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Sliasthorp & Füsing: Der Königssitz hinter der Handelsstadt

Geschichte & Funde Sliasthorp & Füsing: Der Königssitz hinter der Handelsstadt

Sliasthorp ist der Ort an der Schlei, an dem der Dänenkönig Göttrik laut den Fränkischen Reichsannalen 804 mit Flotte und Reiterei aufzog und 808 nach der Zerstörung von Reric mit seinem ganzen Heer landete. Wo genau er lag, verrät keine Quelle. Seit 2010 graben Archäologen um Andres Dobat (Universität Aarhus) bei Füsing, direkt gegenüber von Haithabu, einen großen Elite- und Stützpunktplatz aus. Ob Füsing wirklich Sliasthorp ist, bleibt eine gut begründete These – wir zeigen dir, was dafür spricht und was nicht.

Stell dir die Schlei an einem Spätsommertag im Jahr 804 vor. Auf dem Wasser liegen Schiffe. Am Ufer sammeln sich Reiter. Ein König ist gekommen, mit „seiner Flotte und der gesamten Reiterei seines Reiches“, wie ein fränkischer Annalist später notiert. Ein paar Tagesritte weiter südlich, an der Elbe, wartet der mächtigste Mann des Abendlandes: Karl der Große. Die beiden sollen sich treffen. Sie werden es nie tun.

Der Ort, an dem der Dänenkönig damals sein Lager aufschlug, hat einen Namen, der in den Quellen genau zweimal auftaucht und dann fast verschwindet: Sliesthorp, heute meist Sliasthorp geschrieben. Haithabu kennt jedes Schulbuch. Sliasthorp dagegen war lange ein Phantom ohne Fleck auf der Landkarte – bis ein Metalldetektor auf einem sandigen Plateau am Nordufer der Schlei anschlug.

Ein Name, zweimal notiert

Alles, was wir aus Schriftquellen über Sliasthorp wissen, stammt aus den Annales regni Francorum, den Fränkischen Reichsannalen. Das ist die offizielle Jahreschronik des Karolingerhofes, geschrieben mit dem Blick der Franken. Das gilt es mitzudenken, wenn dort von „Godofridus rex Danorum“ die Rede ist – dem König, den die deutsche Forschung meist Göttrik, die dänische Gudfred nennt.

Zum Jahr 804 heißt es, Göttrik sei mit Flotte und Reiterei an einen Ort gekommen, „qui dicitur Sliesthorp, in confinio regni sui et Saxoniae“ – „der Sliesthorp genannt wird, im Grenzgebiet seines Reiches und Sachsens“. Zum Jahr 808 wird der Ort ein zweites Mal genannt, diesmal ausdrücklich als Hafen: Nach seinem Feldzug gegen die Abodriten sei Göttrik „ad portum, qui Sliesthorp dicitur“ mit dem ganzen Heer gekommen. Das ist der gesamte schriftliche Befund aus der Zeit selbst. Zwei Einträge, wenige Zeilen.

Der Name selbst ist schnell erklärt. Slie steckt im Namen der Schlei, dem langen Ostseearm zwischen Schleswig und Kappeln. Thorp ist das altnordische und altsächsische Wort für Dorf oder Siedlung, verwandt mit unserem „Dorf“. Sliasthorp heißt also ungefähr „Dorf an der Schlei“. Bescheiden für einen Ort, an dem ein König mit Heer erscheint – und genau das wird später ein Argument.

Gesicherter Befund: Die Fränkischen Reichsannalen nennen „Sliesthorp“ zu 804 als Ort im Grenzgebiet zwischen Göttriks Reich und Sachsen und zu 808 als Hafen („portus“), den Göttrik mit seinem ganzen Heer anläuft. Eine genaue Lagebeschreibung geben sie nicht.

804: Ein König wartet an der Grenze

Um den ersten Eintrag zu verstehen, muss man auf die andere Seite der Grenze schauen. Karl der Große führte seit 772 Krieg gegen die Sachsen, einen der zähesten Konflikte seiner Regierungszeit. Im Jahr 804 setzte er einen brutalen Schlusspunkt: Nach den Reichsannalen ließ er die Sachsen, die jenseits der Elbe und im Gau Wihmuodi lebten, mit Frauen und Kindern ins Frankenreich umsiedeln. Die Gebiete nördlich der Elbe – das, was man Nordalbingien nennt – übergab er seinen slawischen Verbündeten, den Abodriten.

Plötzlich grenzten das Frankenreich und seine Verbündeten direkt an das dänische Machtgebiet. Göttrik reagierte mit einer Machtdemonstration: Er zog nach Sliasthorp, an die Grenze. Karl saß zur selben Zeit an der Elbe, an einem Ort namens Holdunsteti, und die Reichsannalen berichten, Göttrik habe ein Treffen zugesagt, sei dann aber auf den Rat seiner Leute nicht gekommen und habe stattdessen Gesandte geschickt. Karl schickte seinerseits Boten und verlangte die Auslieferung von Flüchtlingen, dann zog er zur Jagd nach Aachen.

Das war ein diplomatisches Schachspiel: Mit voller Streitmacht an der Grenze stehen und doch nicht kommen, heißt Präsenz zeigen und Abstand wahren. Sliasthorp war dabei nicht zufällig gewählt: Wer an der Schlei sein Heer sammelt, steht genau an der schmalsten Stelle der jütischen Halbinsel, dort, wo der Landweg nach Süden und der Seeweg zwischen Ost- und Nordsee am engsten zusammenrücken.

808: Reric brennt – und das Heer kehrt heim

Vier Jahre später ging Göttrik vom Zeigen zum Zuschlagen über. Die Reichsannalen berichten zum Jahr 808, er sei mit einem Heer in das Land der Abodriten übergesetzt. Mit ihm zogen die Wilzen, ein slawischer Verband, der den Abodriten aus alter Feindschaft gegenüberstand. Göttrik eroberte mehrere Burgen, vertrieb den Abodritenfürsten Thrasco und ließ einen weiteren Fürsten, Godelaib, gefangen nehmen und hängen. Zwei Teile der Abodriten machte er sich tributpflichtig.

Dann folgt der Satz, der Sliasthorp bis heute so interessant macht. Göttrik zerstörte einen Handelsplatz an der Ostseeküste, den die Dänen in ihrer Sprache Reric nannten – „distructo emporio“ –, und brachte die Kaufleute von dort fort: „translatisque inde negotiatoribus“. Danach löste er seine Flotte und kam „ad portum, qui Sliesthorp dicitur“, mit dem ganzen Heer. Dort blieb er einige Tage und beschloss, die Grenze seines Reiches gegen Sachsen mit einem Wall zu sichern, der vom östlichen Meeresarm bis zum westlichen Ozean reichen sollte, entlang des Nordufers der Eider, die die Quelle Egidora nennt, mit nur einem einzigen Tor für Wagen und Reiter.

Hier lohnt ein genauer Blick, denn viele Darstellungen – auch unsere frühere Fassung dieses Artikels – vereinfachen an dieser Stelle. Die Annalen sagen nicht ausdrücklich, dass die Kaufleute aus Reric nach Sliasthorp gebracht wurden. Sie sagen, dass sie weggebracht wurden, und dass Göttrik danach mit Flotte und Heer Sliasthorp anlief. Dass die Händler an die Schlei kamen und dort den Aufstieg von Haithabu befeuerten, ist eine naheliegende und in der Forschung weit verbreitete Deutung. Sie passt zu dem, was die Archäologie in Haithabu für das frühe 9. Jahrhundert zeigt. Aber es ist eine Deutung, kein Wortlaut.

Mythos-Check: „Göttrik siedelte die Kaufleute von Reric nach Sliasthorp um.“ So steht es nicht in den Reichsannalen. Belegt ist: Reric wurde zerstört, die Händler wurden weggeführt, und Göttrik kam anschließend mit dem Heer in den Hafen Sliasthorp. Dass die Kaufleute an der Schlei landeten, ist eine plausible Schlussfolgerung, keine Quellenaussage.

Reric selbst verbindet die Forschung heute meist mit einem Fundplatz bei Groß Strömkendorf an der Wismarbucht, ausgegraben in den 1990er-Jahren. Die jüngsten dort jahrgenau datierten Hölzer reichen bis 811 – der Ort lief nach 808 also noch kurz weiter. Auch diese Gleichsetzung beruht auf Lage und Fundbild, nicht auf einer Inschrift.

Göttrik gegen Karl den Großen

Was nach 808 folgte, liest sich in den Annalen wie eine Eskalationsspirale. Karl schickte seinen Sohn Karl den Jüngeren mit einem Heer an die Elbe. 809 ließ Göttrik über Kaufleute ausrichten, er habe gehört, der Kaiser sei zornig auf ihn, und schlug ein Treffen jenseits der Elbe vor. Es kam zu Verhandlungen zwischen fränkischen und dänischen Großen, aber ohne Ergebnis. Im selben Jahr wurde der Abodritenfürst Thrasco, inzwischen wieder im Spiel, ausgerechnet im Handelsplatz Reric von Göttriks Leuten heimtückisch ermordet. Karl antwortete mit dem Bau einer Festung nördlich der Elbe, an der Stör, bei einem Ort, den die Annalen Esesfelth nennen. Man verbindet ihn meist mit dem Raum Itzehoe.

810 schlug Göttrik dort zu, wo es dem Kaiser wehtat: Eine dänische Flotte von zweihundert Schiffen plünderte die friesischen Inseln, und die Friesen mussten Tribut zahlen. Karl sammelte ein Heer und rückte nach Norden. Einhard, Karls Biograf, schreibt über Göttrik, er habe Friesland und Sachsen „nicht anders als seine eigenen Provinzen“ betrachtet und geprahlt, er werde bald mit großer Streitmacht nach Aachen kommen, wo der Hof des Königs war. Für uns in Alsdorf, gleich bei Aachen, hat das einen eigenen Klang – Wikinger standen dort erst 881, wie wir in Wikinger in Aachen 881 erzählen.

Noch bevor die Heere aufeinandertrafen, wurde Göttrik nach den Reichsannalen von einem seiner eigenen Gefolgsleute erschlagen. Einhard bestätigt das mit fast denselben Worten. Sein Neffe Hemming übernahm die Herrschaft und schloss Frieden mit dem Kaiser. 811 trafen sich je zwölf fränkische und dänische Große an der Eider und beschworen ihn. Die Eider blieb für lange Zeit die Grenze zwischen dem Reich und dem Norden.

Nach 808 taucht der Name Sliasthorp nicht mehr auf. Ob es eine ständige Residenz war oder ein Hafen- und Sammelplatz, den Göttrik bei Bedarf aufsuchte, verraten die Annalen nicht. Die oft gelesene Formulierung „Sitz der dänischen Könige“ geht über die Quelle hinaus.

Wo lag Sliasthorp? Eine alte Streitfrage

Lange war die einfachste Antwort: Sliasthorp ist Haithabu. Der Handelsplatz am Haddebyer Noor taucht in späteren Quellen unter wechselnden Namen auf. In der Lebensbeschreibung des Missionars Ansgar, verfasst von seinem Nachfolger Rimbert im 9. Jahrhundert, heißt der Hafen, in dem der Dänenkönig eine Kirche erlaubte, „Sliaswich“. Bei Adam von Bremen im 11. Jahrhundert stehen Sliaswich und Heidiba nebeneinander, was spätere Generationen zusätzlich verwirrte, weil sich der Name Schleswig dann auf die neue Stadt am Nordufer übertrug.

Innerhalb Haithabus dachte man oft an die frühe Südsiedlung südlich des späteren Halbkreiswalls; andere sahen in Sliasthorp einen Vorläufer Schleswigs.

Dazu kommt ein inhaltlicher Punkt. Sliasthorp wird 808 als portus bezeichnet, als Hafen. Haithabu wird in späteren Quellen dagegen mit Begriffen für einen Handelsort beschrieben, und Reric heißt in den Annalen ausdrücklich emporium, Handelsplatz. Warum sollte der Chronist den wichtigsten Markt an der Schlei mit einem Wort für „Dorf“ benennen? Ein Beweis gegen die Gleichsetzung ist das nicht – Annalisten waren keine Ortsnamen-Pedanten. Aber es lässt Raum für einen eigenen Ort.

Füsing: ein Plateau gegenüber von Haithabu

Der kleine Ort Füsing liegt am Nordufer der Schlei, östlich von Schleswig. Vom sandigen Moränenplateau aus schaut man hinüber zu Haithabu und zum Danewerk. Wasser oder Niederung schützen es auf drei Seiten. Etwa anderthalb Kilometer südlich liegt die Halbinsel Reesholm, wo sich die Schlei auf weniger als 150 Meter verengt.

Lesefunde und Beobachtungen gab es dort schon seit den 1950er-Jahren. Den eigentlichen Anstoß gab 2003 eine systematische Begehung mit Metalldetektoren, an der Andres Dobat beteiligt war. Schon dabei zeigte sich, dass hier ein großer wikingerzeitlicher Siedlungsplatz liegt. Es folgten eine geomagnetische Prospektion 2005 durch die Universität Kiel und die Auswertung von Luftbildern. Zwischen 2010 und 2014 wurde in vier Kampagnen gegraben, insgesamt rund 12.700 Quadratmeter. Getragen wurde das Projekt von der Universität Aarhus zusammen mit dem Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein und der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, finanziert von der dänischen Carlsberg-Stiftung.

Die Siedlungsfläche schätzt Dobat auf etwa sechs bis achteinhalb Hektar. Zum Vergleich: Der Halbkreiswall von Haithabu umschloss im 10. Jahrhundert rund 26 Hektar. Füsing war also kein zweites Haithabu, aber auch kein Bauernhof.

250 Grubenhäuser und zwei Dutzend Langhäuser

Was die Ausgräber am meisten überraschte, war die schiere Zahl der Grubenhäuser. Das sind kleine, in den Boden eingetiefte Hütten, in der Wikingerzeit typischerweise für Handwerk, Vorräte oder als einfache Unterkunft genutzt. 52 wurden dokumentiert, 25 vollständig untersucht. Hochgerechnet auf das ganze Plateau rechnet Dobat mit 250 bis 350 solcher Bauten. Schon 2012 vermutete Dobat, dass viele nur wenige Wochen im Jahr bewohnt waren – ein Platz, der sich zeitweise füllte und wieder leerte.

Daneben fanden sich rund zwei Dutzend Langhäuser, meist dreischiffig, also mit zwei Reihen innerer Dachpfosten, die meisten ost-west ausgerichtet. Dazu kommen Feuerstellen mit hitzegesprungenen Steinen und ein Stück Palisade auf dem nördlichen Teil des Plateaus.

Die Chronologie ist für unsere Frage entscheidend. Nach Dobats Auswertung beginnt die Besiedlung in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts, spätestens um 700, und endet in den letzten Jahrzehnten des 10. Jahrhunderts, spätestens um 1000. In der frühen Phase dominieren die Grubenhäuser, die Langhäuser verteilen sich gleichmäßiger über die Laufzeit. Füsing bestand also bereits, als Göttrik 804 und 808 an die Schlei kam. Es ist älter als die große Blüte Haithabus und verschwindet ungefähr dann, als Schleswig am Nordufer zum neuen königlichen und kirchlichen Zentrum aufsteigt.

Die große Halle – und warum sie nicht Göttriks Halle ist

Das spektakulärste Gebäude liegt auf dem höchsten Punkt des Plateaus. Die Ausgräber nennen es nüchtern OA123. Es ist eine Halle von rund 28 bis gut 31 Metern Länge und etwa 8 Metern Breite, mit sechs Paaren innerer Dachpfosten und leicht gebogenen Längswänden – die klassische Schiffsform großer Hallen der Wikingerzeit. In frühen Presseberichten war von „über 30 Metern“ die Rede. Die Halle wurde an derselben Stelle in zwei Phasen errichtet und schließlich niedergebrannt.

Den Punkt übergehen viele populäre Darstellungen: Datiert wird die Halle in die Zeit um 900 beziehungsweise in die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts. Das ist rund hundert Jahre nach Göttrik. Wer also von „Göttriks Königshalle in Füsing“ spricht, verwechselt die Zeitschichten. Die Halle zeigt, dass Füsing auch im 10. Jahrhundert ein Ort mit Anspruch war. Für die Zeit um 808 belegt sie nichts.

Dafür erzählt sie eine eigene, dramatische Geschichte. In einem Eingangspfosten steckte eine Pfeilspitze vom Typ Bolzen, wie man sie gegen Rüstungen einsetzte. Im zweiten Eingangspfosten lag ein Krähenfuß: ein kleines Eisengerät mit vier Spitzen, das immer mit einer Spitze nach oben liegt und Angreifer zu Fuß oder zu Pferd behindern sollte. Dobat bezeichnet ihn als den ersten Fund dieser Art aus einem sicher wikingerzeitlichen Zusammenhang. Ob die Halle tatsächlich bei einem Angriff abbrannte, wie in frühen Berichten vermutet, lässt sich nicht beweisen. Die Funde in den Türpfosten machen den Gedanken aber nicht abwegig.

Zur Einordnung hilft ein Vergleich. Die großen Königs- und Kulthallen von Tissø auf Seeland oder Lejre waren deutlich größer und aufwendiger. Dobat selbst betont, dass Füsing in dieser obersten Liga nicht mitspielt. Das spricht eher für einen Platz, an dem ein Vertreter des Königs saß, etwa ein Verwalter oder Jarl, als für eine Hauptresidenz.

Was der Boden verrät: Rang, Waffen, Silber

Die Funde aus Füsing sind kein Königsschatz, aber sie haben eine klare Handschrift. Neben mindestens sieben Pfeilspitzen, Äxten und einem Schwertknauf aus Eisen fanden sich Beschläge und eine Riemenzunge aus dem Karolingerreich, ein vergoldeter Beschlag von einem Zaumzeug oder Sattelbogen, ein Beschlag mit Tierkopf und ein goldener Armring. Das sind Dinge, die man mit Reitern, Gefolge und Prestige verbindet.

Dazu kommen Spuren von Handel und Tauschwirtschaft: arabische Silbermünzen, sogenannte Dirhams, Hacksilber – also zerhacktes Silber, das nach Gewicht bezahlt wurde – und Gewichte. Besonders schön ist ein goldener Tremissis, eine kleine Goldmünze des 7. Jahrhunderts, die später zu einem Anhänger in Kreuzform umgearbeitet wurde. Rund 110 Glasperlen und etwa 30 Scherben von mindestens 15 Trinkgläsern verweisen auf gehobene Tischkultur. Mühlsteine aus Basaltlava kamen vom Rhein. Gussreste, Barren und ein Probierstein zeigen, dass vor Ort Metall verarbeitet wurde, und Schiffsnieten deuten auf Bau oder Reparatur von Schiffen.

Füsing = Sliasthorp? Die These im Faktencheck

Andres Dobat hat seine Ergebnisse 2022 im Danish Journal of Archaeology unter dem bezeichnenden Titel „Finding Sliesthorp?“ vorgelegt – mit Fragezeichen. Schon Dagfinn Skre hatte 2007 eine ähnliche Gleichsetzung vorgeschlagen. Die Argumente dafür sind handfest:

Ebenso ehrlich benennt Dobat die Schwächen. Für das 9. Jahrhundert gibt es nur wenige Radiokarbondaten aus Füsing, gerade für die entscheidende Zeit ist das Bild also dünn. Der Name „Dorf an der Schlei“ ist für einen Herrschaftsplatz ungewöhnlich, wenn auch nicht unmöglich. Und die Bauten erreichen nicht die Größe echter Königshöfe. Die Gleichsetzung gilt deshalb ausdrücklich als vorläufig.

Mythos-Check: „Archäologen haben Sliasthorp gefunden.“ So titelten 2012 mehrere Medien. Genauer: Archäologen haben in Füsing einen großen wikingerzeitlichen Elite- und Stützpunktplatz ausgegraben, der gut zur Beschreibung von Sliasthorp passt. Ein Ortsschild aus dem Jahr 808 hat niemand gefunden. Füsing = Sliasthorp ist eine gut begründete These, kein gesicherter Befund.

Markt, Wall, Stützpunkt: das System an der Schlei

Unabhängig vom Namen ist Füsing ein Schlüssel zum Verständnis der ganzen Landschaft. Dobat deutet den Platz als Gutshof und Versammlungsort, vor allem aber als militärischen Stützpunkt: als saisonal besetzte Garnison und Flottenbasis für die Verteidigung des Danewerks. Gut möglich, dass dort zeitweise auch Waren umgeschlagen wurden.

Das Danewerk ist dabei älter als Göttrik. Seine frühesten Bauphasen reichen in die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts zurück, also in die Zeit, in der auch Füsing entstand. Um 737 wurde – dendrochronologisch datiert – eine Sperre im Wasser bei Reesholm angelegt, rund 1.600 Meter lang, und das Danewerk bekam einen kräftigen Ausbau. Die Sperre bei Reesholm liegt nur etwa anderthalb Kilometer südlich von Füsing. Der Wall, den die Reichsannalen 808 Göttrik zuschreiben, war also kein Neubeginn, sondern eine Erneuerung oder Erweiterung eines älteren Systems. Welcher archäologische Wallabschnitt genau auf Göttrik zurückgeht, ist in der Forschung nicht endgültig geklärt.

So ergibt sich ein Bild mit drei Bausteinen. Haithabu war der Markt: Handwerk, Fernhandel, Schiffe, Münzen, später ummauert und gewaltig gewachsen. Das Danewerk war der Riegel quer über die Halbinsel, mit dem einen Durchlass für den Landweg, den man heute Ochsenweg nennt. Und Füsing – vielleicht Sliasthorp – war der befestigte Rückhalt auf der anderen Seite des Wassers, von dem aus Krieger und Schiffe bereitstanden. Markt und Macht lagen dicht beieinander, aber getrennt, in Sichtweite.

Auch auf der slawischen Seite der Grenze verbanden sich Burg und Handel: Starigard in Oldenburg war Zentrum der Wagrier und Teil jener abodritischen Welt, gegen die Göttrik 808 zog.

Nach Göttrik: Der lange Abschied

Füsing überdauerte Göttrik um fast zwei Jahrhunderte. In der Zeit um 900 entstand die große Halle, die schließlich brannte. In den letzten Jahrzehnten des 10. Jahrhunderts wurde der Platz aufgegeben oder verlegt. Das fällt in die Zeit, in der Gorm der Alte und Harald Blauzahn die Königsmacht neu ordneten. Im 11. Jahrhundert übernahm Schleswig am Nordufer die Rolle als Zentrum; Haithabu wurde um 1050 und 1066 zerstört.

Der Name Sliasthorp verschwand in diesem Wandel. Er lebt in zwei Zeilen der Reichsannalen weiter, auf einem modernen Gedenkstein in Haithabu und in der Debatte der Archäologen. Seit 2018 gehören Haithabu und das Danewerk gemeinsam zum UNESCO-Welterbe.

Spurensuche an der Schlei

Wenn du die Gegend besuchen willst, ist Haithabu mit Museum und rekonstruierten Häusern der natürliche Ausgangspunkt. Von dort aus siehst du über das Noor und die Schlei hinüber zum Nordufer. Das Danevirke Museum in Dannewerk zeigt den Grenzwall. Eine Rekonstruktion wie in Haithabu gibt es in Füsing nach unserem Kenntnisstand nicht; der Platz ist eine Grabungsstätte in einer Agrarlandschaft, keine Ausstellung. Weitere Ziele findest du in unserem Überblick Wikinger erleben: Museen und Fundorte.

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Häufige Fragen

Was ist Sliasthorp? Sliasthorp (in der Quelle „Sliesthorp“) ist ein Ort an der Schlei, den die Fränkischen Reichsannalen zu 804 und 808 im Zusammenhang mit dem Dänenkönig Göttrik nennen – 808 ausdrücklich als Hafen. Der Name bedeutet etwa „Dorf an der Schlei“.

Ist Füsing dasselbe wie Sliasthorp? Das ist eine gut begründete These des Archäologen Andres Dobat, aber nicht bewiesen. Füsing passt nach Lage, Datierung und Funden gut zu den Angaben der Annalen, eine eindeutige Zuordnung fehlt.

Wie groß war die Halle von Füsing? Die größte Halle war rund 28 bis 31 Meter lang und etwa 8 Meter breit. Sie stammt aus der Zeit um 900 bzw. dem frühen 10. Jahrhundert und ist damit deutlich jünger als König Göttrik.

Was ist der Unterschied zwischen Sliasthorp und Haithabu? Haithabu war der große Handelsplatz am Haddebyer Noor. Sliasthorp wird in den Quellen als Hafen und Sammelplatz Göttriks genannt. Früher hielt man beide oft für identisch, heute wird Sliasthorp häufiger mit einem eigenen Platz wie Füsing verbunden.

Hat Göttrik das Danewerk gebaut? Nein, das Danewerk ist älter und geht bis ins 7. Jahrhundert zurück. Die Reichsannalen berichten aber, dass Göttrik 808 in Sliasthorp beschloss, die Grenze mit einem Wall zu sichern – vermutlich ein Ausbau des bestehenden Systems.

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