Der Übergang vom germanischen Glauben zum Christentum war kein einzelner Moment, sondern ein Prozess über Jahrhunderte – mal durch Überzeugung, mal durch Zwang. Und der alte Glaube verschwand nie ganz: Er steckt bis heute in Wörtern, Bräuchen und Bildern.
Die germanischen Völker wurden nicht an einem Tag christlich. Über rund tausend Jahre – von den Goten im 4. Jahrhundert bis zu den Schweden im 11./12. Jahrhundert – wechselte ein Stamm nach dem anderen den Glauben. Mal geschah das friedlich durch Mission, mal durch politisches Kalkül der Fürsten, mal mit dem Schwert.
Der früheste Schritt war die Bibelübersetzung des Bischofs Wulfila ins Gotische (4. Jh.) – der älteste zusammenhängende germanische Text überhaupt. Die Goten wurden allerdings arianische Christen, was sie später von der römischen Kirche trennte. Hier zeigt sich schon: Christianisierung war nie ein einheitlicher Vorgang.
Im 8. Jahrhundert zog der angelsächsische Missionar Bonifatius durch Hessen und Thüringen. Der berühmteste Moment: Um 723 fällte er bei Geismar die dem Donar geweihte Eiche – und als der Donnergott nicht mit einem Blitz antwortete, ließ das viele zum Christentum übertreten. Aus dem Holz, so die Legende, baute er eine Kapelle. Es ist ein Musterbild der Mission: das Heiligtum des alten Gottes wird zerstört, um seine Ohnmacht zu zeigen.
Ganz anders im Norden: Karls Sachsenkriege (772–804) waren eine gewaltsame Zwangsbekehrung. Sie begannen mit der Zerstörung der Irminsul, brachten Massentaufen, Deportationen und das berüchtigte Blutgericht von Verden. Die Capitulatio de partibus Saxoniae stellte sogar heidnische Bräuche wie die Brandbestattung oder das Verweigern der Taufe unter Todesstrafe. Selbst Karls Berater Alkuin kritisierte diese Härte.
Wo Zwang nicht half, half Anpassung. Papst Gregor riet, heidnische Tempel nicht zu zerstören, sondern zu weihen, und Feste weiterlaufen zu lassen – nur zu Ehren des neuen Gottes. So überlebten die alten Bilder im Neuen:
„Man soll die Götzentempel dieses Volkes keineswegs zerstören, sondern nur die Götzenbilder darin."nach Papst Gregor I. an Mellitus, überliefert bei Beda, Historia ecclesiastica I,30 (gemeinfrei, eigene Übersetzung)
Die Christianisierung war das Ende des germanischen Glaubens als lebendige Religion – und zugleich der Anfang seines langen Nachlebens. Wer heute „Donnerstag" sagt oder ein Sonnwendfeuer entzündet, trägt einen Rest davon weiter, oft ohne es zu wissen.

Die Irminsul · Die Donareiche & Bonifatius · Die Merseburger Zaubersprüche · Interpretatio Romana · Die germanischen Feste.
Sie tauchen in den alten Texten fast beilaeufig auf und sind doch ueberall: die Disir, weibliche Geister, die ueber …
Weiterlesen →Vergiss den durchscheinenden Schleiergeist. Der Draugr der altnordischen Sagas kommt leibhaftig zurück – schwer wie ein …
Weiterlesen →In den Sagas des Nordens schläft niemand harmlos. Ein Traum ist dort selten bloßer Widerhall des Tages, sondern ein …
Weiterlesen →Ein Ring ist ein geschlossener Kreis – ohne Anfang, ohne Ende. Kein Wunder, dass die Menschen des Nordens ihre …
Weiterlesen →