Am weitesten nach Nordwesten, bis fast an die Kimbrische Halbinsel, reichte das Slawenland – bei den Wagriern in Ostholstein, deren Geschichte ein Priester vor Ort aufschrieb.
Der westlichste aller Slawenstämme saß dort, wo man es kaum vermutet: in Ostholstein, zwischen Kieler Förde, Trave und Ostsee. Die Wagrier gehörten zum Bund der Obodriten, bildeten aber ein eigenes Fürstentum – und ihre Geschichte ist so gut überliefert wie die kaum eines anderen Elbslawen, weil ein Chronist mitten unter ihnen lebte.
Wagrien umfasste den Osten des heutigen Schleswig-Holstein. Kernburg war Starigard („Altenburg"), das deutsche Oldenburg in Holstein – ein mächtiger Ringwall, Fürstensitz und Kultplatz zugleich. Die Wagrier lebten von Ackerbau, Fischfang und dem Ostseehandel; ihre Lage an der Grenze zu den Sachsen und Dänen machte sie zu einem ständigen Puffer- und Kampfgebiet zwischen den Mächten.
968 wurde in Starigard/Oldenburg ein Bistum gegründet – der westlichste Vorposten der Kirche im Slawenland. Doch die Christianisierung verlief nicht geradlinig: Der große Slawenaufstand und später die Herrschaft des heidnischen Fürsten Kruto im späten 11. Jahrhundert warfen sie zurück. Erst im 12. Jahrhundert setzte sich das Christentum dauerhaft durch, getragen von Missionaren wie Vicelin. Die wechselvolle Geschichte zeigt, wie zäh der alte Glaube auch bei den westlichsten Slawen war.
Was wir über die Wagrier – und über die Elbslawen überhaupt – wissen, verdanken wir zu einem großen Teil einem einzigen Mann: Helmold von Bosau, Priester im wagrischen Bosau am Großen Plöner See. Seine Chronica Slavorum ist die wichtigste Quelle zur Geschichte und Religion der Elbslawen im 12. Jahrhundert. Weil Helmold selbst unter Slawen lebte, sind seine Schilderungen der Götter, Haine und Bräuche ungewöhnlich anschaulich – auch wenn sie die Sicht eines christlichen Missionars bleiben.
Im 12. Jahrhundert eroberten die Grafen von Schauenburg und Holstein das Land endgültig. Mit der deutschen Ostsiedlung kamen sächsische, holländische und flämische Bauern; sie legten Sümpfe trocken, gründeten Dörfer und Städte. Die wagrische Bevölkerung ging über die Generationen in der neuen Ordnung auf, das Land wurde zu Holstein. Auch Lübeck entstand in diesem Grenzraum – aus dem slawischen Alt-Lübeck (Liubice) wurde die deutsche Hansestadt.
Die Wagrier hinterließen ihre Ringwälle, ihre Ortsnamen und – über Helmold – eines der wichtigsten Geschichtswerke des Nordens. Wer heute in Ostholstein Orte auf -ow, -in oder -itz findet, hört einen slawischen Nachklang. Die Wagrier erinnern daran, dass die Grenze zwischen „germanisch" und „slawisch" quer durch Norddeutschland lief – und dass beide Welten dieses Land gemeinsam geformt haben.
Die Wagrier standen im Zentrum der großen Glaubenskämpfe des 11. Jahrhunderts. Als der christliche Obodritenfürst Gottschalk 1066 im heidnischen Aufstand fiel, riss der wagrische Fürst Kruto die Macht an sich und machte das Land für eine Generation wieder heidnisch. Erst nach seiner Ermordung und der Rückkehr christlicher Fürsten kam die Kirche zurück. Diese Jahrzehnte zeigen, dass die Christianisierung der Elbslawen kein einmaliger Akt war, sondern ein langes Hin und Her aus Mission, Aufstand und Rückeroberung.
Wie ihre Nachbarn lebten die Wagrier in Ringwallburgen und Dörfern, betrieben Ackerbau und Fischfang und handelten über die Ostsee. Starigard/Oldenburg war Fürstensitz, Markt und Heiligtum zugleich; das nahe Alt-Lübeck (Liubice) war ein bedeutender Handelsplatz, ehe die Deutschen das neue Lübeck gründeten. Slawische Keramik, Hacksilber und die mächtigen Wälle zeugen bis heute von dieser Welt.
Fast alle Schriftquellen zur slawischen Geschichte stammen von ihren Nachbarn und Gegnern – deutschen, dänischen, byzantinischen und arabischen Autoren. Sie schrieben aus der Ferne oder aus christlicher bzw. islamischer Sicht, oft mit eigener Absicht. Deshalb ist die Archäologie so wichtig: Burgwälle, Münzhorte, Gräber und Handelsfunde ergänzen und korrigieren das Bild der Texte. Erst beide zusammen ergeben ein ehrliches Bild – und genau so trennen wir hier, was belegt ist, von dem, was Deutung bleibt.
Die Wagrier lebten in einer der gefährlichsten Grenzlagen des Nordens: im Westen die Sachsen und das Reich, im Norden die Dänen, im Osten der eigene Obodritenbund. Diese Lage machte sie zu Kriegern und Vermittlern zugleich – mal verbündet, mal überfallen. Ihre Häfen und Burgen waren Umschlagplätze zwischen slawischer, sächsischer und skandinavischer Welt; slawische Keramik findet sich in Haithabu, nordische Waren in den wagrischen Burgen. So waren die Wagrier ein Scharnier im Ostseehandel, kein abgelegener Winkel.
Wer heute durch Ostholstein fährt, begegnet dem wagrischen Erbe überall: in Ortsnamen, in den mächtigen Ringwällen und im rekonstruierten Wallmuseum Oldenburg, das eine slawische Burg wieder lebendig macht. Die Wagrier erinnern daran, dass Schleswig-Holstein nicht nur germanisch-dänisch, sondern auch slawisch geprägt ist – ein oft vergessenes Kapitel direkt an der Ostsee.
Die Wagrier zeigen wie kaum ein anderer Stamm, dass die Grenze zwischen „germanisch" und „slawisch" quer durch Norddeutschland lief – und durchlässig war. Hier lebten Slawen, Sachsen, Dänen und skandinavische Händler Tür an Tür, im Wechsel von Krieg, Handel und Mission. Dass ausgerechnet in Ostholstein, fast an der Grenze zu Dänemark, jahrhundertelang ein slawisches Fürstentum bestand, überrascht bis heute. Es ist ein Kapitel, das erst die moderne Archäologie und die Chronik Helmolds wieder sichtbar gemacht haben – und das den Norden vielschichtiger macht, als es die alten Nationalgeschichten wollten.
Die Mission trug hier bekannte Namen: Vicelin, von Neumünster aus wirkend, gilt als Apostel der Wagrier; das von ihm geprägte Chorherrenstift wurde zur Basis der Christianisierung Ostholsteins. Dass die Kirche mehrfach neu beginnen musste – nach Aufständen, nach Krutos heidnischer Herrschaft –, zeigt, wie hart der Kulturwandel an dieser Grenze war. Erst mit den Grafen von Holstein und der deutschen Ostsiedlung wurde er endgültig.
Das Ende der wagrischen Eigenständigkeit kam mit der deutschen Ostsiedlung: Graf Adolf II. von Schauenburg holte ab 1143 Siedler aus Holstein, Westfalen und Friesland ins Land und gründete im selben Jahr Lübeck neu. Als Bischof Gerold 1156 nach Oldenburg kam, fand er den einst blühenden Fürstensitz verlassen vor – ein Sinnbild dafür, wie rasch sich die Machtverhältnisse verschoben. Was blieb, sind slawische Ortsnamen auf -in und -ow quer durch Ostholstein und die Erinnerung an ein Grenzland, in dem Slawen, Sachsen und Dänen über Jahrhunderte um dieselben Küsten rangen.
„Die Wagrier sind der tapferste unter den slawischen Stämmen, weil sie den Sachsen am nächsten wohnen."nach Helmold von Bosau, Chronica Slavorum (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Die Obodriten · Starigard / Oldenburg · Die Lutizen.
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