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Adam von Bremen – der Mann, der den Norden aus zweiter Hand beschrieb

Geschichte & Funde Adam von Bremen – der Mann, der den Norden aus zweiter Hand beschrieb

Fast alles, was wir über den heidnischen Kult im Schweden des 11. Jahrhunderts zu wissen glauben – den goldenen Tempel von Uppsala, die aufgehängten Opferleiber, die frühen Nachrichten von einem Land namens Vinland – verdanken wir einem einzigen Mann, der selbst nie einen Fuß nach Skandinavien setzte. Adam von Bremen war Domgelehrter, kein Reisender. Seine Chronik ist unverzichtbar und zugleich mit Vorsicht zu genießen. Wer den Norden verstehen will, muss verstehen, wie Adam ihn sah – und warum.

Handschriftenseite der „Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum“ Adams von Bremen.
Handschriftenseite der „Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum“ Adams von Bremen.

Ein Gelehrter aus dem Süden am Rand der Welt

Über Adams Leben wissen wir wenig, und das meiste davon aus seinem eigenen Werk. Er stammte wahrscheinlich aus dem oberdeutschen Raum – Franken oder das südliche Sachsen – und kam um 1066/67 an die Domschule von Bremen. Dorthin berief ihn Erzbischof Adalbert, jener ehrgeizige Kirchenfürst, dessen Aufstieg und Fall Adam später eindringlich schildern sollte. In Bremen wurde Adam „magister scholarum", Leiter der Domschule, also einer der gebildetsten Männer der Stadt. Sein Todesjahr ist unsicher: Er starb nach 1081, vermutlich vor 1085. Was von ihm bleibt, ist ein einziges großes, gelehrtes Buch – und dieses eine Buch hat unser Bild vom wikingerzeitlichen Norden geprägt wie kaum ein zweites.

Bremen war damals kein beliebiger Ort. Das Erzbistum Hamburg-Bremen beanspruchte die kirchliche Zuständigkeit für den gesamten Norden: Dänemark, Schweden, Norwegen und die Inseln des Nordatlantiks. Wer hier schrieb, schrieb aus der Perspektive einer Institution, die den Norden missionieren – und beherrschen – wollte. Das ist der erste Schlüssel zum Verständnis Adams: Sein Werk ist kein neutraler Reisebericht, sondern die Geschichte einer Kirche, die sich als Tor zum Norden verstand.

Die „Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum"

Um 1075/76 vollendete Adam sein Hauptwerk, die „Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum" – die Taten der Bischöfe der Hamburger Kirche. Bis zu seinem Tod arbeitete er weiter daran und fügte Ergänzungen (die sogenannten Scholien) hinzu. Das Werk gliedert sich in vier Bücher und erzählt die Geschichte des Erzbistums von seinen Anfängen unter Karl dem Großen bis in Adams eigene Gegenwart. Im Zentrum stehen die Erzbischöfe, allen voran Ansgar, der „Apostel des Nordens", und Adalbert, Adams eigener Auftraggeber.

Doch die „Gesta" sind weit mehr als eine Bistumsgeschichte. Weil die Mission des Nordens Adams großes Thema war, sammelte er alles, was er über die nördlichen Länder in Erfahrung bringen konnte. Damit wurde sein Werk unbeabsichtigt zu etwas anderem: zur reichsten kontinentalen Quelle über das wikingerzeitliche Skandinavien überhaupt. Ohne Adam wüssten wir über den Norden des 11. Jahrhunderts, von innen kaum beschrieben, erschreckend wenig.

Das vierte Buch: die „Beschreibung der Inseln des Nordens"

Der berühmteste Teil ist das vierte Buch, die „Descriptio insularum aquilonis" – die Beschreibung der nördlichen Inseln. Hier verlässt Adam die Bistumschronik und wird zum Geographen und Ethnographen. Er beschreibt Dänemark mit seinen Landschaften und Häfen, Schweden mit den Svear und Götar, Norwegen als das ärmste und raueste der Reiche, dessen Bewohner die See zwingt, Seeräuber zu werden. Er zählt die Inseln der Ostsee auf, spricht von den Orkneys, von Island – dessen Bewohner er als genügsam und fromm lobt – und von Grönland.

Für die Wikingerforschung ist diese „Descriptio" eine Fundgrube: Sie liefert Namen, Entfernungen in Segeltagen, Sitten und Handelswege. Vieles davon lässt sich mit archäologischen Funden abgleichen; anderes bleibt reine Erzählung. Adam mischt Selbstgehörtes, Bücherwissen und fromme Deutung zu einem Bild, das immer auch das Bild eines Kirchenmannes ist, der die Ränder der bekannten Welt vermisst.

Vinland – die früheste Nachricht vom Rand Amerikas

In diesem vierten Buch steht ein Satz, der Adam einen Platz in der Weltgeschichte sichert. Er berichtet von einer Insel im Weltmeer, die viele im Norden entdeckt hätten und die Vinland heiße, weil dort wilde Reben wüchsen, die vorzüglichen Wein gäben. Es ist die früheste schriftliche Erwähnung des nordamerikanischen Kontinents in einer kontinentaleuropäischen Quelle – Jahrhunderte vor Kolumbus und lange bevor die isländischen Vinland-Sagas aufgeschrieben wurden.

Adam hatte diese Kunde nicht aus Büchern. Seinen ausdrücklichen Gewährsmann nennt er selbst: den dänischen König Sven Estridsson (Sveinn Ástríðarson), den er am Hof persönlich befragte. Sven war ein weitgereister, gebildeter Herrscher mit besten Verbindungen in den ganzen Norden, und Adam schätzte ihn als seine wichtigste lebende Quelle. Was Adam über Vinland schreibt, ist also aufgeschnappte Hofkunde, weitergereicht und aufgeschrieben in Bremen – kein Augenzeugenbericht, aber ein erstaunlich früher Reflex realer Fahrten in den Westen.

Der Tempel von Uppsala – das berühmteste Bild

Keine Passage Adams hat so viel Nachwirkung entfaltet wie seine Schilderung des heidnischen Heiligtums von Uppsala. Er beschreibt einen Tempel, ganz aus Gold gefertigt, in dem das Volk drei Götterbilder verehre. In der Mitte throne der mächtigste, Thor, mit einem Zepter, als Herr über Donner, Wetter und Fruchtbarkeit. Ihm zur Seite stünden Wodan – der Krieg gebe und Mut verleihe, dargestellt als Gerüsteter – und Fricco (Freyr), der Frieden und Wollust schenke und mit einem gewaltigen Glied abgebildet sei. Bei Krieg opfere man dem Wodan, bei Hochzeiten dem Fricco, bei Hunger und Seuche dem Thor.

In diesem Tempel, der ganz mit Gold verkleidet ist, verehrt das Volk die Bildsäulen dreier Götter. Der mächtigste von ihnen, Thor, hat seinen Sitz in der Mitte der Halle; zu beiden Seiten stehen Wodan und Fricco. … Alle neun Jahre pflegt man in Uppsala ein gemeinsames Fest aller Provinzen Schwedens zu begehen. Von jeder Art männlichen Lebewesens werden neun Häupter dargebracht, mit deren Blut man die Götter zu versöhnen sucht. Die Leiber aber hängt man in den Hain, der neben dem Tempel liegt.Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis IV, 26–27, sinngemäße Übersetzung: Glanz & Gravur

Das große Opferfest, so Adam, finde alle neun Jahre statt und dauere neun Tage. An jedem Tag werde neben Tieren auch ein Mensch geopfert, sodass am Ende zweiundsiebzig Leiber im heiligen Hain neben dem Tempel hingen – Menschen und Tiere durcheinander, bis die Zweige von Kadavern schwer seien. Ein Christ, so fügt Adam hinzu, habe ihm berichtet, er habe diese hängenden Leiber mit eigenen Augen gesehen. Es ist ein finsteres, unvergessliches Bild – und genau deshalb muss man es besonders vorsichtig lesen.

Warum man Adam kritisch lesen muss

Der entscheidende Punkt: Adam von Bremen war nie im Norden. Er hat Uppsala nie gesehen, keinen schwedischen Tempel betreten, kein Opferfest miterlebt. Alles, was er berichtet, ist aus zweiter, oft dritter Hand: mündliche Auskünfte am dänischen Hof, Berichte von Kaufleuten und Missionaren, ältere Bücher wie Rimberts „Vita Anskarii". Was er aufschreibt, ist kein Blick in den Norden, sondern ein Blick auf den Norden – von außen, aus der Ferne, durch die Brille eines Bremer Domklerikers.

Dazu kommt die Absicht. Adam schrieb im Dienst einer klaren Sache: dem Vorrang des Erzbistums Hamburg-Bremen über die Nordmission. Die Heiden mussten dunkel gezeichnet werden, damit das Licht der Kirche umso heller strahlte. Grausame Opfer, goldstrotzende Götzentempel, blutige Haine – das sind auch rhetorische Kontrastfolien, vor denen das missionarische Werk seiner Erzbischöfe leuchten sollte. Man liest Adam am besten so, wie man einen Bericht der Gegenseite liest: aufmerksam, dankbar für jedes Detail – und immer mit der Frage, was der Autor damit bezweckte.

Beleg: Die „Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum" sind als Werk sicher datiert (um 1075/76, mit späteren Scholien bis zu Adams Tod nach 1081) und in mehreren mittelalterlichen Handschriften überliefert. Gesichert ist auch, dass Adam den dänischen König Sven Estridsson persönlich als Gewährsmann nennt – er ist damit ein realer, namentlich benannter Informant. Das Erzbistum Hamburg-Bremen und seine Nordmission (Ansgar, Adalbert) sind historisch gut bezeugt. Uppsala war nachweislich ein bedeutendes vorchristliches Kult- und Herrschaftszentrum: Die großen Grabhügel von Gamla Uppsala und die Kontinuität als Königs- und Thingort sind archäologisch gesichert.

Mythos-Check: Der „goldene Tempel", die Zahl von neun Tagen, neun Häuptern je Art und zweiundsiebzig aufgehängten Leibern sind stark stilisiert und tragen deutliche Züge christlicher Zahlensymbolik (9 und 72 sind biblisch aufgeladen). Kein archäologischer Befund bestätigt einen goldverkleideten Tempel oder ein Massenopfer dieser Art. Die berühmte Ausgrabung unter der heutigen Kirche von Gamla Uppsala (Sune Lindqvist, 1920er Jahre), die Pfostenlöcher als „Tempel" deutete, ist in der Forschung umstritten – vieles spricht eher für eine große Halle oder mehrere Bauphasen als für Adams Prachttempel. Selbst der Satz über den christlichen Augenzeugen ist mehrdeutig übersetzbar (er könnte auch bedeuten, der Gewährsmann sei „zweiundsiebzig Jahre alt" gewesen). Fazit: Adams Uppsala ist ein literarisches Bild, das reale Erinnerung, Hörensagen und kirchliche Deutung mischt – kein Protokoll.

Adams Quellen und seine Methode

Adam war für seine Zeit ein gewissenhafter Autor. Er nennt seine Gewährsleute, verweist auf ältere Schriften und unterscheidet gelegentlich sogar zwischen Gehörtem und Gelesenem. Neben König Sven schöpfte er aus der „Vita Anskarii" Rimberts, aus Einhard, aus päpstlichen Urkunden und aus dem Gedächtnis älterer Kleriker. Diese Sorgfalt macht ihn wertvoll – sie zeigt aber auch, wie sehr sein Norden ein zusammengesetztes Bild ist, ein Mosaik aus vielen Stimmen, die er selbst nie am Ort überprüfen konnte.

Gerade darin liegt der doppelte Wert seines Werks. Wo Adam Konkretes liefert – Ortsnamen, Segeldistanzen, Handelsplätze, die Namen von Königen und Missionaren –, lässt sich vieles mit unabhängigen Quellen und Funden abgleichen und bestätigen. Wo er ins Erzählerische kippt – der goldene Tempel, die Zahlensymbolik, die Wildheit der Heiden –, verrät er mehr über die Erwartungen seiner Leser als über die Wirklichkeit Schwedens.

Die Götter bei Adam – ein Blick von außen

Interessant ist auch, wie Adam die nordischen Götter ordnet. Seine Dreiheit Thor–Wodan–Fricco entspricht nicht ganz dem Bild, das die isländischen Quellen zwei Jahrhunderte später zeichnen. Dort ist Odin der Allvater und Herr; bei Adam thront Thor in der Mitte als Mächtigster. Das kann eine echte regionale Eigenheit des schwedischen Kults spiegeln – oder Adams Versuch, einen ihm fremden Glauben in verständliche Kategorien zu pressen (er deutet die Götter nach römischem Muster: Thor als Jupiter, Wodan als Mars, Fricco als Bacchus/Venus). So oder so gilt: Adams Götterbild ist eine Deutung von außen, kein Selbstzeugnis der Verehrer.

Adam neben den anderen Quellen

Man versteht Adam am besten im Vergleich. Die „Edda"-Überlieferung Snorris und die isländischen Sagas entstanden erst im 13. Jahrhundert, zwei Jahrhunderte nach der Bekehrung, aufgeschrieben von christlichen Isländern. Adam schrieb näher an der heidnischen Zeit, aber weiter weg vom Ort – aus dem Süden, in Latein, mit kirchlicher Agenda. Snorri kennt die Innensicht, hat aber den zeitlichen Abstand; Adam hat die zeitliche Nähe, aber die räumliche und geistige Distanz. Erst zusammengelesen und gegeneinander abgewogen ergeben die Quellen ein belastbares Bild – und keiner von ihnen ist ein neutrales Fenster in die Wikingerwelt.

Ansgar und Adalbert – die eigentlichen Helden

Man vergisst leicht, dass die „Gesta" gar nicht vom Norden handeln wollten, sondern von einer Kirche. Adams eigentliche Helden sind die Erzbischöfe. An erster Stelle steht Ansgar, der im 9. Jahrhundert nach Haithabu und Birka reiste, dort die ersten Kirchen gründete und den Ehrentitel „Apostel des Nordens" trug – Adam schöpft sein Ansgar-Bild fast ganz aus Rimberts älterer Lebensbeschreibung. Am Ende der Reihe steht Adalbert, Adams eigener Auftraggeber: ein Mann von großen Plänen, der ein „Patriarchat des Nordens" träumte und daran zerbrach. Adam schildert dessen Hochmut, Aufstieg und Sturz mit einer psychologischen Schärfe, die im Mittelalter selten ist. Diese Bischofsgeschichten sind der Rahmen, in den alles andere – Uppsala, Vinland, die heidnischen Sitten – eingepasst ist. Wer Adam liest, liest zuerst eine Geschichte von Kirchenmännern, und erst nebenbei eine Geschichte des Nordens.

Überlieferung und Nachleben

Adams Werk ist nicht im Original erhalten, sondern in mehreren mittelalterlichen Handschriften, die sich in Umfang und Anordnung unterscheiden. Besonders wertvoll sind die Scholien – jene Randbemerkungen, die Adam (und teils spätere Hände) dem Text hinzufügten und die oft die interessantesten geographischen Notizen enthalten. Über Jahrhunderte blieb die „Gesta" die maßgebliche kontinentale Autorität über den Norden. Spätere Autoren stützten sich auf ihn, und noch die frühneuzeitliche Skandinavien-Vorstellung war von seinem Bild geprägt. Erst die moderne Quellenkritik hat gelehrt, Adams glänzende, düstere Erzählungen von seinen nüchternen, überprüfbaren Angaben zu trennen. Genau diese Doppelnatur – unverzichtbar und mit Vorsicht zu lesen – macht ihn zu einem Musterfall dafür, wie mittelalterliche Geschichtsschreibung funktioniert.

Warum Adam von Bremen bis heute zählt

Trotz aller Vorbehalte bleibt Adam von Bremen unverzichtbar. Er ist die früheste ausführliche kontinentale Stimme über den Norden, der erste, der Vinland erwähnt, und der einzige, der uns überhaupt eine – wenn auch verzerrte – Vorstellung vom Kult in Uppsala liefert. Seine Chronik ist kein Fenster, durch das wir ungetrübt in die Wikingerwelt blicken. Sie ist ein Spiegel, in dem sich der Norden bricht: gesehen mit den Augen eines gebildeten, frommen, parteiischen Mannes aus dem Süden. Wer das weiß und mitliest, gewinnt aus Adam von Bremen mehr als aus fast jeder anderen Quelle – und lernt zugleich die wichtigste Regel der Geschichtsforschung: Frag immer, wer erzählt, woher er es weiß und warum er es so erzählt.

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