebte als Herr auf Brattahlíð. Die Sagas nennen zwei Söhne: Þorgils von den Hebriden und Þorkell, der den Hof später übernahm. Ein Todesjahr überliefert keine Quelle; weil spätere Sagas um 1025 schon Þorkell als Häuptling nennen, schätzt man Leifs Tod meist auf um 1020 bis 1025.

Leif war kein ruheloser Abenteurer, sondern Bauer und Häuptling am Rand der europäischen Welt, der einmal etwas Unerhörtes tat und danach den Hof führte. Den Rahmen schildert unser Beitrag über die Wikinger im Nordatlantik.

Vom Saga-Helden zum Denkmal: Leif Erikson Day und Statuen

Im 19. Jahrhundert wurde Leif in den USA neu entdeckt – als Gegenfigur zu Kolumbus und als Identifikationsfigur für skandinavische Einwanderer. Der Chemiker Eben Horsford, überzeugt davon, dass die Nordleute bis Massachusetts gekommen seien, finanzierte eine Bronzestatue der Bildhauerin Anne Whitney, die 1887 an der Commonwealth Avenue in Boston aufgestellt wurde. Horsfords Wikinger-Theorien gelten als haltlos.

Die bekannteste Leif-Statue steht in Reykjavík vor der Hallgrímskirkja. Sie ist ein Geschenk der Vereinigten Staaten zum tausendjährigen Jubiläum des isländischen Althing 1930, geschaffen von Alexander Stirling Calder und 1932 enthüllt. Sie ist älter als die Kirche, deren Bau erst 1945 begann. Auf dem Sockel steht: „Leifr Eiriksson, Son of Iceland, Discoverer of Vinland“.

Seit 1964 begehen die USA den Leif Erikson Day am 9. Oktober: Per Gesetz (Public Law 88-566) ruft der Präsident ihn jährlich aus. Das Datum hat mit Leif nichts zu tun – am 9. Oktober 1825 erreichte die Schaluppe Restauration mit den ersten organisierten norwegischen Auswanderern New York. Wisconsin feierte den Tag schon ab 1929.

Mythos-Checks

Mythos-Check: „Leif Eriksson hat Amerika entdeckt.“ – Amerika war seit mindestens 15.000 Jahren besiedelt; die Vinland-Fahrer trafen auf Einheimische, die sie Skrælingar nannten. Selbst innerhalb der nordischen Welt war Leif nach der Grænlendinga saga nicht der Erste, der das Land sah, sondern Bjarni Herjólfsson. Richtig ist: Leif gehört zu den ersten Europäern, die Amerika nachweislich betraten.
Mythos-Check: „Kolumbus hat die Wikinger kopiert.“ – Dafür gibt es keinen Beleg. Kolumbus soll nach einem nur indirekt überlieferten Brief 1477 bis jenseits von Island gesegelt sein; ob er dort je von Vinland hörte, ist reine Spekulation. Die Vinland-Fahrten hatten in Europa kaum Folgen. Kolumbus' Reise dagegen veränderte die Welt.
Mythos-Check: „Die Wikinger siedelten dauerhaft in Amerika.“ – Nein. L'Anse aux Meadows war nur etwa ein Jahrzehnt in Nutzung. Holz aus Markland holten die Grönländer vermutlich noch lange, aber eine Kolonie entstand nicht. Angebliche Beweise weiter südlich, etwa der Kensington-Runenstein aus Minnesota oder die „Vinland-Karte“, die die Yale-Universität 2021 als Fälschung einstufte, halten keiner Prüfung stand.
Mythos-Check: „Leif war Norweger.“ – Sein Vater stammte aus Norwegen, Leif selbst wurde sehr wahrscheinlich in Island geboren und lebte in Grönland. „Sohn Islands“ oder Norweger – beides ist moderne Aneignung.

Und Vinland – „Weinland“ oder „Weideland“? Die Forschung bevorzugt klar „Wein“, Details im Beitrag über Vinland. Ob die Begegnungen genetische Spuren hinterließen, diskutieren wir unter Indigene DNA in Island.

Leif bleibt halb Saga, halb Geschichte. Aber das Holz von 1021 lügt nicht: Grönländer wagten sich ins Unbekannte – und die Erinnerung daran überdauerte tausend Jahre.

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Häufige Fragen

Wer war Leif Eriksson? Leif Eriksson war ein nordischer Seefahrer und Häuptling aus Grönland, Sohn Eriks des Roten. Um das Jahr 1000 erreichte er nach den Sagas als einer der ersten Europäer Nordamerika und nannte das Land Vinland.

Wann war Leif Eriksson in Amerika? Nach den Sagas um das Jahr 1000. Archäologisch gesichert ist die Anwesenheit von Nordleuten in L'Anse aux Meadows auf Neufundland im Jahr 1021, also in Leifs Lebenszeit.

Warum heißt Leif Eriksson „der Glückliche“? Weil er auf der Rückfahrt aus Vinland Schiffbrüchige von einem Riff rettete und dabei Reichtum und Ansehen gewann. Die Eiríks saga verbindet den Beinamen zusätzlich mit seiner Rolle bei der Christianisierung Grönlands.

Wo wurde Leif Eriksson geboren und wo starb er? Sehr wahrscheinlich in Island, in den 970er Jahren. Er lebte und starb auf dem Hof Brattahlíð in Grönland, vermutlich um 1020 bis 1025; ein genaues Datum ist nicht überliefert.

Wann ist Leif Erikson Day? Am 9. Oktober. Die USA begehen ihn seit 1964 jährlich per Proklamation; das Datum erinnert an die Ankunft der ersten norwegischen Auswanderer 1825 in New York.

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Erik der Rote · Harald Hardrada · Knut der Große · Rollo von der Normandie · Haithabu.

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