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Rollo von der Normandie: Wie ein geschlagener Wikinger zum Gründer der Normandie wurde

Geschichte & Funde Rollo von der Normandie: Wie ein geschlagener Wikinger zum Gründer der Normandie wurde

Rollo war ein skandinavischer Wikingerführer an der Seine, dem der westfränkische König Karl der Einfältige um 911 Land um Rouen überließ – dafür ließ er sich taufen und schützte das Reich vor anderen Nordleuten. Aus diesem Landstrich wuchs die Normandie, aus seiner Familie die Linie bis zu Wilhelm dem Eroberer. Doch fast alles, was über ihn erzählt wird, stammt aus einer späten Hofchronik. Wir trennen Urkunde, Chronik, Saga und Fernsehserie: Wer war Rollo wirklich, woher kam er, und was ist nur Legende?

Sommer 911, vor den Mauern von Chartres. Ein Wikingerheer hat die Bischofsstadt eingeschlossen, die Belagerung zieht sich seit dem Frühjahr. Dann taucht ein fränkisches Entsatzheer auf, die Verteidiger brechen aus, und die Nordleute erleben eine bittere Niederlage. Ihr Anführer entkommt mit knapper Not. Wenige Monate später sitzt derselbe Mann nicht mehr als Räuber an der Seine, sondern als anerkannter Herr über Rouen, und bald darauf lässt er sich taufen. So beginnt die Geschichte der Normandie, und sie beginnt mit einem Verlierer.

Dieser Mann heißt in den lateinischen Quellen Rollo. Er ist eine der wenigen Gestalten der Wikingerzeit, deren Wirkung wir bis heute auf jeder Landkarte sehen: Der Name „Normandie“ bedeutet schlicht „Land der Nordmänner“. Und doch stammt fast alles, was über ihn erzählt wird, aus einer einzigen Hofchronik, die seine Nachkommen in Auftrag gaben. Wir sortieren deshalb sauber: Was sagen Urkunden und Annalen, was schmückten Chronisten aus, und was erfand das Fernsehen dazu?

Die Quellenlage: dünn, spät und parteiisch

Bei Rollo liegt das ganze Problem in den Quellen. Die erste Schicht sind zeitgenössische fränkische Zeugnisse. Das wichtigste ist eine Urkunde König Karls III., genannt der Einfältige, aus dem Jahr 918. Dazu kommen die Annalen des Flodoard von Reims (gestorben 966), eines Domherrn, dessen knappe Jahrbücher 919 einsetzen. Er erwähnt Rollo in den 920er-Jahren mehrfach im Zusammenhang mit Kämpfen gegen fränkische Große, zuletzt im Jahr 928. Dazu kommen die Annalen von Sainte-Colombe in Sens mit dem Datum der Schlacht vor Chartres.

Die zweite Schicht ist der Mann, dem wir die meisten Rollo-Geschichten verdanken: Dudo von Saint-Quentin. Dudo war ein Kanoniker aus dem Vermandois, der in den 990er-Jahren an den normannischen Hof kam. Herzog Richard I., Rollos Enkel, beauftragte ihn mit einer Geschichte der ersten normannischen Herrscher. Das Werk, meist De moribus et actis primorum Normanniae ducum genannt („Über Sitten und Taten der ersten Herzöge der Normandie“), wurde erst unter Richard II. abgeschlossen. Die Fertigstellung wird je nach Autor zwischen etwa 1015 und 1026 datiert, rund achtzig bis neunzig Jahre nach Rollos Tod.

Dudo war Hofhistoriker im wörtlichen Sinn. Er schrieb kunstvolle Reimprosa mit eingestreuten Versen und orientierte sich an Vergils Aeneas. Sein Rollo ist ein auserwählter Heide, dem Gott im Traum die christliche Zukunft zeigt, und die Herzöge erscheinen nicht als Nachkommen eines Plünderers, sondern als berufene Dynastie mit fränkischem Segen. Historiker wie Eric Christiansen, der Dudo ins Englische übersetzte, lesen ihn deshalb als Quelle für das Selbstbild des Hofes um 1000, kaum als Bericht über 911.

Die dritte Schicht sind die Nachfolger Dudos. Wilhelm von Jumièges kürzte und überarbeitete ihn um 1070 in den Gesta Normannorum ducum, gewidmet Wilhelm dem Eroberer. Orderic Vitalis erweiterte diese Gesta im frühen 12. Jahrhundert, und der Dichter Wace machte im Roman de Rou (um 1160–1170) aus dem Stoff ein altfranzösisches Versepos. Alle drei stützen sich im Kern auf Dudo. Wenn eine Rollo-Anekdote bei allen vieren steht, ist sie deshalb nicht viermal belegt, sondern viermal abgeschrieben.

Gesicherter Befund: Zeitgenössisch belegt sind im Kern nur drei Dinge: ein Nordmannenführer namens Rollo, dem König Karl III. vor 918 Land an der unteren Seine überließ; seine Kämpfe in den 920er-Jahren laut Flodoard; und eine Niederlage der Nordleute vor Chartres im Jahr 911. Alles andere ist spätere Überlieferung.

Däne oder Norweger? Ein Streit seit tausend Jahren

Woher kam Rollo? Die Frage ist seit dem Mittelalter umstritten.

Dudo lässt ihn aus Dacia kommen, womit er Dänemark meint. Das beruht auf einer gelehrten Fehldeutung, denn Dacia war eine römische Provinz an der Donau. Dudos Rollo ist der Sohn eines vornehmen Mannes, wird nach dessen Tod von einem dänischen König vertrieben, verliert seinen Bruder Gurim und zieht über England ins Frankenreich. Der Reimser Mönch Richer nennt Ende des 10. Jahrhunderts einen Vater namens Catillus, wohl altnordisch Ketill.

Die skandinavische Überlieferung erzählt eine ganz andere Geschichte. In der isländischen Königsgeschichte Heimskringla, die Snorri Sturluson um 1230 verfasste, und in der Orkneyinga saga heißt der Mann Hrólfr mit dem Beinamen Göngu-Hrólfr, „Hrólf der Gänger“. Er sei Sohn des Jarls Rögnvald von Møre gewesen, eines engen Vertrauten von Harald Schönhaar. Den Beinamen erklärt Snorri so, in Samuel Laings gemeinfreier Übersetzung von 1844:

„… of so stout a growth that no horse could carry him, and wheresoever he went he must go on foot.“Heimskringla, Harald Hårfagres Saga, Kap. 24, nach Samuel Laing 1844 (gemeinfrei)

Weil Hrólf an der norwegischen Küste in Viken Vieh raubte, obwohl König Harald Plünderungen im eigenen Reich verboten hatte, sei er geächtet worden. Die Bitte seiner Mutter Hild blieb vergeblich. Hrólf sei daraufhin nach Westen gesegelt, über die Hebriden nach Valland, wie die Nordleute Nordfrankreich nannten, und habe dort ein großes Jarltum erobert, das man nach den Nordmännern Normandie nannte. Ganz ähnlich steht es in der lateinischen Historia Norwegie aus dem späten 12. oder frühen 13. Jahrhundert. Hrólfs Halbbruder wäre demnach Torf-Einarr, Jarl auf den Orkneys.

Schon mittelalterliche Autoren schwankten: Gaufredus Malaterra (um 1100) und Wilhelm von Malmesbury nannten Norwegen, der Dichter Benoît de Sainte-Maure einen Geburtsort „Fasge“, der Faxe auf Seeland wie Fauske in Nordnorwegen sein könnte.

Beide Seiten haben Schwächen. Dudo ist näher dran, erzählt aber eine literarische Herkunftslegende, und „Däne“ war im Frankenreich ein Sammelwort für Skandinavier. Die isländischen Texte sind dreihundert Jahre jünger und knüpften berühmte Ausländer gern an norwegische Adelsgeschlechter. Dass der Name Rollo eine Latinisierung von Hrólfr ist, gilt als wahrscheinlich, beweist aber nichts, denn Hrólfr war ein häufiger Name. Mehr zum Bauplan solcher Namen findest du bei den Wikinger-Namen.

Seit der Däne Johannes Steenstrup die Debatte im 19. Jahrhundert neu entfachte, neigen viele norwegische, britische und französische Forscher zur norwegischen Herkunft. Einen Konsens gibt es nicht. Auch die normannischen Ortsnamen zeigen dänische wie norwegische, dazu angelsächsische und gälische Elemente, also eher gemischte Siedlergruppen als eine einzige Heimat des Anführers.

Mythos-Check: „Eine DNA-Studie hat Rollos Herkunft geklärt.“ Leider nein. 2016 öffnete ein norwegisch finanziertes Projekt in Fécamp die Gräber von Rollos Enkel Richard I. und Urenkel Richard II. Die Radiokarbondatierung ergab, dass keines der Skelette von den Herzögen stammen kann: Eines war vorchristlich, das andere aus dem 8. Jahrhundert. Ein Ergebnis zu Rollo gibt es nicht. Mehr zu den Grenzen solcher Tests bei den Wikinger-Nachfahren.

An der Seine vor 911: Ein Anführer unter vielen

Seit den 840er-Jahren fuhren skandinavische Flotten regelmäßig die Seine hinauf. 845 stand ein Heer vor Paris und ließ sich mit Silber auszahlen, 885/86 belagerte ein großes Heer die Stadt fast ein Jahr lang. Andere Gruppen hatten 881 Aachen geplündert, wie wir im Artikel über die Wikinger in Aachen erzählen, und an Rhein und Maas Winterlager errichtet. Einen Überblick gibt unser Artikel über die Wikinger in Frankreich.

Dudo lässt Rollo bereits an der Belagerung von Paris 885/86 teilnehmen und ihn danach jahrzehntelang an der Seine herrschen. Die zeitgenössischen Berichte über Paris nennen andere Anführer, und nach Dudos Chronologie wäre Rollo über hundert Jahre alt geworden. Wahrscheinlicher ist, dass Rollo erst um 900 an der unteren Seine die Führung einer Gruppe übernahm, die sich dort schon festgesetzt hatte.

Chartres 911: Die Niederlage, die alles änderte

Im Frühjahr 911 zogen Rollos Leute südwärts und belagerten Chartres. Die Stadt wurde von Bischof Gantelme (auch Jousseaume genannt) verteidigt. Ein fränkisches Entsatzheer unter Robert, dem Markgrafen von Neustrien und späteren König Robert I., Richard dem Gerechten von Burgund und Graf Ebles von Poitiers griff ein. Am 20. Juli 911 wurden die Nordleute geschlagen; dieses Datum überliefern die Annalen von Sainte-Colombe in Sens.

Später rankte sich eine fromme Legende um diesen Tag. Bischof Gantelme soll auf der Stadtmauer die Tunika der Jungfrau Maria gezeigt haben, die als kostbarste Reliquie der Kathedrale galt, und die Angreifer seien daraufhin in Panik geflohen. Nüchtern betrachtet entschied das Eingreifen der fränkischen Großen die Schlacht.

Entscheidend ist die Logik dahinter: Rollo war geschlagen, aber nicht vernichtet. Er kontrollierte weiterhin die untere Seine. Für Karl III. war das eine Gelegenheit: Ein besiegter, aber kampfstarker Anführer, der sich zum Vasallen machen ließ, konnte die Seinemündung gegen andere Wikingerflotten sperren. Neu war das nicht: Schon im 9. Jahrhundert hatten fränkische Herrscher Nordleuten Land in Friesland überlassen. In der Bretagne setzten sich Nordleute zeitweise ebenfalls als Herren fest.

Saint-Clair-sur-Epte: Der Vertrag, den keiner gesehen hat

Was folgte, kennt jedes französische Schulbuch als Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte, geschlossen im Herbst 911. Karl III. überließ Rollo demnach das Land zwischen dem Flüsschen Epte und dem Meer. Im Gegenzug sollte Rollo sich taufen lassen, dem König huldigen und das Reich gegen weitere Angriffe schützen.

Der Haken: Ein Vertragstext existiert nicht. Den Ort Saint-Clair-sur-Epte nennt erst Dudo. Vermutlich gab es gar kein schriftliches Abkommen im modernen Sinn, sondern eine mündliche Vereinbarung, besiegelt durch Huldigung und Taufe.

Der einzige zeitgenössische Beleg für die Landübertragung ist die bereits erwähnte Urkunde Karls III. vom 14. März 918. In ihr verschenkt der König Besitz an ein Kloster und nimmt ausdrücklich einen Teil aus, den er den Normannen überlassen hat:

„praeter partem ipsius abbatiae quam annuimus Normannis Sequanensibus, videlicet Rolloni suisque comitibus, pro tutela regni“Diplom Karls III., 14. März 918; eigene Übertragung: „außer dem Teil dieser Abtei, den wir den Seine-Normannen zugestanden haben, nämlich Rollo und seinen Gefährten, zum Schutz des Reiches“

Dieser eine Satz ist Gold wert: Er bestätigt Rollo als Anführer der „Seine-Normannen“, die Landüberlassung und ihren Zweck, den Schutz des Reiches. Das ist der Kern des späteren Vertragsmythos, nur ohne Ort, Datum und Zeremonie.

Wie groß war das Land? Die meisten Historiker vermuten, dass die erste Überlassung ungefähr den Gebieten um Rouen, Évreux und Lisieux entsprach, also dem östlichen Teil der späteren Normandie. Pierre Bauduin hält sogar ein noch kleineres Gebiet für denkbar. Laut Flodoard erhielten die Normannen 924 zusätzlich Land um Bayeux und Le Mans; Lucien Musset bezweifelte, dass damit ganze Grafschaften gemeint waren. Der Westen mit Cotentin und Avranchin kam erst 933 unter Rollos Sohn hinzu.

Taufe und Ehen: Aus Rollo wird Robert

Nach Dudo ließ sich Rollo 912 in Rouen taufen. Sein Pate war jener Robert von Neustrien, der ihn vor Chartres geschlagen hatte, und Rollo übernahm dessen Namen: Aus dem Heiden wurde Robert. Dass Rollo getauft wurde, ist plausibel und passt zur Formel der Urkunde von 918; das genaue Jahr kennen wir nur aus Dudo. Sie war vor allem ein politischer Akt.

Wie tief das Christentum ging, ist eine andere Frage. Der aquitanische Chronist Adémar von Chabannes behauptet um 1030, Rollo habe vor seinem Tod Kirchen beschenkt und zugleich heidnischen Göttern Gefangene geopfert. Die Forschung hält das für zweifelhaft. Doppelgleisigkeit dieser Art kennen wir auch aus Skandinavien, wo Heidnisches und Christliches über Generationen nebeneinander bestanden.

Dudo erzählt außerdem, Karl III. habe Rollo seine Tochter Gisela zur Frau gegeben. Kein zeitgenössisches Dokument kennt diese Ehe, und da Karl erst 907 geheiratet hatte, wäre eine eheliche Tochter 911 höchstens vier oder fünf Jahre alt gewesen. Gisela gehört in die Kategorie Legende.

Besser verankert ist Poppa. Dudo berichtet, Rollo habe sie bei der Eroberung von Bayeux erbeutet und als Frau genommen; er nennt sie Tochter eines Grafen Berengar. Auch diese Herkunft ist unsicher. Die Verbindung galt als Ehe nach „dänischer Art“, lateinisch more danico, also eine Verbindung ohne kirchliche Trauung, wie sie im Norden üblich war. Aus ihr stammte der Erbe, Wilhelm Langschwert. Noch Wilhelm der Eroberer wurde unehelich geboren, daher sein Beiname „der Bastard“.

Mythos-Check: Der Fußkuss, bei dem der König umfiel

Die berühmteste Rollo-Anekdote stammt von Dudo. Bei der Huldigung habe man Rollo aufgefordert, dem König den Fuß zu küssen, wie es sich für einen Vasallen gehöre. Rollo weigerte sich: Niemals werde er vor einem Menschen das Knie beugen oder dessen Fuß küssen. Er beauftragte stattdessen einen seiner Krieger. Der packte den Fuß des Königs, hob ihn zu seinem Mund, ohne sich selbst zu bücken, und Karl fiel rücklings vom Thron. Die Franken waren empört, die Nordleute brüllten vor Lachen.

Mythos-Check: Die Szene ist großartig erzählt, aber kein anderer Text bestätigt sie. Ein Fußkuss gehörte auch nicht zum üblichen fränkischen Huldigungsritual, das mit gefalteten Händen in den Händen des Herrn vollzogen wurde. Dudo schrieb für Rollos Nachkommen, und die Szene erfüllt einen klaren Zweck: Sie zeigt, dass die Normannen zwar Vasallen wurden, sich aber nie unterwarfen. Sie ist ein Stück politischer Selbstdarstellung um das Jahr 1000, kein Protokoll von 911.

Auch die Clameur de Haro, ein alter normannischer Rechtsruf gegen Unrecht, der auf den Kanalinseln bis heute existiert, wird volkstümlich als Anruf an Rollo („Ha, Rou!“) gedeutet. Eine hübsche Volksetymologie, mehr nicht.

Graf, nicht Herzog: Rollos Herrschaft in den 920er-Jahren

Ein Detail, das viele Darstellungen falsch machen: Rollo war kein „Herzog der Normandie“. Die zeitgenössischen Quellen kennen keinen solchen Titel für ihn. Er war Anführer der Seine-Normannen, später wohl als Graf von Rouen angesehen; Dudo nennt ihn rückblickend dux und patricius. Der Herzogstitel setzte sich erst unter seinen Nachfolgern durch, regelmäßig unter Richard II. im frühen 11. Jahrhundert.

Ruhig war seine Herrschaft nicht. Flodoard berichtet für die 920er-Jahre von Raubzügen der Normannen von der Seine nach Beauvais, Amiens und Arras, von Gegenangriffen König Rudolfs und des Grafen Heribert von Vermandois, von Kämpfen um die Festung Eu und von einem Aufstand im Bessin. Rollo blieb ein Kriegsherr in einem zerfallenden Königreich, zumal sein Lehnsherr Karl III. 922/923 von den Großen gestürzt wurde.

Gleichzeitig begann die Verwurzelung. Die Siedler übernahmen bestehende Strukturen: Bischofssitze, Klöster, die fränkische Grafschaftsverwaltung. Skandinavische Spuren blieben vor allem in Ortsnamen auf -tot (von topt, Hofstelle), -bec (Bach), -dal (Tal) oder -hogue (Hügel). Altnordisch sprach man in Rouen offenbar bald nicht mehr; Dudo berichtet, Richard I. sei zum Spracherwerb nach Bayeux geschickt worden, weil dort noch Nordisch gesprochen wurde. Wie aus Wikingern binnen weniger Generationen französischsprachige Normannen wurden, haben wir im Artikel Wikinger, Normannen, Nordmänner, Waräger ausführlich erklärt.

Tod und Grab in Rouen

Wann Rollo starb, ist unklar. Flodoard erwähnt ihn zuletzt 928 als lebend. Richer von Reims behauptet, er sei bereits 925 bei Kämpfen um Eu gefallen. Dudo lässt ihn zugunsten seines Sohnes abdanken und noch fünf Jahre leben. Die meisten Historiker setzen seinen Tod heute um 930 an, oft genauer zwischen 928 und 933. Sicher ist nur: 933 tritt laut Flodoard bereits Rollos Sohn Wilhelm als Herr der Normannen auf und erhält vom König das Land der Bretonen an der Küste.

Besucher der Kathedrale Notre-Dame von Rouen finden im südlichen Chorumgang ein Grabmal mit liegender Figur, das Rollo zugeschrieben wird. Ein lateinisches Epitaph beginnt mit den Worten In sinu templi Rollo quiescit („Im Schoß der Kirche ruht Rollo“) und nennt 933 als Todesjahr und ein Alter von über achtzig Jahren. Die heutige Liegefigur ist eine Kopie des 19. Jahrhunderts, die erst 1956 an ihrem jetzigen Platz aufgestellt wurde; das ältere Grabbild aus dem 14. Jahrhundert ging im Zweiten Weltkrieg verloren. Ob überhaupt Gebeine Rollos darin liegen, ist nicht geklärt.

Von Rollo zu Wilhelm dem Eroberer

Rollos eigentliche Bedeutung liegt in dem, was nach ihm kam. Die Erbfolge ist gut belegt, und hier verrechnen sich viele Texte:

Wilhelm war also Rollos Nachkomme in fünfter Generation, ein Urururenkel. 1066 setzte er nach England über und gewann die Schlacht bei Hastings, nur wenige Wochen nachdem Harald Hardrada bei Stamford Bridge gefallen war. Damit saß der Nachfahre eines Seine-Wikingers auf dem englischen Thron, und alle späteren englischen und britischen Monarchen führen ihre Abstammung auch auf ihn zurück.

Die Verbindungen nach England begannen aber früher. Rollos Urenkelin Emma, Tochter Richards I., heiratete erst den angelsächsischen König Æthelred und danach den Dänen Knut den Großen. Über sie war die normannische Familie schon Jahrzehnte vor 1066 mit dem englischen Thron verflochten; ihr Sohn Edward der Bekenner wuchs im Exil in der Normandie auf. Rollos Tochter Gerloc, getauft Adela, heiratete Wilhelm Werghaupt, Grafen von Poitou.

Andere Normannen, nicht direkt aus Rollos Haus, zogen im 11. Jahrhundert nach Süden, wurden Söldner, dann Herren in Apulien, Kalabrien und Sizilien. Mehr dazu bei den Normannen in Süditalien. Aus Rollos verlorener Schlacht vor Chartres war in weniger als zwei Jahrhunderten eine europäische Macht geworden.

Rollo in „Vikings“: Ragnars Bruder, der nie einer war

Viele kennen Rollo heute vor allem aus der Fernsehserie Vikings (2013–2020), in der er von Clive Standen gespielt wird. Dort ist er der Bruder des sagenhaften Ragnar Lodbrok, verrät ihn, wechselt die Seiten, heiratet eine fränkische Prinzessin namens Gisla und wird Herzog der Normandie.

Historisch passt davon wenig zusammen. Ragnar, falls es ihn als einzelne Person überhaupt gab, gehört in die Mitte des 9. Jahrhunderts; man bringt ihn mit dem Angriff auf Paris 845 in Verbindung. Rollo erhält sein Land über sechzig Jahre später. Eine Verwandtschaft kennt keine Quelle. Immerhin: Die Prinzessin Gisla ist kein reiner Drehbucheinfall, sondern nimmt Dudos Gisela-Legende auf. Die Serie erzählt also Dudo nach, und Dudo erzählt eine Hofgeschichte. Was die Quellen über Ragnars angebliche Söhne sagen, liest du bei Ragnars Söhnen.

Warum Rollo uns heute noch beschäftigt

Für uns in der Werkstatt in Alsdorf ist Rollo eine besondere Figur, weil an ihm sichtbar wird, dass die Wikingerzeit nicht nur aus Überfällen bestand. Seine Geschichte ist die eines Übergangs: vom Heerführer zum Grundherrn, vom Heiden zum Getauften, vom Altnordischen zum Französischen. Sie geschah nicht in einem feierlichen Moment an der Epte, sondern über Generationen.

Und er mahnt zur Ehrlichkeit: Vom Gründer eines der mächtigsten Herrscherhäuser des Mittelalters kennen wir weder Heimat noch Todesjahr. Wir haben eine Urkundenzeile, ein paar Annaleneinträge und eine glänzend erzählte Familienlegende. Das ist wenig, aber genug, um zu staunen.

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Häufige Fragen

Wer war Rollo von der Normandie? Rollo war ein skandinavischer Anführer der Seine-Wikinger, dem der westfränkische König Karl III. um 911 Land um Rouen überließ. Aus diesem Gebiet entstand die Normandie, und Rollo wurde zum Stammvater der normannischen Herzöge.

War Rollo Däne oder Norweger? Das ist bis heute umstritten. Dudo von Saint-Quentin nennt ihn einen Dänen, isländische Sagas setzen ihn mit dem Norweger Göngu-Hrólfr gleich, dem Sohn des Jarls Rögnvald von Møre; eine sichere Entscheidung ist nach den Quellen nicht möglich.

Gab es den Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte wirklich? Eine Vereinbarung zwischen Karl III. und Rollo ist durch eine Königsurkunde von 918 belegt. Ein Vertragstext ist jedoch nicht überliefert, und Ort und Ablauf kennen wir nur aus Dudos späterer Chronik.

Waren Rollo und Ragnar Lodbrok Brüder? Nein. Das ist eine Erfindung der Serie Vikings. Keine Quelle kennt eine Verwandtschaft, und zwischen Ragnars angeblicher Zeit und Rollos Landnahme liegen rund sechzig Jahre.

Wo ist Rollo begraben? In der Kathedrale von Rouen erinnert ein Grabmal im südlichen Chorumgang an ihn. Die Liegefigur ist allerdings eine Kopie des 19. Jahrhunderts, und ob Rollos Gebeine dort liegen, ist nicht geklärt.

Wie ist Wilhelm der Eroberer mit Rollo verwandt? Wilhelm war Rollos Urururenkel: Die Linie führt über Wilhelm Langschwert, Richard I., Richard II. und Robert I. zu Wilhelm, der 1066 England eroberte.

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Ragnars Söhne · Knut der Große · Harald Blauzahn · Stamford Bridge 1066 · Haithabu.

Quellen & Literatur

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