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Miklagard und die Warägergarde – Wikinger im Dienst von Byzanz

Geschichte Miklagard und die Warägergarde – Wikinger im Dienst von Byzanz

Für einen Bauern aus Uppland war „die große Stadt" so unvorstellbar wie für uns ein anderer Planet. Konstantinopel hatte Mauern, die kein Feuer nahm, Kuppeln aus Gold und mehr Menschen, als der ganze Norden Bewohner zählte. Die Nordmänner nannten sie Miklagarð – und einige von ihnen zogen aus, um dort zu dienen, zu handeln und, wenn nötig, für den Kaiser zu sterben. Das ist die Geschichte der Warägergarde: der weiteste Weg, den ein Wikinger gehen konnte.

Die große Stadt am Ende der Ostwege

Während die Nordmänner im Westen Klöster plünderten und in Island Bauernhöfe gründeten, zog es andere nach Osten. Über die Flüsse der Rus – Wolchow, Dnjepr und ihre Nebenwege – führte eine lange Kette von Handelsplätzen, Portagen und Stromschnellen bis ans Schwarze Meer. An dessen Südufer lag das Ziel: Konstantinopel, das Herz des Byzantinischen Reiches, in nordischen Quellen schlicht Miklagarð, „die große Stadt". Der Name war keine Übertreibung. Die Stadt war reicher, größer und älter als alles, was ein Skandinavier kannte, und ihr Kaiser saß auf einem Thron, dessen Tradition bis in die römische Antike zurückreichte.

Dass die Nordmänner den Weg dorthin so genau kannten, ist selbst überliefert. In seinem Werk über die Reichsverwaltung notierte Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos im 10. Jahrhundert die Namen der Dnjepr-Stromschnellen – und zwar sowohl auf Slawisch als auch in einer klar nordischen Form. Für die Gefahrenstellen, an denen man die Boote aus dem Wasser tragen und über Land schleppen musste, hatten die Rus eigene Bezeichnungen. Wer solche Namen prägt, ist die Strecke oft genug gefahren.

Vom Plünderer zum Vertragspartner

Der erste Kontakt war alles andere als freundlich. Im Jahr 860 erschien überraschend eine Rus-Flotte vor der Stadt und verwüstete die Vororte am Bosporus. Der Patriarch Photios hielt zwei erschütterte Predigten über das „Volk aus dem Norden", das aus dem Nichts gekommen sei. Doch der eigentliche Sinn dieser Züge war meist nicht die Eroberung – die Mauern Konstantinopels galten zu Recht als uneinnehmbar –, sondern der Handelsvertrag. Man kam mit der Flotte, um Zölle, Quartiere und Rechte zu erzwingen.

Genau das gelang. Nach den Zügen des 10. Jahrhunderts erhielten die Rus zollfreien Handel, feste Tributzahlungen je Boot und ein eigenes Kaufmannsquartier beim Kloster St. Mamas vor der Stadt. Ein zweiter Vorstoß im Jahr 941 endete für die Angreifer katastrophal: Die byzantinische Flotte verbrannte die Boote mit dem berüchtigten „Griechischen Feuer", jener geheimen Brandwaffe, die auf dem Wasser weiterbrannte. Der Bischof Liutprand von Cremona, dessen Stiefvater als Gesandter in der Stadt gewesen war, hat den Schrecken dieser Waffe festgehalten. Doch auch dieser Rückschlag führte am Ende zu einem neuen Vertrag. Aus dem Wechselspiel von Waffengang und Verhandlung wuchs eine dauerhafte Beziehung – und aus ihr die berühmteste nordische Truppe des Mittelalters.

Die Warägergarde – die Leibwache des Kaisers

Waräger nannte man im Osten die Nordmänner, die als Söldner und Händler kamen. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts stellte der byzantinische Kaiser aus ihnen eine eigene Einheit auf: die Warägergarde, seine persönliche Leibwache. Der Vorteil lag auf der Hand. Diese Männer waren Fremde ohne Verwandtschaft und ohne Interesse an den ewigen Palastintrigen der Hauptstadt. Sie waren dem Kaiser verpflichtet, nicht einer byzantinischen Adelsfamilie. Wer die Person schützen soll, die alle stürzen wollen, ist am sichersten, wenn er selbst niemandem sonst etwas schuldet.

Der Dienst war hart, aber golden. Die Gardisten kämpften nicht nur in der Hauptstadt, sondern zogen mit den Heeren nach Sizilien, Bulgarien und in den Nahen Osten. Sie waren gefürchtet für ihre langen Streitäxte, weshalb byzantinische Quellen sie auch die „axttragenden Barbaren" nennen. Bezahlt wurde in Gold, und es gab Vorrechte, von denen ein Bauer daheim nur träumen konnte. So wurde die weiteste Fahrt, die ein Nordmann antreten konnte, zugleich die einträglichste – wenn man sie überlebte.

Harald Hardrada – ein Leben als ganze Epoche

Kein Name ist mit dieser Welt enger verknüpft als der Haralds Sigurdssons, genannt Harðráði, „der Harte im Rat". Als Fünfzehnjähriger kämpfte er 1030 in der Schlacht von Stiklestad an der Seite seines Halbbruders Olaf – und floh nach der Niederlage. Über die Kiewer Rus, an den Hof des Fürsten Jaroslaw des Weisen, gelangte er nach Konstantinopel und machte dort in der Warägergarde Karriere. Er kämpfte in Sizilien, in Bulgarien und im östlichen Mittelmeer, und er kehrte mit erbeutetem Reichtum in den Norden zurück, um König von Norwegen zu werden.

Bemerkenswert ist, dass Harald sogar in einer byzantinischen Quelle auftaucht. Das Strategikon des Kekaumenos, ein Ratgeber aus dem 11. Jahrhundert, erwähnt einen „Araltes" im Kaiserdienst – also Harald selbst, gesehen mit den Augen der Byzantiner. Für einen nordischen Krieger ist das eine Seltenheit: Er ist nicht nur durch die Sagas seiner Heimat bezeugt, sondern auch durch die Feder derer, denen er gedient hat. Sein Ende gehört zu den berühmtesten der Wikingerzeit. 1066 erhob er Anspruch auf den englischen Thron, siegte bei Fulford, fiel aber fünf Tage später, am 25. September, bei Stamford Bridge. Drei Wochen darauf unterlag der englische König den Normannen bei Hastings. Für viele Historiker endet mit Haralds Tod die Wikingerzeit.

Vier Winter hatte ich Kummer verhehlt; oft musste ich einsehen, wie klein die Welt für den Fürsten wird. Doch die Maid im Goldschmuck ließ mich nicht in Grikkland verweilen.Nach Snorri Sturluson, Heimskringla, Haralds saga Sigurðarsonar (Übers. gemeinfrei)

Die Steine daheim – Greklandsstenarna

Nicht alle kehrten mit Gold zurück. Viele kehrten gar nicht zurück. Davon erzählen die stillsten Zeugen dieser Geschichte: rund dreißig Runensteine in Schweden, die man Greklandsstenarna nennt, die „Griechenland-Steine". Sie stehen vor allem in Uppland und Södermanland und wurden bis etwa 1100 errichtet. Ihre Inschriften erinnern an Männer, die nach Grikkland zogen – ins Byzantinische Reich – und dort blieben. Die Ritzer verwenden feste Begriffe, die sich immer wiederholen: Grikkland für „Griechenland", Grikkjar für „die Griechen", und für einen, der die Reise gemacht hat, das Wort grikkfari, „Griechenlandfahrer".

Ein besonders eindrucksvoller Findling steht in Ed nördlich von Stockholm. Er wurde im Auftrag eines Mannes namens Ragnvaldr gesetzt, der selbst in Griechenland gewesen war – und zwar nicht als einfacher Soldat, sondern, wie die Inschrift sagt, als „Anführer der Schar". Hier hat ein heimgekehrter Gardeoffizier seinen eigenen Rang in Stein festhalten lassen, ehe die Zeit ihn vergessen konnte. Diese Steine sind Primärquellen im wörtlichsten Sinn: kein Chronist steht zwischen uns und dem, was da geschrieben wurde. Der Wunsch, einen Namen und eine Fahrt für die Nachwelt zu bewahren, ist derselbe, der uns bis heute Dinge in Stein und Holz gravieren lässt.

Halfdans Runen in der Hagia Sophia

Der berührendste Beleg für die nordische Präsenz in Miklagard aber steht nicht in Schweden, sondern in der Stadt selbst. Auf einer Marmorbrüstung der oberen Galerie der Hagia Sophia, der größten Kirche der Christenheit, hat jemand seinen Namen in Runen geritzt. Viel ist nicht mehr lesbar, doch ein Wort ist sicher: „Halfdan". Vermutlich stand hier ein gelangweilter Gardist während eines endlosen Gottesdienstes und tat, was Menschen seit jeher tun, wenn sie irgendwo waren – er hielt fest, dass er da gewesen war. Es ist das nordische „Halfdan war hier", eingegraben in den Marmor eines Weltwunders.

Dass die nordische Verbindung nach Byzanz lange hielt, zeigt eine letzte Zahl: Noch 1195 bat Kaiser Alexios Angelos die Könige von Dänemark, Norwegen und Schweden, ihm je tausend Krieger zu schicken. Da war die eigentliche Wikingerzeit längst vorbei – doch die Erinnerung an den Sold in der großen Stadt lebte fort. Von den Vororten, die 860 in Flammen standen, bis zum Marmor der Hagia Sophia spannt sich der ganze Bogen der nordischen Welt: Räuber, Händler, Söldner, Gardisten – und ein Name im Stein, damit ihn niemand vergisst.

Was gesichert ist

Die Warägergarde als nordisch geprägte Leibwache des byzantinischen Kaisers ist durch byzantinische Quellen gut belegt. Die rund dreißig Griechenland-Runensteine (mit Rundata-Signaturen wie U 112 aus Ed) sind erhaltene Primärquellen und nennen ausdrücklich Grikkland, Grikkjar und grikkfari. Die Runen-Graffiti in der Hagia Sophia, darunter der Name Halfdan, existieren nachweislich. Harald Hardradas Dienst in Byzanz ist sowohl durch Snorris Heimskringla als auch durch das byzantinische Strategikon des Kekaumenos („Araltes") bezeugt.

Mythos-Check

Die Erzählung, Oleg habe 907 seine Boote auf Räder gesetzt und über Land vor die Mauern gerollt und dann seinen Schild ans Tor genagelt, stammt aus der Russischen Primärchronik und trägt legendarische Züge – sie ist ein wirkungsvolles Bild, kein Protokoll. Auch die berühmte Sterbe-Strophe Haralds vor Stamford Bridge ist von Snorri zwei Jahrhunderte später geformt. Und obwohl die Waräger anfangs überwiegend Nordmänner waren, wandelte sich die Truppe im Lauf der Zeit: Nach 1066 traten zunehmend Angelsachsen ein, die vor den Normannen geflohen waren.

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