Wikinger Blog / Folklore & Glaube
Aus dem Wissensarchiv

Germanische Opfer & Heiligtümer: Haine, Moore und die Frage der Menschenopfer

Folklore & Glaube Germanische Opfer & Heiligtümer: Haine, Moore und die Frage der Menschenopfer

Germanen und Nordleute opferten vor allem Tiere, Speisen, Trank und Kriegsbeute – in heiligen Hainen, an Quellen, in Seen und Mooren, später auch in Hallen und beim gemeinsamen Blót-Mahl. Menschenopfer werden in römischen und christlichen Schriftquellen beschrieben, lassen sich archäologisch aber nur in Einzelfällen wahrscheinlich machen. Wir gehen Fund für Fund und Quelle für Quelle durch: von Tacitus und dem Semnonenhain über Hjortspring, Nydam und Illerup Ådal bis zu den Moorleichen, Uppsala, Lejre und dem Opferfest in der Hákonar saga.

Stell dir einen Tag kurz nach dem Jahr 205 vor, irgendwo in Ostjütland. Am Ufer eines Sees liegen Hunderte Schwerter, Lanzen, Schilde, Gürtel und Pferdegeschirre. Männer zerbrechen die Klingen, verbiegen die Speerspitzen, hacken Schildbretter in Stücke. Dann fliegt alles ins Wasser. Niemand soll diese Waffen je wieder tragen.

So ähnlich muss es in Illerup Ådal ausgesehen haben, und solche Szenen sind der Grund, warum wir über germanische Opfer heute mehr wissen als über fast jeden anderen Teil dieser Religion. Die Moore haben aufbewahrt, was man ihnen gab. Wir trennen dabei sauber zwischen Fund, zeitgenössischem Bericht, später Überlieferung und moderner Deutung – beim Thema Menschenopfer ist das die einzige ehrliche Art, darüber zu reden.

Was „opfern“ bei Germanen und Nordleuten bedeutete

Das altnordische Wort für Opfer und Opferfest ist blót, das Verb dazu blóta – „opfern“, aber auch „verehren“. Mit „Blut“ ist es entgegen einer verbreiteten Annahme sprachlich wohl nicht verwandt; die Verbindung zu gotisch blotan („verehren“) gilt als sicherer. Das Opferblut hatte einen eigenen Namen: hlaut.

Hinter dem Opfer steckt eine einfache, sehr menschliche Logik: Gabe verlangt Gegengabe. In den Hávamál, der Spruchdichtung der Edda, steht dazu ein Vers, der wie eine Warnung an zu eifrige Opferer klingt. Sinngemäß (eigene Übertragung):

Besser nicht gebeten, als zu viel geopfert – eine Gabe schaut immer nach Vergeltung.Hávamál 145, eigene Übertragung

Man gab also nicht aus reiner Frömmigkeit, sondern im Rahmen einer Beziehung: Sieg, gute Ernte, Frieden, Gesundheit gegen Fleisch, Bier, Waffen, Schmuck. Wer sich das Verhältnis zwischen Menschen und Göttern als Gefolgschaft oder Gastfreundschaft vorstellt, liegt näher an den Quellen als mit Bildern von Altären und Priesterkasten. Mehr zu den Orten, an denen das stattfand, findest du in unserem Beitrag über Hörgr, Hof und Kulthalle.

Heilige Haine: Was Tacitus wirklich schreibt

Die älteste ausführliche Schriftquelle ist die Germania des römischen Historikers Tacitus aus dem Jahr 98 n. Chr. Tacitus war nie selbst in Germanien und schöpfte aus älteren Werken und Berichten; seine „Germanen“ sind auch ein moralischer Spiegel für Rom.

In Kapitel 9 heißt es, die Germanen hielten es nicht für angemessen, ihre Götter in Wände einzuschließen oder in menschlicher Gestalt abzubilden. Stattdessen weihten sie Wälder und Haine und gäben jenem Verborgenen, das sie nur in Ehrfurcht schauten, Götternamen. Im selben Kapitel steht der Satz, der bis heute die Debatte bestimmt: Dem höchsten Gott, den Tacitus mit dem römischen Merkur gleichsetzt – gemeint ist wohl Wodan –, dürfe man an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darbringen; Herkules und Mars (vermutlich Donar und Ziu) besänftige man mit Tieren. Mehr dazu bei Wodan, Donar und Ziu.

Kapitel 39 beschreibt den berühmten Hain der Semnonen: Zu festgesetzter Zeit kämen Gesandtschaften aller verwandten Stämme in einem uralten, durch Vorzeichen geheiligten Wald zusammen und „feierten nach Tötung eines Menschen von Staats wegen“ die schaurigen Anfänge ihres Ritus. Niemand betrete den Hain anders als gefesselt, zum Zeichen seiner Unterlegenheit vor der Gottheit. Die ganze Geschichte erzählen wir im Beitrag über den Semnonenhain.

Kapitel 40 schließlich erzählt von Nerthus, deren Wagen in einem Hain auf einer Insel steht. Nach dem Umzug werden Wagen, Tücher und die Göttin selbst in einem verborgenen See gewaschen – und die Sklaven, die dabei dienen, verschlingt sofort derselbe See.

Kriegsbeute für die Götter: römische Berichte

Neben der Germania gibt es Stellen, die direkt zu den Moorfunden passen. In den Annalen (13,57) schildert Tacitus einen Krieg zwischen Hermunduren und Chatten im Jahr 58 n. Chr. um einen salzreichen Grenzfluss. Beide Seiten hätten das gegnerische Heer im Voraus Mars und Merkur geweiht; die siegreichen Hermunduren hätten daraufhin Pferde, Männer und alles Besiegte der Vernichtung preisgegeben. Die Beute wurde also nicht verteilt, sondern den Göttern übergeben.

In Annalen 1,61 beschreibt Tacitus, was die Römer sechs Jahre nach der Varusschlacht im Teutoburger Wald fanden: Knochen, Waffenreste, an Baumstämme geheftete Schädel und in den benachbarten Hainen „barbarische Altäre“, an denen Tribunen und Zenturionen der ersten Ränge geschlachtet worden seien. Ähnliches berichtet der spätantike Geschichtsschreiber Orosius über die Kimbern nach ihrem Sieg bei Arausio 105 v. Chr.: Sie hätten Gold und Silber in den Fluss geworfen, Rüstungen zerhauen, Pferde ertränkt und Gefangene an Bäumen aufgehängt. Orosius schrieb allerdings erst im 5. Jahrhundert, mit deutlichem christlich-moralischem Interesse.

Für die Beute bestätigt die Archäologie diese Berichte. Für getötete Gefangene fehlt der Beleg in den großen Waffenmooren meist.

Hjortspring: das älteste Waffenopfer des Nordens

1921/22 wurde im Hjortspring-Moor auf der dänischen Insel Als ein Boot ausgegraben, das heute im Nationalmuseum in Kopenhagen steht. Es ist rund 19 Meter lang, aus Lindenholz gebaut, genäht statt genagelt, und bot Platz für mindestens 20 Paddler. Datiert wird es in die vorrömische Eisenzeit, meist um 350 v. Chr.; die Radiokarbondaten streuen über das 4. und 3. Jahrhundert v. Chr.

Im und am Boot lagen die Waffen einer kleinen Armee: nach der gängigen Zählung 131 hölzerne Schilde, 138 eiserne Lanzenspitzen, 31 Spitzen aus Knochen oder Geweih, 11 einschneidige Eisenschwerter, von denen zwei absichtlich verbogen waren, dazu Reste mehrerer Kettenhemden. Unter dem Boot fanden sich ein zerteiltes Pferd, ein Lamm, ein Kalb und zwei Hunde.

Die übliche Deutung: Ein Angreiferheer von See her wurde geschlagen, und die Sieger opferten Schiff und Ausrüstung. Das passt gut zu Tacitus’ Hermunduren-Bericht. Woher die Angreifer kamen, ist bis heute offen.

Thorsberg und Nydam: Moore als Schatzkammern

Dass wir diese Fundgattung überhaupt kennen, verdanken wir zu einem guten Teil dem dänischen Archäologen Conrad Engelhardt. Er grub zwischen 1858 und 1863 im Thorsberger Moor bei Süderbrarup in Angeln und im Nydam-Moor im Sundeved. Die Thorsberg-Funde und das große Nydam-Boot liegen heute auf Schloss Gottorf in Schleswig.

Thorsberg ist berühmt für etwas, das fast nie überdauert: Kleidung. Eine vollständige Hose mit angesetzten Füßlingen, ein Kittel, Mäntel – dazu Waffen, römische Zierscheiben und Reste von Helmen mit Gesichtsmaske. Die Deponierungen reichen über mehrere Jahrhunderte der römischen Kaiserzeit; der Schwerpunkt liegt im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr.

In Nydam lagen gleich mehrere Boote, das bekannteste aus Eiche, gut 23 Meter lang und dendrochronologisch, also über die Jahresringe des Holzes, auf die Zeit um 310–320 n. Chr. datiert. Dazu kamen Reste weiterer Boote, darunter eines aus Kiefernholz, die zerhackt geopfert wurden.

Die Gegenstände wurden oft systematisch unbrauchbar gemacht. Schwerter verbogen, Schildbuckel durchschlagen, Lanzen abgebrochen. Ob das die Waffen „töten“ sollte, ob es Beutegut den Menschen endgültig entziehen sollte oder beides, wissen wir nicht. Klar ist nur: Hier wurde nicht verloren oder versteckt, hier wurde gegeben. Einen Überblick über solche Fundplätze bietet unser Artikel Das geopferte Heer im Moor.

Illerup Ådal: ein ganzes Heer im See

Den größten Fund dieser Art machte man 1950 bei Entwässerungsarbeiten im Tal der Illerup Å bei Skanderborg. In zwei Grabungskampagnen, 1950–1956 und 1975–1985, bargen Archäologen rund 15.000 Gegenstände. Und das ist nach Schätzung der Ausgräber weniger als die Hälfte: Der Großteil liegt noch im Boden.

Die Hauptopferung lässt sich ungewöhnlich genau datieren: Jahrringe in Schildbrettern und die jüngsten römischen Münzen weisen auf die Zeit kurz nach 205 n. Chr. Die Ausrüstung reicht für ein Heer von über tausend Mann – mit erkennbaren Rängen: Hunderte einfache Krieger mit eisernen Schildbuckeln, eine kleinere Gruppe mit Bronzebeschlägen, wenige Anführer mit Silber und Gold. Rund 200 Schwerter stammen größtenteils aus römischen Werkstätten. Auch Pferde wurden mitgeopfert.

Woher das unterlegene Heer kam, ist umstritten. Kämme aus Rentier- und Elchgeweih deuten auf den skandinavischen Norden, häufig werden Norwegen oder Westschweden genannt. Mehr im Beitrag über Illerup Ådal.

Moorleichen: Tollund, Grauballe, Windeby – Opfer oder nicht?

Hier ist Vorsicht am wichtigsten. Aus den Mooren Nordwesteuropas sind Hunderte menschliche Körper und Skelette bekannt, von der Steinzeit bis in die Neuzeit. Nur ein Teil davon stammt aus der Eisenzeit, und nur ein Teil davon zeigt Spuren von Gewalt.

Der Tollund-Mann wurde am 6. Mai 1950 im Bjældskovdal bei Silkeborg gefunden. Nach neuer Radiokarbondatierung starb er zwischen 405 und 380 v. Chr. Um seinen Hals lag noch der geflochtene Lederstrick, mit dem er sehr wahrscheinlich gehängt wurde. Sein Gesicht wirkt so friedlich, dass die Finder zunächst an das Opfer eines jüngeren Verbrechens dachten. Seine letzte Mahlzeit war ein Brei aus Gerste, Lein und Wildkräutern, dazu nach neueren Analysen etwas Fisch.

Der Grauballe-Mann kam 1952 bei Silkeborg zutage und liegt heute im Moesgaard Museum bei Aarhus. Ihm wurde die Kehle von Ohr zu Ohr durchtrennt, bevor man ihn nackt ins Moor legte. Das Museum datiert seinen Tod in die frühe Eisenzeit und hält ein Opfer für die wahrscheinlichste Erklärung – nennt aber ausdrücklich auch andere Möglichkeiten.

Das „Mädchen von Windeby“, 1952 im Domslandmoor bei Eckernförde gefunden und auf die Zeit zwischen etwa 40 v. Chr. und 120 n. Chr. datiert, ist das Lehrstück schlechthin. Jahrzehntelang galt es als Ehebrecherin, die mit verbundenen Augen und halb geschorenem Kopf ertränkt worden sei – ganz nach Tacitus, der in Germania 19 von der Bestrafung untreuer Frauen erzählt. Neuere Untersuchungen der Anthropologin Heather Gill-Robinson kamen zu einem ganz anderen Bild: wahrscheinlich ein Junge von etwa 14 Jahren, die „Augenbinde“ eher ein verrutschtes Haarband, die „Schur“ eine Folge der Bergung, keine klaren Gewaltspuren, dafür Hinweise auf Krankheit, vor allem eine schwere Kieferentzündung. Aus dem berühmtesten „Opfer“ wurde ein Mensch mit ungeklärtem Tod.

Mythos-Check: „Die Moorleichen sind Menschenopfer an Nerthus.“ Diese Deutung machte der dänische Archäologe P. V. Glob in seinem Buch über die Moorleichen (1965) populär. Sie ist möglich, aber nicht bewiesen. Tacitus selbst nennt in Germania 12 auch Hinrichtungen im Moor: Feiglinge und „Schändliche“ würden unter Flechtwerk im Sumpf versenkt. Hinrichtung, Opfer, Unfall, Mord – oft lässt sich das am Körper allein nicht unterscheiden. Und in vorchristlicher Zeit muss die Grenze zwischen Strafe und Opfer nicht scharf gewesen sein.

Was die Opferthese stützt: Viele eisenzeitliche Moorleichen wurden mit auffälligem Aufwand getötet (Strick, Kehlschnitt, manchmal mehrfach), an Orten niedergelegt, an denen auch Gefäße, Tiere und Gegenstände geopfert wurden, und nicht wie gewöhnliche Tote verbrannt. Was dagegen spricht: Die Fälle sind über Jahrhunderte verstreut, kein einheitlicher Ritus ist erkennbar, und gedeutet wurde lange von Tacitus her statt vom Befund. Mehr Fundplätze in Opfermoore und Moorfunde.

Tierknochen und Pferdeopfer

Das Rückgrat des germanischen Opfers waren Tiere.

Im Opfermoor zwischen Oberdorla und Niederdorla in Thüringen, heute „Opfermoor Vogtei“, wurde über viele Jahrhunderte geopfert – Keramik, Holzfiguren, aber auch Rinder, Pferde, Schafe, Ziegen und Hunde, häufig nur Schädel und Fußknochen. Dieses Muster, Kopf und Hufe mit der Haut, deutet die Forschung oft so: Das Fleisch wurde gemeinsam gegessen, Kopf und Haut gingen an die Gottheit. Mehr dazu in unserem Artikel über das Opfermoor von Oberdorla.

Auf Island grub man in Hofstaðir am Mývatn eine wikingerzeitliche Halle von 38 Metern Länge aus. Dort fanden sich die Schädel von mindestens 23 Rindern. Die Archäologen Gavin Lucas und Thomas McGovern zeigten 2007, dass die Tiere rituell enthauptet wurden – eine blutige, öffentliche Tötung, wohl bei wiederkehrenden Festen – und dass die Köpfe danach ausgestellt wurden. Das passt verblüffend zu den Opferfesten der Sagas.

Unter der Kirche von Frösön in Jämtland fand man 1984 den Stumpf einer Birke, umgeben von Tierknochen, vor allem von Braunbär und Schwein, radiokarbondatiert in die späte Wikingerzeit. Hier stand offenbar ein Opferbaum, über dem später die Kirche errichtet wurde.

Das Pferd nimmt eine Sonderstellung ein. Tacitus berichtet in Germania 10 von weißen Pferden, die in Hainen gehalten und als Orakel befragt wurden. Das Essen von Pferdefleisch galt den christlichen Missionaren später geradezu als Erkennungszeichen des Heidentums. Mehr in Heilige Pferde und heimliche Kulte.

Adam von Bremen und Uppsala: der berühmteste Opferbericht

Um 1075 schrieb der Bremer Domherr Adam seine Geschichte der Hamburger Erzbischöfe. Im vierten Buch beschreibt er den Tempel von Uppsala: ganz aus Gold geschmückt, mit den Bildern dreier Götter – Thor in der Mitte, daneben Wodan und Fricco, womit wohl Freyr gemeint ist. Neben dem Tempel stehe ein riesiger, immergrüner Baum, dazu eine Quelle.

Alle neun Jahre feierten alle Landschaften Schwedens ein gemeinsames Fest. Von jeder männlichen Lebensart würden neun Stück geopfert, ihre Leiber in dem Hain beim Tempel aufgehängt. Dort hingen Hunde und Pferde neben Menschen; ein Christ habe ihm erzählt, er habe 72 solcher Körper nebeneinander gesehen. Eine Randnotiz (Scholion) ergänzt, das Fest dauere neun Tage, an jedem Tag werde ein Mensch mit anderen Tieren geopfert, und es finde um die Frühjahrs-Tagundnachtgleiche statt. Ein weiteres Scholion erzählt, man versenke in der Quelle einen lebenden Menschen; tauche er nicht wieder auf, werde der Wunsch des Volkes erfüllt.

Klingt eindeutig. Ist es aber nicht. Adam war nie in Uppsala. Er stützte sich auf Gewährsleute, darunter den dänischen König Sven Estridsen, und er wollte die Mission seines Erzbistums im Norden als dringend darstellen. Die Zahl Neun durchzieht seinen Bericht so auffällig, dass mancher Forscher an literarische Stilisierung denkt; andere verweisen gerade darauf, dass die Neun auch in nordischen Quellen eine heilige Zahl ist.

Die Archäologie in Gamla Uppsala zeigt einen Zentralort mit Königshügeln und Hallen, aber bislang keinen Tempel, der Adams Beschreibung eindeutig entspricht, und keinen Opferhain mit Menschenknochen. Das heißt nicht, dass Adam lügt; es heißt, dass wir seine Details nicht prüfen können. Den Ort selbst stellen wir in Alt-Uppsala – Tempel und Königshügel vor, den Chronisten in Adam von Bremen. Zu den Götterbildern, die er beschreibt, passt unser Beitrag über germanische Götterbilder.

Thietmar von Merseburg und Lejre: 99 Menschen?

Noch früher, um 1012–1018, schrieb Bischof Thietmar von Merseburg seine Chronik. Im ersten Buch erzählt er vom Zug König Heinrichs I. gegen die Dänen 934 und schiebt eine Nachricht über Lejre auf Seeland ein, das „Haupt“ des dänischen Reiches. Dort seien alle neun Jahre im Januar, nach dem Fest der Erscheinung des Herrn, alle zusammengekommen und hätten ihren Göttern 99 Menschen und ebenso viele Pferde geopfert, dazu Hunde und Hähne, letztere anstelle von Habichten.

Thietmar war nicht dabei, er gibt Gehörtes wieder. Er schreibt fast ein Jahrhundert nach den Ereignissen, und wieder taucht die Neun auf, diesmal als 99. In Lejre wurden große Hallen eines Herrschersitzes ausgegraben, aber keine Spuren eines Massenopfers in dieser Größenordnung.

Ganz aus der Luft gegriffen sind Menschenopfer in Dänemark aber nicht. Das Dänische Nationalmuseum verweist auf Befunde aus Westseeland: Bei Trelleborg, bevor dort um 980/81 die Ringburg gebaut wurde, lagen in fünf rund drei Meter tiefen Brunnen menschliche und tierische Skelette, Schmuck und Werkzeuge; vier der fünf Menschen waren Kinder zwischen vier und sieben Jahren. Auch Skelette aus Brunnen beim Herrenhof von Tissø werden in diese Richtung diskutiert. Der Unterschied zu Thietmar ist bezeichnend: Der Boden zeigt einzelne, seltene, schwer deutbare Tötungen – nicht 99 Menschen im Neunjahrestakt.

Ibn Fadlan: ein Augenzeuge an der Wolga

Der einzige Augenzeugenbericht stammt von einem muslimischen Gesandten: Ahmad ibn Fadlan reiste 921/922 im Auftrag des Kalifen von Bagdad zu den Wolgabulgaren und traf dort auf Händler, die er Rus nennt – nach heutiger Mehrheitsmeinung Leute skandinavischer Herkunft.

Er beschreibt, wie ein Händler nach der Ankunft Brot, Fleisch, Zwiebeln, Milch und ein berauschendes Getränk zu einem hohen, aufgerichteten Holzpfahl mit menschenähnlichem Gesicht bringt, um den kleinere Figuren stehen. Er wirft sich nieder und bittet um gute Geschäfte. Laufen die Geschäfte gut, schlachtet er Schafe oder Rinder, verteilt einen Teil des Fleisches und hängt die Köpfe an die Pfähle. Opfer als Handelsvertrag, ganz ohne Priester.

Bei der Bestattung eines Anführers schildert Ibn Fadlan dann die Tötung einer Sklavin, die „mit ihm gehen“ wollte, dazu einen in zwei Teile geschnittenen Hund, zwei Pferde, zwei Kühe, einen Hahn und eine Henne. Ibn Fadlan war auf Dolmetscher angewiesen, hatte aber kein Interesse, das Heidentum für eine Missionsschrift zu überzeichnen. Seine Schilderung lohnt das genaue Lesen: Ibn Fadlan bei den Rus an der Wolga.

Das Blót-Mahl in der Hákonar saga

Das anschaulichste Bild eines nordischen Opferfests stammt aus dem 13. Jahrhundert: aus der Saga von Hákon dem Guten in Snorri Sturlusons Heimskringla (Kap. 14 in der isländischen Standardausgabe, bei Laing 1844 Kap. 16). Snorri beschreibt, wie es Brauch gewesen sei, dass bei einem Opfer alle Bauern zum Tempelort kamen und Vorräte mitbrachten, die sie während des Festes brauchten. Geschlachtet wurde Vieh aller Art, auch Pferde. Das Blut hieß hlaut, die Gefäße dafür hlautbollar, und mit hlautteinar, wie Weihwedel geformten Zweigen, besprengte man Altäre, Wände und Menschen. Das Fleisch wurde in Kesseln über Feuern mitten in der Halle gekocht.

Dann folgten die Trinksprüche: zuerst Odins Becher für Sieg und Macht des Königs, dann die Becher für Njörd und Freyr til árs ok friðar – „für ein gutes Jahr und Frieden“. Viele tranken danach den bragafull, den Becher des Häuptlings, und schließlich auf die verstorbenen Verwandten, das minni. Mehr zu diesen Göttern bei Freyr und den Wanen.

König Hákon war Christ, wollte aber die mächtigen Bauern von Trøndelag nicht verlieren. Beim Fest in Lade schlägt er über dem Becher das Kreuzzeichen; sein Jarl Sigurd rettet die Lage mit der Erklärung, der König mache das Hammerzeichen Thors. Später, bei Mære, muss Hákon ein paar Bissen Pferdeleber essen und die Becher leeren – ein Christ, der zum heidnischen Opfermahl gezwungen wird.

Mythos-Check: „So lief ein Blót in der Wikingerzeit ab.“ Vielleicht in Teilen. Snorri schrieb rund 250 Jahre nach den Ereignissen, als gelehrter Christ, und ordnete altes Wissen nach eigenem Verständnis. Seine Beschreibung ist plausibel und passt zu Befunden wie Hofstaðir mit Rinderschlachtung und Festhalle. Sie ist aber keine Augenzeugenreportage.

Was wir wissen – und was Deutung bleibt

So arbeiten wir auch bei unseren Gravurmotiven: lieber schlicht und gesichert als spektakulär und erfunden.

Archäologisch belegt: Waffen- und Heeresopfer in Mooren und Seen (Hjortspring, Thorsberg, Nydam, Illerup Ådal), Tieropfer mit Kopf-und-Huf-Deponierungen (z. B. Oberdorla), rituelle Rinderschlachtung in Hallen (Hofstaðir), Opferbäume (Frösön), Holzfiguren in Mooren. Gewaltsam getötete Menschen in Mooren und Brunnen gibt es, ihre Deutung als Opfer ist aber im Einzelfall wahrscheinlich, nicht sicher.

Zeitgenössische Außensicht: Tacitus (1. Jh.) und Ibn Fadlan (10. Jh.) beschreiben Opfer aus erster oder zweiter Hand, jeweils mit eigener Perspektive. Christliche Chronisten: Thietmar und Adam (11. Jh.) liefern die drastischsten Zahlen – vom Hörensagen. Spätere Überlieferung: Snorri und die Sagas (13. Jh.) liefern das lebendigste Bild, aber aus großem Abstand. Moderne Deutung: dass die Moorleichen Nerthus-Opfer waren, dass Waffen „getötet“ wurden, dass Uppsala ein überregionales Zentrum mit Menschenopfern war – all das sind Hypothesen, manche gut begründet, keine bewiesen.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: germanische Motive & Runen auf Naturschiefer, lasergraviert. Im Shop →

Häufige Fragen

Haben die Germanen Menschen geopfert? Römische und christliche Schriftquellen berichten davon, und einzelne archäologische Befunde wie Moorleichen mit Gewaltspuren oder Kinderskelette in Brunnen bei Trelleborg machen es wahrscheinlich, dass es vorkam. Ein regelmäßiges Massenopfer, wie Adam von Bremen oder Thietmar es schildern, ist archäologisch nicht nachgewiesen.

Was ist ein Blót? Blót ist das altnordische Wort für Opfer und Opferfest. Nach der Hákonar saga wurden Tiere geschlachtet, ihr Blut auf Altar und Teilnehmer gesprengt, das Fleisch gemeinsam gegessen und Becher auf Götter und Ahnen getrunken.

Waren Moorleichen wie der Tollund-Mann Opfer? Möglich, aber nicht sicher. Der Tollund-Mann wurde gehängt, der Grauballe-Mann mit durchschnittener Kehle ins Moor gelegt – das kann Opfer oder Hinrichtung sein. Das Beispiel Windeby zeigt, wie schnell solche Deutungen kippen können.

Warum wurden Waffen in Mooren versenkt? Nach heutiger Deutung opferten Sieger die Ausrüstung besiegter Heere den Göttern, oft nach absichtlicher Zerstörung. Tacitus beschreibt einen solchen Brauch für die Hermunduren im Jahr 58 n. Chr.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Weiterlesen bei uns

Die germanische Religion · Der Hain der Semnonen · Die Moor-Heeresopfer · Nerthus – die Erdgöttin · Die Naharvalen.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Feste & Glaube

Alle Feste & Glaube-Artikel →

Germanische Priester & Seherinnen

Weiterlesen →

Die germanische Religion: Götter im heiligen Hain

Weiterlesen →

Grýla & die Jólasveinar – Islands Weihnachtstrolle

Während anderswo ein rundlicher Mann mit Rentierschlitten anrückt, kommen in Island dreizehn Trolljungen vom Berg …

Weiterlesen →

Wie feiern Heiden heute? Blót und Sumbel erklärt

Ein Feuer in freier Natur, ein Trinkhorn, das reihum wandert, ein paar Worte an Götter und Ahnen, und am Ende ein …

Weiterlesen →