Auf Rügen thronte über der Ostsee das mächtigste Heiligtum aller Slawen – die Tempelburg Arkona mit dem vierköpfigen Gott Svantevit, dessen Orakel selbst christliche Könige fürchteten.
Von allen Elbe- und Ostseeslawen waren die Ranen (auch Rujanen) die eigenwilligsten: ein Inselvolk auf Rügen, gefürchtete Seefahrer und Seeräuber – und Hüter des heiligsten Ortes der gesamten slawischen Welt. Ihre Macht ruhte nicht nur auf Schiffen und Schwertern, sondern auf einem Gott.
Die Ranen beherrschten Rügen und die vorgelagerte Küste. Wie die Wikinger lebten sie zu einem guten Teil von der See: vom Fischfang, vom Handel – und von Raubzügen gegen die dänischen Küsten und Inseln. Ihre Flotten machten sie zu einer Macht, mit der Dänen, Sachsen und Polen rechnen mussten. Während andere Slawenbünde längst christlich oder unterworfen waren, hielten die Ranen zäh an ihrer Eigenständigkeit und ihrem alten Glauben fest.
An der Nordspitze Rügens, auf den steil ins Meer abfallenden Kreidefelsen von Kap Arkona, lag ihre heilige Burg – die Jaromarsburg. Geschützt von Meer und einem gewaltigen Wall, barg sie den Tempel des Gottes Svantevit. Hierher strömten Pilger und Gaben aus allen slawischen Landen; der Tempelschatz war so reich, dass Arkona zugleich Heiligtum, Schatzkammer und Machtzentrum war. Der dänische Chronist Saxo Grammaticus hat den Ort und seinen Kult so genau beschrieben wie kaum ein anderes heidnisches Heiligtum des Nordens.
Svantevit war ein Gott mit vier Köpfen, die in alle Himmelsrichtungen blickten – ein Herr über Krieg und Ernte. In der einen Hand hielt sein hölzernes Standbild ein Trinkhorn, das der Priester jedes Jahr neu mit Wein füllte: War es am nächsten Fest geleert, drohte ein schlechtes Jahr; war es voll, versprach es reiche Ernte. Dem Gott gehörte ein weißes heiliges Pferd, auf dem niemand außer dem Priester reiten durfte. Vor jedem Feldzug führte man es über gekreuzte Speere: Setzte es zuerst den rechten Fuß, war das Vorzeichen gut. So war Svantevit zugleich Kriegsherr und Bauerngott – und sein Orakel band das ganze Volk an Arkona.
Arkonas Ruhm reichte weit über Rügen hinaus. Nach Saxo schickten selbst fremde, sogar christliche Herrscher Gaben an Svantevit, um sein Orakel günstig zu stimmen – so groß war die Furcht vor seiner Macht. Der Tempel besaß eigene Ländereien, ein stehendes Heer von 300 berittenen Kriegern und einen Anteil an aller Beute. Kein slawisches Heiligtum war reicher oder angesehener; nach dem Niedergang von Rethra war Arkona das letzte große Zentrum des slawischen Heidentums an der Ostsee.
Das Ende kam von See. 1168 landete der dänische König Waldemar I. mit seinem Heer und dem Bischof Absalon auf Rügen und belagerte Arkona. Als das hölzerne Bollwerk in Brand geriet, ergaben sich die Ranen. Absalon ließ den Tempel niederreißen und das riesige Svantevit-Standbild mit Seilen zu Fall bringen, zerhacken und verbrennen; der Tempelschatz fiel an die Dänen. Fürst Jaromar unterwarf sich, nahm den christlichen Glauben an und wurde dänischer Vasall. Mit Arkona fiel das letzte große Heiligtum der Ostseeslawen – ein Datum, das oft als Ende des slawischen Heidentums im Norden gilt.
Die Ranen verschwanden nicht sofort, aber ihre Eigenständigkeit war gebrochen. Über die folgenden Jahrhunderte wurde Rügen christlich und allmählich eingedeutscht; die slawische Sprache der Insel („Rugisch") starb spät im Mittelalter aus. Geblieben sind der Name der Insel, slawische Ortsnamen und der Ruf von Kap Arkona, wo heute noch die Wälle der alten Tempelburg über dem Meer liegen – ein stiller Zeuge jener Zeit, als hier der mächtigste Gott der Slawen thronte.
Die Macht der Ranen ruhte auf ihren Schiffen. Wie die Wikinger waren sie gefürchtete Seeräuber, die dänische Küsten und Inseln überfielen, Kirchen plünderten und Gefangene als Sklaven verkauften. Über Jahrzehnte zahlten dänische Gebiete den Ranen faktisch Tribut, um Ruhe zu haben. Diese Seemacht erklärt, warum ausgerechnet Dänemark – selbst eine Nachfahrin der Wikinger – schließlich die größte Anstrengung unternahm, Rügen zu unterwerfen: Es ging nicht nur um den Glauben, sondern um die Sicherheit der eigenen Küsten.
Arkona war reich. Saxo berichtet, dem Tempel sei ein Drittel aller Kriegsbeute zugefallen, dazu Abgaben aus allen slawischen Landen und Geschenke fremder Herrscher. Von diesem Reichtum unterhielt Svantevit ein eigenes stehendes Heer von 300 berittenen Kriegern, deren Beute vollständig dem Gott gehörte. Der Priester Svantevits galt als mächtiger als der Fürst – ein seltener Fall, in dem im mittelalterlichen Europa die geistliche die weltliche Macht überstrahlte. Damit war Arkona nicht nur Heiligtum, sondern der eigentliche Staat der Ranen.
Svantevit war der größte, aber nicht der einzige Gott der Ranen. In der Burg Charenza (Garz) verehrte man laut Saxo weitere vielköpfige Götter: Rugievit mit sieben Gesichtern, Porevit und Porenut. Diese Vielköpfigkeit – Gesichter in alle Richtungen – scheint ein Kennzeichen des westslawischen Götterbildes gewesen zu sein, wie es auch der Zbrucz-Fund und die Berichte über Rethra zeigen. Nach dem Fall Arkonas ließ Bischof Absalon auch diese Bilder zerstören.
Von der Tempelburg sind bis heute die gewaltigen Wälle an der Nordspitze Rügens erhalten. Ein Teil des einstigen Burgareals ist allerdings längst ins Meer gestürzt – die Kreidefelsen von Kap Arkona brechen bis heute ab. Der Archäologe Carl Schuchhardt grub den Platz 1921 aus und versuchte, Tempel und Wall zu rekonstruieren. So bleibt Arkona ein Ort, an dem Geschichte, Sage und Landschaft ineinandergreifen: der letzte große Götterberg der Ostseeslawen, hoch über dem Meer.
Mit dem Fall Arkonas endete nicht nur ein Kult, sondern eine ganze Epoche: Rügen war die letzte heidnische Bastion an der südlichen Ostsee. Was hier 1168 geschah, war für die Slawenwelt ähnlich einschneidend wie die Zerstörung der Donareiche für die Germanen – das gewaltsame Ende einer alten Ordnung. Umso wichtiger ist es, dieses Erbe ehrlich und würdig zu erinnern.
„Mit vier Hälsen und ebenso vielen Häuptern schien das Standbild aufzuragen, zwei Brüste zur Brust, zwei zum Rücken gewandt."nach Saxo Grammaticus, Gesta Danorum (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

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