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Starigard / Oldenburg: Die „alte Burg“ der Wagrier – Fürstenhallen, Bischofskirche und zwei Aufstände an der Ostsee

Geschichte & Funde Starigard / Oldenburg: Die „alte Burg“ der Wagrier – Fürstenhallen, Bischofskirche und zwei Aufstände an der Ostsee

Starigard – slawisch für „alte Burg“ – war vom späten 7. bis ins 12. Jahrhundert die Hauptburg der Wagrier, eines Teilstamms der Abodriten, im heutigen Oldenburg in Holstein. Hier standen Fürstenhallen nach fränkischem Vorbild, hier wurde um 968/972 das erste Bistum im Abodritenland gegründet, und hier brannte die Kirche bei den Aufständen von 983 und 1066 nieder. Wir zeigen dir, was die Ausgrabungen von 1973 bis 1986 ans Licht brachten, was Adam von Bremen und Helmold von Bosau berichten – und wo man ihnen besser nicht blind glaubt.

Eine Stadt, deren Name eine Übersetzung ist

Wer heute durch Oldenburg in Holstein fährt, sieht eine freundliche Kleinstadt zwischen Raps und Ostsee. Und mitten darin einen grasbewachsenen Wall, der so gar nicht zu den Backsteinhäusern ringsum passen will. Dieser Wall ist der Grund, warum der Ort überhaupt so heißt. Denn „Oldenburg“ ist eine Übersetzung. Die Menschen, die hier vor über tausend Jahren lebten, nannten ihre Burg Starigard – die „alte Burg“. Deutsche Chronisten des 11. und 12. Jahrhunderts machten daraus Aldinburg oder Aldenburg, und das Niederdeutsche schliff es zu Oldenburg.

Schon der Name erzählt also eine Geschichte von Begegnung und Überlagerung. Starigard war kein Wikingerort und kein sächsischer Vorposten, sondern die wichtigste Burg der slawischen Wagrier in Ostholstein – und damit einer der bedeutendsten Herrschaftssitze im gesamten westslawischen Ostseeraum. Hier trafen drei Welten aufeinander: die slawische, die dänisch-skandinavische und die fränkisch-sächsische. Mal handelten sie miteinander, mal heirateten ihre Fürstenfamilien untereinander, mal brannten sie sich gegenseitig die Häuser nieder.

Wir rollen den Ort hier neu auf – mit Grabungsbefunden, Schriftquellen und einem kritischen Blick darauf, wer eigentlich was über die Wagrier erzählt hat.

Wer waren die Wagrier?

Gegen Ende des 7. Jahrhunderts wanderten slawischsprachige Gruppen in das weitgehend menschenleere Ostholstein ein. Die Gegend, die man später Wagrien nannte, umfasste grob das östliche Holstein bis an die Trave, samt Fehmarn. Die Wagrier waren einer der Teilstämme der Abodriten (auch Obodriten), eines Verbands westslawischer Gruppen zwischen Kieler Förde und Warnow. Zu diesem Verband gehörten außerdem die eigentlichen Abodriten im westlichen Mecklenburg und die Polaben um Ratzeburg.

Fränkische Quellen kennen die Abodriten seit dem späten 8. Jahrhundert als Verbündete Karls des Großen gegen die Sachsen. Später verschob sich das Machtgefüge: Die ottonischen Könige und die sächsischen Herzöge aus dem Haus der Billunger beanspruchten Tribut und Oberhoheit, die dänischen Könige mischten im Norden mit. Die abodritischen Fürsten mussten zwischen diesen Mächten lavieren – und taten das oft erstaunlich geschickt.

Wichtig für das Verständnis: Die Wagrier waren keine „Randfigur“ der Geschichte. Sie besaßen eine eigene Fürstenfamilie, eine eigene Hauptburg und ein dichtes Netz kleinerer Burgen und Dörfer. Ihre Sprache ist allerdings nur über Orts- und Personennamen fassbar.

Der Burgwall: Holzkästen voller Erde

Die erste Burg entstand nach heutigem Forschungsstand gegen Ende des 7. Jahrhunderts, etwa zwischen 680 und 700. Damit gehört Starigard zu den ältesten slawischen Burgwällen in Deutschland. Die Anlage lag auf einem eiszeitlichen Höhenzug nördlich des Oldenburger Grabens, einer feuchten Niederung, die damals eine Wasserverbindung zur Ostsee bot. Wer hier saß, kontrollierte Wege zu Land und zu Wasser.

Gebaut war der Wall in der typischen slawischen Technik: Man setzte Kästen aus Holzbalken, sogenannte Kastenkonstruktionen, aneinander und füllte sie mit Erde und Sand. So entstand eine massive, zugleich elastische Mauer, die man außen mit Palisaden und Brustwehren krönen konnte.

Genau das lässt sich in Oldenburg ablesen. Zunächst gab es eine ovale Hauptburg im Westen mit einer offenen Vorsiedlung im Osten. Im Lauf der Zeit wurde die Vorburg ebenfalls befestigt und mit der Hauptburg verbunden. In ihrer größten Ausdehnung maß die Anlage gut 220 Meter von West nach Ost und rund 100 Meter in der Breite; manche Darstellungen nennen bis zu 260 Meter Länge, je nachdem, welche Wallteile man mitrechnet. Nach außen ragten die Wälle stellenweise bis zu 18 Meter über das umliegende Gelände. Bemerkenswert ist eine Verlagerung: Der Fürstenhof wanderte irgendwann aus der alten Hauptburg in den östlichen, ehemals offenen Teil.

Gesicherter Befund: Ein mehrphasiger slawischer Burgwall in Holz-Erde-Kastenbauweise mit Bauanfängen um 700, Erweiterung zur zweiteiligen Großburg und intensiver Nutzung bis ins 12. Jahrhundert. Ab 1833 wurden große Teile der Wälle abgetragen, 1986/87 teilweise wieder aufgeschüttet.

Die Ausgrabungen: von Struve bis Gabriel

Dass wir über Starigard so viel wissen, verdanken wir vor allem zwei Grabungsperioden. Von 1953 bis 1958 untersuchte der Kieler Archäologe Karl Wilhelm Struve den Wall mit ersten Schnitten und Sondagen. Seine Ergebnisse bestätigten, was die Schriftquellen andeuteten: Hier lag ein Herrschaftszentrum ersten Ranges.

Die große Zeit kam dann zwischen 1973 und 1986. Unter der Leitung von Ingo Gabriel wurde jährlich gegraben – mit einer Pause in den späten 1970er Jahren, die Kampagnen liefen 1973 bis 1976 und 1979 bis 1986. Getragen wurde die Arbeit vom Kieler Institut für Ur- und Frühgeschichte; einen ersten großen Überblick gab Michael Müller-Wille 1991 heraus. Die Auswertung erschien in der Reihe „Starigard/Oldenburg“ in den Offa-Büchern, ab 1984 – und sie ist bis heute nicht ganz abgeschlossen. Die Grabfunde legten Ingo Gabriel und Torsten Kempke erst 2011 in einem eigenen Band vor.

Die Grabungen konzentrierten sich auf das Innere der Burg, besonders auf den Bereich des Fürstenhofs. Was dort zum Vorschein kam, gehört zum Spannendsten, was die frühmittelalterliche Archäologie an der deutschen Ostseeküste zu bieten hat.

Fürstenhallen nach fränkischem Muster

Im 9. und 10. Jahrhundert ließen die wagrischen Fürsten innerhalb der Burg mehrere große Hallen errichten, die einander zeitlich ablösten. Die älteste war ein zweischiffiger Pfostenbau mit einer langen Herdstelle in der Mitte. Werkzeugfunde zeigen, dass im selben Hof eine Feinschmiede arbeitete – die Fürsten hatten ihre Metallhandwerker also direkt neben sich.

Eine zweite Halle, datiert ins mittlere und späte 9. Jahrhundert, maß etwa 17 mal 12 Meter. Ihr Kern war ein nahezu quadratischer Raum mit einem Mittelpfosten, umgeben von Seitenschiffen. Eine dritte Halle aus dem frühen 10. Jahrhundert war rund 18 mal 6,5 Meter groß und hatte außen an den Langseiten Stützpfosten. Auch hier fanden sich Schmelztiegel, Metallreste und ein steingefasster Abzug – Spuren einer Werkstatt.

Das Spannende: Die Ausgräber sehen in der Grundrissgestaltung Anklänge an karolingische Pfalzen, also an die Wanderresidenzen der fränkischen Könige. Die Wagrier lebten nicht abgeschottet „im Wald“, sondern kannten die Repräsentationsarchitektur ihrer mächtigen Nachbarn und übernahmen, was ihnen passte. Die ungewöhnlich vielen Knochen von Greifvögeln im Fundmaterial deuten außerdem auf Beizjagd hin, die Jagd mit abgerichteten Falken und Habichten – ein Statussport der Eliten in ganz Europa. Die Archäozoologin Wietske Prummel hat diesem Befund einen eigenen Band gewidmet.

Eine Kirche über der Fürstenhalle

Um die Mitte des 10. Jahrhunderts änderte sich etwas Grundlegendes. An der Stelle der dritten Halle entstand ein Pfostenbau von wiederum etwa 18 mal 6,5 Metern, vor dessen Südwand Menschen bestattet wurden. Die Ausgräber deuten ihn als Kirche. In einer späteren Phase folgte ein rund 16 mal 6 Meter großer Bau auf Lehmfundamenten, ebenfalls als Kirche gedeutet, mit zahlreichen Gräbern im Inneren.

Alle Körpergräber hier sind west-östlich ausgerichtet, mit dem Kopf im Westen – ein typisches Merkmal christlicher Bestattung. Besonders auffällig sind zwei nebeneinanderliegende Gräber, in der Fachliteratur als Grab 74 und Grab 75 geführt, die westlich einer freien Fläche liegen, die man als Altarplatz deutet. In Grab 74 fanden sich ein Schwert, ein Kästchen mit Spielsteinen, Textilien mit Goldfäden, goldene Blechrasseln und eine goldene Filigranperle, vielleicht aus einem Reliquienbeutel. Grab 75 enthielt eine Bronzeschale und eine Lanzenspitze. Ob die Toten Hofämter innehatten, wie manche Forscher vermuten, bleibt eine Deutung. Sicher ist: Hier lag eine christliche Elite, und zwar mitten im Herzen der Fürstenburg.

Dazu passen weitere Funde: ein kleines Brustkreuz aus einem Kindergrab, Reste einer Glocke, Fragmente von zwei Reliquienkästchen. Starigard war im 10. Jahrhundert also nicht einfach eine „heidnische Burg“, in die Missionare von außen kamen. Teile der wagrischen Oberschicht hatten das Christentum angenommen – sicher auch aus politischem Kalkül, aber eben aus eigener Entscheidung.

Das Bistum Oldenburg: 968 oder 972?

Die Kirche in der Burg war mehr als eine Hofkapelle. Unter Kaiser Otto I. wurde Oldenburg Sitz eines Missionsbistums – des ersten im Land der Abodriten. Das Gründungsjahr ist umstritten: Traditionell wird 968 genannt, das Jahr, in dem Otto das Erzbistum Magdeburg einrichtete. Neuere Darstellungen, auch das Oldenburger Wallmuseum, sprechen von 972. Wir halten beides fest und sagen ehrlich: Ein genaues Gründungsdatum gibt die Überlieferung nicht her.

Klarer ist die kirchliche Zugehörigkeit. Oldenburg unterstand nicht Magdeburg, sondern dem Erzbistum Hamburg-Bremen unter Erzbischof Adaldag. Helmold von Bosau berichtet zwar, Otto habe das Bistum zunächst Magdeburg zuordnen wollen, Hamburg habe sich aber durchgesetzt. Zur Ausstattung gehörte nach Helmold eine jährliche Abgabe von jedem Pflug in Wagrien und im Abodritenland. Die Kirche war Johannes dem Täufer geweiht.

Bei den ersten Bischöfen zeigt sich gleich ein Problem der Quellen. Adam von Bremen nennt als ersten Bischof Egward (auch Evagrius), danach Wago und Ezico. Helmold, der rund hundert Jahre nach Adam schrieb und ihn ausgiebig benutzte, stellt einen Bischof Marco an den Anfang, der Wagrier und Abodriten getauft haben soll. Für diesen Marco gibt es keine unabhängige Bestätigung; die Forschung behandelt ihn mit großer Vorsicht.

983: Der große Aufstand

Im Jahr 983 erhoben sich die Slawen zwischen Elbe und Oder gegen die ottonische Herrschaft. Den Kern bildeten die Lutizen, ein Bund ostelbischer Stämme; die Abodriten unter ihrem Fürsten Mistiwoj beteiligten sich und plünderten nach dem Zeugnis Thietmars von Merseburg sogar Hamburg. Die Bistümer Havelberg und Brandenburg gingen verloren, und auch in Oldenburg endete die erste christliche Phase.

Archäologisch ist das deutlich zu sehen: Ein Brand zerstörte die Kirche und den Friedhof in der Burg. Danach geschah etwas Bemerkenswertes. Genau an der Stelle, wo der christliche Altar gestanden hatte, fand sich ein rund zwei Meter langer Steinsockel mit einem Pfostenloch – vermutlich der Standort eines Götterbildes. Ringsum lagen Pferdeschädel und Pferdeknochen, wahrscheinlich Reste von Kultmahlzeiten. Das Wallmuseum zeigt eine Rekonstruktion dieses Kultpfahls.

Man kann diesen Befund als Triumphzeichen lesen: Die alten Götter kehren an den Ort zurück, den die neue Religion besetzt hatte. Wichtig ist aber auch, was die Quellen andeuten: Die Wut richtete sich vor allem gegen Priester und Steuereintreiber, also gegen die sichtbaren Vertreter einer Fremdherrschaft, die Zehnt und Tribut forderte. Christliche Händler und Handwerker, so fasst es das Museum zusammen, blieben weitgehend unbehelligt. Aus slawischer Sicht war 983 weniger ein Kampf „gegen das Christentum“ als ein Befreiungsschlag gegen eine doppelte Abgabenlast.

Gesicherter Befund: Brandzerstörung von Kirche und Friedhof in der Burg, danach ein Steinsockel mit Pfostenloch am früheren Altarplatz und deponierte Pferdeknochen. Die Verbindung mit dem Aufstand von 983 ergibt sich aus der Datierung und den Schriftquellen.

Zwischen den Aufständen: Gottschalk und das kurze Christenreich

Nach 983 blieb Oldenburg nominell Bistum, doch die Bischöfe konnten ihren Sprengel oft gar nicht betreten. Ein zweiter Brandhorizont in der Burg um das Jahr 1000 wird vorsichtig mit einem weiteren Aufstand der Abodriten um 1018 in Verbindung gebracht – eine Deutung, die die Ausgräber selbst als möglich, nicht als sicher bezeichnen.

In der Mitte des 11. Jahrhunderts kam dann ein Mann an die Macht, der die Region wie kaum ein anderer verkörpert: Gottschalk, ein abodritischer Fürstensohn, der im Kloster Lüneburg erzogen worden war, dann im Dienst des dänischen Königs Knut stand und schließlich als Fürst zurückkehrte. Adam von Bremen schildert ihn als eifrigen Christen, der in den Kirchen selbst die Predigten der Geistlichen in die slawische Sprache übersetzte. Er war mit einer Tochter des dänischen Königs Sven Estridsen verheiratet. Unter ihm ließ Erzbischof Adalbert von Hamburg-Bremen das große Oldenburger Bistum aufteilen: Neben Oldenburg entstanden Bistümer in Ratzeburg und Mecklenburg.

Am 7. Juni 1066 wurde Gottschalk in Lenzen an der Elbe erschlagen. Der Aufstand, der nun folgte, fegte die Kirchenorganisation im Abodritenland ein zweites Mal hinweg. Adam berichtet, Bischof Johannes von Mecklenburg sei gefangen genommen und getötet worden, sein Kopf sei dem Gott Redigast in Rethra geweiht worden. In Oldenburg brannte die Kirche erneut. Neuer Machthaber wurde Kruto, ein Fürst, der dem Christentum nicht anhing und die Region bis gegen Ende des Jahrhunderts beherrschte. Für rund achtzig Jahre gab es in Oldenburg keinen Bischof mehr.

Die Kirchenchronisten sahen darin einen „Rückfall“. Für viele Wagrier war es eine Zeit, in der eigene Religion und eigene Fürsten wieder das Sagen hatten – und die Burg blieb weiter in Nutzung.

Eine Seestadt im Netz der Ostsee

Starigard war nicht nur Burg, sondern auch Hafen- und Handelsplatz. Adam von Bremen schreibt im zweiten Buch seiner Hamburgischen Kirchengeschichte, wer auf dem Seeweg zur großen Handelsstadt Jumne an der Odermündung – dem heutigen Wolin – wolle, besteige in Schleswig oder Oldenburg ein Schiff. Ein bemerkenswerter Satz: Er stellt die wagrische Burg auf eine Stufe mit dem dänischen Fernhandelszentrum an der Schlei, also mit Haithabu und seinem Nachfolger Schleswig.

Die Funde bestätigen diese Rolle. Werkzeuge, Waffen, Schmuck und Trachtbestandteile stammen aus verschiedenen Regionen Europas. Bronzene Beschläge des 10. Jahrhunderts tragen kosmologische Bildmotive. Die schon erwähnten Greifvogelknochen haben im Ostseeraum nur wenige Parallelen – in Groß Strömkendorf (das oft mit dem Handelsplatz Reric gleichgesetzt wird), in Haithabu und in Schleswig. Die Vögel könnten aus Skandinavien eingeführt worden sein. Viele der frühen Seehandelsplätze im südlichen Ostseeraum verloren im 10. Jahrhundert an Bedeutung. Starigard hielt sich.

Auch die Fürstenfamilien waren verflochten. Mistiwojs Tochter Tove wurde die Frau des dänischen Königs Harald Blauzahn. Das wissen wir nicht aus einer Chronik, sondern aus einem Runenstein: Auf dem Sønder-Vissing-Stein in Jütland ließ Tófa, „Tochter des Mistivoj“, ein Denkmal für ihre Mutter setzen. Gottschalk wiederum heiratete in die dänische Königsfamilie ein. Und im 12. Jahrhundert ließ sich der dänische Prinz Knud Lavard vom Kaiser die Herrschaft über die Abodriten übertragen. Die Grenze zwischen „Slawen“ und „Wikingern“ war also durchlässiger, als manche Karte glauben macht.

Wer verstehen will, wie dicht dieses Netz war, sollte Starigard zusammen mit anderen Orten an der Südküste der Ostsee betrachten: mit Ralswiek auf Rügen, mit Wolin, mit Reric. Und mit dem Danewerk, dem großen dänischen Grenzwall, der nur rund 90 Kilometer Luftlinie weiter nordwestlich die Südgrenze des dänischen Reichs sicherte. Mehr über diesen Kontaktraum findest du in unserem Beitrag über die Wikinger in der Ostsee und das Land der Wenden.

Adam und Helmold: Zeugen mit eigener Agenda

Fast alles, was wir schriftlich über Starigard wissen, stammt von zwei Geistlichen. Adam von Bremen schrieb seine „Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum“, die Geschichte der Hamburger Erzbischöfe, um 1075/76. Helmold von Bosau, Pfarrer in Bosau am Großen Plöner See, verfasste seine „Chronica Slavorum“ um 1163 bis etwa 1172. Für die frühe Zeit hat Helmold Adam weitgehend ausgeschrieben; für seine eigene Gegenwart war er Augenzeuge.

Beide Werke sind unverzichtbar. Beide sind aber keine neutralen Berichte. Adam schrieb, um die Ansprüche seines Erzbistums auf die Mission im Norden zu untermauern. Helmold war Teil der Kolonisation Wagriens, ein Schüler Vicelins und Begleiter Bischof Gerolds. Wenn er von Tempeln, Götterbildern und Priestern spricht, schreibt er aus Missionarsperspektive. Manches beruht auf eigener Anschauung, anderes auf Hörensagen oder auf literarischen Mustern, die ein christlicher Leser erwartete.

Zugleich ist Helmold differenzierter, als man ihm oft zutraut. Er kritisiert offen die Habgier sächsischer Fürsten und lässt erkennen, dass Steuerdruck die Bekehrung der Slawen behinderte. Für die Quellenkritik heißt das: Ortsnamen, Abläufe und Personen sind oft brauchbar, Zahlen und Wertungen mit Vorsicht zu genießen, Schilderungen heidnischer Kulte erst recht. Die Archäologie ist hier ein wichtiges Korrektiv – sie zeigt etwa die frühe christliche Elite, über die die Chroniken kaum etwas sagen.

Mythos-Check: „Die Slawen waren ein primitives Heidenvolk, das sich gegen die Zivilisation stemmte.“ Falsch. Die Wagrier bauten Hallen nach fränkischem Muster, trieben Fernhandel, jagten mit Falken und hatten im 10. Jahrhundert eine christliche Oberschicht. Die Aufstände von 983 und 1066 richteten sich gegen Tribut, Zehnt und Fremdherrschaft. Das Bild vom „wilden Heiden“ stammt aus Chroniken, die genau diese Herrschaft rechtfertigen sollten.

Das Ende der alten Burg

Im 12. Jahrhundert verschoben sich die Gewichte endgültig. Die Grafen von Holstein aus dem Haus Schauenburg drangen nach Wagrien vor, 1143 gründete Graf Adolf II. Lübeck neu, und in den folgenden Jahren holte man Siedler aus Flandern, Holland, Westfalen und Holstein ins Land. Die Burgsiedlung auf dem Wall endete um 1149; der Siedlungsschwerpunkt verlagerte sich westlich des heutigen Marktplatzes.

1149 weihte Erzbischof Hartwig von Bremen den Missionar Vicelin zum Bischof von Oldenburg – der Bischofsstuhl war damit nach rund achtzig Jahren wieder besetzt. Vicelin starb 1154. Sein Nachfolger Gerold, ein Kaplan Heinrichs des Löwen, wurde 1155 in Rom von Papst Hadrian IV. geweiht. Helmold begleitete ihn, und seine Schilderung dieser Jahre gehört zu den lebendigsten Passagen der Chronik.

Nach Helmold kam Gerold im Winter in die alte Bischofsstadt und traf dort auf den christlichen Wagrierfürsten Pribislaw. Helmold legt ihm eine Rede in den Mund, in der er die Härte der deutschen Fürsten beklagt: Steuern und Dienste lasteten so schwer auf seinem Volk, dass es kaum noch wisse, wie es leben solle. Wie wörtlich diese Rede ist, wissen wir nicht – Helmold formte sie wie ein antiker Geschichtsschreiber. Aber dass er sie überhaupt aufnahm, sagt viel. Bei derselben Reise ließen Gerold und seine Begleiter, darunter Helmold selbst, den heiligen Hain des Gottes Prove zerstören, des „Gottes des Aldenburger Landes“. Die Örtlichkeit wird heute oft mit dem Wienberg bei Oldenburg verbunden; sicher belegt ist das nicht.

Um 1156 begann man in Oldenburg mit dem Bau der St.-Johannis-Kirche aus Backstein, einer der ältesten Backsteinkirchen im Norden Europas. Sie sollte Bischofskirche werden. Doch es kam anders: Um 1160 verlegte Heinrich der Löwe auf Gerolds Wunsch den Bischofssitz nach Lübeck, das als Handelsstadt aufblühte. 1163 weihte Gerold dort den ersten, noch hölzernen Dom und starb im selben Jahr. Aus dem Bistum Oldenburg wurde das Bistum Lübeck.

Der alte Wall hatte trotzdem noch nicht ausgedient. Nach 1200 nutzte der dänische König Waldemar II. die Reste für eine neue Burg; nach der Schlacht von Bornhöved 1227 kam sie an die Holsteiner Grafen. 1261 wurde sie belagert und zerstört, eine Brandschicht bezeugt das Ende. Seitdem ist der Oldenburger Wall vor allem eins: ein Denkmal.

Starigard heute: das Oldenburger Wallmuseum

Heute liegt der Wall mitten in der Stadt, teilweise wieder aufgeschüttet und frei begehbar. Gleich daneben zeigt das Oldenburger Wallmuseum die Funde der Ausgrabungen. Im Freigelände stehen rekonstruierte Häuser, eine Handwerkergasse, eine Hafensiedlung mit Schiffen und ein nachgebauter Kultplatz nach dem Vorbild von Groß Raden in Mecklenburg. In der Ausstellung siehst du unter anderem die Rekonstruktion des Kultpfahls und eine Figurengruppe, die die Taufe eines Fürsten zeigt.

Das Museum ist in der Regel von April bis Oktober geöffnet, im Winter nur für Gruppen nach Anmeldung. Prüfe die aktuellen Zeiten vorab. Wenn du eine Reise entlang der Ostseeküste planst, passt Starigard hervorragend in eine Route mit Haithabu und dem Danewerk; Tipps dazu findest du in unserem Überblick Wikinger erleben: Museen und Fundorte und bei den Wikinger-Spuren in Deutschland.

Uns fasziniert an Starigard, dass Geschichte hier nicht in Schubladen passt: slawische Fürsten in Hallen nach fränkischem Vorbild, eine Kirche über der Fürstenhalle, ein Götterbild auf dem Altarplatz, eine abodritische Fürstentochter als dänische Königin.

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Häufige Fragen

Was bedeutet Starigard? Starigard heißt „alte Burg“. Deutsche Chronisten übersetzten den Namen als Aldinburg oder Aldenburg, daraus wurde der heutige Stadtname Oldenburg in Holstein.

Wer lebte in Starigard? Die slawischen Wagrier, ein Teilstamm der Abodriten. Starigard war ihre Hauptburg und der Sitz ihrer Fürsten vom späten 7. bis ins 12. Jahrhundert.

Wann wurde das Bistum Oldenburg gegründet? Unter Otto I., traditionell 968, nach neueren Darstellungen 972. Es gehörte zum Erzbistum Hamburg-Bremen und wurde um 1160 nach Lübeck verlegt.

War Oldenburg in Holstein eine Wikingerstadt? Nein. Starigard war ein slawischer Fürstensitz. Es stand aber in engem Kontakt mit Dänemark und Haithabu, und die Fürstenfamilien heirateten untereinander.

Was passierte 983 und 1066 in Oldenburg? Bei beiden großen Slawenaufständen wurde die Kirche in der Burg zerstört. Nach 983 errichteten die Wagrier am früheren Altarplatz offenbar ein Götterbild, nach 1066 blieb das Bistum rund 80 Jahre unbesetzt.

Kann man den Oldenburger Wall besichtigen? Ja. Der Wall liegt frei zugänglich in der Innenstadt, das Oldenburger Wallmuseum daneben zeigt Funde und ein Freigelände mit Rekonstruktionen.

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