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Erik der Rote: Verbannt, aufgebrochen, zum Gründer Grönlands geworden

Geschichte & Funde Erik der Rote: Verbannt, aufgebrochen, zum Gründer Grönlands geworden

Erik der Rote (altnordisch Eiríkr rauði) war der Isländer, der Grönland ab etwa 982 erkundete und um 985/986 die erste dauerhafte nordische Siedlung dort gründete – entdeckt hatte die Insel vor ihm schon Gunnbjörn Úlfsson, bewohnt war sie lange vorher von Paläo-Eskimo-Kulturen. Erik kam als Geächteter: erst mit seinem Vater aus Norwegen vertrieben, dann in Island verurteilt. Aus drei Jahren Verbannung machte er eine Kolonie, die fast fünfhundert Jahre bestand. Hier erfährst du, was die Quellen wirklich sagen, was Ausgrabungen zeigen und wo die Legende übertreibt.

Manche Lebensläufe beginnen mit einer Geburtsurkunde. Der von Erik dem Roten beginnt mit einem Gerichtsurteil – genauer: mit zweien. Und am Ende steht ein Land, das bis heute den Namen trägt, den er ihm gegeben hat. Wer also googelt, wer Grönland entdeckt hat, landet zwangsläufig bei diesem rothaarigen Isländer. Die ehrliche Antwort ist allerdings etwas verwickelter, und genau das macht die Geschichte so gut.

Bevor wir losfahren, ein Wort zu den Quellen, denn ohne sie versteht man Erik nicht. Alles, was wir über ihn als Person wissen, stammt aus isländischen Texten des 12. und 13. Jahrhunderts. Die älteste ist die Íslendingabók („Buch der Isländer“) des Ari Þorgilsson, geschrieben zwischen etwa 1122 und 1133. Ausführlicher sind die Landnámabók („Landnahmebuch“, eine Art Verzeichnis der ersten Siedler Islands), die Eiríks saga rauða und die Grœnlendinga saga („Saga der Grönländer“). Die beiden Sagas werden oft zusammen als „Vinland-Sagas“ bezeichnet; sie entstanden wohl im 13. Jahrhundert, rund zweihundert Jahre nach den Ereignissen, und widersprechen sich in vielen Einzelheiten. Was du unten liest, ist deshalb immer mit einem Etikett versehen: Saga, Chronik oder Spaten. Mehr zur Gattung findest du in unserem Überblick über die Isländersagas.

Herkunft: ein Hof auf Jæren und ein Vater mit Blut an den Händen

Erik wurde um die Mitte des 10. Jahrhunderts geboren; ein genaues Jahr nennt keine Quelle, moderne Nachschlagewerke wie das Store norske leksikon setzen „um 940“ an, andere eher um 950. Seine Heimat war nach Eiríks saga, Grœnlendinga saga und Landnámabók die Landschaft Jæren (altnordisch Jaðarr) südlich des heutigen Stavanger, flaches Küstenland mit Mooren und Weiden. Sein Vater hieß Þorvaldr Ásvaldsson.

Die Eiríks saga fasst das Familienschicksal in einem trockenen Satz zusammen. In der gemeinfreien englischen Übersetzung von John Sephton (1880) heißt es, Vater und Sohn zogen „from Jadar (in Norway) to Iceland, because of manslaughters“ – wegen Totschlägen. Wer genau getötet wurde, verrät die Saga nicht. Wer in Norwegen getötet hatte und sich mit der Sippe des Opfers nicht einigte, brachte besser das Meer zwischen sich und die Rächer.

Nur: Die guten Plätze waren vergeben. Þorvaldr und Erik nahmen Land auf den Hornstrandir im äußersten Nordwesten Islands und wohnten in Drangar – eine der rauesten Ecken der Insel, Treibholz und Vogelfelsen statt saftiger Talwiesen. Wie Island in diesen Jahrzehnten organisiert war, erzählen wir in unserem Artikel über die Isländer, ihre Goden und das Allthing.

Mythos-Check: Der Beiname „der Rote“ wird meist auf Haar- und Bartfarbe bezogen. Die Sagas erklären ihn nicht ausdrücklich; die Deutung ist naheliegend, aber eine Deutung. Ein Hinweis auf ein „rotes“ Temperament steht nirgends in den Quellen – das ist moderne Ausschmückung, so gut sie auch passen würde.

Island: Erdrutsch, Fehde und die Ächtung auf dem Thing von Þórsnes

Nach dem Tod des Vaters heiratete Erik nach der Eiríks saga Þjóðhildr, Tochter des Jörundr Atlason. Er zog in den Westen, in das Tal Haukadalr am Hvammsfjörður. Dort rodete er Land und baute einen Hof, der bis heute Eiríksstaðir heißt.

Dann begann die Kette, die ihn nach Grönland führen sollte. Die Landnámabók schildert sie besonders genau: Eriks Knechte lösten einen Erdrutsch aus, der den Hof eines Nachbarn beschädigte. Ein Verwandter dieses Nachbarn, Eyjólfr saurr („der Schmutzige“), erschlug daraufhin die Knechte. Erik antwortete, wie man es von ihm erwartete: Er tötete Eyjólfr und dazu einen Mann namens Hólmgöngu-Hrafn („Hrafn der Zweikämpfer“). Sephtons Übersetzung der Eiríks saga hält das knapp fest: „Eirik slew Eyjolf the Foul; he slew also Hrafn the Dueller“. Die Verwandten der Getöteten setzten durch, dass Erik Haukadalr verlassen musste.

Er zog weiter auf Inseln im Breiðafjörður und geriet sofort in den nächsten Streit. Diesmal ging es um Möbel – oder genauer um geschnitzte Hochsitzpfosten (setstokkar), die Erik einem Nachbarn namens Þorgestr geliehen hatte. Als er sie zurückforderte, rückte Þorgestr sie nicht heraus. Erik holte sie sich mit Gewalt, es kam zum Kampf, und dabei starben zwei Söhne Þorgests sowie weitere Männer.

Das Ende war juristisch. Die Eiríks saga sagt bei Sephton schlicht: „Eirik and his people were outlawed at Thorsnes Thing.“ Auf dem Þórsnesþing, der regionalen Gerichtsversammlung auf der Halbinsel Þórsnes am Breiðafjörður, wurde er geächtet. Was ein Thing war und wie dort verhandelt wurde, erklären wir ausführlich im Beitrag über das Thing. Nach der üblichen Deutung handelte es sich um die „kleine Acht“ (fjörbaugsgarðr), eine dreijährige Landesverweisung. Der Begriff steht nicht in den Quellen, aber die Dauer passt: Erik blieb drei Jahre fort und kehrte unbehelligt zurück.

Archäologischer Befund Eiríksstaðir: Im Haukadalur wurde 1998–1999 ein kleines Langhaus ausgegraben, rund 12,5 Meter lang und in der Mitte etwa 4 Meter breit, mit Torfwänden auf Steinfundament. Es liegt über der Landnahme-Tephraschicht von etwa 871/872; drei Radiokarbondaten deuten auf eine Entstehung im späten 10. Jahrhundert. Ob hier wirklich Erik wohnte, kann kein Fund beweisen – aber Datierung und Ortstradition passen zusammen. Wie solche Häuser funktionierten, zeigt unser Artikel über das Langhaus.

Gunnbjörn Úlfsson: der Mann, der zuerst hinübersah

Erik segelte nicht ins völlig Unbekannte. In Island kursierte die Geschichte von Gunnbjörn Úlfsson, Sohn des Úlfr kráka („Krähe“). Er war, so Landnámabók und Eiríks saga, auf der Fahrt nach Island vom Kurs abgetrieben worden, weit nach Westen, und hatte dabei Land gesehen und kleine Inseln, die man seither Gunnbjarnarsker nannte, „Gunnbjörns Schären“. Wann das war, sagt keine Quelle genau; meist wird das frühe 10. Jahrhundert angenommen. Betreten hat Gunnbjörn das Land nach der Überlieferung nicht.

Die Landnámabók kennt außerdem einen zweiten Vorstoß: Ein Mann namens Snæbjörn galti soll mit Gefährten zu den Gunnbjarnarsker gefahren sein und dort überwintert haben. Moderne Darstellungen datieren sie oft in die 970er Jahre, doch das ist eine Rekonstruktion, keine Angabe der Quelle.

Wer also fragt, wer Grönland „entdeckt“ hat, sollte mindestens drei Namen kennen: Gunnbjörn, der es zuerst sah; Erik, der es erkundete und besiedelte; und die Menschen, die schon Jahrtausende vorher dort gelebt hatten. Ari Þorgilsson erwähnt in der Íslendingabók ausdrücklich, dass Eriks Leute im Osten wie im Westen Spuren früherer Bewohner fanden – Reste von Wohnplätzen, Bruchstücke von Fellbooten und Steinwerkzeuge. Er brachte sie mit dem Volk in Verbindung, das die Grönländer Skrælingar nannten. Heute schreibt man diese Spuren Paläo-Eskimo-Kulturen zu, etwa der Dorset-Kultur; die Vorfahren der heutigen Inuit, die Thule-Kultur, erreichten Grönland erst später. Die Geschichte dieser Begegnungen erzählt unser Artikel über die Grönländer.

Drei Jahre Erkundung (982–985): ein Verbannter kartiert eine Küste

Die Ächtung fiel nach der üblichen Rechnung in das Jahr 982. Erik rüstete ein Schiff aus. Die Route führte vom Snæfellsjökull aus nach Westen. Er stieß auf die Ostküste Grönlands, wo Eis und Gletscher bis ans Meer reichen, und folgte ihr nach Süden, um die Südspitze herum und dann die Westküste hinauf. Wie man ohne Kompass über den Nordatlantik fand, haben wir im Beitrag über Navigation der Wikinger zusammengetragen.

Die Eiríks saga gibt eine kleine Reiseroute mit Ortsnamen, die alle Eriks Namen tragen. Den ersten Winter verbrachte er auf der Eiríksey („Eriks Insel“), den zweiten auf den Eiríkshólmar nahe dem Kap Hvarf an der Südspitze, und im dritten Sommer fuhr er weit nach Norden. Dabei gab er Fjorden und Landmarken Namen – der Eiríksfjörður (heute Tunulliarfik) ist der berühmteste. Er suchte Weideland: geschützte Fjordenden mit Gras und Süßwasser.

Und er fand es. Die inneren Fjorde Südwestgrönlands sind bis heute die einzige Region der Insel, in der Schafhaltung betrieben wird. Erik hatte nicht gelogen. Er hatte nur ausgewählt, was er erzählte.

„Grünland“: der älteste Werbespruch des Nordens

Im Sommer 985 war Erik zurück in Island und begann, Siedler zu werben. Das Kernstück seiner Kampagne war der Name. Die älteste Quelle, die Íslendingabók, sagt sinngemäß (eigene Übertragung): Er gab dem Land einen Namen und nannte es Grönland und sagte, die Leute würde es sehr locken, dorthin zu fahren, wenn das Land einen guten Namen hätte. Die Eiríks saga übernimmt das fast wörtlich.

„Because,“ said he, „men will desire much the more to go there if the land has a good name.“Eiríks saga rauða, Kap. 2, übersetzt von J. Sephton, Liverpool 1880 (gemeinfrei)

Schon Ari stellt den Namen um 1125 als bewusste Wahl dar. Ob Erik wirklich so kalkuliert hat oder ob die Isländer zwei Jahrhunderte später eine hübsche Erklärung brauchten, lässt sich nicht entscheiden.

Mythos-Check: „Grönland war damals grün, heute ist es weiß.“ Nur halb richtig. Das Inlandeis bedeckte auch zu Eriks Zeit den allergrößten Teil der Insel. Die sogenannte Mittelalterliche Klimaanomalie brachte im Nordatlantik regional mildere Bedingungen, aber kein grünes Grönland. Erik siedelte in einem schmalen Saum geschützter Fjorde, der auch heute noch grün ist. Der Name beschreibt einen Ausschnitt, nicht das Ganze.

Die Auswanderung 985/986: 25 Schiffe, 14 kamen an

Die Werbung wirkte. Im folgenden Sommer, nach der Landnámabók „fünfzehn Winter, bevor das Christentum in Island gesetzlich angenommen wurde“, also um 985 oder 986, brach eine Flotte aus dem Breiðafjörður und dem Borgarfjörður auf. Die Íslendingabók rechnet „vierzehn oder fünfzehn Winter“ vor der Annahme des Christentums im Jahr 1000 und beruft sich dabei auf einen Gewährsmann, der selbst mit Erik gefahren sein soll.

Bei der Zahl der Schiffe gehen die Texte auseinander. Die Landnámabók nennt 25 Schiffe, von denen 14 ankamen; einige wurden zurückgetrieben, andere gingen verloren. Die Grœnlendinga saga in der Flateyjarbók spricht von 35 Schiffen, ebenfalls mit 14 Ankünften. Die 25 aus der Landnámabók gelten als die übliche Angabe, die 14 Ankünfte stehen in beiden. Welche Schiffe so etwas schafften, zeigt unser Beitrag über die Schiffstypen der Wikinger: Gefahren wurde mit hochbordigen Handelsschiffen vom Typ Knorr, nicht mit Kriegslangschiffen. Elf von fünfundzwanzig Schiffen kamen nicht an – die Grönlandfahrt war eine Wette auf Leben und Tod.

Brattahlíð, Ost- und Westsiedlung

Erik nahm das beste Stück: den inneren Eiríksfjörður. Sein Hof hieß Brattahlíð, „steiler Hang“. Die Ruinen liegen beim heutigen Ort Qassiarsuk am Tunulliarfik, gegenüber dem Flughafen Narsarsuaq, auf einer Moränenebene von rund drei Kilometern Länge. Über sechzig nordische Gebäudereste sind dort verzeichnet, verteilt auf mehrere Hofgruppen.

Um Brattahlíð wuchs die Ostsiedlung (Eystribyggð) in der Gegend des heutigen Qaqortoq und Narsaq – „Ost“ ist dabei irreführend, denn sie liegt im Süden der Westküste. Etwa fünfhundert Kilometer weiter nördlich entstand die kleinere Westsiedlung (Vestribyggð) in den Fjorden um das heutige Nuuk. Nach der Landnámabók besaß Erik auch dort einen Hof, Sandnes.

Erik war in dieser Gesellschaft das, was die Isländer einen Häuptling nannten: der angesehenste Bauer, Gastgeber großer Feste, Schlichter von Streit. Ein König war er nicht, und es gab keinen. Grönland übernahm die isländische Ordnung mit eigenem Thing; erst 1261 unterstellten sich die Grönländer dem norwegischen König. Wovon die Siedler lebten, ist im Beitrag zur Ernährung der Wikinger ausführlicher beschrieben – in Grönland verschob sich der Speiseplan allerdings drastisch, wie wir gleich sehen.

Þjóðhildr, Leif und der Streit um den Glauben

Erik und Þjóðhildr hatten nach den Sagas drei Söhne – Leifr, Þorvaldr und Þorsteinn – und eine Tochter, Freydís. Leif wurde berühmter als sein Vater, und seine Fahrten haben bei uns einen eigenen Artikel: Leif Eriksson. Hier interessiert eine andere Frage: Wie hielt es Erik mit dem neuen Glauben?

Die Eiríks saga erzählt, Leif sei um das Jahr 1000 am Hof König Olaf Tryggvasons in Norwegen getauft und mit dem Auftrag nach Grönland geschickt worden, dort das Christentum zu verkünden. Erik habe sich ablehnend gezeigt, Þjóðhildr dagegen habe sich sofort bekehrt und eine kleine Kirche bauen lassen, etwas abseits der Wohnhäuser. Dann folgt einer der menschlichsten Sätze der ganzen Saga, bei Sephton: „After she accepted the faith, Thjodhild would have no intercourse with Eirik, and this was a great trial to his temper.“

Die Grœnlendinga saga erwähnt Leifs Missionsauftrag dagegen gar nicht. Historiker halten die Missionsszene deshalb eher für eine spätere Ausschmückung zugunsten Leifs und König Olafs. Dass Erik bis zu seinem Tod Heide blieb, deutet die Eiríks saga nur an.

Archäologischer Befund „Þjóðhildrs Kirche“: 1961 stieß man bei Bauarbeiten in Qassiarsuk auf die Reste einer winzigen Kirche, innen nur etwa 2 × 3,5 Meter groß, vermutlich aus Holz mit schützenden Torfwänden und umgeben von einem runden Friedhofswall. Sie wurde 1961–1964 unter Jørgen Meldgaard und Knud J. Krogh ausgegraben und sofort nach der Saga benannt. Sie stammt aus dem 11. Jahrhundert. Ob es tatsächlich Þjóðhildrs Kirche ist, kann kein Fund belegen. Radiokarbondaten von Skeletten vom Friedhof legen nach dem Dänischen Nationalmuseum nahe, dass zumindest einige der ersten Siedler schon bei der Landnahme Christen waren – das verschiebt das saubere Bild „Heide Erik, Christ Leif“ deutlich. Ende des 11. Jahrhunderts entstand näher an der Küste eine größere romanische Kirche, um 1300 ersetzt durch einen Neubau. Ein Nachbau der kleinen Kirche steht heute in Qassiarsuk.

Eine Generation später war Grönland eindeutig christlich, in den 1120er Jahren erhielt es mit Garðar (heute Igaliku) einen eigenen Bischofssitz.

Eriks Tod: ein Sturz vom Pferd und eine Seuche

Wann und wie Erik starb, erzählen die beiden Sagas unterschiedlich – und hier muss man die verbreitete Darstellung korrigieren. Die ausdrückliche Nachricht von seinem Tod steht nicht in der Eiríks saga, sondern in der Grœnlendinga saga. Dort will Erik zunächst Leifs Fahrt nach Westen anführen, stürzt aber auf dem Weg zum Schiff vom Pferd und verletzt sich am Fuß. Nach Leifs Rückkehr aus Vinland bricht im Winter eine schwere Krankheit unter der Mannschaft eines Schiffbrüchigen namens Þórir aus, den Leif gerettet hatte; Þórir und viele seiner Leute sterben. „In diesem Winter starb auch Erik der Rote“, heißt es knapp.

Eine Jahreszahl nennt die Saga nicht. Modern rechnet man meist mit einem Tod um 1000 bis 1003, je nachdem, wie man Leifs Fahrt datiert. Die Eiríks saga dagegen lässt Erik noch leben, als der Isländer Þorfinnr Karlsefni in Brattahlíð überwintert,. Beide Fassungen lassen sich nicht vollständig in Einklang bringen. Gesichert ist nur: Erik starb in Grönland, vermutlich auf Brattahlíð, um die Jahrtausendwende. Ein Grab, das man ihm zuweisen könnte, ist nicht bekannt. Was danach von Grönland aus geschah, liest du in unserem Artikel über Vinland.

Leben am Rand der Welt: was Knochen und Elfenbein verraten

Die Sagas enden mit Erik. Die Archäologie fängt mit ihm erst an.

Da sind zunächst die Knochen der Siedler selbst. Eine große Isotopenstudie unter Leitung von Jette Arneborg vom Dänischen Nationalmuseum, 2012 im Journal of the North Atlantic veröffentlicht, wertete 437 Proben aus, darunter 118 nordische Menschen von 19 Fundplätzen. Das Verhältnis bestimmter Kohlenstoff- und Stickstoffisotope im Knochen verrät, ob jemand eher von Land- oder Meerestieren lebte. Die ersten Generationen aßen noch überwiegend wie Bauern. Im Lauf der Jahrhunderte nahm der Anteil mariner Nahrung stark zu, vor allem Robben. Im 14. und frühen 15. Jahrhundert stammten bei manchen Menschen 50 bis 80 Prozent der Nahrung aus dem Meer. Die Grönländer waren also keineswegs die starrsinnigen Bauern, die sich weigerten, Fisch und Robbe anzurühren, wie es populäre Bücher lange behaupteten.

Dann das Handelsgut, das Grönland für Europa interessant machte: Walrosselfenbein. Die Grönländer jagten Walrosse in weit nördlichen Jagdgebieten, die sie Norðrsetr nannten, und lieferten Stoßzähne, oft noch im Oberkiefer steckend, nach Europa. Daraus wurden Bischofsstäbe, Kreuze und Spielfiguren geschnitzt – die berühmten Lewis-Schachfiguren sind aus Walrosselfenbein. Eine Studie von Bastiaan Star, James Barrett und Kollegen (2018) zeigte per alter DNA, dass Walrosselfenbein in Europa vor den 1120er Jahren überwiegend aus anderen Quellen stammte, danach aber zu einem sehr hohen Anteil aus Grönland; die Autoren halten es für möglich, dass Grönland zwischen den 1120er Jahren und dem 14. Jahrhundert praktisch der einzige Lieferant war. Eine Folgestudie (2020) fand Hinweise, dass im Lauf der Zeit immer kleinere Tiere aus immer entlegeneren Gebieten gejagt wurden – Zeichen einer Übernutzung.

Eriks Kolonie war also nicht nur ein Bauernland am Ende der Welt, sondern ein Rohstofflieferant für Europas Kirchen – mit einem Wohlstand, der an einem Luxusgut hing.

Das Ende: die Hochzeit von Hvalsey 1408 und das Schweigen danach

Die Westsiedlung wurde zuerst aufgegeben, um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Ein norwegischer Geistlicher namens Ívar Bárðarson, der damals in Grönland lebte, berichtet, man habe sie verlassen vorgefunden, nur verwilderte Tiere seien noch da gewesen. Die Ostsiedlung hielt länger durch.

Das letzte sichere schriftliche Lebenszeichen ist eine Hochzeit. Im September 1408 heirateten in der steinernen Kirche von Hvalsey der Isländer Þorsteinn Ólafsson und Sigríðr Björnsdóttir. Briefe, die die Ehe später in Island bezeugten, sind erhalten. Die Kirchenruine von Hvalsey ist heute die besterhaltene nordische Ruine Grönlands und Teil des UNESCO-Welterbes Kujataa, das seit 2017 die Bauernlandschaft Südgrönlands schützt – einschließlich der Ruinen von Brattahlíð.

Danach wird es still. Radiokarbondaten zeigen, dass die Ostsiedlung um die Mitte des 15. Jahrhunderts aufgegeben wurde. Warum, ist bis heute umstritten. Genannt werden das kühlere Klima der sogenannten Kleinen Eiszeit, der Zusammenbruch des Elfenbeinhandels, ausbleibende Schiffe aus Norwegen, Konflikte oder Kontakt mit den Thule-Inuit, Trockenheit und ein steigender Meeresspiegel, der Küstenweiden überflutete – zu den letzten beiden Faktoren erschienen 2022 und 2023 eigene Studien. Das Team um Arneborg und Niels Lynnerup fand keine Spur einer plötzlichen Katastrophe und hält allmähliche Abwanderung für wahrscheinlich. Vermutlich wirkten mehrere Faktoren zusammen. Das romantische Bild der letzten verhungernden Wikinger im Schnee ist jedenfalls nicht belegt. Die ausführliche Geschichte dieser fünf Jahrhunderte steht in unserem Artikel Die Grönländer – fünfhundert Jahre und ein Ende und im größeren Zusammenhang bei den Wikingern im Nordatlantik.

Mythos-Checks rund um Erik den Roten

Mythos-Check: „Erik der Rote hat Grönland entdeckt.“ Nicht ganz. Gunnbjörn Úlfsson sah das Land vor ihm, Snæbjörn galti überwinterte vermutlich vor ihm in der Gegend, und Paläo-Eskimo-Kulturen lebten schon Jahrtausende früher dort. Eriks Leistung: Er erkundete die Küste, fand siedelbares Land und brachte Menschen dorthin. Er war der Gründer, nicht der Entdecker.
Mythos-Check: „Erik wurde aus Norwegen verbannt.“ Streng genommen floh die Familie nach Totschlägen des Vaters, eine förmliche Verbannung aus Norwegen ist nicht überliefert. Förmlich geächtet wurde Erik nur in Island, auf dem Þórsnesþing. Die Íslendingabók nennt ihn übrigens schlicht einen Mann aus dem Breiðafjörður – sie interessiert sich nicht für seine norwegische Herkunft.

Warum uns Erik nicht loslässt

Eine eigenartige Heldengeschichte: zweimal wegen Gewalttaten verstoßen – und doch: Ohne ihn hätte es keine nordische Gesellschaft in Grönland gegeben, keine Fahrten nach Vinland, keine fünf Jahrhunderte Leben am Rand des Inlandeises. Für uns in der Werkstatt steht Erik für einen Gedanken, der in vielen nordischen Geschichten steckt: dass man aus einer Niederlage einen Anfang machen kann. Ein Urteil schickt dich fort – und du kommst mit einem neuen Land zurück.

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Häufige Fragen

Wer hat Grönland entdeckt? Gesehen hat es nach isländischer Überlieferung zuerst Gunnbjörn Úlfsson, abgetrieben auf der Fahrt nach Island. Erik der Rote erkundete die Küste ab etwa 982 und gründete um 985/986 die erste nordische Siedlung. Lange vorher lebten dort bereits Paläo-Eskimo-Kulturen.

Warum heißt Grönland Grönland? Nach der Íslendingabók und der Eiríks saga gab Erik der Rote dem Land den Namen „Grünland“, weil ein guter Name Siedler anlocken würde. Die inneren Fjorde im Süden sind im Sommer tatsächlich grün.

Warum wurde Erik der Rote verbannt? Nach Totschlägen im Haukadalr und einer Fehde um geliehene Hochsitzpfosten mit Þorgestr wurde er auf dem Þórsnesþing in Island geächtet, nach üblicher Deutung für drei Jahre.

Wo lebte Erik der Rote in Grönland? Auf seinem Hof Brattahlíð am Eiríksfjörður, beim heutigen Qassiarsuk in Südgrönland. Die Ruinen gehören zum UNESCO-Welterbe Kujataa.

Wann und woran starb Erik der Rote? Nach der Grœnlendinga saga starb er im Winter nach Leifs Rückkehr aus Vinland, als eine Seuche ausbrach – also um 1000 bis 1003. Ein genaues Jahr nennt keine Quelle.

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