Im Sommer 1939, wenige Wochen vor Kriegsbeginn, grub ein Mann ohne akademischen Abschluss in einem Hügel in Suffolk und stieß auf etwas, das die Geschichte des frühmittelalterlichen Englands neu geschrieben hat: ein Schiff von siebenundzwanzig Metern, begraben unter der Erde – und darin einen Schatz, der bis nach Byzanz und Skandinavien reicht.
Das Merkwürdigste daran: Das Schiff war gar nicht mehr da.
Auf dem Anwesen von Edith Pretty bei Woodbridge, oberhalb des Flusses Deben, lagen achtzehn Grabhügel. Sie hatte sich lange gefragt, was darin steckt, und beauftragte 1938 einen örtlichen Ausgräber: Basil Brown, Autodidakt, angestellt beim Ipswich Museum, mit einem Gespür für Boden, das man nicht lernen kann.
1938 öffnete er drei Hügel. Alle waren in früherer Zeit beraubt worden. Im Mai 1939 begann er mit dem größten.
Was er fand, waren zunächst Nieten. Eiserne Schiffsnieten, in regelmäßigen Reihen, an genau den Stellen, an denen sie gesessen hatten. Das Holz war im sauren Sandboden vollständig vergangen – geblieben war ein Abdruck: eine dunkle Verfärbung im Sand, die exakt die Form des Rumpfes zeichnete.
Als klar wurde, wie groß der Fund war, übernahmen Fachleute aus Cambridge und London die Grabung. Ein Gerichtsverfahren nach dem englischen Schatzregal-Recht erklärte den Fund im August 1939 zum Eigentum der Grundeigentümerin. Edith Pretty schenkte ihn dem British Museum – bis heute eine der größten Schenkungen, die dieses Museum von einer lebenden Person erhalten hat.
Wenige Tage später begann der Krieg. Die Funde wurden eingelagert, unter anderem in einem stillgelegten Tunnel der Londoner U-Bahn. Die eigentliche Auswertung begann erst nach 1945.
Das Schiff maß rund 27 Meter, klinkergebaut, mit überlappenden Planken, die mit etwa zweitausend Eisennieten verbunden waren. Es war breit in der Mitte, hochgezogen an den Enden, und es hatte offenbar keinen Mastfuß – es wurde gerudert, nicht gesegelt. Ganz sicher ist das nicht, denn erhalten war nur der Abdruck.
Man muss sich den Aufwand klarmachen: ein seetüchtiges Schiff, den Hang hinaufgezogen, in einen ausgehobenen Graben gesetzt, in der Mitte eine Grabkammer errichtet, alles mit Erde überdeckt. Das ist keine Bestattung, das ist eine Demonstration.
Das berühmteste Stück ist ein Helm, und er ist zugleich das beste Beispiel dafür, wie Archäologie arbeitet.
Gefunden wurde er in über fünfhundert Fragmenten. Was heute im British Museum steht, ist eine Zusammensetzung – und zwar die zweite. Die erste Rekonstruktion entstand 1945/46 unter Herbert Maryon. In den 1960er Jahren wuchsen die Zweifel an ihr, und Nigel Williams baute sie 1970/71 vollständig neu auf. Die heutige Form ist begründet, aber sie ist eine Interpretation von Bruchstücken.
Der Helm hat eine feste Kalotte, Wangenklappen, einen Nackenschutz und – das Auffälligste – eine Gesichtsmaske. Nasensteg, Brauen und Schnurrbart bilden zusammen die Gestalt eines fliegenden Vogels oder Drachens: Der Nasenrücken ist der Leib, die Brauen sind die Flügel, und darüber sitzt ein Tierkopf. Wer das Gesicht des Trägers ansah, sah zugleich ein Tier.
Die Kalotte war mit verzinnten Bronzeblechen belegt, auf denen figürliche Szenen gepresst sind: zwei tanzende Krieger mit gekreuzten Speeren und gehörnten Kopfbedeckungen, sowie ein Reiter, der über einen gestürzten Gegner hinwegsetzt, während dieser von unten zusticht.
Angelsächsische Helme sind extrem selten – man kennt bis heute nur eine Handvoll aus ganz England. Dieser hier hat seine nächsten Verwandten nicht in England, sondern in Schweden.
In Uppland, nördlich von Stockholm, liegen die Bootsgräberfelder von Vendel und Valsgärde. Sie stammen aus dem 6. bis 8. Jahrhundert, also teils aus derselben Zeit wie Sutton Hoo, teils später.
Die Übereinstimmungen sind auffällig: Helme mit Kalotte und Pressblechen, dieselbe Machart der figürlichen Szenen, Schildbeschläge mit Raubvogel- und Drachenmotiven, Bootsbestattung als Form. Der Sutton-Hoo-Schild gilt vielen Fachleuten sogar als schwedische Arbeit oder als Arbeit nach schwedischem Vorbild.
Was das bedeutet, ist offen. Manche sehen darin eine dynastische Verbindung der ostanglischen Königsfamilie nach Skandinavien, andere schlicht einen gemeinsamen Formenkreis der nordseeanrainenden Eliten – gleiche Mode, gleiche Werkstättentradition, kein Verwandtschaftsbeweis.
Sicher ist nur: Diese Leute kannten einander. Mehr zur Grabform in unserem Beitrag über die Bootsbestattung.
Die Grabkammer war voll, und fast jedes Stück zeigt in eine andere Himmelsrichtung.
Die große Goldschnalle wiegt 412 Gramm und ist über ihre ganze Fläche mit verschlungenem Tierornament überzogen, in Niello abgesetzt. Sie ist hohl und lässt sich öffnen – wozu, weiß niemand.
Die Schulterspangen sind Goldschmiedearbeit auf höchstem Niveau: Hunderte einzeln zugeschnittene Granate in Zellwerk gesetzt, dazwischen Millefiori-Glas, und in den Feldern ineinander verbissene Eber. Die Granate stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus Indien oder Sri Lanka.
Der Geldbeuteldeckel enthielt 37 merowingische Goldmünzen, dazu drei ungeprägte Ronden und zwei kleine Barren. Diese Münzen liefern das Datum: Ihre Prägezeit reicht bis in die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts, und die Niederlegung wird meist um 620 bis 625 angesetzt. Die numismatische Datierung ist im Lauf der Jahrzehnte mehrfach korrigiert worden – man sollte sie als Spanne lesen, nicht als Jahreszahl.
Dazu ein steinernes Zepter mit geschnitzten Gesichtern und einem bronzenen Hirsch auf der Spitze; ein eiserner Ständer, der als Feldzeichen gedeutet wird; die Reste einer Leier; Trinkhörner mit Silberbeschlägen.
Und schließlich das Silber, das den weitesten Weg hinter sich hatte: eine große Silberschale mit Kontrollstempeln des oströmischen Kaisers Anastasius (regierte 491–518), also ein zur Zeit der Bestattung schon über hundert Jahre altes Stück; eine Serie ineinandergestellter Silberschalen; und zwei Silberlöffel mit griechischen Inschriften, SAULOS und PAULOS.
Die Löffel werden oft als Taufgeschenk gedeutet – Saulus, der zu Paulus wird. Die Lesung des ersten Namens ist allerdings umstritten; möglich ist auch ein verschnittener zweiter Paulos.
Ein Leichnam wurde nicht gefunden. Das hat lange die Vermutung getragen, es handle sich um ein Kenotaph, ein leeres Erinnerungsgrab.
Phosphatanalysen in den 1960er Jahren ergaben erhöhte Werte im Bereich zwischen den Beigaben – ein Hinweis darauf, dass ein Körper vorhanden war und im sauren Sand restlos vergangen ist. Die Anordnung der Fundstücke passt dazu: Sie liegen so, wie sie um einen Leichnam herum gelegen hätten.
Der meistgenannte Kandidat ist Rædwald, König von Ostanglien, gestorben um 624/625. Für ihn spricht die Zeitstellung, der Rang der Ausstattung und eine Bemerkung bei Beda: Rædwald habe in einem Tempel zwei Altäre gehabt – einen für Christus und einen für die alten Götter. Das passt zu einem Grab, in dem christliche Löffel neben einem heidnischen Bootsbegräbnis liegen.
Nur: Nichts in diesem Grab nennt einen Namen. Kein Stein, keine Inschrift, kein Münzporträt. Rædwald ist die beste Vermutung, nicht die Antwort.
Kaum ein Fund wird so oft mit einem Gedicht zusammengebracht wie dieser.
Beowulf beginnt mit einer Schiffsbestattung: Scyld Scefing wird mit Schätzen beladen aufs Wasser gesetzt, und der Dichter sagt, niemand wisse, wer diese Ladung empfangen habe. Später im Gedicht wird ein Held unter einem Hügel am Meer begraben, mit Gold, das niemandem mehr nützt. Dazu kommen Helme mit Ebersymbolen, Ringgeber, Met-Hallen – vieles, was Sutton Hoo im Boden zeigt.
Die Versuchung, beides zu verkoppeln, ist groß. Man sollte ihr nur bedingt nachgeben.
Das Problem ist die Datierung. Die einzige Handschrift des Beowulf stammt aus der Zeit um 1000. Wann das Gedicht entstand, ist eine der am härtesten umstrittenen Fragen der Altenglistik – die Vorschläge reichen vom 8. bis ins 11. Jahrhundert. Wenn das Gedicht spät ist, beschreibt es eine Vergangenheit, die es nur aus Erzählungen kannte.
Was man sagen kann: Sutton Hoo und Beowulf beschreiben dieselbe Welt – eine Adelskultur zwischen England und Skandinavien, in der Schiffe, Gold und Gefolgschaft zusammengehören. Was man nicht sagen kann: dass das eine das andere belegt.
Sutton Hoo ist kein Einzelgrab, sondern ein Gräberfeld, und die späteren Grabungen haben das Bild erweitert.
Hügel 2 enthielt ebenfalls ein Schiffsgrab, war aber im 19. Jahrhundert ausgeräumt worden. Hügel 17, 1991 unberührt gefunden, barg einen jungen Mann mit Schwert und Ausrüstung – und daneben, in einer eigenen Grube, sein Pferd samt Geschirr.
Am östlichen Rand liegt eine Gruppe von Gräbern ganz anderer Art: Sandkörper, Verfärbungen in ungewöhnlichen Haltungen, teils ohne Kopf. Sie werden als Hinrichtungsstätte gedeutet und gehören in eine deutlich spätere Zeit, als der Platz längst nicht mehr königliches Gräberfeld war, sondern Richtstätte.
Derselbe Hügel, zwei Jahrhunderte, zwei völlig verschiedene Bedeutungen.
„Ein Wikingergrab.“ Nein – und zwar um rund zweihundert Jahre daneben. Sutton Hoo ist angelsächsisch und datiert ins frühe 7. Jahrhundert. Der erste Wikingerüberfall auf England, Lindisfarne, fällt ins Jahr 793. Die Bootsbestattung ist eine gemeinsame nordeuropäische Tradition, keine wikingerzeitliche Erfindung.
„So sah der Helm aus.“ Er sah ungefähr so aus. Aus fünfhundert Bruchstücken wurde zweimal ein Helm gebaut, und die zweite Fassung widerspricht der ersten in wesentlichen Punkten. Wer die Nachbildungen im Museumsshop sieht, sieht den Forschungsstand von 1971.
„Die dunklen Jahrhunderte waren arm und abgeschnitten.“ In einem Grab in Suffolk lagen byzantinisches Silber, merowingisches Gold, indische Granate und Schmuck nach schwedischem Vorbild. Der Begriff „dark ages“ beschreibt die Quellenlage, nicht die Zeit.
Sutton Hoo hat eine Epoche aus dem Dunkel geholt, über die es kaum Schriftquellen gibt. Es zeigt Handwerk auf einem Niveau, das man dem 7. Jahrhundert in England nicht zugetraut hatte, und Verbindungen über halbe Kontinente hinweg.
Und es zeigt etwas, das uns bei jedem Motiv beschäftigt: Vieles, was wir zu sehen glauben, ist Rekonstruktion. Das Schiff ist ein Abdruck. Der Helm ist zusammengesetzt. Der Tote ist eine Vermutung. Das macht den Fund nicht schwächer – man muss es nur dazusagen.
Weiterlesen bei uns: Bootsbestattung · Haithabu · Bestattung · Runen
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