Ein Ring ist ein geschlossener Kreis – ohne Anfang, ohne Ende. Kein Wunder, dass die Menschen des Nordens ihre bindendsten Versprechen auf einem Ring ablegten. Auf dem Altar des Heiligtums lag der Eidring, mit Opferblut gerötet, und wer die Hand darauf legte und schwor, band sich vor Göttern und Menschen. Ein Blick auf einen Brauch zwischen Sagatext und echtem Fund.
Am ausführlichsten schildert es die isländische Eyrbyggja saga. In Thorolfs Tempel, so heißt es, lag auf dem Altar ein schwerer Armring; auf ihm sollte jeder seine Eide schwören, und der Gode, der Priester-Häuptling, trug ihn bei allen Versammlungen am Arm. Vor jeder rechtlichen Handlung wurde der Ring in das Blut des Opfertieres getaucht. Der Schwur auf den geröteten Ring war der feierlichste, den man kannte.
Auch das älteste isländische Recht, überliefert in der Landnámabók, kennt die Formel. Wer vor Gericht schwor, rief die Götter des Rechts und der Fruchtbarkeit an:
„… so helfe mir Freyr und Njörd und der allmächtige Ase, dass ich diese Sache führe, wie es Recht ist." Eidformel nach der Landnámabók / Ulfljóts Gesetz (gemeinfrei)
Man könnte das für spätere Sagen-Ausschmückung halten – gäbe es nicht einen unabhängigen, sehr frühen Zeugen. Die Angelsächsische Chronik berichtet zum Jahr 876, dass das dänische Heer König Alfred einen Frieden auf dem „heiligen Ring" beschwor, was es zuvor keinem Volk gegenüber getan habe. Hier bestätigt eine feindliche, zeitnahe Quelle genau den Brauch, den die Sagas erst Jahrhunderte später beschreiben: den Eid auf den heiligen Ring.
Und dann sind da die Funde. Im schwedischen Lilla Ullevi bei Bro grub man 2007 einen Kultplatz aus: eine Steinplattform, um die herum mehr als 65 kleine Eisenringe lagen – Amulettringe, niedergelegt an einem heiligen Ort. Solche eisernen Ringe, oft mit angehängten Miniatur-Thorshämmern, kennt man auch von den Gräberfeldern des Mälartals, wo sie auf Aschenurnen lagen. Der geschlossene Ring war offenbar mehr als Schmuck: ein Zeichen der Bindung, des Schutzes, des Heiligen.
Der Ring trägt seine Bedeutung in der Form. Er ist ganz, ungeteilt, dauerhaft – so wie ein Eid dauern soll. Zugleich war der Ring im Norden Wertspeicher und Zahlungsmittel: Man trug sein Silber als Arm- und Halsringe und brach bei Bedarf ein Stück ab. Ein Ring zu geben oder auf ihm zu schwören hieß, etwas Wertvolles und Ganzes einzusetzen. Auch unsere Trauringe tragen bis heute diesen Gedanken weiter: ein Kreis als Bild für ein Versprechen ohne Ende.
Dahinter steht eine Kultur, in der das gesprochene Wort schwerer wog als jedes Siegel. Wer schwor, verpfändete seine Ehre; ein gebrochener Eid machte rechtlos. Der geweihte Ring gab diesem Wort einen Körper, etwas zum Anfassen. Genau das tun wir, wenn wir einen Namen, einen Spruch, ein Datum in Stein oder Holz gravieren: Wir geben einem Versprechen Dauer. Wer den Kern dieser Feste und Eide vertiefen will, findet ihn in unserem Beitrag über Blót & Sumbel.
Der Eid auf einen heiligen Ring ist unabhängig belegt: Die Angelsächsische Chronik nennt für 876 den Schwur des dänischen Heeres auf den „heiligen Ring". Archäologisch fassbar sind eiserne Ringe an Kultplätzen – über 65 kleine Eisenringe um eine Steinplattform in Lilla Ullevi (Uppland, ~600–800), dazu eiserne Amulettringe mit Thorshämmern auf Urnen im Mälartal. Die ausführliche Schilderung des Altar-Rings (auf ihm schwören, mit Opferblut röten, der Gode trägt ihn) stammt aus der Eyrbyggja saga; die Eidformel „… hjálpi mér svá Freyr ok Njörðr ok hinn almáttki áss" aus der Landnámabók / Ulfljóts Gesetz.
Die farbige Tempelszene mit dem blutgeröteten Altarring stammt vor allem aus der Eyrbyggja saga, die erst im 13. Jahrhundert und damit lange nach der heidnischen Zeit aufgeschrieben wurde – hier ist Vorsicht geboten. Der Brauch selbst aber, auf einen heiligen Ring zu schwören, ist durch die zeitnahe Angelsächsische Chronik (876) und durch echte Eisenring-Funde unabhängig gestützt. Kern echt, Ausschmückung teils literarisch.

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