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Die Lutizen: Ein Bund ohne König

Geschichte & Funde Die Lutizen: Ein Bund ohne König Ein Bund freier Stämme, der keinen Fürsten duldete, sondern in der Volksversammlung entschied – und dessen heidnisches Heiligtum Rethra ganz Norddeutschland in Atem hielt.

Östlich der Obodriten, zwischen Elbe und Oder, lebte ein slawischer Verband, der sich von allen Nachbarn unterschied: die Lutizen (auch Liutizen), von den Franken früher Wilzen genannt. Ihre Besonderheit: Sie hatten keinen König. Statt eines Fürsten regierte die Volksversammlung – ein heidnischer Stämmebund, zusammengehalten weniger durch Herrschaft als durch einen gemeinsamen Kult.

Ein Bund von vier Stämmen

Der Kern der Lutizen bestand aus vier Stämmen: den Redariern, Circipanen, Kessinern und Tollensern. Wichtige Entscheidungen fielen gemeinsam; wer sich nicht fügte, wurde mit Geldbußen oder Gewalt gezwungen. Der Chronist Thietmar von Merseburg staunte darüber, dass dieses Volk ohne Oberhaupt auskam: „Einen Herrn haben sie nicht." Für die feudale Welt der Sachsen und Franken war das kaum vorstellbar – und für die Chronisten ein Zeichen von Wildheit. Aus heutiger Sicht war es eher eine frühe Form kollektiver Selbstverwaltung, getragen von freien Kriegern, die keinem Herrn dienen wollten.

Karl der Große gegen die Wilzen

Schon 789 zog Karl der Große gegen die Wilzen, überschritt die Elbe und zwang ihren Anführer Dragovit zur Unterwerfung. Es war eine der weitesten Ostexpeditionen des Frankenreichs. Doch die Unterwerfung blieb oberflächlich: Immer wieder brach der Bund die Abhängigkeit und blieb über Jahrhunderte ein eigenständiger, heidnischer Machtfaktor an der Nordostgrenze des Reiches.

Rethra: das Heiligtum im Sumpf

Das Herz des Bundes war kein Fürstensitz, sondern ein Tempel. In Rethra (auch Riedegost), das in einem sumpfigen, von Wäldern umgebenen Land lag, verehrten die Redarier den kriegerischen Gott Zuarasici (Svarožić), oft mit Radegast gleichgesetzt. Thietmar von Merseburg beschreibt einen hölzernen Tempel mit mehreren Toren, in dem die Götterbilder mit Namen und Helmen standen, dazu die Feldzeichen des Heeres, die man nur zum Krieg herausholte. Vor jedem Feldzug befragte man das Orakel: Man warf das Los und ließ ein heiliges Pferd über gekreuzte Speere schreiten. Rethra war das geistige Zentrum, das die vier Stämme zusammenhielt.

Slawisches Kultbild – der Zbrucz-Idol (Swetowid), Beispiel eines mehrköpfigen Slawengottes
Ein slawisches Kultbild: der Zbrucz-Idol (Swetowid, ~9./10. Jh., Ostslawen). Von den Götterbildern Rethras ist nichts erhalten – dieser Fund zeigt, wie mehrköpfige Slawengötter aussehen konnten. Foto gemeinfrei.

Der große Aufstand von 983

983 kam der große Schlag: In einem gewaltigen Slawenaufstand warfen die Lutizen die deutsche Herrschaft und die Kirche ab. Die jungen Bistümer Havelberg und Brandenburg wurden zerstört, Priester vertrieben oder getötet, das Christentum östlich der Elbe für rund zwei Jahrhunderte zurückgeworfen. Der Aufstand war nicht nur ein politischer, sondern ein religiöser Akt: eine bewusste Rückkehr zum alten Glauben, getragen vom Kult von Rethra.

Heiden im Bündnis mit dem Kaiser

Es folgte eine der merkwürdigsten Allianzen des Mittelalters. Im großen Krieg zwischen Kaiser Heinrich II. und dem christlichen Polenherzog Bolesław Chrobry kämpften die heidnischen Lutizen an der Seite des christlichen Kaisers – mit ihren Götterbildern im Heer. Für Heinrich war das ein politischer Skandal, den ihm die Kirche vorwarf; für die Lutizen war es der Preis ihrer Unabhängigkeit. Das Bündnis zeigt, wie sehr Machtpolitik über Glaubensgrenzen hinweggehen konnte.

Untergang durch Bruderkrieg

Was die Feinde nicht schafften, schaffte der innere Zwist. Um 1057 zerbrach der Bund in einem Bruderkrieg zwischen den eigenen Stämmen; Rethra verlor an Bedeutung, der Kult wanderte teils nach Arkona auf Rügen. Geschwächt fielen die Lutizenlande im 12. Jahrhundert an die Obodriten, Sachsen und den Wendenkreuzzug. Ihre Erben verschmolzen in der Mark Brandenburg und Pommern.

Eine Gesellschaft ohne Herren

Warum kam ein ganzes Volk ohne König aus? Die Lutizen waren eine ausgesprochen egalitäre Kriegergesellschaft: Freie Bauern und Krieger entschieden gemeinsam, Beute und Land wurden verteilt, ein zu mächtiger Anführer galt als Gefahr. Zusammengehalten wurde der Bund nicht durch eine Dynastie, sondern durch den gemeinsamen Kult und die Furcht vor dem Gott von Rethra. Diese Form der Herrschaft war zerbrechlich – sie funktionierte, solange äußerer Druck und religiöse Einheit die Stämme verbanden, und zerfiel, sobald beides nachließ. Genau diese Verbindung von Freiheit und Kult macht die Lutizen zu einem der faszinierendsten Völker des frühmittelalterlichen Nordens.

Das Pferdeorakel und die Feldzeichen

Der Kult von Rethra war ganz auf den Krieg ausgerichtet. Thietmar berichtet, dass die Feldzeichen des Bundes im Tempel aufbewahrt und nur zum Krieg herausgetragen wurden – wer sie beschädigte, wurde hart bestraft. Vor jedem Feldzug befragte man das heilige Pferd: Der Priester führte es über gekreuzte Speere; die Reihenfolge der Hufe entschied über Krieg oder Frieden. Dazu warf man das Los auf beschriftete Stäbchen. So war das Heiligtum zugleich Kriegsrat und Orakel – ein religiöses Zentrum, das politische Entscheidungen traf.

Die vier Stämme und ihr Land

Die Redarier um Rethra galten als führender Stamm; die Tollenser saßen an der Tollense, die Circipanen zwischen Peene und Recknitz, die Kessiner an der Warnow. Gerade die Tollense-Region ist heute berühmt für einen ganz anderen Fund – das bronzezeitliche Schlachtfeld im Tollensetal –, doch auch im slawischen Mittelalter war dieses wasserreiche Land ein Kernraum. Nach dem Zerfall des Bundes gingen die Lutizenlande in Pommern und der Mark Brandenburg auf; die deutsche Ostsiedlung überformte Dörfer und Namen, doch der slawische Untergrund blieb in unzähligen Ortsnamen erhalten. Bezeichnend ist, dass ausgerechnet das Kernland Brandenburgs – darunter Berlin, ein Name slawischen Ursprungs – auf Lutizenboden wuchs. Der heidnische Bund, der einst Kaisern trotzte, wurde über die Jahrhunderte zum unsichtbaren Fundament eines neuen deutschen Ostens. Für unsere Manufaktur ist das mehr als eine Fußnote: Wer ein slawisches oder nordisches Motiv gravieren lässt, berührt eine gemeinsame Ostsee-Vergangenheit, in der Wikinger, Slawen und Sachsen nebeneinander handelten, kämpften und lebten. Die Lutizen erinnern daran, dass der Norden nie nur einem Volk gehörte – und dass gerade diese Vielfalt seine Geschichte so reich macht.

Nachwirkung: von den Wilzen zur Mark Brandenburg

Nach dem inneren Zerfall verloren die Lutizen ihre Wehrkraft. Im 12. Jahrhundert drangen sächsische, dänische und askanische Fürsten in ihr Land, und mit dem Wendenkreuzzug 1147 begann die endgültige Eroberung. Albrecht der Bär gründete 1157 die Mark Brandenburg auf ehemals slawischem Boden; deutsche Siedler, Klöster und Städte überformten das Land. Doch der slawische Untergrund verschwand nie ganz: In tausenden Ortsnamen, in der Sprache der Sorben in der Lausitz und in archäologischen Funden lebt die Welt der Lutizen bis heute weiter.

So ist der Bund der Wilzen ein eindrückliches Beispiel dafür, dass „Deutschland" im Osten auf slawischem Fundament steht – eine Geschichte, die lange verdrängt wurde und erst die moderne Archäologie wieder ans Licht geholt hat.

„Einen König haben sie nicht; über alles entscheidet die Versammlung in einmütigem Rat."nach Thietmar von Merseburg, Chronik (gemeinfrei, eigene Übersetzung)
Was belegt ist: Der Lutizenbund aus vier Stämmen (Redarier, Circipanen, Kessiner, Tollenser) ohne Königsherrschaft; Karls Feldzug 789 gegen Dragovit; das Heiligtum Rethra/Riedegost mit dem Gott Zuarasici und dem Pferdeorakel (Thietmar von Merseburg, Adam von Bremen); der Aufstand von 983; das Bündnis mit Heinrich II.; der Bruderkrieg um 1057.
Was Deutung ist: Die genaue Lage Rethras ist bis heute unbekannt (Kandidaten u. a. am Tollensesee/Feldberg). Die berühmten „Prillwitzer Idole" sind Fälschungen des 18. Jahrhunderts und KEIN Beleg für Rethra. Zuarasici, Radegast und Svarožić werden oft gleichgesetzt, doch die Beziehung der Namen ist umstritten. Alle Schilderungen stammen von christlichen Gegnern.
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